Goldschmiede_Reich_20150028Rumpelnd rollen die schweren Holzfässer über die Bordwand des Handelsschiffes die Rampe hinunter auf den Hafenkai. Es ist das Jahr 1880. Gestern war das Frachtschiff aus Jamaika kommend in die Förde eingelaufen. Schwielige Hände nehmen die wertvolle Fracht entgegen, nicht ohne am Spundloch der Fässer eine Nase voll des süß-bitteren Duftes zu nehmen. Die Karren stehen schon bereit, die Ladung über das holprige Pflaster der Kompagniestraße an der Marienkirche vorbei in die Große Straße Nr. 2 zu rollen. In dem Kaufmannshof stapeln sich bereits die Fässer. Der Geruch des hochprozentigen Zuckerdestillates hängt wie eine Wolke zwischen den alten Mauern. Andreas Heinrich Johannsen begutachtet jedes Fass, klopft, riecht und achtet auf mögliche Lecks zwischen den Fassdauben. Die schweren Fässer haben eine lange Reise hinter sich. Noch ist der Rumimporteur und Destillateur misstrauisch. Über fast zwei Jahrhunderte hatte man den Rum von den Karibikinseln St. Croix, St. John und St. Thomas bezogen. Doch der deutsch-dänische Krieg hatte dem Handel mit den unter dänischer Herrschaft stehenden Jungferninseln ein Ende bereitet. Der Handel hatte viele Familien in der Fördestadt reich gemacht. Zeitweise strömte der süßliche Duft des karibischen Zuckerdestillates aus 150 Rumhäusern der Stadt. Nach der Loslösung von Dänemark mussten sich die Händler neue Quellen erschließen. Die fanden sie auf Jamaika. Seit 1655 war die Insel eine Britische Kolonie. Wie auf den dänischen Inseln auch, basierte der Wohlstand auf der Arbeit tausender aus Afrika verschleppter Sklaven. Die Lebensbedingungen waren katastrophal. 1865 entlud sich die Verzweiflung der schwarzen Bevölkerung in einem Aufstand, der mit massiver Gewalt niedergeschlagen wurde. Im britischen Mutterland löste dieser Gewaltexzess Entsetzen aus. Ein neuer Gouverneur wurde eingesetzt und die Lebensbedingungen der Bevölkerung schrittweise verbessert. Auch dem internationalen Handel kam das zugute. Die britischen Herrscher der Insel übernahmen gerne die ausgefallenen Lieferungen der dänischen Konkurrenten. Seitdem kommt bis auf den heutigen Tag der Rum von der seit 1962 unabhängigen zum britischen Commonwealth gehörenden Insel
Jamaika.
1878 hatte Andreas Heinrich Johannsen seinen Rumhandel in der Großen Straße Nr. 2 eröffnet. Nach der Neuausrichtung auf die Lieferungen aus Jamaika baute sich nur wenige Jahre später, 1885, ein neues Hindernis vor den Flensburger Rumimporteuren auf.
Ein neues Reichsmonopolgesetz verteuerte den Alkohol dermaßen, dass sich der Import des hochprozentigen Rums nicht mehr lohnte. Doch die findigen Flensburger gaben nicht auf, sondern fanden eine bis heute angewandte raffinierte Lösung des Problems.
Sie gaben in der Karibik ein Rumdestillat in Auftrag, dessen Aroma das bisher übliche um ein zig-faches überstieg, den eigens für Flensburg hergestellten German Flavour Rum. Diese Aromaverdichtung machte es möglich, den German Flavour Rum mit reinem einheimischem Alkohol und schließlich eigenem Quellwasser zu verbinden und von den ursprünglichen 75% Alkoholgehalt auf trinkbare etwa 40% zu bringen, den heute noch produzierten ‚Rum-Verschnitt‘. Die Bezeichnung ist heute geschützt. Danach muss ‚Rum-Verschnitt‘ wenigstens 5 % German Flavour Rum enthalten und die Gesamtalkoholkonzentration muss mindestens 37,5 %Vol. betragen.
Die Flensburger Rumhändler und Veredler hatten Ende des 19. Jahrhunderts sowohl die Umstellung auf den Jamaika-Rum wie auch das Hindernis der Alkoholbesteuerung gemeistert. Trotzdem ging die Glanzzeit des Flensburger Rumhandels seinem Ende entgegen. Viele Rumhäuser mussten schließen. Johannsen jedoch zog 1914 von der Großen Straße in den alten Kaufmannsspeicher in der Marienstraße, die Marienburg, um.
Doch schon sechs Jahre später traf ein schwerer Schlag die Flensburger Kaufmannschaft.
Durch die Abtretung Nordschleswigs an Dänemark verlor auch Johannsen mehr als die Hälfte seiner Kunden. An Aufgabe dachte der Firmengründer nicht. Als er im Jahre 1927 starb, übernahmen seine Söhne Otto und Carl das Unternehmen. Nur wenige Jahre konnten sich die Brüder unbeschwert den Geschäften widmen. Der 2. Weltkrieg brachte das Geschäft völlig zum Erliegen, da den Unternehmen das Rum-Kontingent entzogen wurde. Im Jahre 1953 starb Carl Johannsen. Sein Sohn Wolfgang übernahm 1968 das Unternehmen. In jenen Jahren existierten in der Stadt von den ursprünglich rund 150 noch 27 Rumfirmen. Dann begann ein erbarmungsloser Übernahmefeldzug. Große Konzerne schluckten ein Traditionsunternehmen nach dem anderen. Johannsen überlebte auch diese Schlacht. 2003 bekam der Betrieb einen neuen Mitinhaber, Martin Johannsen, den Urenkel des Gründers. Seit 2009 führt er das Familienunternehmen zusammen mit seiner Frau Astrid Schlesinger in der 4. Generation. Während Astrid Schlesinger für das Marketing zuständig ist, organisiert Martin Johannsen die Produktion.











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