Jens A. Christiansen

„Es bleibt alles beim Alten!“ Mit dieser Mitteilung platzt ein Mitarbeiter des SSF (Sydslesvigsk Forening) in unser Gespräch mit Jens A. Christiansen, dem Generalsekretär der Kulturorganisation der dänischen Minderheit.

Gerade kam die Nachricht vom Urteil des Landesverfassungsgerichtes. Der SSW bleibt von der Fünf-Prozent-Klausel befreit. Der Sonderstatus der Partei der dänischen Minderheit bleibt erhalten. Das Urteil erfolgte nicht einhellig, aber es gilt.







Jens A. Christiansen nahm die Mitteilung gelassen hin. Sie betraf seine Organisation nicht, oder besser: Nicht direkt. Wie sich in dem Gespräch jedoch herausstellen wird, begreift der SSF seine Arbeit nicht nur als von der Politik abgehobene Kulturarbeit, sondern als Teil einer politischen Interessenvertretung der dänischen Minderheit in Schleswig-Holstein.

15.000 Mitglieder in 80 Orts- und 8 Kreisverbänden zählt die Vereinigung, unterhält 40 Versammlungshäuser plus Altenwohnanlagen sowie das Danevirke Museum (Museum am Danewerk) und das Schullandheim Skipperhuset in Tönning.

 

Flensburg – Kopenhagen – Bonn und zurück

Jens A. Christiansen ist in Flensburg geboren, hinein in eine, wie er sagt, sehr dänisch-nationale Familie. Der Vater war Redakteur beim Flensborg AVIS, die Familie engagiert im Kulturleben der dänischen Minderheit. Als Jens 10 war, siedelte die Familie nach Dänemark um. Der Sohn machte in Kolding sein Abitur und studierte in Kopenhagen nordische Philologie.

Es begann eine Karriere in der Industrie, später beim dänischen Arbeitgeberverband, dort zuständig für Bildungs- und Arbeitsmarktfragen. Die dänische Regierung entsandte ihn als Botschaftsrat an die dänische Vertretung in Bonn. Drei Jahre, „seine besten“, wie er rückblickend sagt, arbeitete er dort und stieß dann auf eine Stellenausschreibung des SSF. Mit seiner Familie, inzwischen hatte sie 3 Kinder, zog er 2001 zurück zum Ort seiner Geburt, Flensburg, oder doch: Flensborg? Während seiner Bonner Zeit war es keine Frage, er fühlte sich als Däne. „Die Minderheitenfrage war aus dortiger Sicht weit entfernt und kein zentrales Thema.“ Heute ist sie zum Mittelpunkt seines Schaffens geworden. Kurz nach seiner Ernennung intensivierte er die Aktivitäten des minderheiteneigenen Informationsbüros beim dänischen Parlament durch die Anstellung eines Referenten. Und nicht zuletzt dank seines energischen Einsatzes gelang es den vier in Deutschland anerkannten nationalen Minderheiten ein Minderheitensekretariat beim Bundesinnenministerium in Berlin einzurichten.

 

Dänisch – Keine Frage der Geburt

Der Tag der offenen Minderheit in Berlin

Dänisch ist, wer sich als Däne fühlt. Für viele Deutsche ist diese Zugehörigkeitsdefinition schwer verständlich. Man mag sich zwar als Europäer „fühlen“, aber die nationale Zuständigkeit aus deutscher Sicht ist klar definiert, oder doch nicht? Die Rückkehr der Russlanddeutschen entfachte eine neue Diskussion um die Volkszugehörigkeit. Die deutsche Rechtsdefinition weicht deutlich von der ab, die die dänische Minderheit formuliert.

