Die Übungseinheit der SG Flensburg-Handewitt ist beendet. Trainer Ljubomir Vranjes verlässt bereits die Duburghalle und befindet sich auf dem Weg nach Hause. Da sitzen zwei andere SG-Akteure noch auf der Bank: Jim Gottfridsson hat Gesprächsbedarf, Maik Machulla hört zu. „Es kommt häufiger vor, dass Spieler inhaltliche Fragen an uns haben“, verrät der Assistenzcoach. „Sie möchten unsere Beweggründe wissen, warum wir uns in bestimmten Situationen so oder so entschieden haben.“ Einige Profis besprechen solche Dinge lieber mit Ljubomir Vranjes, andere mit seinem Co-Trainer, der oft mehr Zeit hat.
Auf einen kurzen Nenner gebracht: Maik Machulla ist ein großer Rückhalt. Er unterstützt dort, wo es der „Chef“ braucht, um den enormen Aufwand, den eine Trainer-Tätigkeit im Spitzenbereich mit sich bringt, zu meistern. Der „Co“ unterhält sich mit Spielern, führt die Statistik, kümmert sich um ein individuelles Training einzelner Handballer oder beteiligt sich an Spiel- und Gegner-Analysen. Das ist kein Job für Freunde der Gemütlichkeit. „Ljubo lebt hohe Motivation und Arbeitsbereitschaft vor“, erzählt Maik Machulla. „Da stellt man automatisch auch große Ansprüche an sich selbst.“
Der 39-Jährige ist für den kleinen Schweden die wichtigste Bezugsperson im Handball-Business. „Ich brauche jemanden, mit dem ich mich fachlich austauschen kann, der mir aber auch sagt, wenn ich auf dem falschen Weg bin oder mir etwas zu Verrücktes ausgedacht habe“, erklärt Ljubomir Vranjes. „Maik ist mehr als meine rechte Hand. Wir pflegen ein Vertrauensverhältnis unter Freunden, die sich schon lange kennen.“
Das Duo sieht sich jeden Tag beim Training, während der Auswärtsfahrten oder bei Besprechungen. Und wenn sich beide in ihr privates Arbeitszimmer zurückgezogen haben, klingelt das Handy oder das Mail-Postfach. Immer geht es um Handball. Gerade in den englischen Wochen mit dem Mittwochs-Wochenende-Rhythmus ist das Pensum enorm. Gelegenheit für ein lockeres Beisammensein bieten nur die Nationalmannschaftspausen, in denen viele Spieler weg sind. „Dann treffen wir uns abends zum Essen, oft mit unseren Frauen“, verrät Maik Machulla. Ljubomir Vranjes beweist dann oft seine Qualitäten als Koch und tischt auf. Bald werden die beiden Familien noch enger zusammenwohnen. Zum Jahreswechsel ziehen die Machullas von der Gartenstadt nach Handewitt – nur zwei Straßenzüge vom Vranjes-Domizil entfernt.
Im Alltag sitzt Maik Machulla – wenn er den Kleinen zur Schule gebracht hat – oftmals schon um acht Uhr in seinem Arbeitszimmer. Bis 13 Uhr hat er seine produktive Phase, sichtet Mitschnitte von Spielen, sucht nach den wesentlichen Elementen der gegnerischen Taktik, wertet Einsatzzeiten aus. Die Ergebnisse bespricht er später mit Ljubomir Vranjes, sodass beim Abschluss-Training das Konzept für die nächste Begegnung steht. Die Vormittage vor den Spielen sind nicht mehr arbeitsreich, dafür wächst die Anspannung stetig. „Ab Mittag kann ich im Kopf nicht mehr abschalten“, verrät Maik Machulla. „Ab dann schaue ich im Minuten-Takt auf die Uhr und warte darauf, endlich zur Halle zu fahren.“
Als aktiver Handballer war er eine Leseratte, jetzt schaut er sich lieber mal einen Film an. „Zeit ist Luxus geworden“, erklärt der Co-Trainer mit einem Schmunzeln. Das einzige Hobby ist die Familie, mit der er gerne Ausflüge in die dänische Nachbarschaft unternimmt. „Da ist sofort ein Gefühl von Urlaub, wenn man eine andere Sprache hört und mit einer anderen Währung bezahlt.“ Generell richtet sich das private Leben aber nach Spiel- und Trainingsplänen. Doch Maik Machulla möchte nicht klagen: „Wir haben schließlich unser Hobby zum Beruf gemacht.“
Ohne Fleiß allerdings kein Preis. Bereits im Alter von 14 Jahren hatte das Talent das Elternhaus in Halle verlassen, um ins Magdeburger Sport-
internat zu ziehen. Der Rechtshänder rückte immer näher an den Bundesliga-Kader heran. Bereits mit 16 trainierte er zwei Mal die Woche mit den Profis des SC Magdeburg, mit 20 stand er im Erstliga-Kader, und mit 24 Jahren war er mittendrin im Magdeburger Meister-Jubel. Es folgten eine kurze Station in Hameln und eine Nordhorner Ära, in der Maik Machulla unter anderem Ljubomir Vranjes kennenlernte. Dieser meldete sich 2012 beim Kumpel und lotste ihn an die Flensburger Förde. Maik Machulla hatte einen Zwei-Jahres-Vertrag als zweiter Spielmacher hinter Thomas Mogensen unterschrieben. Die Einsatzzeiten auf dem Parkett blieben überschaubar, dafür rutschte er immer mehr in die Assistenten-Rolle, zumal der Routinier beim ASV Hamm schon als Spielertrainer fungiert hatte. Bald waren die Prüfungen für die Trainer-A-Lizenz und den „Master Coach“ bestanden. 2014 beendete er offiziell seine Spieler-Karriere und erhielt einen unbefristeten Vertrag als Co-Trainer. Wie ein ganz normaler Arbeitnehmer. „Er ist kein Spieler und hat eine vielfältige Aufgabenstellung, die auch in den Nachwuchsbereich eingreift“, erklärt Geschäftsführer Dierk Schmäschke. Hintergrund: Die Flensburg-Akademie und die Bundesliga haben im Sommer ihre Zusammenarbeit enger verzahnt. Maik Machulla ist in dieser Kooperation das sehr wichtige Bindeglied. „Wir stehen noch am Anfang, aber das Projekt ist sehr vielversprechend“, sagt der Co-Trainer. Eine Frage brennt noch auf den Lippen: Möchte ein Assistent nicht irgendwann auch mal in die Chefrolle wechseln? Maik Machulla erwähnt Anfragen anderer Vereine und äußert sich nicht abgeneigt über diese andere Position. Mit seinen 39 Jahren scheint er das Flensburg-Kapitel aber noch nicht schließen zu wollen. „Die Konstellation passt“, erklärt er. „Die SG ist mir ans Herz gewachsen, und wir haben uns noch viel vorgenommen.“
Text und Fotos: Jan Kirschner











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