Es fing ganz harmlos an. „Ich war zufällig in meiner kleinen Lieblingskneipe in Wassersleben. Da kamen Hans Christian und sein Onkel Hans rein“, erzählt Merete, die damals noch Praschl mit Nachnamen hieß. „Ich war gleich Feuer und Flamme von Hans Christian“, gesteht sie. „An diesem Abend begrüßten wir uns nur kurz; das war alles, denn leider waren wir beide verheiratet. Ich wusste, wer er war, und er wusste, wer ich war.“ Damals konnte sie noch nicht ahnen, dass der Mann, der ihr auf Anhieb so gut gefallen hatte, und die Große Ochseninsel, auf der Hans Christian Isaack zu Hause war, mal eine bedeutende Rolle in ihrem Leben spielen würde. „Nach diesem Abend verloren wir uns für längere Zeit aus den Augen“, fährt Merete fort. Sie war mit 26 Jahren in die Fördestadt gezogen, kam ursprünglich aus der Hauptstadt des Nachbarlandes Dänemark.
Dann kam der November 1995. Merete machte einen Betriebsausflug mit dem Team vom Kindergarten, wo sie gearbeitet hatte, und landete zu fortgeschrittener Stunde in einer zünftigen Flensburger Kneipe: „Da saß Hans Christian. Nach all den Jahren erkannten wir uns auf Anhieb wieder. Und – was soll ich sagen – wir haben uns Hals über Kopf ineinander verliebt“, erinnert sich die heute 73Jährige. Hans Christian Isaack wurde Meretes große Liebe. „Schon Weihnachten 1995 haben wir zusammen auf der Ochseninsel gefeiert“, berichtet sie. Da sei sie gleich sozusagen „ins kalte Wasser geschmissen“ worden, die ersten Monate lieferten einen Vorgeschmack darauf, wie hart das Leben auf der kleinen Insel in der Flensburger Förde werden konnte: „Es wurde ein sehr kalter Winter, Ende Januar 1996 war die Förde tiefgefroren. Die ganzen Brücken waren vom Eis vernichtet worden. Ich wurde drei Monate lang mit einem Schlitten übers Eis gepickt, wie man hier sagt, und immer mit einem kleinen Optiboot im Schlepp. Denn falls das Eis mal brechen sollte, hätte man mit dem Boot immer eine Chance gehabt, sich zu retten.“

Gäste mit Fähnchen
übers Eis gelotst











Am 18. Februar 1996 wurde Hans Christian 50 Jahre alt, und an dem Tag wollte sich das Paar verloben, denn für Merete stand längst fest: Nicht nur Hans Christian, auch die Ochseninsel war ihre große Liebe. Die Verlobung sollte groß gefeiert werden. Morgens sei Hans Christian mit seinem langjährigen Helfer Rolf übers Eis gegangen, habe gemessen, ob es trägt, und, weil das Eis dick genug war, mit kleinen Fähnchen einen Weg markiert: „So konnten die Gäste sehen, wo sie gehen mussten, um zu uns rüber zu kommen. Wir warteten gespannt mit dem Fernglas, wer es wagen würde, übers Eis zu wandern. Doch siehe da: Alle Gäste kamen. Die ganze Krostube war voll.“ Es sei ein wunderschöner Tag geworden, schwärmt Merete noch heute. „Und es war das letzte Fest mit meinem Schwiegervater. Er starb im April 1996.“ Sie muss rückblickend noch staunen, wenn sie an den Eiswinter vor 20 Jahren denkt: „Da kamen Hunderte, nein Tausende zu uns rüberspaziert. Es war unglaublich.“ Ungefähr drei Monate lang habe man damals übers Eis wandern können. Obwohl sie ein bisschen irritiert war, dass die Menschen damals buchstäblich in das Privatleben der Isaacks einfielen, hatte Merete nicht nur von Hans-Christian, sondern auch von der Store Okseø, der Großen Ochseninsel, Feuer gefangen. Sie war fasziniert, doch sie wusste, was sie erwartete, würde sie sich für den Mann und „seine“ Insel entscheiden: Schwere Arbeit in der dortigen Gastwirtschaft während der ganzen Saison von Ostern bis Ende Oktober. Doch der gastronomische Bereich war ihr nicht fremd: Fünf Jahre lang hatte sie zusätzlich zu ihrer Arbeit im dänischen Kindergarten Martinsberg noch mit Begeisterung in der Gastronomie der Flensburger Brauerei gearbeitet: „Das war eine gute Lehre für die Insel-Wirtschaft.“
Am 31. August 1996 heirateten die beiden in der Holebüller Kirche (Holbøl Kirke) auf dem Festland.

