„Nimm bitte die Geranien aus den Fenstern“, war das Erste, worum ich meine Frau bat, als ich von dem Gespräch mit Polizeihauptkommissar Ulrik Damitz nach Hause kam. „Warum das denn?“, fragte sie verwundert. „Lies diesen Beitrag. Dann verstehst Du, warum!“

Ulrik Damitz ist seit zweieinhalb Jahren der Frontmann der Flensburger Polizei im Kampf gegen Wohnungseinbrüche für die Kreise Nordfriesland, Schleswig-Flensburg sowie die Stadt Flensburg. Er kämpft nicht alleine. Seit die Zahl der Wohnungseinbrüche dramatisch zugenommen hat, formierte die Polizei in Schleswig-Holstein ihre Abwehrkräfte neu. 8.456 Einbrüche in private Häuser wurden in Schleswig-Holstein 2015 gemeldet.
Allein an einem Samstag, dem 5. März, wurden im Großraum Flensburg drei Einbrüche in Einfamilienhäuser gemeldet. Gegen 20 Uhr wurde der Einbruch in ein Haus des Schausender Wegs in Glücksburg von einem Zeugen bemerkt. Die Täter waren auf das Vordach gelangt und brachen dort ein Fenster auf. Am späten Nachmittag oder Abend gelangten Einbrecher über eine rückwärtige Tür in ein Einfamilienhaus im Berliner Ring in Schafflund. Im Grünen Weg in Medelby verschafften sich Unbekannte vermutlich durch ein auf Kipp stehendes Fenster Zutritt in das Einfamilienhaus.
„Insgesamt jedoch ging die Zahl der Einbrüche im Frühjahr zurück“, sagt Ulrik Damitz. „Wir wissen nicht wirklich, warum, hoffen natürlich, dass unsere massiven Maßnahmen dazu beigetragen haben.“
Und die werden unvermindert weitergeführt, betont der Hauptkommissar. Neben ermittlungstechnischen Methoden, über die er verständlicherweise in der Presse nicht berichten kann, hat die Öffentlichkeitsarbeit vorrangige Bedeutung. „Prävention vor Repression“ sagen die Fachleute, d. h. Straftaten verhindern, statt sie mühsam aufklären zu müssen. Denn die Täter, die professionellen zumindest, das gibt Ulrik Damitz unumwunden zu, machen es den Ermittlern schwer. Sie hinterlassen kaum Spuren, sind äußerst flexibel, schwer zu orten, haben oft kein erkennbares Bewegungsmuster und verschwinden so schnell und unauffällig wie sie gekommen sind. „Für diese Leute ist ‚Einbrechen‘ ihr Beruf. Sie leben davon. So wie wir morgens zur Arbeit gehen, um unseren Lebensunterhalt zu verdienen, starten die zu ihren Raubzügen.“
Im Gegensatz dazu: Gelegenheitstäter. Drogenabhängige, die ständig Geld für die Befriedigung ihrer Sucht brauchen oder Kleinkriminelle, die die Unvorsichtigkeit ihrer Mitmenschen nutzen, um eine „schnelle Mark“ zu machen.
Für den Geschädigten spielt es keine Rolle, wer ihn beraubt hat. Neben dem materiellen Schaden bleibt die seelische Beschädigung. Nicht selten geben die Opfer von Einbrüchen ihre Wohnung auf, weil sie sich dort nicht mehr „zuhause“ und sicher fühlen. Diese Folgen kann keine Versicherung mildern.











Waffengleichheit

Üblicherweise erstellt die Polizei nach Straftaten ein Täterprofil. Wer hat was, warum und wie getan? Mindestens ebenso wichtig, das zeigte das Gespräch mit Ulrik Damitz, ist es herauszufinden: Wer ist als Opfer für diese Straftäter „geeignet“?
Professionelle Einbrecher sind recht gute Psychologen, auch wenn sie das wohl kaum studiert haben. Sie erstellen auf Grund ihrer Erfahrungen ein „Opferprofil“, suchen sich die Schwachpunkte in der Umgebung aus, prüfen die Lebensumstände ihrer Opfer, deren Verhalten, erarbeiten eine perfide Logistik für ihr Vorgehen und schlagen im passenden Moment zu. Kennt man diese harten und weichen Faktoren – das ist die gute Nachricht – kann man mit gleicher Waffe zurückschlagen, oder besser: Vorbeugend sich schützen.
Eine Methode, für den Bürger handfeste Hilfen für den Schutz seines Eigentums – und seines Lebens – zu entwickeln, ist, sich gedanklich in die Rolle des Täters zu versetzen. Das praktizieren Polizisten. Sie gehen durch eine Siedlung und schauen sich die Gegebenheiten an. Dort eine gekippte Terrassentür, dort ein überquellender Briefkasten, ein von Laub übersäter Eingang, Geranien(!) auf der Fensterbank, leere Carports, Leitern an der Hauswand, dichte Hecken. Und dann vielleicht noch ein Testanruf mit dem Handy und die Antwort des Anrufbeantworters: „Wir sind in den nächsten Tagen leider nicht zu erreichen. Bitte hinterlassen Sie ….“ Na, großartig!
Eigentlich sollte man glauben, dass durch Informationen in den Medien die wichtigsten Verhaltensregeln bekannt sind. Doch auch hier hilft das Wissen der Psychologen, die sagen: Wissen ist nicht Handeln. Erst durch die ständige Wiederholung beginnt der Mensch, sein Wissen in Bereitschaft und schließlich in Handlung zu verwandeln.

