In unserer Serie „Flensburger Straßen und Stadtteile“ bitten wir Zeitzeugen, uns von ihren ganz persönlichen Erinnerungen zu berichten. In dieser Ausgabe hält die gebürtige Flensburgerin Helga Nissen, Jahrgang 1939, Rückblick.

Wohin ich schaue, Kaffeekannen! Sie stehen über mir und neben mir. Die Regale an den Wänden und in den Schränken biegen sich. Die Fensterbänke sind dicht vollgestellt. Beistelltischchen ächzen unter der Porzellanlast.







Auch auf dem Kaminsims stehen sie! Exakt aufgereiht wie eine Armada, Tüllen links, Henkelgriffe rechts. Jetzt sind es 275 an der Zahl! Die Enkelkinder Merle und Malte haben sie gezählt. In allen Räumen des Hauses das gleiche Bild. Nur die Objekte unterscheiden sich in Größe, Form und Dekor voneinander. Hersteller und Porzellanmarken sind für Helga Schall und Rauch. Außer Meißner ist hier alles vertreten. Aber ihr Gespür dafür, dass in jeder der Kannen ein Stück Familiengeschichte ihrer Vorbesitzer stecken könnte, macht sie immer wieder neugierig. Helga liebt Menschen – Menschen und ihre Geschichten!

Helgas Sammelleidenschaft ist bis heute ungebrochen. Wer ihr eine Kaffeekanne bringt, erwirbt den Anspruch auf eine persönliche Einladung zum Kaffeeklatsch unter Kaffeekannen. Dazu gibt es selbstgebackene Trümmertorte. Die gelingt Helga am besten. Wer es nicht süß mag, bekommt von Ehemann Detlef selbstgebackenes Weißbrot mit Käse.

Der Duft von frischem Kaffee krönt die gemütliche Atmosphäre des Hauses. Aus welcher Kanne wird sie mir den Kaffee einschenken? Helga ist mit ihren 77 Jahren eine top-moderne Frau. Sie schmunzelt: „Wir wollen ihn doch heiß trinken“, und greift zu ihrer auf Hochglanz polierten Thermoskanne!

Eine Wunde, die nie heilen wird 

Ja, Helga steht dazu, was sie anfangs gesagt hat: Sie liebt Menschen, Menschen und ihre Geschichten. Obwohl Menschen ihr und ihrer Familie unvorstellbares Leid zugefügt haben!

Sie macht den Versuch, in Gegenwart von Ehemann Detlef ihre Familie vorzustellen. Zunächst spricht Helga von zwei Kindern, von Tochter Angela und Sohn Stefan und natürlich von ihren vier Enkelkindern. Nach kurzem Zögern legt sie das gerahmte Foto ihres mit 32 Jahren in Flensburg ermordeten Sohns Oliver auf den Tisch. „Er wird immer zu uns gehören, solange wir leben“, sagt sie. Deshalb will sie noch einmal daran erinnern, was vor 21 Jahren in Mürwik passiert ist.

Oliver betrieb den Kiosk an der Mürwiker Straße/Ecke Swinemünder Straße. Als er am Karfreitag im April 1995 mit seiner Tageseinnahme zu Hause in seiner Wohnung angekommen war, geschah die Tat. Aus einer spielsüchtigen, fünfköpfigen Bande von osteuropäischen Männern im Alter zwischen 19 und Mitte 20 – unter ihnen drei Brüder – war der jüngste der Männer Oliver Nissen in dessen Wohnung gefolgt. Das war nicht weit von dem Kiosk entfernt. Der Fremde, vielleicht sogar ein Kunde, erstach Oliver, nahm das Geld an sich und entsorgte das ausgeplünderte Portemonnaie am Straßenrand. Der Täter wurde über die Spurensicherung sehr schnell gefasst!

Meiereistraße und Schwarzental

Schon vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs hatten Helgas Eltern, die Eheleute Carstensen, ihre Landwirtschaft im holsteinischen Kollund aufgegeben. Sie waren nach Flensburg in das große Mehrfamilienhaus Meierei-
straße 17 gezogen. Als Helga am 25. September 1939 in der Diako zur Welt kam, war ihr Vater schon in den Krieg eingezogen. Der gelernte Landwirt war zu den Pferden abkommandiert worden. Die haben ihn bis Frankreich begleitet. Helga wuchs in den ersten elf Jahren ihrer Kindheit in der Meiereistraße auf. Die endet bei der Hausnummer 17. Hier hat sie gewohnt. Scharf im rechten Winkel beginnt gleich hinter ihrem Haus Schwarzental. Diese Straße endet in einer Sackgasse. Durch den damals pulsierenden Meiereibetrieb und die große Kasernenanlage, die am Ende der Meiereistraße heute noch durch ein Tor abgesperrt wird, ist die schlichte in das Schwarzental geduckte Wohngegend sicherlich etwas aufgewertet worden. So gut sich Helga zurückerinnern kann, lief der Meiereibetrieb auf Hochtouren. Die Bauern brachten die Milch mit Pferd und Wagen, mit Dreirad-Autos und Handwagen zur Molkerei.

