In dieser Serie berichten wir über Flensburger Bürger mit Migrationshintergrund und bringen Beispiele gelungener Integration. Es kommen Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern und ethnischen Volksgruppen zu Wort. Wir erfahren mit welchen Ängsten und Hoffnungen sie oftmals gekommen sind, um schließlich in Flensburg Fuß zu fassen. Dabei geht es bei weitem nicht allein um wirtschaftliche Erfolge und große Karrieren. Erstaunlich genug ist, mit welchen Anstrengungen diese Menschen ihr Ziel angesteuert haben, um in ihrer Wahlheimat wirklich anzukommen.

Olga Pflaum, eine Wolgadeutsche 











Olga war 1996 fünf Jahre alt. Ihr erster Winter in Deutschland stand vor der Tür. Grund genug für ihre Eltern, sich und ihre drei Kinder vor ihrer Ausreise aus dem russischen Saratow an der Wolga (heute Swanaroska) gut mit warmer Kleidung einzudecken. Das wäre aber gar nicht nötig gewesen, denn der norddeutsche Winter mit Regen und Schneematsch war für die ganze Familie eine Enttäuschung. Nach ihren Vorstellungen sind Winter und Sommer immer klar voneinander abgegrenzte Jahreszeiten. – Olgas Vater, Alexander Pflaum war nach Auflösung der UdSSR mit seiner Familie von Kasachstan aus der sibirischen Kälte mit langen Wintermonaten und kurzer, heißer Sommerzeit zurück zu ihren wolgadeutschen Wurzeln in das mildere Klima von Saratow gezogen. Aber auch an der Wolga sind die Winter klirrend kalt. Und während der drei Sommermonate können dort die Temperaturen auch bis zu 30 und 40 Grad erreichen. In Russland sind die Sommer- und Winterferien diesen extremen Klimaverhältnissen entsprechend angepasst. Alexander erinnert sich heute noch daran, dass die Kinder von dem verschneiten Dach seines Hauses direkt auf die darunterliegende feste Schneedecke rutschen konnten. So hoch lag der Schnee! Der Umzug gen Westen aber sollte noch weiter gehen. Im Jahre 1996 folgte die gesamte Großfamilie Pflaum dem Spätaussiedlerprogramm für Russlanddeutsche in die Bundesrepublik!

Anfang der 1960er Jahre war das Aussiedlerprogramm von der Bonner Bundesregierung eingeleitet worden. Einige Angehörige der Familie Pflaum waren bereits in Schleswig-Holstein angekommen. Danach kam der große Aufbruch. Alexander, dessen Frau Valentina und ihre drei Kinder Larissa, Wladimir und Olga (damals 44, 34, 10, 8 und 5) folgten. Mit ihnen im Schlepp waren alle Angehörigen der Großfamilie Pflaum und deren verschwägerten wolgadeutschen Familien. Somit wanderte die Hälfte der Bewohner des am Stadtrand von Saratow gelegenen Dorfs Swanaroska geschlossen nach Deutschland aus. Das ist im Herbst dieses Jahres 20 Jahre her!

Alexanders jüngste Tochter Olga ist heute 24 Jahre alt und studiert Deutsch, ev. Religion und Pädagogik an der Europa-Universität in Flensburg. Sie möchte Lehrerin werden. Bevor wir über Olgas Erfolgsgeschichte von Integration berichten und Näheres über die Großfamilie Pflaum erfahren, soll hier in kurzen Auszügen die Geschichte der Wolga- und Russlanddeutschen noch einmal in Erinnerung gebracht werden.

