Till Fuder, Eyke-Alexander Bittner und Martin Beer
Till Fuder, Eyke-Alexander Bittner und Martin Beer vorm Technischen Rathaus

Till Fuder (28), Eyke-Alexander Bittner (28), Martin Beer (29) und Simone Mohrhof-Arp. Jung genug, um mit einiger Sicherheit das Erreichen der hochgesteckten Klimaschutzziele der Stadt noch zu erleben. Pünktlich zum Eintritt ins Rentenalter werden die Mitglieder des neuen städtischen Projektteams wissen, ob aus den Visionen von 2010 Realität geworden ist.
In 36 Jahren soll die Stadt CO2-neutral sein, bis 2020 ihren CO2-Ausstoß um  30% reduziert haben.
Für die Mehrheit der Flensburger sicher ein abstraktes Zahlenspiel, letztendlich auch für die Fachleute. CO2, als „Treibhausgas“ bekannt, soll mitverantwortlich sein für den Klimawandel, die weltweite Erhöhung der Temperatur, das Schmelzen des Polareises, die Erhöhung des Meeresspiegels, die Ausweitung von Wüsten in Teilen der Welt und die Veränderungen von Tier- und Pflanzenwelt auch bei uns.
Weltweit, global sind die Auswirkungen, auch die Ursachen und Verursacher. Wie, fragt sich der Laie, kann eine kleine „Inselwelt“ wie Flensburg sich gegen diesen globalen Trend stemmen?
Eine Reduzierung des Treibhausgases bei uns hat auf die Gesamtbilanz des Globus so gut wie keine Auswirkung. Solange große Industrienationen, gerade aber auch Schwellenländer den Schwerpunkt auf weitere industrielle Expansion, wachsenden Konsum und mehr Mobilität ihrer Bevölkerung setzen, scheinen wir als David gegen Goliath, oder als gallisches Dorf gegen den Rest der Welt anzukämpfen – aussichtslos.
Aussichtslos? Nicht ganz! Unser Vorteil: Wir leiden nicht, wie etwa viele Länder der sogenannten 2. und 3. Welt, an Hunger oder dem Hunger nach mehr Wohlstand. Im Gegenteil. Wir haben in vielen Bereichen Überversorgung, mehr als genug Nahrung, mehr technische Mobilität, als uns gut tut, wir frieren im Winter nicht und wissen inzwischen nicht wohin mit der bei uns erzeugten Energie. Wir haben demnach den Spielraum, unsere Konsumgewohnheiten zu überdenken, haben die Ressourcen, uns Gedanken über die Nachhaltigkeit unseres Handelns zu machen, genug technisches Know-how, um für uns selbst, aber auch andere Lösungen zur Verbesserung etwa des Klimas zu entwickeln, Vorbild und Vorreiter zu sein.

Mit dem Klimapakt wurde 2010 ein Anfang gemacht







In mehr als einem Dutzend Workshops fanden sich Wissenschaftler, Bürger der Stadt und rund 50 lokale Organisationen, darunter viele Firmen, zusammen, um ein Ziel zu formulieren, das besagte Klimaschutzziel bis 2050. Schwergewicht in der Runde sind die Stadtwerke. Sie sind noch immer von fossilen Brennstoffen, der Kohle abhängig. Kohle aber produziert bei ihrer Verbrennung große Mengen CO2.
Die CO2-Freisetzung wäre an sich kein Problem, wären – global – genug Pflanzen da, die dieses Gas „einatmen“ und u. a. in Sauerstoff verwandeln würden.
Daher ist die Verbrennung von Holz in diesem Sinne unproblematisch. Im Idealfall wächst für jeden gefällten Baum ein neuer nach.
Die Pflanzen jedoch, die in Urzeiten sich zu Kohle, Erdöl und Erdgas verwandelten, haben keine „Nachkommen“, die das nun freigesetzte Gas wieder aufnehmen könnten. Der natürliche Kreislauf von CO2-Freisetzung und –aufnahme ist unterbrochen.
Ein völliger Ersatz der Kohle, des Erdöls durch nachwachsende Rohstoffe ist unrealistisch. Die produzierten Mengen reichen nicht aus. Wind und Sonnenenergie, an sich unbegrenzt vorhanden, lassen sich nicht wirtschaftlich speichern, noch nicht.
Also gibt es zur CO2-Reduzierung  nur zwei Lösungen: Bessere Ausnutzung der Rohstoffe, besser noch: Verminderung des Verbrauchs.
Jetzt kommen die vier Klimaschutzmanager ins Spiel. Sie sollen, ausgehend von einem „Masterplan“, konkrete Schritte zu praktischen Lösungen erarbeiten. Das wird die Gruppe voll fordern. Denn sie hat – nur – zweieinhalb Jahre Zeit, ihre Vorstellungen umzusetzen oder zumindest Projekte anzuschieben. 2016 bereits läuft ihr durch staatliche Förderung und städtische Mittel finanzierter Vertrag aus. Bis dahin „sollen sie liefern“. An Engagement und Sachkenntnis mangelt es nicht.