Im deutschen Vertriebenengesetz heißt es: Volkszugehöriger ist, wer „sich in seiner Heimat zum deutschen Volkstum bekannt hat, sofern dieses Bekenntnis durch bestimmte Merkmale wie Abstammung, Sprache, Erziehung, Kultur bestätigt wird.“

Den ersten Teilsatz sowie die letzten drei Merkmale würde die dänische Minderheit auch unterschreiben, verzichtet aber auf das Kriterium der Abstammung. Das mag auch einen Teil der Irritationen erklären, die etwa bei der Wahl von Kindergarten und Schule durch deutschstämmige Eltern immer wieder aufflackert. Diese Institutionen lassen zwar die Teilnahme von Kindern zu, deren Familien keinen dänischen Hintergrund haben, verlangen aber ein klares aktives Bekenntnis zur dänischen Sprache und Kultur.

Jens A. Christiansen geht noch einen Schritt weiter, wenn er deutlich macht, dass sich für Mitglieder der dänischen Minderheit für Studium, gar die Einbürgerung in Dänemark Vorteile ergeben.

 

Christiansen: Hausherr im Flensborg Hus

Der kulturelle und politische Auftrag des SSF

Als Jens A. Christiansen den Status der dänischen Minderheit in  Südschleswig in unserem Gespräch als „99. dänische Kommune“ beschreibt (98 gibt es mit Mutterland), fühlt er sich nach einem Stirnrunzeln des Interviewers sogleich veranlasst, diese Aussage zu relativieren. Aus Sicht Dänemarks ist Flensburg mit seiner dänischen „Gemeinde“ keine Exklave des dänischen Staates. Die Minderheit nimmt jedoch für sich in Anspruch, sich unabhängig von ihrer nationalen Zugehörigkeit (deutsch) sich dänisch, ja sich als Dänen zu fühlen, die dänische Sprache und Kultur zu pflegen ohne jedoch, und hier liegt vermutlich eine Grundlage für Missverständnisse, nationalistisch zu sein. Die dänische Regierung, mit der Jens A. Christiansen engen Kontakt pflegt, sieht das so, unterstützt die Kulturarbeit der Minderheit südlich der Grenze mit jährlich rund 60 Millionen Euro.

Trotz dieser immensen Mittel musste der Generalsekretär im Frühjahr dieses Jahres die finanzielle Schieflage des SSF einräumen. Das Defizit hatte sich 2012 auf über 130.000 Euro addiert. SSF‘s Hauptaktivitäten, kulturelle Betreuung und Kommunikation, ergaben im vergangenen Jahr erhebliche Verluste. Zusammen trugen sie mit über 71.000 Euro und damit mehr als der Hälfte zum Defizit des Jahres bei. (Quelle: Flensborg Avis)

Christiansen hält eine Rede auf dem Prs. Nord. Rat

Botschafter der dänischen Kultur sind auch die dänischen Schulen und Kindergärten in der Stadt und im Kreisgebiet. Auch sie werden vom dänischen Staat großzügig subventioniert. Träger ist der dänische Schulverein. Die Betriebskosten des Schulvereins werden zu 65 % vom dänischen Staat, zu etwa weiteren 35% vom deutschen Staat, von den Kreisen und Kommunen und zu 4% durch Eigenfinanzierung gedeckt. In den vergangenen Jahren gab es eine heftige, teils sehr emotional geführte Diskussion um den Status der „dänischen“ Schulen in der Region. Letztlich ging es um die Frage, ob die Schulen der dänischen Minderheit „Privatschulen“, also freie Schulen, oder „Regelschulen“ (für die dänische Minderheit) sind. Damit waren auch Finanzierungsunterschiede begründet. Die jetzige Landesregierung hat die Frage zugunsten der Forderungen der dänischen Minderheit entschieden. Die dänischen Schulen sind trotz ihres Abweichens von den deutschen Lehrplänen (an der Schule werden die Fächer Deutsch und Dänisch auf Muttersprachenniveau gelehrt. Die restlichen Fächer, mit Ausnahme der Fremdsprachen, werden alle auf Dänisch unterrichtet.) Regelschulen und erhalten damit die volle staatliche Unterstützung.