Es war ein Kommen und Gehen. Helga spult viele Erinnerungen über ihre Sinne ab. Sie hat heute noch das schrille Aneinanderschlagen der Milchkannen in den Ohren. Und in der Nase den Schweißgeruch der dampfenden Pferde, gepaart mit dem strengen Geruch von frischen Rossknödeln. In dem Gebäude der ehemaligen Meierei befindet sich heute die Fatih Moschee.

Die Meiereistraße und Schwarzental waren ideale Spielstraßen für die vielen Kinder, die dort aufwuchsen. Sie spielten in zwei Parteien – exakt voneinander getrennt nach dem Verlauf der beiden wirklich sehr kurzen Straßen. Auch in den Höfen hinter den Häusern waren für die jeweiligen Mieter Spielplätze angelegt. Echte Freundschaften aber wurden nur im eigenen Revier geschmiedet. Ernsthafte Straßenkämpfe habe es nie wirklich gegeben, erinnert sich Helga. Wenn Pindopp-Schlagen mit dem langen Bindfaden am Stock angesagt war, zogen die Kinder mit ihren Peitschen auf den asphaltierten Meierei-Vorplatz. (Der ist heute überbaut). Niemand hat die Kinder dort weggejagt. Wobei die Milchwagen natürlich immer Vorfahrt hatten!

Eine Wohnung mit Toilette – das war großer Luxus

Die Wohnungen in den Mehrfamilienhäusern in der Meiereistraße zogen sich über drei Etagen in die Höhe. Sie waren für damalige Begriffe modern und besonders begehrt, weil sich die Toiletten innerhalb der Wohnungen befanden.

Überall in den benachbarten Straßen waren die Toiletten noch auf halber Treppe oder gar auf dem Hof. Jeweils drei Mietparteien einer Etage teilten sich das Klo auf halber Treppe. Um es zu erreichen, ging es bei Tag und Nacht immer eine halbe Treppe abwärts durchs Treppenhaus. Ein Badezimmer hatten die Häuser aber noch nicht. Es war in den Familien üblich, dass immer samstags die große Zinkbadewanne in die Küche gebracht wurde. Auf dem Kohleherd stand der Kessel mit dem heißen Wasser. Die Reihenfolge zum Baden war festgelegt. Die Jüngsten zum Schluss! Helga genoss bis nach Kriegsende das Privileg des Einzelkindes. Dann erst bekam sie einen 10 Jahre jüngeren Bruder!

Während der Kriegs- und Nachkriegszeit war die Bewirtschaftung eines Schrebergartens Strategie gegen den Hunger. Kartoffeln, Gemüse und Obst wurden angebaut. Der Schrebergarten von Helgas Eltern war in „Der Stillen Liebe“ an der Marienhölzung. Der Vater, wie fast alle Väter, war im Krieg. So schleppten Helgas Mutter und die Oma nicht nur ihre Ernte über mehr als 3 Kilometer weit durch die Stadt. Von Frühling bis Herbst hieß es: Säen, Pflanzen, Gießen, Hacken und Ernten. Die Wege wurden zu Fuß zurückgelegt. Helga musste immer mit!

Am liebsten fuhr Helga mit der Straßenbahn zur Oma in die Glücksburger Straße

Oma Anna wohnte im Hinterhof, Glücksburger Straße 50a. Sie war über 25 Jahre als Kannenwäscherin in der Adelbyer Meierei beschäftigt. Helga liebte ihre Oma über alles. Dreimal in der Woche und an den Wochenenden trat die damals Fünfjährige, ganz allein, die weite Fahrt mit der Straßenbahn von der Haltestelle Ecke Apenrader Straße/Bauer Landstraße an. Die Haltestelle war direkt vor der Villa der Kaufmannsfamilie Egehave. Die betrieb ein Wäsche- und Kurzwarengeschäft in der Neustadt. Helga fuhr für 10 Pfennige bis zum damaligen Bremer Platz (heute St. Jürgen Platz). Von da lief sie zu Fuß weiter, vorbei an der Adelbyer Meierei bis zu Oma. Wenn in der Straßenbahn alle Plätze besetzt waren, stand das kleine Mädchen selbstverständlich für einen erwachsenen Fahrgast auf. Das war ganz normal.

