In dieser Reihe berichten wir über Flensburger Bürger mit Migrationshintergrund und bringen Beispiele gelungener Integration. Es kommen Menschen aus unterschiedlichsten Herkunftsländern und ethnischen Volksgruppen zu Wort. Wir erfahren, mit welchen Ängsten und Hoffnungen sie oftmals gekommen sind, um schließlich in Flensburg Fuß zu fassen. Dabei geht es nicht allein um wirtschaftliche Erfolge und große Karrieren. Erstaunlich genug ist mit welchen Anstrengungen diese Menschen ihr Ziel angesteuert haben, um in ihrer neuen Wahlheimat wirklich anzukommen. Diese Artikelserie soll dazu beitragen, ein kulturelles Miteinander in Flensburg zu fördern. Wo das gelingt könnte alles Fremde was bislang noch trennt, für beide Seiten bereichernd sein!

Heute kommt Donia Jaouadi aus Tunesien zu Wort







Tunesien, die Republik in Nordafrika grenzt im Norden und Osten an das Mittelmeer. Da fällt uns Badeurlaub an weiten Sandstränden, Wüstentrecking auf dem Rücken von Kamelen oder Golf ein. Was könnte für sonnenhungrige Touristen an diesem Land außerdem von Interesse sein angesichts der Überangebote an Flugreisen in alle Welt? Diese Sichtweise auf Tunesien aber soll in diesem Bericht überhaupt keine Rolle spielen.

Donia Jaouadi, 45, und ihr Ehemann, 54, haben ihr Heimatdorf Endrahem, rund 200 Kilometer von Tunis entfernt, verlassen, um in Deutschland zu leben und zu arbeiten. Weder wirtschaftliche Not noch politische Unruhen haben sie aus ihrer wunderschönen Heimat vertrieben. Donias Mann ist der jüngste von neun Geschwistern. Fast alle von ihnen haben, ebenso wie er als Rohrschlosser, in der Heimat einen guten Beruf erlernt. Seinem Wunsch entsprechend sich in dieser gefragten Berufssparte weiter zu entwi­ckeln, kam ihm 1981 ein Angebot von der Flensburger Werft entgegen. Die Amtssprache in Tunesien ist Französisch, die Muttersprache Arabisch. Der gelernte Rohrschlosser aus Nordafrika bestand alle Aufnahmetests auf Französisch! Er bekam den Arbeitsplatz. Als er beschlossen hatte endgültig zu bleiben, gründete er in Flensburg eine Familie.

Donia präsentiert Köstlichkeiten
Donia präsentiert Köstlichkeiten

Donias viel zu früh verstorbener Vater war Maurer. Er hatte für seine große Familie ein Haus gebaut! So zog die Mutter ihre Kinder allein groß. Donia und ihr Mann kannten sich aus ihrem Heimatdorf. Sie arbeitete hauptberuflich in einem Textilgeschäft. Als ältes­te unter ebenfalls neun Geschwis­tern – vier Mädchen und fünf Jungs – musste sie natürlich ihrer Mutter im Haushalt helfen – auch beim Kochen und Backen. Nebenbei arbeitete sie für ein kleines Taschengeld in der Küche eines tunesischen Spezialitätenrestaurants, das von Touristen gut besucht war. Dieser Job hat ihr sehr viel Spaß gemacht. Die erworbenen Kenntnisse sollten Donia später in Deutschland den Sprung in die Selbständigkeit eröffnen – was sie natürlich zu der Zeit noch nicht ahnen konnte. Als Donias Mann in Flensburg beruflich Fuß gefasst hatte feierten die beiden 1990 im Kreise ihrer großen Verwandtschaft in der Heimat Hochzeit. In ihrer neuen Wahlheimat Flensburg gründeten sie eine Familie. Ihre vier Kinder wurden in Flensburg geboren: Kindergarten, Schule, Berufsausbildung. Die Jaouadis integrierten sich problemlos wie im Fluge. Das war durch ihren klaren Entschluss – mit allen Konsequenzen für immer hier zu bleiben, sicher sehr viel leichter als für Migranten, die über Jahrzehnte die Rückkehr in ihre Heimat offen lassen. Heute sind die vier Kinder 21, 20, 18 und 16 Jahre alt – und natürlich waschechte Flensburger! In der Familie Jaouadi wird Deutsch gesprochen. Das war für die Kinder seit ihrer Geburt die Muttersprache. Der ältere der beiden Söhne erlernt an der Werft nach dem Vorbild des Vaters den Beruf des Rohrschlossers. Mohamet, bei seinen Mitschülern und unter den Sportlern nur als „Mo“ bekannt, ist auf gutem Weg Fußballprofi zu werden. Beide Töchter haben das Fachabitur! Es gibt auch schon zwei Enkelkinder!

