Das Ohm’sche Gesetz, Parallel- und Reihenschaltung, Gleich- und Wechselstrom – Erinnerungen an den Physik-
unterricht der Schulzeit tauchen aus dem Dunkel des Vergessens auf. Wir stehen vor mannshohen Schaltschränken in einer Fertigungshalle von Bilfinger GreyLogix in der Conrad-Röntgen-
Straße. Elektriker, heute heißen sie Elektroniker für Betriebstechnik oder für Informations- und Systemtechnik, montieren Bauelemente in mannshohen Schaltschränken, penibel nach Plänen, die von Systementwicklern und Konstrukteuren nach Kundenwünschen entwickelt wurden. Und die Kunden sind die großen ihrer Branchen, Kraftwerksbetreiber, Offshore Gas- und Ölförderer, Nahrungs- und Genussmittelproduzenten, Chemieunternehmen, Raffinerien und die Pharmaindustrie.
Deren Anlagen müssen gesteuert werden, Tag und Nacht möglichst fehlerfrei arbeiten, gewartet und auf den neuesten technischen Stand gebracht werden.
Wo noch vor Jahrzehnten mechanische Hebel von Hand umgelegt wurden, Relais lautstark den Strom umlenkten, funkenschlagende „Schütze“ den Strom schalteten, haben die kleinen grauen Kästen, (un)sinnigerweise „Blackboxes“ genannt, die Macht übernommen. Die Miniaturisierung hat auch die Schalt- und Steuertechnik erobert. Und dennoch entdeckt man in den Schaltschränken bei GreyLogix noch Kabel und kupferne Leiterbahnen.
„Starkstrom kann man eben noch nicht digital übertragen“, sagt der Produktionsleiter.

Es begann in der
Lise-Meitner-Straße











Das Know-how zum Start der Flensburger Produktion brachten zum Jahrtausendwechsel zwei Absolventen der Fachhochschule, Gerd Witzel und Lars Malter mit. Im Technologiezentrum in der Lise-Meitner-Straße – wo sonst – mieteten sie Räume, schon bald noch mehr Räume, bis 2007 der „Technologiekindergarten“ zu klein wurde und sie ihr neues Domizil in der Conrad-Röntgen-Straße bezogen.
Die Firmengründer waren nicht nur gute Ingenieure, sondern besaßen auch die Fähigkeit, ihre Ideen zu vermarkten. GreyLogix wuchs in wenigen Jahren zu einem Großbetrieb mit Niederlassungen in ganz Deutschland, Österreich, den Niederlanden und Dänemark. Über 500 Mitarbeiter, davon fast 450 Ingenieure und rund 40 Auszubildende und fast 100 Studenten in der dualen Ausbildung. Insbesondere die Investition in Ausbildung hat System. Die Ingenieure der Fachhochschule, so klagt der GreyLogix-Chef Lars Malter in einem Interview, kommen oft mit mangelnden praktischen Kenntnissen in die Betriebe. Viel theoretisches Wissen, das aber mit den Anforderungen der industriellen Produktion oft nicht zusammenpasst. Die Lösung heißt: Duale Ausbildung. In der Conrad-Röntgen-Straße hat das Unternehmen ein eigenes Ausbildungszentrum errichtet. Sowohl Azubis als auch Hochschulstudenten lernen hier betriebsnah. Für die Fachhochschüler heißt das: Das erste Jahr wird im Betrieb ausgebildet. Die Studis lernen dabei nicht nur die eigene Produktion kennen, sondern gehen mit zu den Kunden, erleben eine Vielzahl unterschiedlicher Betriebe in In- und Ausland. Im zweiten Jahr folgt die Theorie an verschiedenen Fachhochschulen im Lande. Hier in der Region sind das die Hochschule Flensburg und die FH Westküste. 4 ½ Jahre dauert die Ausbildung in der Regel und endet mit einem Abschluss als Bachelor of Science.
Die Azubis lernen in der Regel 3 ½ Jahre die Grundlagen von Elektro- und Informationstechnik in Betrieb und Berufsschule. Wer hier besteht, hat gute Chancen im Betrieb übernommen zu werden, denn der Markt an guten Fachleuten wird zunehmend knapp. Betriebe, die nicht selbst ausbilden, stehen jetzt schon häufig ohne Bewerber da.
Unverständlich, wenn man sieht, wie vielfältig und damit spannend das Arbeiten bei den Flensburgern sein kann.
Wenn es um Innovationen mit Zusammenhang mit der oft zitierten „Industrie 4.0“ geht, liegen die Flensburger Entwickler ganz vorne. Dabei geht es um die Verzahnung der industriellen Produktion mit modernster Informations- und Kommunikationstechnik, bis hin zur Simulation ganzer Kraftwerke. Nicht zuletzt verleiht die Energiewende innovativen Unternehmen einen neuen Schub.
GreyLogix ist nicht nur Anlagenplaner und –bauer, sondern bietet seinen Kunden ein Gesamtpaket an Leistungen. Automatisierungslösungen, Anlagenplanung, Projektmanagement, Anlagenbau und Inbetriebnahme, Wartung und schließlich die rechtssichere Dokumentation. Gerade beim Bau von Energieanlagen, etwa Kraftwerken, wird die Bedeutung dieses Ineinandergreifens der verschiedenen „Gewerke“ deutlich. Jeder Störfall wird heute zum Politikum und der Betreiber steht in der Pflicht, detailliert zu beweisen, was er wie zur Vermeidung oder Beseitigung des Problems unternommen hat. Gleiches gilt für die Nahrungs- und Genussmittel wie auch die Pharmaindustrie. Eine verschmutzte und nicht beseitigte Flasche bei der Bierherstellung kann dem Unternehmen Umsatz und Ansehen kosten, ein fehlerhaft verpacktes Medikament ein Menschenleben. Nullfehlertoleranz ist das Ziel.