„Psychologische Kriegsführung“

Die von der Polizei auf vielen Vorträgen und Veranstaltungen empfohlenen mechanischen Sicherungen für das Haus sind ein wesentlicher Baustein für die Verhinderung von Einbrüchen. Die Regel: Schafft es ein Einbrecher nicht innerhalb von 3 Minuten „drin“ zu sein, gibt er auf und sucht sich ein neues Zielobjekt. Nicht jeder jedoch kann und will mit Schlössern, Riegeln und Gittern sein Haus zu einer Festung ausbauen. Zumal ein einmal an der Terrassentür angesetzter Kuhfuß oder eine eingeschlagene Scheibe bereits Schäden verursacht haben, oft auch Folgeschäden durch eindringenden Regen oder Mäuse (Eigenerfahrung des Autors). Besser noch, seine Wohnung, sein Haus unattraktiv für einen Einbruch wirken zu lassen.
Täter sind Opportunisten, sie suchen sich das bequemste Ziel aus. Das „Aus-suchen“ kann man wörtlich nehmen. Oft werden Häuser über längere Zeit ausgekundschaftet, die Gewohnheiten der Bewohner beobachtet, die Anwesenheit getestet. Zuweilen verständigen sich die Täter durch Zeichen an Häusern, Zäunen oder Laternenmasten („Gaunerzinken“). Auch moderne Kommunikation hilft dem Täter. Ein Blick auf Google-Maps und er weiß, wie man gut gedeckt ein Haus erreichen kann, wo Fluchtwege sich anbieten, wie Haus und Nebengebäude gelagert sind. All diese Überlegungen kann man auch zur Gefahrenabwehr nutzen. Und schließlich gelangt man zu einer überschaubaren Liste von möglichen Gefahren und Schutzmaßnahmen.
Nach dem Motto „Verteidigung ist der beste Angriff“ sollte man um das Haus alles beseitigen, was dem möglichen Einbrecher die Arbeit erleichtert.

  • Leitern gehören nicht ans Haus oder offen in den Carport!
  • Aufstiegshilfen, wie Kisten oder Mülltonnen, sollten fest verankert oder eingeschlossen sein!
  • Hochzeiten und Beerdigungen in einem kleinen Dorf mit großer Feier im Dorfkrug, schon vorher in der Zeitung angekündigt, sind eine Einladung an Diebe.
  • Über mehrere Tage leerstehende Carports signalisieren: Bewohner in Urlaub.
  • Überquellende Briefkästen ebenso
  • Unbeleuchtete Räume am Abend ebenso
  • Der Anrufbeantworter mit der Mitteilung: „Leider sind wir in den nächsten Tagen nicht erreichbar“, ist eine Einladung an Diebe.
  • Das gleiche gilt etwa für facebook-Einträge.

Was also tun?

  • Haustüren auch tagsüber abschließen!
  • Bei Glastüren den Schlüssel innen abziehen!
  • Beim Verlassen des Hauses das Schloss nicht nur einschnappen lassen, sondern die Tür abschließen!
  • Bei Abwesenheit nie den Schlüssel außen verstecken! Die Täter kennen alle möglichen Verstecke, versichert die Polizei.
  • Im Urlaub sollten Nachbarn um Hilfe gebeten werden:
  • Sich öfter mal am Haus zeigen.
  • Den Briefkasten regelmäßig leeren
  • Gegenstände wie Schuhe, Besen, Eimer am Haus platzieren, öfter mal umstellen!
  • Ein Auto (vielleicht das der Nachbarn) im Carport parken!
  • Abends Licht im Haus anschalten (Zeitschaltuhr)!
  • Radio laufen lassen!
  • TV-Simulator nutzen (täuscht einen aktiven Fernseher vor)!
  • Den Anrufbeantworter geschickt besprechen: „Wir sind gerade nicht in der Nähe des Telefons. Hinterlassen Sie eine Nachricht! Wir rufen gleich zurück!“ Der Täter wird das kaum testen und keine Nachricht hinterlassen.
  • Licht! Licht! Licht! Außenleuchten mit Bewegungsmelder hoch anbringen, damit sie nicht beschädigt oder abgedeckt werden können.
  • Jalousien nicht bei Tag geschlossen lassen! Für die Steuerung gibt es technische Lösungen.
  • Bei Abwesenheit die Klingel abschalten! Täter testen häufig die Anwesenheit der Bewohner durch Klingeln. Öffnet jemand, stellen sie eine unverfängliche Frage: „Können Sie mir sagen, wie ich zur Hauptstraße komme? Ich habe mich verfahren.“
  • Unbekannte, die an der Tür klingeln, Vorsicht, auch bei Kindern! Kein vernünftiger Mensch fragt nach einem Glas Wasser oder will bei Ihnen telefonieren.
  • Lieferdiensten nicht blind vertrauen! Tür für die Zeit abschließen, während der man z. B. Geld aus der Wohnung holt!
  • Geld und Wertsachen nicht im Flur aufbewahren!
  • Bei großen Dorffeiern kann durch einen Freiwilligen die Gemeinde unter Beobachtung bleiben.

