Wolf-Dieter Pencik
Wolf-Dieter Pencik
Wolf-Dieter Pencik

Noch tobte der Krieg an den aufgebrochenen Fronten als Clara Pencik mit ihren drei Söhnen (dreizehn, sieben und fünfeinhalb) Anfang Mai auf die organisierte Flucht ging. Als Stellwerkmeister in Rostock hatte Großvater Cravaak genaue Kenntnis über die stündlich näher herannahende Ostfront. Deshalb war er in Sorge um seine Tochter Clara und seine Enkelsöhne. „Schnapp dir deine drei Gören und versuch irgendwo an Bord zu kommen. Wenn dann das Schiff bei Nacht ablegt, seid ihr dabei!“ Clara hatte sofort versucht, den Rat ihres Vaters zu befolgen. Auf dem Kohlefrachter ‚Michael Ferdinand’ war es ihr schließlich gelungen, einiges Gepäck zu deponieren. Mit ihren Jungs an Bord bleiben durfte sie nicht. Als kurz darauf Rostock schwer bombardiert und die Einwohner vor den anrückenden Russen fliehen mussten, war die ‚Michael Ferdinand’ zum Lazarettschiff umfunktioniert worden und ohne Zivilisten in See gestochen.











Die am Kai wartenden Menschen wurden auf den uralten Kohlefrachter „Stettin“ gedrängt. „Das war ein nicht vertrauenserweckender Seelenverkäufer“, sagt Wolf-Dieter. Schließlich wurden Clara und ihre drei Söhne als letzte Passagiere in die hinteren Laderäume verfrachtet. Die Reise ging im Konvoi über die Ostsee. Direkt hinter der „Stettin“ hatte sich eine Fähre angeschlossen. Da der Fehmarn-Sund völlig vermint war, verzögerte sich die Fahrt. Erst nach einer Woche lag die „Stettin“ vor Wassersleben auf Reede. Keiner durfte von Bord. Als auch am 8. Mai wieder ein neuer Tag begonnen hatte, war der Krieg plötzlich zu Ende. Die Menschen atmeten auf. Während der Überfahrt hatten sich vor den Kindern Abgründe aufgetan.

Wolf-Dieter hat vieles verdrängt. Doch den Kanonendonner und die Bombeneinschläge, die den Schiffskonvoi über die Ostsee verfolgt hatten, sind noch bei ihm. Auch die besonders abscheuliche Begebenheit mit der alten Dame an Bord und ihrem kleinen Hund, der ihr von einem Schiffsbegleiter aus den Armen gerissen und vor aller Augen wie ein Stück Abfall über Bord geworfen wurde, ist für Wolf-Dieter unvergesslich. „Was dieser Hund frisst fehlt uns“, soll der Mann gebrüllt haben. Weil die nach Flensburg strömenden Flüchtlinge in der Stadt nicht mehr untergebracht werden konnten, musste die „Stettin“ ihre Fahrt nach Sonderburg aufnehmen. Wolf-Dieter: „Was wir in Höhe Geltinger Bucht miterleben konnten, war für uns Kinder Abenteuer pur. Plötzlich wurden die schweren Munitionskisten, auf denen die ahnungslosen Passagiere gelegen und gesessen hatten, über Bord gehievt. Gleichzeitig wurden wir Augenzeugen bei der Selbstversenkung deutscher U-Boote.“

Kaum hatte die „Stettin“ Sonderburg erreicht, wurde sie auch gleich wieder nach Flensburg zurückgeschickt. Schließlich machte sie im Innenhafen am Ostufer fest. Danach dauerte es noch einige Tage, bis die Flüchtlinge aus Rostock das Schiff verlassen durften. Clara und ihre drei Jungs wurden gemeinsam mit anderen Passagieren der „Stettin“ zunächst in der Friesischen Straße in dem großen Saal des Variete- und Tanzlokals Sanssouci in Doppelstockbetten untergebracht. Alles war perfekt organisiert. Die Flüchtlinge wurden aus Großküchen versorgt. Es gab warme Suppe von Steckrüben und blauen Süßlupinen. Selbst Kartoffeln waren knapp. Wolf-Dieter spürt den bitteren Lupinengeschmack heute noch auf der Zunge. Sicher war schon während des Kriegs oder spätestens zu Beginn der Hungersnot nach dem Zusammenbruch vielen bekannt, dass es sich bei der Blauen Süßlupine um eine sehr eiweißhaltige Pflanze handelt.

Das Explosionsunglück am Kielseng

Während sich die Flüchtlinge im Notaufnahmequartier „Sanssouci“ auf der sicheren Seite fühlten, ereigneten sich am 14. Juni 1945 in der Munitionssammelstelle des U-Bootstützpunktes am Kielseng zwei schwere Explosionen. Auf Befehl der britischen Besatzungsbehörden waren die Munitionsbestände der deutschen Wehrmacht eingesammelt und dort untergebracht worden. Das Unglück war während der Einweisung neuer Räumungskräfte geschehen, wobei offenbar eine noch scharfe Handgranate aktiviert worden war. Die erste Explosion, die zu einer Kette weiterer Munitionsexplosionen geführt hatte, war in einer Lagerbaracke losgegangen. Die Druckwellen aus der Explosion von Torpedos, Wasserbomben, Artilleriemunition, Gewehren, Pistolen und Signalmunition hatten die Zerstörung von im Wasser liegenden Schiffen, Hafengebäuden, Dächern und Fensterscheiben in der ganzen Stadt und über das flache Land bis nach Husby nach sich gezogen. Wie Wolf-Dieter berichtet, hatten die schweren Druckwellen auch die Kronleuchter im Saal klirren und die Fensterscheiben am Gebäude zerspringen lassen.

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