Die Wolgadeutschen

Mit ihrem Manifest vom 22. Juli 1763 verfolgte Katharina II., Zarin von Russland, die Absicht ihr Land dichter zu besiedeln und weite Brache in fruchtbares Land zu verwandeln. Um ihre Pläne umsetzen zu können lud sie auswanderungswillige Menschen, insbesondere Handwerker und Bauern ein, sich mit ihren erlernten Fähigkeiten und ihrer Arbeitskraft in Russland anzusiedeln. Ihre Werber, die mit großem Propagandaaufwand durch die Lande gezogen und den Menschen das Paradies auf russischem Boden versprochen hatten, fanden insbesondere bei den durch Kriege und Hungersnöte verarmten Bevölkerungsgruppen Gehör. So war durch den großen Strom an Zuwanderern zunächst eine Minderheitenrepublik an der Wolga entstanden. Wie in den Geschichtsbüchern nachzulesen, soll sich Katharina II. in den ersten Jahren ihrer Regierungszeit intensiv um die Wolgakolonien rund um Saratow gekümmert haben. Den Siedlern war Religionsfreiheit mit dem Bau eigener Kirchen gestattet sowie dreißigjähriger Steuererlass. Was die Siedler und ihre Nachkommen an Enttäuschungen, unmenschlichem Leid und Tod in den zwei Jahrhunderten nach ihrer Ankunft erlitten haben, setzte sich 1941 nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion durch ethnisch motivierte Deportationen schmerzlich fort. Unmittelbar nach dem deutschen Angriff veranlasste der Kreml die Zwangsumsiedlung fast aller in der Sowjetunion lebenden Deutschen. Sie wurden innerhalb weniger Wochen aus den europäischen Teilen der Sowjetunion nach Osten – vorwiegend nach Sibirien, Kasachstan und an den Ural deportiert. Jetzt waren sie die Russlanddeutschen, die getrennt von den Sowjetbürgern, diskriminiert in abgesonderten Siedlungen leben mussten. Dabei unterstanden sie einer sowjetischen Kommandantur mit strenger Meldepflicht und Ausgangsbeschränkungen. Erst nachdem dieser Erlass im September 1956 aufgehoben worden war, durften sich die Deutschen wieder einen Wohnort nach Wunsch suchen – jedoch nicht in ihren früheren Siedlungsgebieten. Die deutschen Siedlungen in Sibirien und Kasachstan bestanden als Dörfer mit deutscher Mehrheitsbevölkerung weiter. Im Laufe der Jahre zogen auch Russen und andere Sowjetbürger dorthin.

Am 29. August 1964 wurden die Russlanddeutschen durch ein unveröffentlichtes Dekret des Obersten Sowjets rehabilitiert. Das allein aber hielt die Menschen nicht davon ab, in das Land ihrer Vorväter, in die Bundesrepublik Deutschland zurückzukehren. Im Laufe der 1980er Jahre wuchs der Zustrom der Aussiedler nach Deutschland stark an.

Pflaum – ein typisch deutscher Name

Wenn Olgas Vater, Alexander Pflaum mit einem Satz den Ursprung des Familiennamens Pflaum erklärt, klingt das sehr bodenständig: „Die wolgadeutsche Familie Pflaum, auf deren Grundstück ein riesiger Pflaumenbaum gestanden haben soll, stammt aus der Gegend südlich von Berlin!“

Olga weiß nicht genau, in welcher Zeit die Großfamilie Pflaum durch die Zwangsumsiedlungen von der Wolga nach Kasachstan gekommen ist. Ihr Vater Alexander Pflaum ist dort mit 12 Geschwistern aufgewachsen. Die wiederum gründeten eigene Familien und blieben in einer gemeinsamen Dorfgemeinschaft. Ebenso erging es Olgas Mutter, Valentina Wüst und deren Geschwistern. Die Familienstämme lebten über Generationen Haus an Haus nebeneinander und eng miteinander. Olga spekuliert, dass unter einigen ihrer Vorfahren auch Eheschließungen unter Verwandten dritten und vierten Grades vorgekommen sind. Die Dorfbewohner mussten sich überwiegend aus der Landwirtschaft ernähren. Da waren Alexander Pflaum als gelernter Lkw-Fahrer und seine Frau Valentina als ausgebildete Frisöse (mit Deutschkenntnissen aus der Mittelschule) schon Ausnahmen! In Kasachstan mussten alle Männer ab 18 Jahren zweijährigen Militärdienst leisten.

Der Aufbruch nach Deutschland

Der endgültige Aufbruch der Großfamilie Pflaum nach Deutschland war reiflich überlegt. Er ereignete sich vor genau 20 Jahren! Niemand aus dem Familienverbund wurde zurückgelassen – trotz Bangens und Zögerns der Älteren, die zum Teil ihr Herz drüben gelassen haben. Die Gründe, zu gehen waren erdrückend: Die Wolga- und Russlanddeutschen sind in Russland auch nach 233 Jahren (Einwanderung an die Wolga 1763 – Rückkehr der Pflaums nach Deutschland 1996) immer noch ungeliebte Ausländer. Sich wirklich zu integrieren hatten die jeweiligen Staatsregierungen nie zugelassen.