Die Grenzen des Wachstums

GreyLogix hatte mit dem Energieunternehmen EON einen starken Partner. Die Flensburger bauten für das Unternehmen Steuerungsanlagen, nicht zuletzt für Atomkraftwerke, etwa Isar I in Bayern. Der Bau neuer Anlagen war mit dem Atomausstieg kein Thema mehr. Zuletzt betrug der Umsatz mit dem Energieriesen nur noch 5% vom Gesamtumsatzvolumen. Die Trennung war damit vorprogrammiert. GreyLogix suchte nach einem neuen, starken Partner und fand ihn nach langen Verhandlungen in dem Technologieunternehmen Bilfinger. 2013 übernahm Bilfinger die EON-Anteile und auch Rechte der beiden Firmengründer Gerd Witzel und Lars Malter. Bilfinger ist einer der ganz Großen unter den Industriedienstleistern und international vorwiegend für die Energiewirtschaft tätig. Die GreyLogix-Gründer waren überzeugt, dass sie mit dem neuen Partner auch das eigene Wachstum steigern könnten.

Wissen, was der andere denkt

Trotz der Übernahme bewahren die Flensburger ihre Eigenständigkeit und unternehmen viel, um das Zusammengehörigkeitsgefühl und den Teamgeist der Mitarbeiter zu stärken. Dazu holten sie sich, so ungewöhnlich wie überdacht, einen Marketingspezialisten vom…Theater. Nils Meßner arbeitete in Hamburg als Marketingleiter eines Theaters. Das Angebot lockte ihn von der Bühnenwelt Hamburgs an die Förde. Gerade, weil er kein Techniker ist, kann er frei von Betriebsblindheit das Unternehmen überzeugend nach außen vertreten und neue Impulse für die innere Kommunikation geben. Seit neuestem treffen sich interessierte Mitarbeiter zur After-Work-Party in der neu gestalteten Event-Lounge auf dem Firmengelände. Besonders liegt Nils Meßner der Gedankenaustausch zwischen den „Kopfmenschen“, den Entwicklungsingenieuren, und den „Handwerkern“, den Technikern aus der Produktion, am Herzen. Das, was am Computer entworfen wird, muss in der Praxis Bestand haben. Die Rückmeldung ist enorm wichtig, sagt der Marketingleiter und Sales Manager. Was auf dem „Reißbrett“ entworfen würde, müsse auch praktisch umgesetzt werden. Im Umkehrschluss heißt das: Die Praktiker sagen den Planern, was geht und was nicht. Der Gedankenaustausch zwischen den einzelnen Abteilungen helfe, die Effektivität und Effizienz zu steigern.
Die Größe und Vielfalt des Betriebs erfordern eine intensive Kommunikation. Die vier Geschäftsbereiche (Business Units) des Unternehmens arbeiten, so sagt Nils Meßner, relativ selbständig. Anlagensteuerungen für die Nahrungs- und Genussmittel-, die Energie- und Umwelt-, die Chemie- und Pharma- und schließlich die Öl- und Gasindustrie sind die Schwerpunktbereiche. Den Austausch von Wissen, Können und Ideen zu organisieren, ist mit eine Aufgabe des „Kommunikators“ Meßner.
Wenn GreyLogix den Standard halten oder gar wachsen will, braucht es qualifizierte Mitarbeiter. Die Suche wird zunehmend schwieriger und erfolgt weltweit. Gute Chancen also für junge Menschen, die Kopf- und Handarbeit verbinden wollen, Interesse an zukunftsweisender Technik haben, teamfähig sind und lebenslanges Lernen nicht scheuen.

Bericht: Dieter Wilhelmy
Fotos: Benjamin Nolte

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