„Mama, Julia aus meiner Klasse hat heute erzählt, dass sie zwei Mamas und zwei Papas hat! Geht das überhaupt?“ Nun, biologisch geht das zwar nicht, aber Julia hat nicht unrecht: Sie hat tatsächlich zwei Mamas und zwei Papas!
Des Rätsels Lösung: Julia hat natürlich leibliche Eltern, lebt jedoch in einer Pflegefamilie, und hat auch dort Eltern; die Pflegeeltern. Aktuell ist die Stadt Flensburg für rund 120 „Pflegekinder“ zuständig, Kinder, die in einer festen Pflege oder in einer sogenannten Kurzzeitpflege in Pflegefamilien ein Zuhause gefunden haben.
Es gibt Familien, die mit vielen Problemen belastet sind: Arbeitslosigkeit, Trennung und Krankheit können Krisen verursachen, in denen Kinder nicht mehr zu ihrem Recht kommen. Ist eine Familie in Not geraten, hat das Jugendamt die Aufgabe zu helfen. Eine mögliche Hilfe kann die Unterbringung in einer Pflegefamilie sein.
Die Aufnahme eines Kindes kann befristet oder auf Dauer sein: Wenn es die Situation jedoch erlaubt, bemüht sich der zuständige Allgemeine Soziale Dienst der Stadt, das Kind in den elterlichen Haushalt zurückzuführen. Besteht jedoch eine solche Chance nicht mehr, bemüht man sich im Sinne des Kindeswohls um die Klärung einer Perspektive möglichst durch Einigung aller Beteiligten.

Wer kann „Pflegefamilie“ werden?







Eltern mit Kind oder Kindern, aber auch kinderlose Paare, können Pflegeeltern sein. Einige Voraussetzungen müssen gegeben sein: Eine Altersgrenze ist zwar nicht festgelegt, ein natürliches Verhältnis zwischen dem Alter des Kindes und dem Alter der Pflegeeltern (eine Generation älter) ist wünschenswert. Wenn die Kinder klein sind, ist es gut, wenn ein Elternteil nicht berufstätig ist. Zudem brauchen Pflegekinder geordnete, gesicherte Verhältnisse und die Bereitschaft der Pflegeeltern zur Zusammenarbeit mit den zuständigen Behörden. Ebenso ist es sehr wichtig, dass die Wohnung oder das Haus groß genug sind, um ein zusätzliches „Familienmitglied“ aufnehmen zu können.
Menschen, die sich entscheiden, ein Pflegekind aufzunehmen, sollten sich ihrer Entscheidung ganz sicher sein. Sie sollten belastbar und bereit sein, auf lange Zeit viel zu geben und dabei zu akzeptieren, dass das Kind Eltern hat, die selbst bei Abwesenheit in seinem Leben ihre Bedeutung haben.
Deshalb sind Verständnis und Einfühlungsvermögen für die besonderen Bedürfnisse des Kindes und auch für die besondere Situation der Herkunftsfamilie unabdingbar. Und schließlich sollten Pflegeeltern sich zeitlich und menschlich umfassend um die Versorgung und Erziehung des Kindes kümmern können.
Bevor man diese doch wichtige und ins Familienleben einschneidende Aufgabe übernehmen möchte, sollte mit der eigenen Familie darüber gesprochen und diskutiert werden; das Einverständnis aller Familienmitglieder für die Aufnahme eines Pflegekindes ist ein wesentlicher Faktor für eine später funktionierende Pflegefamilie.

Glück vermehrt sich, wenn man es teilt – am Beispiel von Familie Hansen

Foto: Nolte

Das weiß auch die erfahrene Pflegemutter Angela Hansen [Name geändert von der Red.], die bereits vor 10 Jahren erstmals ein Pflegekind aufnahm. Bei ihr stimmten die Voraussetzungen, Platz war ausreichend vorhanden, schon wegen ihrer leiblichen fünf Kinder war sie zum damaligen Zeitpunkt Vollzeit-Hausfrau und -mutter und fühlte sich dazu berufen, zusätzlich Kindern aus schwierigen Verhältnissen etwas geben zu wollen. Sie trommelte daher ihre Kinder und ihren Mann am Esszimmertisch des Hauses zum Familienrat zusammen, der nach intensiven Gesprächen und reiflicher Überlegung einstimmig beschloss, Pflegefamilie zu werden. 21 Pflegekinder waren seither in ihrer Obhut, Kinder wie Julia, die in ihrer Familie ein zweites Zuhause, ein zweites Paar Eltern und neue Geschwister gefunden haben.