Wie Olga berichtet, haben die Familien Pflaum bei Verlassen ihres Dorfes alles zurückgelassen was sie besaßen: Haus und Hof, ein Stück Ackerland von dem sich Rinder, Schweine und Federvieh ernähren konnten. Auch der Berner Sennenhund konnte nicht mit. Das war sehr schmerzlich! Was sie verkaufen konnten, haben sie verkauft. Mit nichts, nur mit dem Nötigsten was sie tragen konnten, erreichten die Pflaums das Auffanglager Rabenkirchen in Schleswig-Holstein. Ihr Wohnsitz in Ellenberg/Kappeln wurde ihnen von den Behörden zugewiesen. Für ihr dauerhaftes Bleiberecht in Deutschland genügte der Nachweis, deutschstämmig zu sein – ohne deutsche Sprachkenntnisse. Woher sollten die auch gekommen sein?

Hilfen zur Integration?

Bleiberecht, Wohnung und Arbeitserlaubnis waren für Olgas Eltern ideale Startbedingungen. Sie fanden Beschäftigung als Reinigungskräfte in den Reha-Zentren Damp und Schönhagen mit den Auflagen, Eingliederungskurse in deutscher Sprache zu belegen.

Dagegen kamen auf die beiden älteren Kinder Larissa 10, und Wladimir 8, harte Zeiten zu. Sie waren, ohne gesonderte Sprachförderung und ohne ein Wort Deutsch zu verstehen, sofort in den laufenden Schulunterricht gesteckt worden. Kein Wunder also, dass die Geschwister nicht mit ihren Klassenkameraden mithalten konnten. Da beide praktisch veranlagt sind, konnten sie schließlich doch ihre Wunschberufe als Frisöse und als Lebensmitteltechniker erlernen. Beide lieben ihre Berufe, die ihnen wertvolle Hilfe zur Integration gegeben haben. Larissa ist inzwischen Mutter von vier Kindern.

Die damals fünfjährige Olga hatte altersmäßig gerade noch den richtigen Zeitpunkt erwischt, sich spielend zu integrieren. Wie sie sagt, habe sie ohne großartig darüber nachdenken zu müssen, im Kindergarten und beim Spielen auf der Straße sehr schnell Deutsch gelernt. Sie war vier Jahre auf der Grundschule. Anschließend hat sie den Realschulabschluss in Kappeln gemacht. Olga hatte schon während ihrer Schulzeit die Vorstellung, beruflich einmal im Gesundheits- und sozialen Bereich mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten. Durch ihre ehrenamtliche Tätigkeit im Jugendzentrum und früh schon mit der Leitung eigener Jugendgruppen betraut, machte sie ihren Jugendgruppen-Leiterschein. Während sieben verschiedener Praktika in Schulen und Heimen checkte sie Berufe ab, in denen die Arbeit mit Menschen im Vordergrund steht. An der Hannah Arendt Schule bot sich für Olga die Möglichkeit, eine zweijährige Ausbildung zur sozialpädagogischen Assistentin zu machen. Nach Abschluss genehmigte sie sich eine Auszeit, um bei ihrer Berufsfindung auf der ganz sicheren Seite zu sein. Dazu lehnte sie sich nicht einfach zurück, sondern jobbte acht Monate als Verkäuferin in einem Fachgeschäft für Schuhe in Flensburg. Da war sie beratend ganz nah an Menschen. Diese Tätigkeit habe ihr sehr viel Spaß gemacht, schwärmt Olga. Die Kunden wären so freundlich und dankbar gewesen. Einige hätten ihr sogar Trinkgeld zugesteckt. Und ihr Chef hatte schon einen unterschrifts-
reifen Lehrvertrag für Olga vorbereitet. Aber Nein, Olga wollte weiter kommen. Eine flüchtige Bekannte riet Olga, erst einmal ihr Abitur nachzuholen. Dann könne sie ja weitersehen. Olga schaffte die 11. und 12. Klasse der Fachoberschule (FOS) und den Abschluss der 13. Klasse auf der Berufsoberschule (BOS). Damit hatte sie ihr Abitur in der Tasche und die Berechtigung für ihr Studium an der Europa-Universität Flensburg. Ihre Fächer sind Gesundheit und Soziales, Deutsch, ev. Religion und Pädagogik. Einmal pro Woche hospitiert Olga an ihrer alten Grund- und Hauptschule in Ellenberg, nicht als Beobachterin sondern als Macherin. Das läuft über zwei Semester.