Aus reiner Neugier fuhr Helga manchmal auch eine Station weiter bis zum Kindergarten am Adelbyer Kirchenweg. Dort stieg sie aus, drückte ihre Nase gegen die Fensterscheiben, um zu sehen, was da los war. „Da kamen Sehnsüchte nach einer für mich unerreichbaren Welt auf “, erinnert sie sich. „Als ganz normale Leute hatten wir nicht das Geld für den Kindergarten. Das hatten mir meine Eltern erklärt. Und damit habe ich mich abgefunden!“ Aber, sie hatte ja ihre geliebte Oma Anna, bei der sie sogar schlafen durfte. Wenn die noch auf Arbeit war, schaute ihr Helga beim Kannenwaschen zu.

Zu Fuß nach Ostseebad

Die Schwarzentaler Kinder rotteten sich mit denen von der Meiereistraße zusammen – und auf ging’s nach Ostseebad. Zu Fuß! In ihrem Badebeutel hatte Helga eine Flasche mit Zitronensaft, ein Klappbrot mit Margarine und Salz! Das schmeckte wunderbar. Aber Schwimmen hat sie in Ostseebad nicht gelernt. Der Schwimmlehrer hatte sie einmal ins Wasser geschubst. Der Schock saß tief. Erst mit 13 Jahren hat sie dann in der Mergelkuhle an der Dänischen Hochschule in Jarplund Schwimmen gelernt. Ohne Schwimmlehrer. Todesmutig und ohne Schwimmreifen hatte sie sich eines Tages einfach aufs Wasser gelegt und war unter den Augen vieler Gaffer einfach losgeschwommen!

Sport auf amtsärztliche Verordnung

Nach einer amtsärztlichen Untersuchung der Zweitklässlerinnen hatte der Schularzt fast ausnahmslos allen Mädchen dringend empfohlen, Sport zu treiben. Helga erinnert sich, dass viele ihrer Klassenkameradinnen zum FTB gegangen sind. Helgas Mutter meldete ihre Tochter in der Gymnastik-, Tanz- und Ballettschule Otto Heuser, Am Nordermarkt an, wo sie zweimal pro Woche trainieren konnte. Das war für Helga eine glückliche Zeit!

1951: Umzug nach Jarplund und Schulwechsel

Mit dem Umzug von der Meiereistraße ins eigene Haus nach Jarplund veränderte sich für die damals elfjährige Helga das Leben total. Es ging von der Stadt aufs Land! Als Erstes musste sie ihren Sport bei Otto Heuser aufgeben.  Helga hatte bislang die Ramsharde Mädchenschule in der Bauer Landstraße besucht. Die Jungs wurden, getrennt von den Mädchen, in eigenen Räumen unterrichtet. So gab es auch zwei nach Geschlechtern getrennte Pausenhöfe. Durch die vielen Flüchtlingskinder platzten die Klassenräume aus allen Nähten. Wegen der drangvollen Enge wurden zwei große Baracken auf dem Schulhof aufgestellt.

Helga erinnert sich, dass sie nach 1945 in der Turnhalle mit ihrem Blechgeschirr zum Essenempfang anstehen musste. Für sie unvergessliche Höhepunkte bei der Schulspeisung waren die Tomatensoße auf Nudeln und eine sehr helle Schokoladensuppe, die wirklich auch nach leckerer Schokolade geschmeckt hat. Die erste Schokolade in ihrem Leben! Die betörenden Gerüche der Speisen hat Helga bis heute in der Nase. Und sie spürt noch immer das warme Kochgeschirr in ihren Händen!

Der Umzug nach Jarplund und die Einschulung auf die Jarplunder Schule wurden für Helga zum Schlüsselerlebnis. Sie war von einer ganz normalen achtklassigen Volkschule in Flensburg auf eine einklassige Volkschule in Jarplund umgeschult worden. Dort gab es für alle acht Klassen einen Klassenraum und zwei Lehrer: Jens Sönnichsen und eine Handarbeitslehrerin!

Jarplund gehörte zum Kirchspiel Oeversee. Helga wurde von Pastor Grell konfirmiert. Als Kind hatte sie sich in der St.-Petri-Kirche in der Bauer Landstraße zu Hause gefühlt. Sie war oft ganz allein in die Kirche gegangen. Nun wurde sie, ihrem Gefühl nach, in der Fremde konfirmiert. Sie trug ein schwarzes Taftkleid und ihre ersten schwarzen Nylonstrümpfe mit Naht – an Strippen gehalten. Die Jungs trugen ihre ersten langen Hosen. „Ich sah aus wie zu meiner eigenen Beerdigung“, sagt Helga, ohne sich ein Lächeln abringen zu können.

