Günter Evers
Günter Evers
Foto: Kleffel

Wasserloos liegt westlich von Kauslund, nördlich von Twedt, südlich von Friedheim und östlich von Engelsby, damals noch Windloch genannt. Die vier Anrainerdörfer haben leichtes Abwärtsgefälle und waren von Wasserloos in weniger als fünf, höchstens zehn Minuten im Laufschritt zu erreichen. „Wir waren immer die Höchsten!“ triumphiert Evers heute noch!
Wasserloos, ein Dorf mit nur fünf Katen, von denen zwei als Doppelkaten mit zwei kleinen Wohnungen ausgestattet waren, ist Heimatforschern seit 1634 als Wainloß bekannt. In den Jahren 1761 wandelte sich der Name in Wanlöss, 1791 in Vandloes, 1837 in Waterloos und 1847 schließlich in Wasserloos!

Großvater Asmussen mit fünf Enkelkindern, rechts Günter Evers
Großvater Asmussen mit fünf Enkelkindern, rechts Günter Evers

Günter Evers Opa hatte auch eine Erklärung für die heute immer noch gültige Straßenbezeichnung Wasserloos: Es gab weder einen Dorf- noch einen Löschteich wie es in anderen Dörfern üblich war, und es gab auch keine gemeinsame Dorfpumpe. Auf der kleinen Anhöhe waren die Bewohner „wasserloos“. Die einzige Wasserquelle aus der sich die Menschen versorgen konnten befand sich auf einer mehr als 60 Meter entfernten Koppel in Richtung Kauslund. Sie bestand aus einem Sod – einem offenen Brunnen – mit gutem Wasser. Erst zwischen 1871 und 1877 sollen die Kate Wasserloos 1 und die Gärtnerei Wasserloos 5 als erste einen Brunnen und eine Wasserpumpe bekommen haben.











Kinder von Wasserloos und Engelsby
Kinder von Wasserloos und Engelsby

Im Jahre 1840 wurde die Flensburg-Glücksburger Chaussee ausgebaut. Sie war nicht nur die Verbindungsstrecke zwischen Kauslund und Engelsby. Sie war auch täglicher Spielplatz für die Kinder. Die Kleinbahn, die im August 1886 als Schmalspurbahn ihren Betrieb aufgenommen hatte legte täglich rund 50 Kilometer von Flensburg über Glücksburg nach Kappeln zurück. Ab 1925 wurde davon eine Teilstrecke elektrifiziert. Diese Bahn lief direkt an der Gärtnerei vorbei. Wasserloos hatte eine Straßenbahnstation! Ab 1927 gab es werktags 15 und sonntags 20 Fahrten zwischen Flensburg und Glücksburg. Von Glücksburg bis Kappeln ging es mit der Kreisbahn weiter. Da sich das Teilstück mit der Straßenbahn nicht rentiert hatte wurde ihr Betrieb schon 1934 eingestellt und die alte Dampfeisenbahn wieder eingesetzt. Sie war bis 1953 in Betrieb. Auf ihrer Trasse entstand in dreijähriger Bauzeit die Nordstraße mit eigenem Fuß- und Fahrradweg.
Unser Chronist Günter Evers kam 1936 in Hamburg zur Welt. Sein Vater arbeitete dort als Gärtner. Günters Wurzeln aber sind in Wasserloos. Hier ist er aufgewachsen. Sein Vater, Helmut Evers, hatte seine Lehre in der Gärtnerei Asmussen in Wasserloos gemacht und später die Tochter des Hauses geheiratet. Weil Günters Vater sofort bei Kriegsausbruch 1939 eingezogen wurde, kehrte die junge Mutter mit ihrem damals dreijährigen Sohn von Hamburg in die elterliche Gärtnerei nach Wasserloos zurück. Günters Vater erlag bei Kriegsende seinen schweren Kriegsverletzungen. Die Erinnerungen an den geliebten Vater stammen aus wenigen Heimaturlaubstagen. Der Schmerz, ihn verloren zu haben, hat Günter nie losgelassen. So wurde neben der Mutter der Großvater zum wichtigsten Menschen in seiner Entwicklung.

Onkel Walter Asmussen. Im Hintergrund die Gärtnerei
Onkel Walter Asmussen. Im Hintergrund die Gärtnerei