Donia hat mich an einem Sonntagnachmittag für unser erstes Gespräch zu sich nach Hause eingeladen – in ein gemütliches Häuschen am Rande der Stadt. Hier ist ihr Rückzugsraum, wo sie sich nach sechs langen Arbeitstagen in der Woche möglichst nur ihrer Familie widmet. Das ist ihr sehr wichtig! Sie führt mich in unserem Gespräch kurz mal zurück in ihr tunesisches Heimatdorf. Wobei Donia lächelnd, aber mit fester Stimme betont, dass seit ihrer Familiengründung 1990 nur noch Flensburg ihre Heimatstadt ist! Für ihre sechsköpfige Familie plus Schwiegersohn und zwei Enkelkinder ist Integration längst täglich gelebte Normalität!

Natürlich ist in Tunesien vieles anders und doch manches ähnlich wie hier: Es herrscht Schulpflicht. Ab der dritten Klasse werden die Sprachen Französisch, Englisch, Deutsch und Italienisch angeboten. Für alle weiteren Sprachen ist der Unterricht kostenpflichtig. Wenn die Eltern die zusätzlichen Kosten, die der Schulbesuch mit sich bringt, nicht bezahlen können, springen die Verwandten ein. Alle helfen. Auch wenn einer krank ist. In den großen Familien wird niemand fallengelassen! Wer arbeitet ist pflichtversichert und hat später Anspruch auf Rente. Wer keine Arbeit hat wird im Krankheitsfall versicherungsmäßig versorgt. Donia: „Früher waren die Kinder in unseren großen Familien unsere Rente. Das ist auch in Tunesien Vergangenheit!“ Die jungen Familien haben maximal nur noch vier Kinder. Auch mit zwei und drei Kindern sind die Tunesier heute glücklich! Es gibt Babykrippen und Kindergärten, so dass auch die Mütter einer Arbeit nachgehen können!“

Donia sitzt mir ohne das typische tunesische Kopftuch in ihrer Wohnstube gegenüber. Schwarze Locken umrahmen ihr hübsches Gesicht. Alle Familienmitglieder sind gläubige Muslime. Trotzdem tragen die Frauen nicht mehr Kopftuch. Auch in der Familie ihres Mannes nicht. Nur die älteren Frauen in Tunesien haben zum Teil diese Sitte beibehalten. Das toleriert Donias Schwiegervater. Der heute 85-Jährige war Bauer. Als er sich aus dieser Tätigkeit zurückgezogen hatte, übte er für kurze Zeit im Dorf das Amt eines Imans aus. Das war für ihn eine sehr hohe Ehre!

Donia aber bindet sich eines ihrer vielen bunten Tücher kunstvoll geschlungen um Kopf und Hals, wenn sie ihr Haus verlässt. „Nur als schmückendes Accessoire“, wie sie betont. Ihr farbenprächtiges Kopftuch kleidet sie auf ganz typische Weise. Ein Hingucker, wenn sie sich in ihrem „Restaurant für Tunesische Spezialitäten“ in der Holmpassage zwischen Küche und Tresen bewegt!