Nur Einser Noten im Abgangszeugnis

Auf Empfehlung ihres Lehrers wollte Helga über den zweiten Bildungsweg Deutsch- und Sportlehrerin werden. Das wäre damals für Begabte auf der Jahnschule, auf der Medau Schule oder an der PH in Flensburg möglich gewesen. Die erste Hürde zum Besuch der Höheren Handelsschule hatte Helga mit der Aufnahmeprüfung unter 80 Bewerbern bereits genommen. Von dem Ergebnis aber wusste sie so schnell noch nichts. Um auf Nummer sicher zu gehen, war sie zeitgleich von ihrem Vater zu einem Bewerbungsgespräch für eine Lehrstelle als Schuhverkäuferin auf dem Holm in Flensburg gedrängt worden. Als von dort umgehend die Zusage für eine dreijährige Lehre kam, unterschrieb der Vater den Lehrvertrag und stellte seine Tochter vor vollendete Tatsachen. Am gleichen Tag steckte die Zusage zum Besuch der Höheren Handelsschule im Briefkasten. Helga war überglücklich und überzeugt davon, eines Tages eine gute Lehrerin zu sein. Ihr Vater tobte. Er erklärte seiner Tochter die Bedeutung und Tragweite einer Unterschrift.

Er hatte als Vater für seine unmündige Tochter die Unterschrift unter den Lehrvertrag gesetzt. Helga war außer sich vor Enttäuschung. Sie stieg weinend in die Straßenbahn und fuhr ziellos kreuz und quer mehrmals von Ostseebad bis Mürwik und wieder zurück. Erst als sie nicht mehr weinen konnte, stieg sie aus.

Überland-Kino in Frörup

Wenn im Krug Kino angesagt war, radelten die Jugendlichen aus allen Himmelsrichtungen herbei. Einige kamen auch mit ihren Motorrollern. Nur ein Bauernsohn fuhr schon mit seinem Auto vor. Das war grün und hatte weiße Bereifung. Er parkte den Wagen vor dem Krug, und alle Kinobesucher staunten. Wenn der Vorführer mit der Vorstellung begann, waren die Tische beiseite geräumt und die Stühle in Reihen aufgestellt. Die große Leinwand stand vor der Bühne. Nachdem das Kino aus war, wurde die Saalmitte zum Tanzen freigeräumt und der Wirt legte die Platten auf. Auf einer dieser beliebten Veranstaltungen hat Helga ihren späteren Ehemann Detlef kennengelernt. Sie war damals 15 und er 17 Jahre alt. Da Helga mit ihrem Fahrrad pünktlich um 22:00 Uhr zu Hause sein musste, Detlef aber schon einen Motorroller besaß, fuhren die beiden im Schlepp über die einsame Landstraße von Frörup bis nach Jarplund. Dabei lag Helgas linke Hand auf Detlefs rechter Schulter – ihre rechte Hand am Fahrradlenker. Drei Jahre später haben sich die beiden verlobt. Als Helga 21 Jahre alt war, hat sie ihren Detlef geheiratet. Das ist jetzt 58 Jahre her. Beide wünschen sich, im Jahre 2019 das Fest ihrer Eisernen Hochzeit bei guter Gesundheit feiern zu können!

Detlef hat bei der Bundesbahn den Beruf des Bauschlossers gelernt. Später hat er viele Jahre als Dampflokomotivführer gearbeitet. Wenn er seine Dampflok über die Gleise durch Barderup lenkte und die Lok pfiff und tutete, winkte Helga von der oberen Etage ihres Hauses mit dem Handtuch. Inzwischen sind die Büsche hochgewachsen und Detlef in Pension!

Zweimal im Jahr ist Klassentreffen 

Zwölf ehemalige Mitschülerinnen von der Ramsharde-Mädchenschule treffen sich bis heute zweimal im Jahr reihum zu aktuellen Gesprächen über Wirtschaft, Politik und Familienangelegenheiten. Am Ende ihrer Sitzungen könnten die Damen bedenkenlos einige Regierungsposten übernehmen. Helga jedenfalls ist dieser Meinung!

Das Gespräch mit Helga Nissen führte Renate Kleffel 

Das mag ich
Das mag ich Ich liebe es Ich muss lachen Einfach WOW! Das macht mich traurig Das macht mich wütend

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