Yogi (links) in der Kieler Staatskanzlei 1979, u. a. mit Gerhard Stoltenberg (2.v.r.)

Dr. Joachim „Yogi“ Reppmann ist Historiker und verbringt seit 1992 je sechs Monate pro Jahr in Northfield, Minnesota und in Flensburg.

Als wir uns Ende April das erste Mal in der großzügigen Wohnung, Teil einer Villa auf der westlichen Höhe, treffen, sind noch nicht alle Koffer ausgepackt, die Spuren der halbjährigen Abwesenheit nicht vollständig beseitigt und die letzten Reste des Jetlags bei Joachim und Gitta Reppmann nicht gewichen.







Wir sind nach kurzer Zeit beim Du, verbunden mit unseren Vornamen, und haben sogleich einen Gesprächsansatz: Die offene, aus der Distanz des alten Europa oft als oberflächlich bewertete Art der US-Amerikaner. „My house is your house, come in and be my friend“.

Befremdlich für uns Europäer, verdächtig, gar Zeichen der Geringschätzung: Beim schnellen Du sind viele bei uns lediglich gegenüber sozial vermeintlich niedriger gestellten, dem Bauarbeiter am Straßenrand, dem Pizzaboten, dem Handwerker, der die Klospülung repariert. Ansonsten vergehen oft Monate oder Jahre, bis der Ältere dem Jüngeren, der Chef dem Mitarbeiter, ja selbst der Kollege dem Kollegen unter Wahrung mittelalterlicher Riten – Handschlag, Umarmung oder Verschränkung der Arme bei gleichzeitiger Einnahme von Hochprozentigem – das Du anbietet. Selbst die aktuelle Werbung greift das Ritual auf „Wenn aus Herrn Weber Sebastian wird“ (Bitburger Pils).

Wie ernst also ist es einem Amerikaner, wenn er den „Fremden“ mit offenen Armen empfängt?

„Holstein Parade“ im Jahre 1982 – natürlich im Cadillac.

„Es ist eine gegenüber unserer Einstellung andere Sichtweise“, erklärt Yogi Reppmann. „Wir in Deutschland gehen davon aus, dass der andere möglicherweise eine Gefahr für uns darstellt, wir sind gegenüber Unbekannten im Grunde misstrauisch. Der Amerikaner denkt umgekehrt. Jeder Unbekannte könnte schließlich mein Freund werden. Also verbaue ich mir die Chance nicht durch distanziertes, misstrauisches Verhalten. Es wird sich ja zeigen, wie sehr ich ihm trauen kann und ob die Beziehung hält.“ Dass viele Kontakte schließlich nicht zu echter Freundschaft werden, im Sande verlaufen oder nicht gepflegt werden, wird von uns dann als Oberflächlichkeit gedeutet. Yogi Reppmann kann viele Beispiele aus seiner amerikanischen Früherfahrung erzählen, wie ihm durch die offene Art der Amerikaner der Weg in die neue Gesellschaft leicht gemacht wurde.

Seine Begeisterung für die „Staaten“ begann schon im Kindesalter. Die Lektüre von Karl Mays Fantasieromanen über den Wilden Westen gab den ersten Anstoß. Der sächsische Schriftsteller lernte das wirkliche Amerika erst kennen, als seine Romane bereits erfolgreich auf dem Markt waren. Das idealisierte Bild der USA nahm auch keinen Schaden, als während Reppmanns Schüler- und Studentenzeit die meisten seiner Altersgenossen das hässliche Gesicht Amerikas bekämpften und auf den Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg „Ami go home“ anstimmten. Die wirtschaftlichen Hilfen nach dem Zweiten Weltkrieg, herausragenden Aktionen wie die Berliner Luftbrücke 1948/49, zählten bei der Entstehung seines Amerikabildes mehr als der – in seinen Augen vermeintliche – Imperialismus Washingtons.

Aus dem Traum wurde Wirklichkeit, als er 1976 nach dem Abitur mit einem Kumpel aus der Tanzschule den Rucksack schulterte und von mühsam erspartem Geld den Flug nach New York buchte.

1978 Dietrich Eicke Joachim Reppmann

Außer einem Austauschschüler mit dem Allerweltsnamen Roger Smith hatte Yogi Reppmann noch keine Amerikaner kennengelernt. Und außer einem Zettel mit der Anschrift des Jungen und dem kühnen Plan, einmal durch möglichst viele Staaten der USA zu trampen, standen die beiden Flensburger ohne weitere Hilfe in der Millionenstadt. Bei den Eltern von Roger Smith wurden die beiden auf originär amerikanische Weise mit offenen Armen empfangen und eine Woche lang bewirtet. Dann begann die erträumte Tour durch den Süden Kanadas, den Nordwesten der USA, weiter in den warmen Süden um San Francisco, nach New Orleans und Florida. Sie trampten, schliefen am Straßenrand, übernachteten in einem Motel in Las Vegas und wurden von wildfremden Menschen herzlich aufgenommen und „toll“ behandelt. Das, so Yogi Reppmann heute, war die Weichenstellung für mein gesamtes weiteres Leben.

Yogi war vor allem begeistert von der grundlegend positiven Lebenseinstellung der meisten Amerikaner, ihrer Neugierde, ihrer Grundhöflichkeit und ihrer Hilfsbereitschaft.

Als er viele Jahre später eine eigene Heimstatt in den USA fand, setzten sich diese Erfahrungen fort. Kaum hatten er und seine Lebensgefährtin und spätere Frau Gitta ein Haus bezogen, standen die Nachbarn vor der Tür, die Frauen mit Kuchen, die Männer mit Handwerkszeug, begrüßten die Neuankömmlinge und fragten, wie man helfen könne.

Yogi Reppmann war inzwischen Wissenschaftler, Historiker und hatte sich als Professor im nördlichen Bundesstaat Minnesota etabliert, forschte und leerte an Colleges und knüpfte Bande zwischen den USA und Deutschland.

Eine Persönlichkeit, die ihn besonders beeindruckte und mit der er Freundschaft schloss,  war Gerhard „Stolti“ Stoltenberg,  von 1971 bis 1982 Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein, später Finanz- und Verteidigungsminister in Bonn. Er verhalf dem jungen Wissenschaftler zu einem Forschungsaufenthalt im Mittleren  Westen der USA. Yogi Reppmann und seine Mitstreiter waren auf der Suche nach schleswig-holsteinischen Ortsnamen und deren Entstehungsgeschichte in den USA. Sie wurden fündig und konnten sich schließlich aus der amerikanischen Stadt Kiel, Wisconsin, bei ihrem Unterstützer bedanken.

Die Geschichte der Auswanderung, insbesondere in der Folge der gescheiterten 1848er Revolution, wurde zur Lebensaufgabe für den Flensburger Historiker. Nicht nur die Frankfurter Paulskirche, auch Schleswig-Holstein lieferte mit den Demokraten Theodor und Justus Olshausen einen Beitrag zur Idee der Schaffung eines deutschen Staates mit freiheitlicher Verfassung. Dass der Versuch letztlich scheiterte und in der Folge viele einflussreiche Intellektuelle ins Exil getrieben wurden, hat die amerikanische Geschichte entscheidend mitgeprägt. Die „Forty-eighters“ sind in der amerikanischen Historie ein fester Begriff.Eine von Yogi Reppmann mitinitiiertes Wochenendseminar in der Akademie Sankelmark mit namhaften Wissenschaftlern aus Deutschland und den USA verschafft einen hervorragenden  Einblick in die Schleswig-Holstein-amerikanische Geschichte.

 

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