Und: Keine Geranien!!

Jetzt kommt die Auflösung unserer Titelzeile! Wenn es auch Ausnahmen gibt: Geranien sind die Lieblingsblumen älterer Menschen. Beim Anblick von Geranien im Fenster oder auf der Terrasse schlägt das Herz des Diebes höher, denn Ältere gehören zu seinen bevorzugten Zielpersonen. Sie horten oft Bargeld in der Wohnung, sind zuweilen weniger misstrauisch und häufig hilfsbereit, wenn jemand an der Haustür um eine Auskunft oder Hilfe bittet.
Wenn Sie Geranien nun mal über alles lieben, dürfen Sie sie behalten und sollten sich auf andere Weise schützen.

Wachsam sein!

Der aufmerksame Nachbar ist der beste Wachhund! Da jeder auch selbst Nachbar ist, kann er nicht nur zur Aufklärung von Einbrüchen, sondern mehr noch zu deren Verhinderung aktiv beitragen. Ulrik Damitz betont eindringlich, dass die Bürger die 110 wählen sollen, wenn sie Verdacht schöpfen, nicht erst bei „dringendem“ Verdacht, wie in einer Broschüre der Polizei noch zu lesen ist. Die Einschränkung „dringend“ könnte verhindern, dass man sich traut, die bekannte Nummer der Leitstelle zu wählen. Die Angst „Ich mach mich vielleicht lächerlich!“ oder „Das nehmen die doch nicht ernst!“ könnte eine wichtige Mitteilung verhindern. Ulrik Damitz sagt ganz klar: „Vertrauen Sie Ihrem Bauchgefühl! Wenn Sie sehen, dass ein Unbekannter das Grundstück betritt, sich vielleicht umschaut, wieder weggeht, ein unbekanntes Auto häufig in der Nähe parkt, möglicherweise Insassen die Gegend beobachten oder bei Nachbarn klingeln …, dann keine Hemmungen!“ Er betont, dass die Kollegen in der Leitstelle in Harrislee, die den Anruf entgegennehmen, jede Mitteilung ernst nehmen und notieren, in der Regel einen Beamten losschicken, um sich die Situation anzuschauen.
Wovon die Polizei dringend abrät: Selbst eingreifen! Die Folgen können dramatisch sein.
Auch sogenannte „Bürgerwehren“ sind keine Lösung. Der Überfall auf ein Mitglied der sogenannten „City-Wache“ in Flensburg zeigt, wie das enden kann.
Kuriositäten dürfen bei den Ermittlungen nicht fehlen. Zu einem vermeintlichen Einbruch wurde am 4. März die Polizei in die Helenenallee in Flensburg gerufen. Der Mitarbeiter eines Wachdienstes hatte gegen 20.30 Uhr festgestellt, dass am Gebäude des dortigen Kindergartens eine Scheibe fehlte.
Die herbeigerufenen Polizeibeamten konnten im Gebäude einen 63-jährigen wohnungslosen Mann festnehmen, der sich dort zum Schlafen niedergelegt hatte. Wahrscheinlich hatte er lediglich eine Bleibe für die Nacht gesucht, ohne etwas stehlen zu wollen. Diese Art „Einbruch“ bleibt leider die Ausnahme.
Ulrik Damitz sagt, dass die Polizei in der Region personell gut aufgestellt ist. Er und seine Kollegen sind unermüdlich auf Tour, um die Bürger zu informieren, zu sensibilisieren und ihnen Hilfe für den eigenen Schutz anzubieten.
Informationen gibt es bei jeder Polizeidienststelle oder direkt bei der Polizeihauptmeisterin Kerstin Ellendt unter 0461/484 2143.

Bericht: Dieter Wilhelmy
Fotos: Polizei Flensburg

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