Die Farbe an den Fenstern ist abgesplittert, die Scheiben blind. Über der verwitterten Eingangstür baumelt, an Ketten aufgehängt, das blecherne Modell eines Zeppelin-Luftschiffes im kalten Novemberwind. Die Hand von Jutta Glüsing an der Klinke des Eckener-Hauses hat Symbolkraft. Wie gerne würde sie diese Klinke drücken, das Portal öffnen und den Geist des Hauses einatmen, des Hauses, über das sie seit gut einem Jahr forscht und dessen Geschichte sie wieder zum Leben erwecken möchte. Doch die Tür bleibt vorerst verschlossen, für Jutta Glüsing wie für die Bürger Flensburgs, die einst hier ein- und ausgingen. In den letzten zwei Jahrzehnten wurde das einst stolze Bürgerhaus, Geburtsstätte eines der bekanntesten Köpfe des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, nach mehreren, letztlich missglückten Versuchen nachhaltiger Nutzung, von der Stadt an Spekulanten verkauft, weiterverhökert als Kollateralschaden eines Immobilienpaketes und kürzlich gelandet bei einer Frankfurter Firma, über die man wenig weiß und noch weniger, was diese mit dem Objekt in der Norderstraße plant.
Auf- und Niedergang eines Flensburger Wahrzeichens, vor dem wir mit Jutta Glüsing stehen und dessen Geschichte sie erforschen will.

Glüsing_20150010„Ein Haus mit allen Sinnen erleben“











Das Gebäudeensemble Eckener-Haus geht auf einen Baugrund aus dem Mittelalter zurück. Errichtet wurde das Anwesen an der Norderstraße im 16. Jahrhundert. Auffällig die breiten zweigeschossigen Erker (Utluchten). Sie und der veränderte Giebel gehen auf Umbauten in der Barockzeit zurück. Die um 1770 entstandenen Sandsteinputten stammen von Schloss Gottorf in Schleswig und wurden nach 1853 hierher übertragen. Das stattliche Patrizierhaus war Wohnstätte für mehrere wohlhabende Bürgerfamilien. Kaufleute, wie etwa einer der Besitzer der Kupfermühle. Dann zog ein Zigarrenfabrikant in den Gebäudekomplex, Johann Christoph Eckener und seine Frau, die Schustermeistertochter Anna Maria Elisabeth Eckener (geb. Lange). In den Hofgebäuden wurden die fermentierten Tabakblätter zu den damals populären Zigarren gerollt.
Das Ehepaar Eckener hatte zwei Töchter und drei Söhne, von denen einer in die Weltgeschichte eingehen sollte, Hugo Eckener.
Hugo Eckener ist 1868 in Flensburg geboren, ging auf die St.-Marien-Knabenschule und später das Alte Gymnasium. Noch wies nichts auf seine spätere Leidenschaft, die Luftschifffahrt, hin. Er studierte Nationalökonomie (heute: Volkswirtschaft) und Geschichte. Flensburg blieb er als Journalist treu, schrieb für die ‚Flensburger Nachrichten‘ und war auch darüber hinaus schriftstellerisch tätig. Er heiratete die Tochter des Flensburger Druckereibesitzers L. P. H. Maaß. Hugos Bruder Alexander machte sich unterdessen einen Namen als Maler und Grafiker. Die zeitlebens ledige Schwester Toni blieb in der Norderstraße bis zu ihrem Tod 1913.
Hugo Eckener indes siedelte nach Friedrichshafen am Bodensee über. Angeblich erfüllte er damit einen Wunsch seiner Frau. Eine Entscheidung, die Eckeners weiteres Leben bestimmen sollte. Denn in Friedrichshafen begegnete er als Mitarbeiter der ‚Frankfurter Zeitung‘ dem Luftschiffpionier Ferdinand Graf von Zeppelin. Der Graf versuchte Eckener für die beginnende Luftschifffahrt zu begeistern. Eckener war zu Beginn keineswegs von dessen Vision überzeugt. Doch Graf Zeppelin muss es gelungen sein, den jungen Wissenschaftler und Journalisten von dem neuen Verkehrsmittel zu überzeugen. Es entstand eine langjährige Zusammenarbeit, die schließlich damit endete, dass Eckener die Nachfolge Graf Zeppelins antrat und selbst zum Luftschiffbauer und -fahrer wurde. Unter seiner Leitung entstanden unter anderem die Luftschiffe „Los Angeles“, „Graf Zeppelin“ und „Hindenburg“. Die „Hindenburg“ nahm, nur ein Jahr nach ihrer Fertigstellung, ein dramatisches Ende. Bei der Landung in Lakehurst (USA) ging das größte jemals gebaute Luftschiff in Flammen auf und beendete die Ära der kommerziellen Luftschifffahrt. Weniger bekannt ist die von Eckener geleitete Arktisfahrt des LZ 127 „Graf Zeppelin“ Richtung Nordpol, noch weniger sein politisches Engagement. 1932 wurde Eckener als Kandidat für die Reichspräsidentenwahl gehandelt. Eckener zog die Kandidatur jedoch zurück, als Hindenburg sich zur Wiederwahl aufstellen ließ. Hindenburg hat schließlich Adolf Hitler zur Macht verholfen. Was wäre gewesen, wenn …

