In dieser Serie berichten wir über Flensburger Bürger mit Migrationshintergrund und bringen Beispiele gelungener Integration. Es kommen Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern und ethnischen Volksgruppen zu Wort. Wir erfahren mit welchen Ängsten und Hoffnungen sie oftmals gekommen sind, um schließlich in Flensburg Fuß zu fassen. Dabei geht es bei weitem nicht allein um wirtschaftliche Erfolge und große Karrieren. Erstaunlich genug ist, mit welchen Anstrengungen diese Menschen ihr Ziel angesteuert haben, um in ihrer Wahlheimat wirklich anzukommen.
Lucian Cristiniuc, Rumänien

Sechs Sänger aus fünf Nationen sitzen am sonnigen Vormittag an ihren Notenpulten. Sie können ganz entspannt sein. Mit „Carmen“ ist die Winterspielzeit bereits eröffnet. Jetzt, ein halbes Jahr vor der Premiere zu Maria Stuarda (Oper von Guetano Donizetti) haben die Chorproben begonnen. Sie finden im obersten Stockwerk vom SH-Landestheater in der Rathausstraße/Ecke Nordergraben statt. Chordirektor und Kapellmeister Bernd Stepputtis sitzt am Klavier. Er studiert die Szenen der Männerstimmen ein. Die Texte müssen auswendig gesungen werden. Die Opernaufführung ist in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln. Wenn alle Sänger und Sängerinnen, die aus russischsprachigen Ländern nach Flensburg gekommen sind zusammengezogen werden, sind in dem 23 Mitglieder zählenden Opernchor sieben Nationen vertreten. Mein Interview-
partner Lucian Cristiniuc, erster Bass, stammt aus Rumänien. Er gehört dem Opernchor seit 26 Jahren an – sein Kollege aus Moskau seit 17 Jahren, der aus Südkorea seit 22 Jahren und die beiden Sänger aus Polen seit 13 und 4 Jahren.











Italienisch ist der
Honig in der Oper

Chordirektor Stepputtis bringt seinen Sängern, die aus unterschiedlichsten Ländern vom SH-Landestheater engagiert worden sind, großen Respekt entgegen. Allein schon wegen der sprachlichen Anforderungen, die Aussagekraft der deutschen Texte in den Gesang zu transportieren. Zu erleben wie beispielsweise ein Sänger aus Südkorea seinen Part mit allen Feinheiten der deutschen Sprache zum Klingen bringt. Oder umgekehrt: Seine Stimme in eine koreanische „Freischütz“-Aufführung einbringt! Wenn Opern in italienischer Sprache gesungen werden, fallen sprachliche Hürden. Italienisch ist der Honig in der Oper! Wer am Konservatorium Gesang studiert hat, muss der italienischen Sprache – wegen der Arien die auf Italienisch gesungen werden – mächtig sein.
Chorleiter Bernd Stepputtis sieht in seiner Arbeit am Musiktheater eine unglaublich wichtige Aufgabe. Die gemeinsame Sprache sei die Musik! Die verschiedenen Charaktere und Temperamente, die verschiedenen Gesangstechniken und die unterschiedliche Ausbildung in Chorgesang und zur Chorleiterbefähigung – diese Vielfalt sei für das SH-Landestheater von großem Vorteil!

Und hier beginnt Lucian
Cristiniucs Geschichte:

Lucian wurde am 12.3.1961 in der rumänischen Stadt Deva, 120 Kilometer von Hermannstadt, geboren. Er wuchs unter der kommunistischen Diktatur von Nicolae Ceausescu (1965 bis 1989) auf. Nach dessen Exekution Weihnachten 1989 übernahm der Moskau-treue Kommunist Ion Iliescu die Regierung. Unter ihm herrschte Anarchie, Vetternwirtschaft und Korruption.
Lucian besuchte ein Musikgymnasium, spielte Trompete und Horn. Danach studierte er Sologesang am Konservatorium in Iasi und machte seinen Abschluss mit Diplom als Opernsänger. Im zweiten Jahr seines Studiums stand Lucian bereits schon als Solist-Anfänger (lyrischer Bariton)mit kleinen Rollen auf der Bühne der Nationaloper in Iasi. Nach seinem Studium bekam er in der Zeit von 1985 bis Ende 1988 an der Donau Galati sein erstes festes Engagement als Solist. Die Frage, ob diese Jahre glückliche Jahre für ihn gewesen sind, beantwortet er mit „Jein“. Da der rumänische Staat den Studierenden das Studium zahlte und auch Stipendien zum täglichen Überleben bewilligte, ergab sich daraus die Verpflichtung, sich auf Empfehlung des Kulturministeriums engagieren zu lassen. Der Staat bestimmte nicht nur in Sachen Musik, wer auf welche Bühne „geschickt“ wurde. Lucians Intendant von der Nationaloper in Iasi hatte für ihn die Stelle für Bariton reserviert und seine Forderung auch an das Ministerium weitergeleitet. Dem Antrag auf Besetzung eines Baritons wurde nicht stattgegeben. Stattdessen bekam der Intendant eine Sopranistin zugewiesen. Deren Mutter war im Kultusministerium beschäftigt. Aus der Baritonstelle war einfach eine Sopranstelle gemacht worden. Die Konsequenz daraus interessierte „ganz oben“ niemanden. Lucian musste sich beugen und abermals einen Dreijahresvertrag an der Donau Galati unterschreiben. Nach Ende dieses Engagements durfte Lucian schließlich doch noch an die Nationaloper in Iasi. Das hatte sein Intendant geschafft. Natürlich musste er sich dort wieder bewerben und eine Gesangsprüfung ablegen. Dann kam 1989 die Wende. Die Grenzen waren geöffnet. Die Kunst wurde nun auch aus der zweiten Reihe der kommunistischen „Demokratie“ gefördert. Lucian hatte neue Hoffnung geschöpft. Doch statt Demokratie herrschte Anarchie und Korruption!
Auf Besuchsreise nach
Deutschland