Als junge Ehefrau damals in Flensburg angekommen, hatte sich Donia zunächst zur Krankenpflegerin ausbilden lassen. Später bekam sie Lust, für andere Menschen zu backen und zu kochen. Dabei konnte sie ihr Wissen und ihre Leidenschaft für tunesische Spezialitäten ausleben. Sie setzte diesen Wunsch in die Tat um und machte sich in der Neustadt 62 erst einmal nur mit tunesischen Backwaren selbständig. Sie arbeitete nach Originalrezepten aus Mamas Küche und dem Spezialtäten-Res­taurant in ihrem Heimatort. Die Flensburger Bürger und insbesondere die Touristen zählten schon in der Neustadt zu ihren besten Kunden. Mit den Migranten kam sie nicht all zu gut zurecht. „Die fragen nach dem Rezept und sagen, dass sie die Backware für den Eigenbedarf ebensogut selber herstellen können und dabei noch Geld sparen würden!“

Donias Nichten Sarah, 6, und Dona, 9, sind mit ihrer Mama Sihem, Donias Schwester, nur mal auf einen Sprung zu ihrer Tante hereingekommen. Sie fühlen sich hier wie zuhause, stellen mit Grempistazien gefüllte Pfanneküchlein von der Crépeplatte auf den Tisch und schenken Kaffee ein. Sie hängen neugierig an Tante Donias Lippen, kuscheln zwischendurch mit ihr und bieten wieder und wieder das leckere Gebäck an. Hier paaren sich Gastfreundschaft und Familienidylle wie selbstverständlich.

Mit der Eröffnung ihrer „Tunesischen Spezialitäten“ im Frischemarkt in der Holmpassage hat Donias Tochter gemeinsam mit ihrer Mutter einen Familienbetrieb eröffnet, der, um erfolgreich zu sein, von den beiden Frauen alles abverlangt was Kreativität und Arbeitseinsatz betrifft. Dabei geht es bei ihrem Angebot nicht um Mengen sondern um leckere Spezialitäten, die jederzeit frisch in der eigenen Küche, die sich gleich hinter dem Verkaufstresen befindet, hergestellt werden. Gleich vor Ort wird gebacken, gekocht, gedünstet, gegrillt und gebraten. Ohne festen Speiseplan. „Wir bieten hier an was unsere Besucher gern essen!“ Noch einmal zurück zu der Frage, wie eng die Familie Jaouadi heute noch mit den Traditionen ihres Herkunftslandes verbunden ist?

Donia: „Da mein Mann und ich von Anfang an den Beschluss gefasst hatten, nicht nach Tunesien zurückzukehren, haben wir uns sehr schnell integriert. Dazu hat das sofortige Erlernen der deutschen Sprache unglaublich viel beigetragen. In der Familie sprechen wir untereinander zum größten Teil deutsch. Aber auch arabisch. Dies hat natürlich zur Folge, dass wir in unserem Herkunftsland jetzt Fremde sind! Wenn wir die arabischen Großeltern besuchen geht es mit den Sprachen bei unseren Kindern zwischen deutsch und arabisch öfter mal hin und her. Aber beide Seiten können sich trotzdem gut verständigen!“ Und gibt es aus ihrer Sicht noch etwas Unüberwindbares zwischen zwischen hier und damals zuhause? Entbehren sie etwas?

Donia: „Eigentlich nicht – und doch. Uns fehlt es hier an nichts. Unsere Familie lebt hier sehr glücklich!“ Dem fügt Donia aber doch einen Satz hinzu, der ihr aus tiefster Seele kommt: „Ich spüre täglich wie sehr mir meine Mutter fehlt! Sie ist heute 60 Jahre alt. Ich komme nur schwer damit zurecht, dass wir sie bislang nur alle zwei Jahre besuchen konnten! Ihr Gegenbesuch in Flensburg steht seit Jahren noch aus! Sie war noch nie hier bei uns!“

Renate Kleffel

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