Auf Olga rollt eine gewaltige Lawine zu: Sechs Semester auf Bachelor plus vier Semester bis zum Master liegen vor ihr. Anschließend folgt das Referendariat. Sie ist jetzt 24 Jahre alt. Ihr Kindergeld fällt in 2016 weg. Mit 25 Jahren liegt der Krankenkassenbeitrag für Studenten bei über 80 Euro. Rückzahlbares Bafög kann maximal bis zu 10.000 Euro beantragt werden. Olga bleibt cool. Sie wird ihr Ziel erreichen!

Verlorene Generationen

Olga beobachtet die Generation ihrer älteren Geschwister und auch die der noch weiter zurückliegenden mit Sorge. „Das sind quasi verlorene Generationen, die sich nur schwer integrieren können!“ Auf diese Migranten seien zu viele nicht erfüllbare Erwartungen vom Staat zugekommen. Der Druck sei einfach zu hoch gewesen: Arbeit, Kindererziehung, Schule, bruchstückhaftes Erlernen der deutschen Sprache! In den Familien wird überwiegend russisches Fernsehen gesehen. Olga kennt keine Russlanddeutschen ohne einen Receiver mit ihrer Muttersprache. Wobei die Kinder in den wenigsten Fällen über ihre Eltern die russische Sprache pflegen – nicht in Wort und Schrift. – Bis Mitte der 1990er Jahre hat sich die Kirche sehr um die Spätaussiedler gekümmert. Die meisten unter ihnen sind evangelische Christen. Das dauerte so lange, bis der Staat mit dem Argument „Jetzt sind ja alle da“ die finanziellen Mittel gestrichen hat.

Die Älteren unter ihnen haben zum Teil ihr Herz drüben gelassen. Olgas Vater, so behauptet er jedenfalls, würde am liebsten jetzt noch nach 20 Jahren zurück an die Wolga gehen. Egal wie mit den Wolgadeutschen drüben umgegangen worden ist. Aber Alexander Pflaum bleibt in Deutschland. Schließlich erhofft er hier für seine drei Kinder und vier Enkelkinder eine bessere Zukunft!

Parallelgesellschaften

Olga stellt sich vor, dass Integration auch funktionieren kann, wenn die Nationen beieinander wohnen. Kulturelles was bereichert sollte traditionell ausgelebt und nicht vernachlässigt werden. Auf eine ausgewogene Mischung käme es an. Nachteilig aber sei alles, was zu stark betont und ausgelebt würde. Außerdem sei es äußerst unhöflich und auch peinlich, wenn Migranten ohne Rücksicht auf Anwesende aus der Mehrheitsgesellschaft in ihrer Muttersprache kommunizierten.

Bereitschaft zum „Umdenken“ müsse für Migranten ganz vorne stehen. Das betrifft insbesondere auch die Rechtslage. Olga: „In Russland war dein Haus dein Reich mit deiner Sichtweise auch auf die Erziehung deiner Kinder. Ebenso wird in der Schule vorgegangen. Wobei die Prügelstrafe immer noch der Garant für Recht und Ordnung zu sein scheint. Das geht bei kleinen Vergehen mit Stockschlägen auf die Finger los. Ein in Russland viel zitierter Spruch lautet in der Übersetzung „Ein Kinderpo ist nicht umsonst ganz weich!“

Integration braucht mehrere Generationen

Die Wolgadeutschen, die kürzlich auf die Straße gegangen sind, haben vielleicht jetzt erst gemerkt, wie wenig Entgegenkommen sie gegenüber den heutigen Flüchtlingen vom Deutschen Staat erfahren haben. Olga sagt: „Wir waren 1996 willkommen, mussten aber trotzdem 13 Jahre in Deutschland leben, bevor uns auf Antrag ein deutscher Pass ausgehändigt wurde. Den gab es aber nur mit polizeilichem Führungszeugnis. Der Nachweis einer reinen Weste war ausschlaggebend!“

Solange aber die Wolga- und Russlanddeutschen in der Heimat ihrer Vorväter noch in die Schublade für Ausländer gelegt werden, haben sie nicht ihr Ziel erreicht. Schließlich wollten sie doch den Jahrhunderte andauernden Diskriminierungen, in Russland als Ausländer geduldet zu sein, endgültig entkommen.

Das Gespräch mit Olga Pflaum führte Renate Kleffel 

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