Glüsing_20150015Ein Wahrzeichen Flensburgs

Jutta Glüsing hat völlig Recht, die Geschichte des Eckener-Hauses und seiner damaligen Bewohner wieder ins Bewusstsein der Flensburger zu rücken. Das Haus könnte wieder ein Wahrzeichen der Stadt sein. Bis 1913 zählte es zu den vornehmsten Bürgerhäusern Flensburgs. Den Wert der Immobilie hatte der ehemalige Leiter des Kunstgewerbemuseums, Dr. Ernst Sauermann, erkannt. Nachdem die Eckener Familie das Haus an den Verein „Alt Flensburger Haus“ verkauft hatte, schuf Sauermann daraus das „Haus für bürgerliche Wohnkultur“. Als Ableger des heutigen „Museumsbergs“ gestaltete er die Räume an der Norderstraße nach den Vorgaben unterschiedlicher Stilepochen. Eine Biedermeier- und eine Schifferstube etwa spiegelten zusammen mit den zusammengetragenen Einrichtungsgegenständen den jeweiligen Geist ihrer Epoche. Das Eckener-Haus wurde 1914 zu einem Erlebnismuseum, offen für jedermann. Attraktiv nicht zuletzt durch eine gehobene bürgerliche Gastronomie. Nach dem 1. Weltkrieg firmierte das Gebäude als Pressehaus der Deutschnationalen, die Werbung für den Verbleib Flensburgs im Deutschen Reich machte.
Nach dem 2. Weltkrieg hat der Verein, dem das Haus weiterhin gehörte, mit dem damaligen Museumsdirektor Fugelsang nach einer Sanierung die Tore wieder geöffnet, das Haus als Dependance des Museumsbergs genutzt. Einschließlich der Gastronomie war das Eckener-Haus bis 2004 für die Öffentlichkeit zugänglich. Die Nutzung jedoch stand auf wackeligen Beinen. Mehrere Initiativen, etwa die des „Förderverein Flensburg Regional Marketing“, versuchten eine ökonomisch vertretbare Nutzung des Objekts zu sichern. Dem Verein verdankt das Haus seinen heutigen Namen „Eckener Haus“.
Letztlich jedoch blieb die Immobilie bei der Stadt hängen, die sie ohne ein eigenes Konzept zu entwickeln, unter dem Oberbürgermeister Stell, am 22. Juni 2004 an eine Flensburger Immobiliengesellschaft abstieß, die sie bald darauf weiterveräußerte. Jutta Glüsing hat in den letzten Monaten Kontakt mit den in Süddeutschland lebenden Nachfahren der Eckener-Familie aufgenommen. Die haben ein starkes Interesse an der Aufarbeitung ihrer Familiengeschichte, die in Flensburg begann. Vielleicht ein Ausgangspunkt für eine Wiederbelebung des Eckener-Hauses.

Glüsing_20150024Kunst und Historie

Jutta Glüsings Interesse ist nachvollziehbar, wenn man ihre eigene Historie kennt, die sie nach dem Gang zum Eckener-Haus in einer nahen Weinklause erzählt. In Neumünster als Kind einer Kaufmannsfamilie geboren, wuchs sie in Kiel auf. Die Stadt war durch Luftangriffe weitgehend zerstört, eine Stadt, deren Bild sich durch den schnellen Wiederaufbau nach dem Krieg grundlegend verändern sollte. Nach dem Abitur studierte sie in Kiel, München und Wien Kunstgeschichte, Klassische Archäologie und Geschichte. Promoviert hat sie dann in Kiel. Das Interesse für den Erhalt alter Bausubstanz führte sie aus dem weitgehend zerstörten Kiel nach Flensburg. Dort hatte der Krieg vergleichsweise wenige Wunden in die bis ins Mittelalter zurückreichende Bebauung geschlagen. Als Mitglied eines studentischen Arbeitskreises hatte sie eine Ausstellung mitgestaltet. Der Titel: „Flensburgs Altstadt – frei zum Abbruch oder Modell einer lebenswerten Umwelt.“ Der Kontrast zwischen der „Aufbaustadt“ Kiel und dem historisch weitgehend bewahrten Flensburg faszinierte sie. Jutta Glüsing suchte nach einem Betätigungsfeld in der Grenzstadt und fand es im Städtischen Museum, dem heutigen Museumsberg.