Günter Evers hat auf rund 240 Seiten seine persönlichen Erinnerungen an Wasserloos und die Ergebnisse seiner Recherchen aus dem Stadtarchiv und aus Kirchenbüchern festgehalten und bebildert. Er beschränkt sich auf die Jahre zwischen 1935 bis 1950 als Zeitzeuge und als Chronist über die Zeit vor seiner Zeit. Wo seine Erinnerungen nur schemenhaft sind, weil er noch zu jung war, und weil Kinder damals vieles nicht sehen, fragen und wissen durften, ist Evers in Archiven den historischen Tatsachen auf den Grund gegangen. Ursächlich aber ging es ihm um fünf Häuser in Wasseerloos und um die Menschen die darin gelebt haben. Evers grub aus alten Adressbüchern verschollene Namen aus. Es ist ein kleiner, aber bunt gefächerter Bewegungsradius, in dem er seine gleichaltrigen Freunde und Klassenkameraden von der Mollerschule in Engelsby genau analysiert und einzelne Persönlichkeiten vorstellt. Ebenso beschreibt er die Erwachsenen des Dorfes aus der Sicht des Kindes. Erstaunlich ist neben dem Gärtnereibetrieb seines Großvaters die Vielfalt alter handwerklicher Tätigkeiten, die in den Häusern von Wasserloos den Broterwerb für einige Familien auch zusätzlich sichern mussten.
Evers schildert am Beispiel der Doppelkate Wasserloos 3, Baujahr 1749, wie die Menschen über 200 Jahre in Armut gelebt haben. In den Meldebüchern sind ein Hufner, ein Schneidermeister, ein Wasserbohrer und ein Schullehrer erwähnt.

Günter im Kinderwagen mit Mutter und den Großeltern Asmussen
Günter im Kinderwagen mit Mutter und
den Großeltern Asmussen

Diese Doppelkate gehörte seit 1917 dem großen Bauern Asmus Jost in Twedt. Noch bis 1945 gab es hier keinen Wasseranschluss und keine Toilette. Bekannt ist, dass sich die Mieter bei Bauer Ebsen, Wasserloos 2, ihr Wasser holen durften. Unter anderen wohnten dort auch der Treckerfahrer von Jördens und der Schmied Wilhelm Bahler. Die Familien konnten auch Ebsens Waschküche benutzen. Als Gegenleistung für seine Großherzigkeit durfte Bauer Ebsen seine Kühe von dem kräftigen Bullen des Bauern Jost in Twedt decken lassen. So half man sich in Wasserloos!

Die Gärtnerei Wasserloos 5. Links Günters Vater Helmut Evers als Gärtnerlehrling mit der Sähmaschine
Die Gärtnerei Wasserloos 5. Links Günters Vater Helmut Evers als Gärtnerlehrling mit der Sähmaschine

Heinrich Jurgeit, von den Kindern Hein Gummel genannt, betrieb neben seinem Beruf als Werkzeugschlosser in Haus 1 eine kleine Fahrrad- und Nähmaschinenwerkstatt. Schon 1836 gab es in diesem Haus eine Schmiede. Evers hat heute noch ein ungutes Gefühl, wenn er an den immer freundlichen und hilfsbereiten Hein Gummel denkt und an dessen wildes Ersatzteillager aus Altmaterialien: „Warum nur haben wir ausgerechnet diesen Mann ständig geärgert?“ Als Hein Gummel nach der Scheidung von seiner dicken Frau Marga seinen zweiten Frühling mit Gretchen erlebte, einer hageren Bohnenstange, die ihn um

Vier Generationen der Familie Evers in Harrislee: Uroma Catharina Peters, Oma Hedwig Caroline Evers, geb. Peters, Erna Evers, geb. Asmussen und Günter Evers
Vier Generationen der Familie Evers in Harrislee: Uroma Catharina Peters, Oma Hedwig Caroline Evers, geb. Peters, Erna Evers, geb. Asmussen und Günter Evers

Haupteslänge überragte, belauschten die Jungs von Wasserloos eines Tages mal das Pärchen. „Uns blieb vor Staunen Mund und Nase offen“, erinnert sich Evers. „Zwei Menschen hatten sich geküsst, und wir haben das gesehen!“ Das Pärchen heiratete. Und Gummels neue Frau war im Dorf sehr schnell beliebt. Als Gretchen eines Tages auf der Nordstraße überfahren wurde und starb, beendete Hein Gummel sein Leben mit dem Strick. Eine Tragödie in dem kleinen Dorf Wasserloos! Hein Gummels Vater, der ständig kränkelnde Opa, hatte sein Leben kurz vorher ebenfalls auf diese Weise beendet. „Für uns Kinder waren das die ersten sehr aufregenden und erschütternden Begegnungen mit dem Tod“, erinnert sich Evers.

Günters Eltern als jungverliebtes Pärchen
Günters Eltern als jungverliebtes Pärchen

Die Kinder von Wasserloos besuchten die Mollerschule in Engelsby mit den Klassen eins bis acht. Die Friedheimer hatten ihre eigene Schule. Das war ein Grund dafür, dass sich unter den Schülern, die sich gar nicht richtig untereinander kannten, Rivalitäten bis hin zu Straßenschlachten entwickeln konnten. Wenn ein Kind aus Wasserloos zum Schuster in die Osterallee geschickt wurde durfte es sich besser nicht von einem Friedheimer Jungen erwischen lassen. Mit Prügeleien dieser Art war endgültig Schluss als sich die Jungs auf ihren Fußballfeldern zu Freundschaftsspielen trafen.