„Die schönsten Jahre
meines Lebens“

Sie hätten unbedingt Hochzeit halten wollen, bevor alle Blätter von den Bäumen gefallen waren, erzählt Merete Isaack: „Hans Christian wusste ja seit Kindertagen, wie schnell sich das Wetter ändern konnte.“ Das Wetter spielte mit an diesem besonderen Tag der Isaacks. Das belegen zahlreiche Fotos, die Merete – fein säuberlich in ein Album geklebt – hervorholt, während sie einen Kaffee aufsetzt. Damals begannen für die gebürtige Dänin die schönsten Jahre ihres Lebens, wie sie sagt: „Ich liebte alles dort: Die Natur, den zugegeben manchmal auch beschwerlichen Alltag; ich liebte es, die Gäste zu bewirten; ich liebte es, Smørrebrød zu machen; ich liebte schöne Deko.“ Es habe einfach alles gestimmt. Ihr Mann und sie seien ein sehr gutes Team gewesen. „Wenn viel zu tun war, haben wir einander geholfen, obwohl ein Koch da war.“ Merete und ihre Tochter Sabine hätten die Gäste bedient. An schönen Tagen seien immer alle Tische draußen und drinnen besetzt gewesen. Den Sommer über habe Sabine auf der Insel gewohnt. Das sei absolut ideal gewesen damals, meint Merete Isaack.

Highlights: Weihnachtsmarkt
und „Alexandra“

Wenn besonders viel zu tun gewesen sei – „zum Beispiel, wenn das wunderschöne Dampfschiff Alexandra kam oder wenn größere Gesellschaften waren“ – habe auch Hans Christians Tochter, die ebenfalls Merete heißt, mit angepackt: „Wir waren eine richtig tolle Crew alle miteinander.“
Das Konzept des Ehepaares Isaack ging auf, die Gästezahl, die mit der kleinen Fähre von der Kollunder Seite (Süderhaff/Sønderhav) aus hin- und hertransportiert wurde, wuchs. Um größere Gesellschaften bei Hochzeiten, Taufen und Geburtstagen bewirten zu können, wurde die eine Bootshalle ausgebaut. Dort konnten fortan bis zu 60 Personen feiern. Über 100 Leute stürmten allein schon das Eiland, wenn damals der historische Dampfer „Alexandra“ vor den Ochseninseln vor Anker ging und die Passagiere ausgebootet wurden, um auf der Großen Ochseninsel einzukehren. „Das war ein einmaliges Erlebnis und der Höhepunkt des Sommers. Die Gäste von der Alexandra hatten rund zweieinhalb Stunden Aufenthalt“, erinnert sich Merete Isaack. „In dieser Zeit mussten alle bewirtet werden. Es gab Kuchen – Æblekage und Lagkage – und es gab Brote, belegt mit Käse oder Krabben.“
Weihnachten 1999 habe es dann den ersten Weihnachtsmarkt in der großen Halle gegeben: „Für mich war das ein Highlight. Es war so schön mit mehreren Ausstellern, alles war wunderbar geschmückt, und es gab Gløgg und Æbleskiver.“ Seinerzeit sei auch Dansk Julefrokost im Programm gewesen: „Das mussten wir aber leider absagen, weil der große Sturm kam und keine Gäste rüberkommen konnten.“ Überhaupt das Wetter – das präsentierte sich Merete Isaack in wirklich allen Facetten: „Erst Hochwasser, dann Niedrigwasser, so dass der Weg frei war, um zu Fuß zur Kleinen Ochseninsel zu gehen. Auch das war ein Erlebnis, das man nicht so oft hat.“