Pläne und Projekte

Till Fuder ist Wahl-Flensburger, geboren in Braunschweig, studierte u. a. bei Prof. Olav Hohmeyer „Energie- und Umweltmanagement“. Till Fuder lebt seine Ideen, wohnt mit anderen auf einem Hof in Jarplund-Dorf und fährt mit dem Fahrrad zu seinem Arbeitsplatz im Technischen Rathaus.
Eyke-Alexander Bittner stammt ebenfalls aus Braunschweig, studierte an der FH in Lübeck, ist Umweltingenieur. Er setzt auf Kommunikation, braucht den Kontakt mit Menschen, will Überzeugungsarbeit leisten und die Bürger anregen „selbst aktiv zu werden“.
Martin Beer ist gewissermaßen, wenn auch erst 29, der Senior in der Gruppe. Er war bereits Klimaschutzmanager der Stadt. Studiert hat er in Flensburg, war Wissenschaftlicher Assistent bei Prof. Hohmeyer und kennt inzwischen die Verwaltungsstrukturen der Kommune.
Kenntniss der Verwaltung hat auch Simone Mohrhof-Arp. Sie soll das Projekt innerhalb der städtischen Verwaltung koordinieren.
Die Büroräume des Viererteams atmen noch den Geist des Provisorischen. Keine Pläne an den Wänden, die Schreibtische noch mit der Funktion einer Ablage. Doch inhaltlich sind die Vier gut präpariert. Der Masterplan gibt die Ziele vor, die sie jetzt umsetzen sollen und dürfen.
Entscheidend wird es sein, die Bürger, Entscheider und Gewerbetreibenden der Stadt mitzunehmen. Das Beharrungsvermögen vieler Menschen ist groß. „Tut das Not?“ und „Bruk wi dat?“ ist nicht nur am Stammtisch zu hören.
Ein Unternehmer drückt das gewählter aus. „Welche Auswirkungen hat etwa eine Investition in Energiesparmaßnahmen auf die Wirtschaftlichkeit meines Unternehmens, und zwar heute, morgen – und nicht erst 2050.“
Insbesondere kleine und mittlere Unternehmen, vor allem Neugründungen haben kaum Ressourcen für Investitionen, die erst auf lange Sicht, auch dann nicht garantiert, und schon gar nicht nur ideelle Wirkung haben.
Die Klimaschutzmanager haben sich einen Partner gesucht, die Wirtschaftsjunioren, in der Hoffnung, genau diese jungen Unternehmer für langfristige Ziele zu begeistern. Als konkretes „Produkt“ ist ein Klimaschutz-Siegel im Gespräch.
„Das Siegel ist bewusst unterhalb der schon bekannten Zertifizierungen angesiedelt. Zertifizierungen, wie die ISO-Norm oder andere Umweltsiegel, sind sehr formalisiert und kostenintensiv.“
Das Siegel soll vielmehr ein Anreiz sein, in einem unternehmerischen Netzwerk Normen zu setzen, möglicherweise sich damit auch einen Konkurrenzvorteil zu verschaffen. Vor allem aber soll es sensibel machen für mögliche Energieeinsparungen durch technische Lösungen, aber auch konkrete Verhaltensmaßnahmen.
Eine Verhaltensänderung erhoffen sich die Vier auch mit einem Projekt, dass sich speziell an Mieter von Genossenschaftswohnungen wendet. Ihnen soll durch direkte Beratung gezeigt werden, wie sie Energie in ihrem Haushalt einsparen können, und das ohne Komfortverzicht.
Technische Hilfen, aber auch Änderungen der Gewohnheiten vermindern den Energieverbrauch, zum Nutzen der Umwelt und zur Entlastung des Geldbeutels.
Es sind die – eigentlich – hinreichend bekannten Empfehlungen:
Licht aus beim Verlassen des Zimmers, Abschalten von elektronischen Geräten (keine Stand-by Funktion), Wasser mit dem elektrischen Wasserkocher erhitzen statt auf der Herdplatte u.s.w.. Nichts Neues, könnte man meinen. Tatsache aber ist, dass diese Möglichkeiten mangels Einsicht und Weitsicht noch wenig genutzt werden. Ein „Guide“, der vor Ort zeigt, wie es geht, möglicherweise sogar Ängste abbaut, könnte helfen.
Erfolg hier könnte sich herumsprechen und andere Privathaushalte zu Verhaltensänderungen anregen.
Gemeinsam mit AKTIV-BUS steht ein umfassendes Projekt direkt vor der Umsetzung. Schon Mitglieder des Klimapaktes werden den Anfang machen. An exponierten Plätzen der Stadt wird man „seinen“ Wagen nutzen können. Ein Modell, das in den Großstädten bereits Verbreitung findet. Flensburg ist – eigentlich – für einen Anbieter des Car-Sharing zu klein, wirtschaftlich nicht attraktiv. Eigentlich! Doch Stadt und Betriebe bieten den Anbietern ein „Leckerli“. Sie versprechen, die Fahrzeuge für den Dienstbetrieb zu nutzen. Das sichert eine Grundauslastung. Ziel aber ist es, umliegende Bewohner zu motivieren, das „Teilen eines Autos“ zu testen und den Nutzen zu erkennen.
„Wenn das Car-Sharing Fahrzeug nur das eigene ersetzt, ist für den Klimaschutz nichts gewonnen. Ziel muss es sein, auf lange Sicht Menschen zu motivieren, auf die Anschaffung eines eigenen Fahrzeuges zu verzichten.“
Das ist ohne Zweifel eine „Attacke“ auf der Deutschen liebstes Kind, das eigene Auto.
Möglicherweise sind es ökonomische Anreize, etwa wegfallende Fixkosten, die dieses Modell für eine größere Zahl von Bürgern attraktiv machen könnte.
An diesem Beispiel wird deutlich, welche Aufgaben dem Klimaschutzteam vor allem bevorstehen: Überzeugen, überzeugen, überzeugen.
Die hehren Ziele des Paktes erfordern in vielen Bereichen ein zuweilen radikales Umdenken, eine Änderung liebgewordener Gewohnheiten, eine Abkehr von Routinen.
Simone Mohrhof-Arp, Till Fuder, Eyke-Alexander Bittner und Martin Beer haben die Chance die Früchte ihrer Arbeit noch zu Lebzeiten zu ernten.

Bericht: Dieter Wilhelmy, Fotos: Benjamin Nolte 

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