Ladelund
Ladelund

Ein klarer Wintersonntag, frostig aber sonnig – ein Tag so recht geeignet für einen ausgedehnten Spaziergang. Warum ihn nicht mit neuen Erkenntnissen frönen? Es bot sich ein Angebot der evangelisch-methodistischen Kirche Flensburg an: 70 Jahre ist es her, dass sich im nordfriesischen Ladelund die dörfliche Welt nachdrücklich veränderte. Aus den Baracken des dortigen Reichsarbeitsdienstes wurde das „KZ Ladelund“, eines der berüchtigten Konzentrationslager jener Tage während des Zweiten Weltkrieges.  In den anderthalb Monaten, vom 1. November bis zum 16. Dezember 1944, war das  KZ als Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme in Betrieb – innerhalb dieser kurzen Zeitspanne starben dort 301 von insgesamt über 2000 Häftlingen. In Viehwaggons waren sie aus ganz Europa herbeigebracht worden. Regina Waack, zehn Jahre lang Gemeindepastorin in Ladelund und inzwischen Pastorin in Flensburg, sowie Prediger Samuel Liebmann luden zu einer Führung durch die Gedenkstätte Ladelund ein. Gedacht daran war auch, dass die Teilnehmer denselben Arbeitsweg der Häftlinge vom Lager entlang eines Stücks des Panzergrabens zum heutigen Dokumentenhaus am Friedhof wegen der Authentizität zu Fuß machen sollen. Erstaunlich: Um die 60 Flensburger, Männer und Frauen, schlossen sich dem „Spaziergang“ an, fuhren gemeinsam vom Gemeindehaus am Südergraben Richtung dänische Grenze nach Ladelund. Dort sollte die Stätte im Gedenken der Opfer des Nationalsozialismus besichtigt werden. Weil das KZ Neuengamme bereits komplett voll war, so berichtete die Pastorin den Flensburgern, mussten neue Außenlager geschaffen werden. Ladelund  habe sich wegen der zentralen Lage, des Bahnhofs in Achtrup, der bereits vorhandenen Transportwege und Lagers des Reichsarbeitsdienstes angeboten. Dort kampierten 250 junge Männer. Sie waren mit Entwässerungsarbeiten beschäftigt und mit dem Bau von 34 Kilometern Betonstraße parallel zur Grenze von Süderlügum bis Flensburg. Im Oktober 1944 wurde das Arbeitslager eingezäunt und mit vier Wachtürmen bestückt zum KZ Ladelund umgewandelt. In die ungeheizten Baracken zogen mehr als 2000 Häftlinge, Geiseln, Zwangsarbeiter oder Widerstandskämpfer. 600 von ihnen stammten aus den Niederlanden, aus dem Ort Putten. Angeblich hatten sie einen Anschlag auf einen höheren SS- und Polizeiführer verübt, bei einer Razzia wurden daraufhin alle Männer in Putten ab 15 Jahren und älter festgenommen und letztendlich ins KZ Ladelund verbracht. „Einer erinnert sich“, sagte die Pastorin: „Der Transport nach Ladelund dauerte ungefähr zwei Tage; wir bekamen noch eine EXTRA Ration Brot mit. Ich weiß es noch ganz genau: Wir kamen da an dem kleinen Bahnhof an und dann mussten wir, erschöpft wie wir waren, doch noch lange laufen. Dabei sind auch Menschen tot umgefallen, die später dann geholt wurden.“
Weiter: „In Husum – da in Schwesing war das erste Lager – hatten wir noch ein Bett, hier nicht mehr. Die Baracken waren alle gleich, die Umgebung nass und kalt.“ In einer der ungeheizten Barackenstuben von knapp 40 qm wurden 80 bis 120 Häftlinge einquartiert, schliefen auf dem Fußboden oder auf groben Holzgestellen, dicht an dicht, ohne Strohsäcke, ohne Matratzen. Die sanitären Anlagen spotteten jeder Beschreibung, ebenso die Küche, die hygienischen Umstände katastrophal. Ungeziefer und Krankheiten verbreiteten sich rasch, die schwere Arbeit an den tiefen Panzergräben, Prügel, Unterernährung und Schwäche sorgten dafür, dass mehr und mehr von ihnen starben.
Am 16. Dezember 1944 wurde das Lager aufgelöst, noch lebende Insassen ins KZ Neuengamme transportiert. Die verstorbenen  Opfer des Nationalsozialismus wurden neben dem Friedhof in neun Gräbern der Nähe des Dokumentenhauses von Pastor Johannes Meyer beigesetzt. Die Besucher aus Flensburg verabschiedeten sich von ihnen, indem Pastorin Waack und Prediger Liebmann dort einen Kranz nieder- legten. Liebmann erschüttert: „Mehr kann man dazu nicht sagen…“

Hedda Maue











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