Zum Aalessen aufrecht
die Store Okseø

Besonders gern erinnert sich die „Wirtin aus Leidenschaft“ an die vielen Aal-
essen, die zwischen April und Oktober auf der Großen Ochseninsel stattfanden: „Die Gäste kamen von überall her – aus fast ganz Dänemark, und auch von der deutschen Seite hatten wir viele Gäste. Und die dänischen Speditionen blieben uns immer treu. Für uns hieß das aber auch, dass wir keine Aale mehr sehen konnten, wenn die Saison zu Ende ging.“ Gern gesehene Gäste waren auch die Fallschirmspringer, die die Große Ochseninsel beim Zielspringen ansteuerten. Dann signalisierten Rauchsignale den Menschen im Flugzeug, für die die Mini-Inseln von der Luft aus kaum zu erkennen waren, wo sie landen mussten. „Immer wieder spannend“, fand Merete Isaack dieses Ereignis.
Dann kam Ende Oktober das Saisone-
ende. Da habe man meinen können, dass nun Ruhe einkehren würde auf der Insel. „Aber nein“, widerspricht Merete. „Das bedeutete nicht, dass wir nun die Hände in den Schoß legen konnten. Dann wartete wieder viel Arbeit auf uns: Alles musste geschrubbt, geputzt und gewaschen werden. Um nicht zu frieren, musste die dicke Berta, unser alter Kachelofen, regelmäßig eingeheizt werden, was allein schon eine Wissenschaft für sich war.“ Und immer hätten irgendwo irgendwelche Reparaturarbeiten angestanden, berichtet die 73Jährige. Ihr Mann habe ja fast alles allein gemacht, und wenn jemand zum Anpacken gebraucht wurde, „habe ich eben mit angepackt“. Anfangs habe sie auch noch selber eingekauft, aber das sei schon bald nicht mehr zu schaffen gewesen, weil das zu viel Zeit beansprucht habe. Schließlich seien die zuvor telefonisch georderten Waren zum Fähranleger gebracht und dort mit der kleinen Fähre abgeholt worden.

Neue Fähre in kurzer
Zeit selbst gebaut

Unerwartete zusätzliche Arbeit habe es gegeben, als wegen Familienstreitigkeiten notgedrungen eine neue Fähre gebaut werden musste, erzählt Merete. Im November 2000 sei der Rumpf Scania 32 in Esbjerg bestellt worden. „Dann ging es los. Die Bivalvia wurde demontiert, und dann wurde gebaut von Anfang November bis Ende Februar. Der bestellte Rumpf war zwar noch nicht da, aber das Steuerhaus hatte Hans Christian schon fertig.“ Um das Festland zu erreichen ging es während der Zeit bei Wind und Wetter nur mit der Jolle übers Wasser: „Das war nicht gerade schön.“ Als dann endlich Ende Februar der ersehnte Rumpf geliefert worden sei, sei die Arbeit auf der Insel wieder losgegangen, bis das Schiff schließlich fertig war und am 29. April getauft werden konnte: „Die Saison stand vor der Tür, und Hans Christian hatte es geschafft“, erinnert sich Merete stolz an ihren Mann: „Hans Christian war total fertig, aber sehr glücklich. Er hatte es in nur drei Monaten und mit buchstäblich Tag und Nacht Arbeit hingekriegt.“ Die kleine Fähre sei „sein Kind“ gewesen, sagt sie: „Es war ein hübsches Boot geworden, und er konnte wirklich stolz darauf sein.“ Der Tag der Schiffstaufe sei ein schöner Tag mit Sonnenschein gewesen: „Aber da hing das Unglück schon über uns. Da war Hans Christian schon krank, das hat bloß niemand gewusst. Er hat es wohl nur selber geahnt.“
In dem Jahr, als die neue Fähre fertig wurde, konnten die Eheleute Isaack ihren fünften Hochzeitstag begehen: „Auch das wurde wieder ein wunderschöner Tag. Das Haus war voller Gäste. Und wie Hans Christian immer sagte: Man muss die Feste feiern, wie sie fallen.“ Noch ein weiteres positives Ereignis fiel in das Jahr: „Wir wurden sozusagen Eltern, denn unsere Labradorhündin Trunte bekam sechs Welpen.“ Es sei eine unvergessliche Zeit gewesen, sagt Merete. Nach dem Weihnachtsmarkt 2001 – damals in der Krostube – feierte die ganze Familie das Weihnachtsfest in dem schön geschmückten Raum rund um den großen Tannenbaum, der bis zur Decke reichte.
Als sie das erzählt, wird Merete Isaack nachdenklich: „Wir haben Hand in Hand um den Baum getanzt. Es war sehr schön. Wenn man zurückblickt, kann man nur sagen: Gottseidank, dass wir das getan haben. Man weiß nie, wann das Leben zu Ende geht.“