In ihrer heimischen, ländlichen Idylle am Flensburger Stadtrand ist daher immer was los. Zwei ihrer eigenen Kinder sind zwar im Erwachsenenalter und bereits flügge geworden, dennoch tummeln sich hier täglich drei eigene Kinder, zwei Pflegekinder und ein Kurzzeit-Pflegekind, die hier zusammen leben und ihr Zuhause haben. Auch wenn Angela Hansen weiß, dass es sich bei ihren Pflegekindern meist um eine Elternschaft auf Zeit handelt, die auch mit vielen Herausforderungen verbunden ist, so hat sie die Erfahrung gemacht, dass das Glück sich vermehrt, wenn man es teilt, und hat den Schritt, Pflegemutter zu werden, nie bereut. „Im Gegenteil! Die Kinder geben einem unheimlich viel zurück, und es ist immer wieder eine Freude, ihnen etwas geben zu können, was die leiblichen Eltern aus unterschiedlichen Gründen nicht vermochten.“ Es ist ihr eine große Freude, Kinder heranwachsen zu sehen, und ihnen Werte zu vermitteln, sie gut auf das spätere Leben vorbereiten zu können. Natürlich geht es zu wie in jeder anderen Familie: „Es macht viel Arbeit, Kinder werden auch mal krank, haben auch ihre eigenen Sorgen und Nöte, die Schule fordert ebenso ihr Recht – es ist also nicht immer eitel Sonnenschein, doch unterm Strich überwiegt das Positive.“

Angela Hansen hat Kontakt zu den jeweiligen leiblichen Eltern der Pflegekinder, geht auf die Eltern zu und lässt sie teilhaben am Aufwachsen der Kinder – ein Punkt, der für die Pflegekinder immens wichtig ist. Allerdings gelten hier feste Regeln und Absprachen über Besuche der Eltern. Und die Ämter sind schließlich auch noch da: Bei Fragen, die in der Pflegefamilie nicht geklärt werden können, unterstützt stets der Pflegekinderdienst, knüpft die Kontakte zu Fachleuten (Psychologen, Lehrer usw.), oder kümmert sich um Hilfen jedweder Art.

Der Pflegekinderdienst der Stadt Flensburg – jederzeit ansprechbar

Vor der Aufnahme eines Pflegekindes bietet der Pflegekinderdienst der Stadt Flensburg ein Vorbereitungsseminar an, das 44 Unterrichtseinheiten beinhaltet und sämtliche relevanten Bereiche für das Leben mit einem oder mehreren Pflegekindern abdeckt. Zu den Inhalten gehören rechtliche und pädagogische Grundlagen ebenso wie der Einblick in die Psyche eines seelisch verletzten Kindes. Bereits praktizierende Pflegeeltern berichten den Teilnehmer/innen aus dem Alltag mit Pflegekindern. Der Pflegekinderdienst berät Eltern, Pflegeeltern und Pflegekinder in allen Fragen, die das Pflegeverhältnis betreffen, er vermittelt Kinder in geeignete Pflegefamilien, unterstützt Kontakte zwischen Pflegefamilie, Kind und Herkunftsfamilie.

Foto: Nolte

Bekommt der Pflegekinderdienst den Auftrag, ein Kind in eine Pflegefamilie zu vermitteln, wird zunächst geprüft, was das Kind braucht: Wie alt ist das Kind, wie ist der Entwicklungsstand, wie der soziale Hintergrund, gibt es gesundheitliche Beeinträchtigungen, was hat das Kind in seinem bisherigen Leben bereits erlebt? Der Pflegekinderdienst schlägt dann, aus seiner Sicht, die passenden Pflegeeltern für das Kind vor. Nach einem Kennenlernen aller Beteiligten wird geprüft, ob denn Pflegekind und Pflegeltern wirklich zueinander passen. Und wenn die Chemie nicht stimmt, dann wird weitergesucht. Denn manchmal braucht es eben mehrere Anläufe. „Wir wollen nichts über den Zaun brechen. Die Chemie muss stimmen“, so Krimhild Strenger, Dipl. Sozialpädagogin und Leiterin des hiesigen Pflegekinderdienstes. „Bei uns hat das Wohl des Kindes oberste Priorität, gleich gefolgt von der Sicherheit für die Pflegefamilien und dem guten und gedeihlichen Miteinander mit den leiblichen Eltern.“ Der Pflegekinderdienst kümmert sich daher um alle Belange, bevor, während und nachdem ein Kind in Pflege gegeben wurde. Neben dem erwähnten Vorbereitungsseminar werden regelmäßig Fortbildungen, Supervision und Austauschmöglichkeiten für Pflegeeltern angeboten, es wird zudem ein Pflegegeld gezahlt, das nach Alter des Pflegekindes und Erziehungsaufwand gestaffelt ist. Und – ganz wichtig: Der Pflegekinderdienst ist jederzeit für die Pflegefamilie ansprechbar! Dieser Punkt ist Krimhild Strenger ganz wichtig.
Im Frühjahr 2019 (genauer Termin ist noch offen) findet das nächste Vorbereitungsseminar für angehende Pflegeeltern statt; Interessierte, die sich vorstellen können, ein Pflegekind aufzunehmen, wenden sich bitte an diese

Kontaktadresse:
Krimhild Strenger,
Leitung Pflegekinderdienst
Tel.: 0461-85 41 39
strenger.krimhild@flensburg.de

Text: Peter Feuerschütz
Fotos: Benjamin Nolte

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