 

Besuch des Folketing mit Gruppe

Wie zuhause fühlen

Jens A. Christiansen beruft sich bei der Vertretung seiner Kulturpolitik auf die Bonn-Kopenhagener Vereinbarung von 1955, die den gegenseitigen Schutz und die Förderung der Minderheiten nördlich und südlich der deutsch-dänischen Grenze definiert. Die Bonn-Kopenhagener Erklärungen sind zwei separate Regierungserklärungen von Deutschland und Dänemark, die die Anerkennung der Minderheit im jeweiligen Staat, d. h. der dänischen Minderheit in Deutschland und der deutschen Minderheit in Dänemark bestätigten. Die Erklärungen gestehen den Minderheiten keine Sonderrechte zu (außer der Befreiung von der Sperrklausel), es werden jedoch das freie Bekenntnis zur jeweiligen Volkszugehörigkeit sowie die Gleichbehandlung aller Staatsbürger bestätigt. Die Erklärungen sind völkerrechtlich zwar nicht bindend, ihre Inhalte mit eher empfehlendem Charakter wurden jedoch zügig umgesetzt.

Das Bonn-Kopenhagener Modell betont, dass die Minderheiten gleichberechtigte Bürger im Herbergsstaat sind und dass Minderheitenfragen innere Angelegenheiten sind. Durch das Verzichten auf einen bilateralen Vertrag wollte man eine mögliche Einmischung in die Angelegenheiten des Nachbarlandes, das die Stabilität in einer künftigen Lage gefährden könnte, verhindern.

Zum weiteren Verständnis der Zugehörigkeitsproblematik verweist der Generalsekretär auf die historisch gewachsene, nicht zuletzt der geringen Größe des dänischen Volkes geschuldete, Geschlossenheit des Kulturraumes.

So verwundert es auch nicht, wenn das Kulturangebot, das der SSF mitgestaltet und verwaltet „das Gleiche wie in Dänemark ist. Die Mitglieder der dänischen Minderheit sollen sich (wie) in Dänemark zuhause fühlen.“

Jens A. Christiansens Aufgabe ist es folgerichtig, dänische Kulturschaffende an die Förde zu bringen, um der dänischen Minderheit dieses Heimatgefühl zu sichern, versteht sich jedoch auch als Vermittler dänischer Kultur für die deutsche Bevölkerung. So wirbt der SSF in letzter Zeit in der deutschsprachigen Presse mit großen Anzeigen für seine Veranstaltungen an vierzig Orten im Land. Ohne dänische Sprachkenntnisse jedoch kann der Bürger mit diesem Angebot wenig anfangen.

 

Es lebe der kleine Unterschied

Die Botschafterfunktion überträgt Jens A. Christiansen auch auf Europa. Er ist in zahlreichen Funktionen auf kontinentaler Ebene in Fragen der Minderheitenpolitik aktiv und bricht eine Lanze für die kulturelle Vielfalt in Europa.  In der Vielfalt sieht er eine Chance und die Stärke Europas. „Es gibt 300 nationale Minderheiten. Europa muss  auf Respekt gegenüber diesen Gruppen bauen. Wir sind keine separatistischen Kämpfer, aber wir sollten kulturelle Identität fördern. Vielfalt ist nicht abgrenzend, sondern verbindend, anders ausgedrückt: Grenzen können abschotten, aber auch Brücken bauen.“ Etwas gewagt formuliert er: „Ganz Dänemark ist eine Minderheit“, und hebt dabei etwa auf die geringe Verbreitung der Sprache ab. Folgt man diesem Gedankengang, ist es folgerichtig zu fordern: „Die nationalen Werte sind zu bewahren. Sie können Teil der europäischen Gemeinschaft, ja der Globalisierung ein.“

Für Jens A. Christiansen ist die deutsch-dänische Geschichte der letzten Jahrzehnte ein Beispiel, möglicherweise Musterbeispiel für ein gelungenes Zusammenleben ehemals verfeindeter Volksgruppen in Europa.

 

Bericht und Fotos: Dieter Wilhelmy 


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