Diagnose Krebs stellt
alles auf den Kopf

2002 wollten sich die Eheleute bei einem vierzehntägigen Urlaub auf Zypern erholen: „Da merkte ich, dass Hans Christian ernsthaft erkrankt war“, erzählt die 73Jährige. Es fällt ihr schwer, über die Zeit nach der Diagnose Krebs zu sprechen. Die Eheleute versuchten noch, den Betrieb aufrecht zu erhalten. Ein Koch wurde engagiert und Meretes Tochter half. Doch schließlich fanden sie sich mit dem Unabänderlichen ab: Sie gaben ihr Leben auf der Ochseninsel auf, zogen nach Kollund in eine Wohnung: „Der Umzug war ein gewaltiger Kraftakt. Alles, aber wirklich alles musste auf einen Prahm verladen und zum Festland gebracht werden. Und leider mussten wir auch unsere beiden Hunde abgeben.“ Hans Christian war zu dem Zeitpunkt, wie schon so oft zuvor, wieder im Krankenhaus. Merete hat die damaligen Wochen und Monate wie in einem bösen Traum erlebt. „Er ist dann nur wenige Tage in der Wohnung gewesen.
Am 3. Dezember 2003 ist er gestorben. Es war eine schlimme Zeit“, sagt sie unter Tränen, während sie den Kaffee einschenkt und „Dansk Æblekage“ kredenzt, ihre Spezialität von der Ochseninsel. Als sie sich wieder gefangen hat, fügt sie einen Satz hinzu, der in wenigen Worten umreißt, welchen Platz Hans Christian und seine Insel in ihrem Herzen eingenommen haben: „Ich bin unendlich froh über diese sieben wunderbaren Jahre mit ihm auf der Store Okseø. Es waren wirklich die schönsten Jahre meines Lebens.“ So habe sie auf der Ochseninsel „einfach alles“ miterlebt, von Freude bis zur Trauer, von traumhaft schönen Sommertagen mit schönen Sonnenuntergängen bis zu starken Stürmen, Schnee und Eis. Aber nie, das betont Merete mit Nachdruck, habe sie auch nur einen einzigen Tag lang bereut, sich für Hans Christian und seine Insel, die früher sogar fast 140 Jahre lang im Familienbesitz war, entschieden zu haben: „Und ich möchte noch eins sagen: Wer einmal Hans Christian gewonnen hatte, der hatte einen Freund fürs Leben und einen Menschen, dem man vertrauen konnte.“ Merete lebt heute in Wassersleben, genießt von ihrer Wohnung aus den Blick auf die Förde. Sie denkt oft mit ein bisschen Wehmut zurück an ihre Zeit auf der Großen Ochseninsel: „Wir hatten bloß sieben Jahre, aber sie waren sehr schön.“
Edith Lund

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Otje Schlüter
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Otje Schlüter

Wenn ich das alles lese kommen mir viele Erinnerungen wieder.Ich bin 1946 auf dem Burghof 6 geboren. Mein Vater arbeitete damals beim Fernmeldeamt Flensburg.Dann wurde er versetzt Nach Westerland .Da war auch keine Arbeitsmöglichkeit mehr.Wir zogen dann um ins Rheinland.Meine Mutter stammte aus Solingen.Wir haben so viele Urlaube in Flensburg verbracht.Mein Onkel hatte ein Segelboot in Galwick und sind oft in der Flensburger Förde gesegelt.

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