... bitten wir Zeitzeugen über ganz persönliche Erinnerungen zu berichten. In dieser Ausgabe spricht Karl über die Duburger Straße.  Er war fast vier Jahrzehnte Wirt in der Gaststätte Zur alten Kaserne.
… bitten wir Zeitzeugen über ganz persönliche Erinnerungen zu berichten. In dieser Ausgabe spricht Karl über die Duburger Straße.
Er war fast vier Jahrzehnte Wirt in der Gaststätte Zur alten Kaserne.

Bei Nacht und an Sonn- und Feiertagen schirmt eine eiserne Gittertür den schmalen Eingang der Gaststätte ab. „Zur alten Kaserne“ steht darüber. Eilig hingeschmierte Grafittis verblassen auf den maroden Fassaden des Hauses Duburger Straße 43. Die wenigen Fenster sind abgedunkelt. Das Tageslicht kann nur schwer das Innere der Gaststätte erreichen. Hinter dem Tresen waltet Karl in einer der letzt’ verbliebenen Männerdomänen. Er strahlt Ruhe aus, zapft Bier und schenkt heißen Kaffee ein. An Getränken ist alles zu haben. Auf Barhockern und an den wenigen Tischen sitzen Männer und rauchen. Den restlichen Raum füllen sie dicht beieinander stehend. Rauchend. Hier ist Rauchen offiziell erlaubt! Der dichte Qualm brennt in Augen und Kehle. Die Männer haben sich viel zu erzählen. Ihre Themen sind nie erschöpft obwohl sie sich fast täglich bei Karl treffen. Viele der Männer wohnen in der Nachbarschaft auf Duburg. Einige Stammgäste laufen quer durch Flensburg zu Karl. Auch Eintagsfliegen, die sich nur auf eine Zigarettenlänge blicken lassen, fühlen sich nicht wie Fremde – hier kommen sie schnell ins Gespräch.
„Eine Männerkneipe ohne Raucherverbot – wo gibt’s das heute noch?“ ist meine Frage.
Karl weist auf die allgemeinen Bestimmungen hin: Eine gewisse Quadratmeterzahl des Gastraums darf nicht überschritten werden. Es darf keine Angestellten geben. Es dürfen keine Speisen serviert werden. Gäste unter 18 Jahren haben keinen Zutritt!

Ankunft in Flensburg











Als Karl 1977 die ganz gewöhnliche Gaststätte „Zur alten Kaserne“ von seinem Vorgänger Peter Jugler – damals noch mit kleinem Imbiss übernahm tauchte er in eine für ihn ganz andere Welt ein – die er nach eigenem Geschmack und eigener Denkart gestaltete. Dabei kam im Laufe von vier Jahrzehnten Wertvolles und Nichtwertvolles an Kitsch und Kunst zusammen. Darunter Öl auf Leinwand und Lithographien, vergilbte Fotos und emaillierte Werbeplakate aus
Gastronomie und Wirtschaft; alles Liebhaberstücke, die zum Teil von Lieferanten und Stammkunden spendiert und an die Wände gehängt worden sind!
Leerlauf, wenn die Gäste mal ausblieben, gab es für ihn nicht. Karl hortete und studierte alte Schriften und eignete sich daraus allgemeines und spezielles Geschichtswissen in einem Umfang an, das einem Privatgelehrten Ehre machen würde.
Karl besitzt Einwohnerbücher von Flensburg aus den Jahren 1921 bis 1954, die es aus Datenschutzgründen in dieser Ausführlichkeit heute nicht mehr gibt. Die Verzeichnisse sind alphabetisch nach Namen und Berufen und nach Straßen geordnet. Wenn einer der Kneipengäste mal Näheres über Lebensläufe und Karrieren seiner Nachbarn erfahren wollte, holte Karl die Einwohnerbücher aus dem Verschlag hervor. Schmunzelnd zeichnet er am Beispiel des Hermann H. von der Westlichen Höhe dessen Karriere nach. Im ersten Weltkrieg wird H. im Verzeichnis als Soldat geführt. Nach dem Krieg hatte er in der Harrisleer Straße eine Zeit lang einen Kolonialwarenladen. Danach wurde H. als Polizeibeamter geführt. Aus dem Adressbuch des folgenden Jahres war seine Zugehörigkeit bei der Gestapo angegeben. Flensburg war die Außenstelle der Gestapo von Kiel. Gleich nach der Besetzung Dänemarks durch die Deutschen fungierte H. in Kopenhagen. Ende der 1940er Jahre stand er als Pensionär im Flensburger Einwohnerbuch. Als 1954 alles wieder im Lot zu sein schien, ließ sich Hermann H. als Kriminalrat a. D. im Einwohnerregister führen. Karl will speziell über diese Vita herausbekommen haben, dass H. nicht mit den Nazis kooperiert hat. Er soll, wo immer er Einfluss nehmen konnte, Kommunisten und SPD-Par­teigenossen vor Zugriffen der Gestapo rechtzeitig gewarnt haben.
So begann Karl in der Gaststätte „Zur alten Kaserne“ sein zweites Leben! Über sein erstes in Rheinland-Pfalz spricht er kaum. Höchstens mal von seinem Großvater oder dem Onkel, die sein Interesse an Grabungen auf dem geschichtsträchtigen, heimatlichen Boden geschärft haben. Amphoren aus der Römerzeit hätten dort wie selbstverständlich in vielen Häusern als Blumenvasen gestanden.
Karl beginnt jetzt sein drittes Leben. Er hat zum 30. November 2015 seine Gaststätte aufgegeben. Einen Nachfolger gibt es nicht.

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