DSC_5525Der Blick aus dem „Kritz“ ist ungemütlich. Vor dem Schaufenster der gastronomischen Location klatscht der Regen auf die Pflastersteine, Blätter wirbeln über den Boden. Kresimir Kozina, der neue Kreisläufer der SG Flensburg-Handewitt, stammt von der Adria. Man denkt automatisch an Sonne, Strand und Wärme. Doch die Realität ist eine andere. „Macht nichts, in Rijeka ist es derzeit auch nicht viel länger hell“, sagt der 25-jährige Kroate mit einem breiten Lächeln. „Außerdem mag ich die Vorweihnachtszeit.“ Mehrmals war er schon auf dem Flensburger Weihnachtsmarkt.
Der gefällt ihm. Eine Sache war in den letzten Tagen aber doch merkwürdig: Erstmals war er Heiligabend nicht daheim bei seiner Familie. Während es Bruder Bruno rechtzeitig aus Basel nach Rijeka schaffte, war der Bundesliga-Kalender gnadenlos. Am ersten Feiertag musste Kresimir Kozina trainieren und mit seiner Mannschaft zum Auswärtsspiel nach Lemgo reisen. Heiligabend verbrachte er allein mit seiner Freundin Petra, Fisch kam auf den Tisch.
Es war Weihnachten „light“, aber der Profi-Handballer will nicht klagen. Für ihn gab es in diesem Jahr die Geschenke bereits im Herbst. „Ich hatte zwei Träume“, verrät der 1,97 Meter große, junge Mann. „Ich wollte in die Bundesliga und in die Nationalmannschaft. Beides erfüllte sich innerhalb von zwei Wochen.“ Zunächst klopfte die SG an, dann Nationaltrainer Zeljko Babic. Nach einem Umbruch und dem Rücktritt mehrerer „alter Hasen“ war der Weg für Kresimir Kozina frei: Im November durfte er erstmals für Kroatien spielen. Als die Nationalhymne erklang, kniff er sich in den Arm: „Verrückt, dass es plötzlich alles so schnell ging.“ Nun hofft er, zusammen mit dem Melsunger Marino Maric und dem Hamburger Ilija Brozovic zur Europameisterschaft nach Polen zu fahren.
Dieser sportliche Höhepunkt ist nur die letzte Notiz eines bislang bewegten Lebens: Vor gut 25 Jahren wurde Kresimir Kozina im bosnischen Derventa geboren. Das Provinzstädtchen wurde von den Schrecken des Bürgerkriegs nicht verschont. 1993 flohen viele Kroaten aus dem Land. Die Familie Kozina landete in Witten am Rande des Ruhrgebiets. „Ich kann mich an damals nicht erinnern“, sagt der Handballer. „Aber ich kann gut verstehen, wenn Menschen heute ihre kriegsgeplagten Länder verlassen.“ Der kleine Kresimir ging in Deutschland in den Kindergarten, lernte Deutsch und wurde Fan von Borussia Dortmund. „Mit vier Jahren war ich zum ersten Mal im Stadion“, erzählt er mit leuchtenden Augen.
DSC_2810Die erste Klasse schloss er noch in Witten ab, dann zog die Familie nach Matulji, wo bereits der Großvater lebte. Das kleine Städtchen liegt in der Kvarner Bucht, nur einen Katzensprung von Rijeka entfernt. Dort hat der Handball seit Dekaden eine gewisse Tradition. „Alle meine Freunde wollten zum Handball, da bin ich einfach mitgegangen“, erzählt Kresimir Kozina. „Dann habe ich allmählich entdeckt, dass Handball mein Sport ist.“ Basketball und Fußball verloren in der persönlichen Skala an Relevanz. Mit 14 Jahren ging er zu Zamet Rijeka. Spieler wie Valter Matosevic, Mirza Dzomba oder Renato Sulic reiften in diesem Klub. In der Jugend gehörte Kresimir Kozina zur Landesauswahl, wurde 2009 in Tunesien U19-Weltmeister.
Er schaffte den Sprung in die Männer und wechselte 2011 zum RK Nasice im Osten Kroatiens. Dort schnupperte der bullige Kreisläufer die Luft des europäischen EHF-Cups, traf dabei auf den SC Magdeburg.
Zwei Jahre später war es Zeit für den nächsten Schritt. „Ein Wechsel in die Bundesliga erschien mir noch zu früh, da ich Deutsch konnte, entschied ich mich für Österreich“, erklärt der Profi. Hard am Bodensee war sein neues Domizil. „Wasser hatte ich immer in meiner Nähe, in Österreich war es beschaulich und ruhig.“ Nur nicht beim Handball. Alpla Hard lockte im Schnitt 1500 Zuschauer an, zum Derby gegen Bregenz kamen sogar 3000 Zuschauer. Die Ballwerfer vom Bodensee feierten zwei Mal die österreichische Meisterschaft und bejubelten zuletzt auch den Pokalsieg.
Kresimir Kozina stellte sich auf eine längere Zeit in der Alpenrepublik ein. Freundin Petra beendete ihr Studium in Kroatien und war seit Sommer stets bei ihm. Dann geschah etwas 1000 Kilometer weiter nördlich, was die Biografie nachhaltig verändern sollte: Nachdem Anders Zachariassen und Jacob Heinl langfristig ausgefallen waren und Henrik Toft Hansen als einziger Kreisläufer auf dem Spielfeld unterwegs war, sichtete SG-Trainer Ljubomir Vranjes den nicht allzu üppigen Transfermarkt. Ein 1,96 Meter großer „kroatischer Bär“ fiel ihm auf. Dessen Sprachkompetenz war wichtig. „Ich habe keine Lust, in einem Team-Timeout fünf Sprachen benutzen zu müssen“, erklärte der Coach. Weitere Pluspunkte des potenziellen Neuzugangs: Groß, Praxis in einer 6:0-Abwehr und Erfahrungen in europäischen Wettbewerben.
Als bei Kresimir Kozina das Telefon klingelte, war er zunächst überrascht, dann entscheidungsfreudig. „Eigentlich wechselt man ja nicht während einer Saison, doch als ich vom Interesse der SG hörte, packte ich sofort meine Sachen“, erzählt der 25-Jährige. Er fragte seine Petra. „Würdest du mit mir nach Flensburg kommen?“ – „Wann denn?“ – „In drei Tagen!“
Das junge Paar hatte zunächst ein Hotelzimmer, wohnt jetzt in einer innenstadtnahen Wohnung abseits der vielbefahrenen Straßen. „Wir sind jung, wir wollten in der Stadt leben“, sagt Kresimir Kozina.
DSC_2999Für seinen Bundesliga-Traum hat der Kroate einige kleine Entbehrungen in Kauf genommen. Er wählte die „44“, weil seine bisherige Rückennummer, die „4“, von Co-Trainer Maik Machulla beansprucht wird. Das Wirtschaftsstudium wurde erst einmal unterbrochen. Bis Sommer stehen die SG und die Bundesliga im Blickfeld. Für Abwechslung sorgen Unternehmungen mit der Freundin, TV-Sport und die Play-Station. Kresimir Kozina erzählt gerade von verbissenen Duellen in Mannschaftskreisen, da öffnet sich die Tür vom „Kritz“. Seine Kollegen Kevin Möller, Hampus Wanne und Jim Gottfridsson samt Töchterchen treten ein. Das Interview ist beendet, am Nachbartisch gehen die Gespräche weiter …
Text und Fotos: Jan Kirschner











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