Wer Schwedisch kann und 177 Kronen (rund 19 Euro) entbehrt hat, ist nun schlauer: Ende Juni kam die Biographie des schwedischen Handball-Stars Ljubomir Vranjes in die schwedischen Buchhandlungen. Der Trainer der SG Flensburg-Handewitt absolvierte seitdem mehr PR-Termine als Übungseinheiten. Anfang Juli reiste der 42-Jährige für einige TV-Auftritte und Interview-Wünsche nach Stockholm. Signierstunden beim legendären Partille-Cup, dem größten Jugendhandball-Turnier der Welt, und beim Beachhandball-Festival in Ahus gehörten ebenfalls zum Programm. Auf dem Tisch stand dann stets das Werk „Jeg vill bara vinna“ („Ich will immer gewinnen“).
Ein Titel, der nicht nur den sportlichen Ehrgeiz, sondern auch die Lebenseinstellung von Ljubomir Vranjes beschreibt.
Als Autoren betätigten sich die schwedischen Journalisten Christian Albinsson und Emil Schälin. Sie hatten vor einigen Jahren einen Dokumentarfilm über die schwedische Handball-Nationalmannschaft („Bengan Boys“) gedreht.
Danach startete das Duo eine Umfrage: „Über welchen Spieler wollt ihr mehr erfahren?“ Ljubomir Vranjes machte mit großem Abstand das Rennen. Eine Ehre, aus der aber auch Bedenkzeit resultierte, bis der Handball-Trainer dem Projekt zustimmte. „Wenn man ein Buch schreibt, muss man auch ehrlich sein“, wusste er. „Nun sind viele Ereignisse meines Lebens nach meiner Wahrnehmung niedergeschrieben.“
Und das Leben kennt nicht nur helle Seiten, sondern auch dunkle Phasen. Als Sohn serbischer Einwanderer wuchs Ljubomir Vranjes in Kortedala auf. Im Nordosten Göteborgs lebten viele Migranten, die Integration lief nicht immer reibungslos. Im sozialen Brennpunkt waren Gewalt und Kriminalität keine Seltenheit. Die heutige Handball-Legende gehörte einer Jugend-Gang an. Viele Freunde gerieten auf die schiefe Bahn, Ljubomir Vranjes entdeckte den Ausweg. „Der Sport“, sagt er heute, „war meine Rettung.“
Das sportliche Talent kickte und spielte Handball in Kortedala. Trotz aller Vorurteile – auf die in der Biographie ausführlich eingegangen wird – behauptete sich Ljubomir Vranjes im Rückraum. Mit seiner Größe von nur 1,66 Metern widersprach er allen gängigen Lehrmeinungen, glänzte aber immer häufiger als Spielmacher und wechselte 1989 zum Göteborger Renommierklub Redbergslids.
In den nächsten Kapiteln folgen schillernde Momente in den Trikots von Redbergslids, BM Granollers, der HSG Nordhorn und der SG Flensburg-Handewitt. Welt- und Europameister wurde Ljubomir Vranjes mit Schweden.
Er errang Olympia-Silber. „Das ist das einzige Gold, was mir fehlt“, erzählt er. „Das möchte ich irgendwann als Trainer nachholen.“ Seine Biografie gibt ferner Einblicke in die Aspekte der Team-Führung, leuchtet aber auch eine Depression aus, die dem Handball-Star in den letzten Jahren seiner aktiven Karriere schwer zu schaffen machte. „Das kann schon sehr dunkel sein“, beschreibt er. „Mit Hilfe der Familie habe ich einen Weg aus dem Tunnel gefunden.“
Insgesamt umfasst das Werk 250 Seiten. Ein paar Dinge hat Ljubomir Vranjes selbst zu Papier gebracht. Das Gros leisteten aber die beiden Journalisten, die sich über anderthalb Jahre im ruhigen Januar und in der Sommerpause mit ihrem berühmten Landsmann trafen. Dazu gesellten sich Interviews mit langjährigen Wegbegleitern. Etwa mit seiner Frau Maria, mit der Ljubomir Vranjes seit 20 Jahren durch dick und dünn geht. Oder mit Torwart Peter Gentzel, mit dem ihn eine lange Freundschaft verbindet. Oder mit SG-Gesellschafter Frerich Eilts, der stets dabei war, als Ljubomir Vranjes die Verträge in Flensburg unterschrieb.
Was die hiesigen Fans freuen dürfte: Die deutsche Übersetzung ist in Arbeit. Sie soll ergänzt werden um weitere Seiten, um die Zeit in Nordhorn und Flensburg stärker zu gewichten. „Vielleicht ist alles schon zu meinem Geburtstag am 3. Oktober fertig, sonst kommt es zu Weihnachten“, verrät Ljubomir Vranjes die Marschroute. Beim Blick auf die fertige Originalfassung beschleicht ihn ein komisches Gefühl. „Mit 42 Jahren bereits eine Biographie? Da kann ja noch so viel kommen.“ Vielleicht gibt es ja irgendwann eine Fortsetzung.
Text und Fotos: Jan Kirschner







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