Glüsing_20150023Jutta Glüsing im Flensburger Schifffahrtsmuseum

Dort wühlte sie sich zwei Jahre durch das Inventar, noch nicht ahnend, dass das 1979 von der Bürgerversammlung beschlossene Schifffahrtsmuseum ihre Wirkungsstätte werden sollte. Fünf Jahre später war es dann soweit. Erst stundenweise, dann 1991 in Vollzeit, übernahm sie die Leitung. Während der folgenden Jahre prägte sie die Struktur des Hauses, errichtete das Rum-Museum, wirkte bei der Schaffung des „Kapitänsweges“ mit, heute noch Anziehungspunkt für viele Touristen.
Sie wusste, das konnte nur gelingen, wenn das Museum durch die Flensburger Bevölkerung angenommen wurde. Ganz konfliktfrei war die Entwicklung des Museums nicht. Einige wollten es stärker an den Museumsberg angebunden sehen, andere betonten die Selbstständigkeit der maritimen Ausstellung. Jutta Glüsing arbeitete, trotz ihrer früheren Anbindung an den Museumsberg, für eine eigenständige Konzeption. Dafür reiste sie durch Deutschland, sah sich Museumskonzepte an und entwickelte eine eigene Lösung für das Flensburger Schifffahrtsmuseum. Seefahrtgeschichte sollte so anschaulich wie möglich vermittelt werden. Nicht vornehmlich die Präsentation von historischen Objekten, sondern die lebendige Vermittlung von Zusammenhängen sollte im Vordergrund stehen. Wie funktionierte der Ostseehandel, der Zuckerhandel mit der Karibik? Welche Bedeutung hatte der Schiffbau für die Familien in der Stadt? Wie war das mit dem Walfang in den arktischen Gewässern? Welche Bedeutung hatte die Seefahrt ins Mittelmeer für die Stadt? Dazu organisierte die Leiterin des Museums Sonderausstellungen und Veranstaltungen. 2009 folgte ein zweiter historischer Kulturpfad, die „Rum- und Zucker-Meile“. Die Tour führt zu zwanzig Gebäuden, den Wirkungsstätten der Zuckersieder und Rumhersteller.

Zurück zu den Wurzeln

Jetzt, fast zehn Jahre nach ihrer Pensionierung, ist sie selbst überrascht, wie sie in die Rolle der Leiterin eines Schifffahrtsmuseums gelangt war. Denn eigentlich galt ihr Interesse der Kunst, ihrer Geschichte, insbesondere der Architektur und der Malerei. Ein wenig konnte sie ihre Leidenschaft auch während ihrer Tätigkeit ausleben, organisierte Ausstellungen für Künstlerinnen, die nicht im Fokus des gängigen Kunstinteresses lagen. „Jetzt in der Rückschau bleibt kein bitterer Geschmack zurück, im Gegenteil“, sagt die Pensionärin. „Ich häufte viel Wissen an, dass mir auch heute, etwa bei er Erforschung der ‚Flensburger Stadtrose‘ zugutekommt.“ Um die Mitte des 19. Jahrhunderts kam ein neues Produkt als Reise-Andenken auf den Markt, die „Stadt-Rose“. Der Clou dieses zirka 25 mal 25 Zentimeter großen, doppelseitig bedruckten Blattes war, dass es zu einem Dreieck gefaltet werden konnte, so dass die voll erblühte Rose auf beiden Seiten sichtbar blieb. (Quelle: sh:z)
Aber das ist eine andere Geschichte! Ein Wunsch ist noch unerfüllt. Jedes Mal, wenn sie beim Gang durch die Stadt vor dem Eckener-Haus verweilt, wird sie daran erinnert.

Bericht: Dieter Wilhelmy
Fotos: Benjamin Nolte, Jutta Glüsing

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