Lucian und Olga, eine ungarnstämmige, examinierte Krankenschwester hatten inzwischen geheiratet. Das junge Paar konnte zum ersten Mal jenseits der rumänischen Grenze Urlaub machen. Die Reise ging zu Olgas Schwester und zu deren Schwiegereltern nach Heidelberg. Deren Frage, ob Lucian und seine Familie nicht in Deutschland bleiben wolle, hatte das Ehepaar zunächst heftig verneint. Die gute Position am Opernhaus aufzugeben wäre für Lucian damals undenkbar gewesen. Außerdem fieberten die Menschen den bevorstehenden freien Wahlen in Rumänen entgegen. Auch Lucian wollte sich politisch mit einbringen. Doch alle Freude und Hoffnungen auf ein freies, demokratisches Land waren nach den Wahlen dahin. Das Volk war derart manipuliert, dass es zu diesem Ergebnis kommen musste. Die alten Kommunisten, die jetzt Demokraten waren, zogen zu 78 Prozent (in Ostrumänien zu 98 Prozent) als die Neugewählten ins Parlament. Die gleichen Leute, die den Menschen das Leben schwer gemacht hatten, sind geblieben. Nach diesem Wahlergebnis sah Lucian für sich und seine Familie keine Chance, sich persönlich und beruflich zu entfalten. Sein Entschluss, Rumänien zu verlassen, stand fest!

Die deutsche Sprache war das Problem

Rumänien war abgeriegelt. Olgas Mutter und ihre Schwester waren 1987 über eine Besuchserlaubnis nach Polen gereist, wo sie Asyl beantragten. Olgas Schwester heiratete einen Siebenbürger-Deutschen und zog mit ihm nach Heidelberg.
So wurde Heidelberg auch für Lucian und seine Frau erste Anlaufstelle in Deutschland. Er wollte so schnell wie möglich wieder in seinem Fach als Solist an der Oper arbeiten. Seine Bewerbungen gingen an viele deutsche Opernhäuser. Lucian sprach Rumänisch, Russisch, Englisch und Italienisch, aber kein Deutsch. Während des Studiums hatte er auch zwei Semester Deutsch belegt – aber nicht besonders ernsthaft betrieben. Allein der Gedanke, eines Tages mal in den Westen zu kommen, war eine Illusion. Am Konservatorium gab es weder italienische noch deutsche Fachliteratur. Es ging nicht um das Verständnis der Inhalte, sondern nur um reines Auswendiglernen des gesamten Repertoires. Die fehlenden Deutschkenntnisse bekam Lucian gleich beim Vorsingen in Mannheim, Bielefeld und Stuttgart krass zu spüren. Die deutsche Sprache war das Problem – nie seine Stimme! Ein Handicap, das beispielsweise bei der in Deutsch gesungenen Arie „Heiterkeit und Fröhlichkeit“ (Wildschütz) unüberhörbar war. Für ein Engagement an einem deutschen Musiktheater rettete ihn auch nicht sein glänzender Auftritt beim Vorsingen der Arie des Grafen in Mozarts „Figaros Hochzeit“. Die wurde auf Italienisch aufgeführt. Die Absagen der Opernhäuser folgten auf dem Fuße. Lucian war nicht erst jetzt klar geworden, dass das Erlernen der deutschen Sprache der erste und wichtigste Schritt zum Einstieg in seinen Beruf und Integration ist. Darauf konzentrierten sich Lucian und Olga und belegten alle ihnen zugänglichen Deutschkurse mit Abschlussprüfungen. Um Geld zu verdienen, übernahm Lucian in Heidelberg kleine Jobs als Hausmeister. Olga bereitete sich auf ein Studium für Chemie vor, das sie 1991 antreten konnte.

Nach Flensburg engagiert

Für Lucian raste die Zeit ohne Aussicht auf ein Engagement als Solist an deutschen Opernhäusern nur so dahin. Er wollte seine Stimme zum Einsatz bringen und nicht kostbare Jahre mit handwerklichen Überlebensstrategien vertun. Er musste umdenken und entschied sich, im Chor zu singen. Rumänische Kollegen mit Engagement im Opernchor in Flensburg hatten ihn zu einer Bewerbung am SH-Landestheater ermutigt. Ostern 1992 bekam er von dem damaligen Chordirektor Raimund Heusch eine Einladung zum Vorsingen. Lucian wurde unter Generalintendant Dr. Horst Mesalla vom Fleck weg engagiert!

„Um richtig zuhause zu sein, sollte man ein Haus bauen!“

Die Freude war groß. Lucian hatte sein Engagement im Opernchor gleich für die nächste Spielzeit! Nach dem Vorsingen konnte er für seine Familie sofort eine Wohnung im Nordergraben mieten. Das passte. Denn im Juli 1992 war Sohn Christian geboren! Der Umzug von Heidelberg nach Flensburg erfolgte mit einem Lkw. In Rumänien hatten Lucian und Olga ein eigenes Haus! Ihrer Vorstellung nach kann ein Mensch erst richtig im eigenen Haus zuhause sein. Der eigene Boden unter den Füßen sei das Verbindende. Angenehm überrascht war das Ehepaar damals über die weit auseinanderklaffenden Baupreise im Vergleich zwischen Heidelberg und Flensburg. In Heidelberg lag der Quadratmeterpreis bei 1.500 D-Mark, in Flensburg zwischen 70 und 80 D-Mark. Das Haus von Lucian und Olga steht in Kleintastrup. Lucian singt als Bariton im Opernchor und ist zugleich Obmann des Opernchorvorstandes. Seine Frau Olga arbeitet seit über 20 Jahren als examinierte Krankenschwester in der Neurochirurgie an der Diako, Christian besetzt die Stelle des EDV-Fachmanns an der Diako und Tochter Julia, die 1998 in dem neuen Haus in Kleintastrup geboren wurde, befindet sich auf dem direkten Weg zu ihrem Abitur an der KTS.

Beim Opernchor gilt das
Engagement bis zur Rente

Wie Chordirektor Bernd Stepputtis erklärt, sind alle Chormitglieder gezielt an das SH-Landestheater gekommen. Nach Stellenausschreibungen gehen Bewerbungen aus der ganzen Welt ein. Der Chordirektor selbst und Lucian Cristiniuc treffen nach bestimmten Kriterien die Vorauswahl. Die Hälfte der Kandidaten wird zum Vorsingen eingeladen. Sie müssen Arien ihres Stimmfachs vorsingen und dazu auch vorgegebene Arien. Die studierten Chorsänger haben den Solisten gegenüber den Vorteil, dass sie Verträge bis ins Rentenalter abschließen können, während Solistenverträge jederzeit kündbar sind. Das Angebot an qualifizierten Sängern ist groß. Theopolis (vormals „theaterjobs.de“) ist die Plattform der Theaterprofis und das größte Portal für Theaterjobs im deutschsprachigen Raum. Hier werden die Ausschreibungen wahrgenommen.
Stepputtis beschreibt die Theaterstruktur Deutschlands, die es seiner Meinung nach wert ist, als Weltkulturerbe anerkannt zu werden. Deutschland läge mit der Kulturförderung an der Spitze. Dadurch sei nirgends woanders, auch nicht bei den Anrainerländern, die Fülle der Spielstätten zu übertreffen. Deshalb sei Deutschland weltweit erstes Ziel von Bewerbungen. Nur im Osten – Mecklenburg-Vorpommern – sähe es mit der Förderung schlecht aus. Der Kulturetat liegt insgesamt bei 1 Prozent, vom Bruttosozialprodukt 0,7 Prozent. Wenn die Politiker glauben, an der Kunstförderung sparen zu müssen, fahren sie trotzdem keine Reichtümer ein. Wo sie sich mit ihrem ‚Streichkonzert’ bis in die unterste Tarifkategorie spielen, ist das der Todesstoß eines Theaters. Wo erst ein Haus geschlossen ist, wird es nie wieder auferstehen. Unser SH- Landestheater hatte 40jähriges Bestehen. Es wurde 1976 zu einem eigenständigen Ensemble zusammengeschlossen. Als die größte und flächendeckende Landesbühne in Schleswig-Holstein mit Sitz in Schleswig verfügt das Theater über Spielstätten in Flensburg, Schleswig, Itzehoe, Rendsburg, Neumünster, Heide, Husum, Meldorf und Friedrichstadt. Zum Programm der Bühne gehören u. a. das Musiktheater, Sinfonieorchester, Ballett und Schauspiel.

Die Gespräche mit Bernd Stepputtis und Lucian Cristiniuc führte Renate Kleffel

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