Treppe zum verbotenen Heuboden. Günters Bruder Dieter mit Ajax
Treppe zum verbotenen Heuboden. Günters Bruder Dieter mit Ajax

Evers Erinnerungen an die unfreiwilligen Winterferien 1945/46 passen in diese Jahreszeit: Die Mollerschule in Engelsby war mit Flüchtlingen belegt. Deshalb fiel der Unterricht aus. Im nächs­ten Winter war schulfrei weil die Schule nichts zum Heizen hatte. Teilweise fand der Unterricht nur statt, wenn die Schüler eine Tüte Koks, ein paar Eierbriketts, ein Brikett oder ein Stück Torf oder Holz mitbrachten. War der Ofen aus, war auch der Unterricht aus. Einige Kinder konnten nicht zur Schule kommen weil sie keine Schuhe oder keinen warmen Mantel hatten. Als im Frühjahr 1946 der Unterricht wieder losging waren die Klassen hoffnungslos überfüllt. Evers erinnert sich an viele neue Gesichter mit anders klingenden Namen und Dialekten aus Schlesien, Ostpreußen, Sachsen und Berlin. Die Not war groß. Es fehlte an allem. Evers: „Aber plötzlich lichteten sich die Reihen unter uns Schülern und einige der uns vertrauten Engelsbyer Gesichter waren verschwunden. Die waren von ihren Eltern in dänische Schulen gebracht worden. Dort gab man den Kindern ausreichend zu essen. Jeder bekam seine eigenen Schulbücher, Hefte und Stifte. Die Klassen waren beheizt. Während dieser Zeit schrieben wir noch auf Zeitungsrändern und auf gebrauchten Papiertüten“, erinnert sich Evers.

Straßenbahnstation in Wasserloos
Straßenbahnstation in Wasserloos

„Wirklich vermisst haben wir Kinder aus Wasserloos damals nichts. Wir kannten es nicht anders. Wer uns wirklich fehlte und was uns traurig machte war der Verlust unserer ehemaligen Klassenkameraden, die jetzt auf den dänischen Schulen waren!“ Es dauerte nicht lange bis sich Spannungen unter den ehemaligen Klassenkameraden aufgebaut hatten. „Die Sticheleien kamen aus den Elternhäusern, nicht von uns Kindern“, sagt Evers.

Onkel Walters Opel P4 zum Transport seiner Gärtnererzeugnisse (kostete 1.800 R-Mark)
Onkel Walters Opel P4 zum Transport seiner Gärtnererzeugnisse (kostete 1.800 R-Mark)

„Mit Sprüchen wie „Tyske Pack häät Lüüs in den Nack“, wollten uns die dänisch Gesinnten beschämen. Gemeint waren unsere mangelhaften hygienischen Verhältnisse. Worauf die Deutschen mit ihrer neuen Wortschöpfung „Speckdänen“ konterten. Als dann ab März 1946 auch an den deutschen Schulen Schulspeisung ausgeteilt wurde, beruhigten sich die Geister!“ Bei Evers liegt die Dankbarkeit für die Schulspeisung dicht neben einem tiefen Ekelgefühl, dass er bis heute auf der Zunge zu spüren glaubt: Es war der Lebertran, der jedem Kind bis zum vierten Schuljahr mit einem Löffel „eingeflößt“ werden sollte – vorbeugend gegen Rachitis und

Zwei Schuljahrgänge 1948–1958 in einer Klasse. Obere Reihe 5., von links Günter Evers, links Lehrer Hansen
Zwei Schuljahrgänge 1948–1958 in einer Klasse. Obere Reihe 5., von links Günter Evers, links Lehrer Hansen

wegen Mangelernährung. Evers: „Als wir, meine Freunde Rudi und Peter Peters und ich die Aufgabe übernommen hatten, löffelweise den Lebertran an die jüngeren Mitschüler auszugeben, flossen Tränen. Die Kinder verweigerten den kostbaren Tran und spuckten ihn einfach aus. Da kam uns Jungs die Idee, den restlichen Lebertran in Rudis Kochgeschirr zu füllen und ihn in einer Tranlampe zum Brennen zu bringen. Damit haben wir uns in der von uns gebauten Höhle in der Fuchskuhle schön aufgewärmt. Wegen des bestialischen Tran-Gestanks allerdings mussten wir unsere Kleidung draußen vor der Haustür ablegen!“

Großvater Asmussens Gärtnerei in Wasserloos 5, ein kriegswichtiger Betrieb für Gartenbauliche Erzeugnisse

Mitte: Rektor Bernhard Hansen, links Musiklehrer Buske und die ehemalige Schülerin Hannelore Jensen
Mitte: Rektor Bernhard Hansen, links Musiklehrer Buske und die ehemalige Schülerin Hannelore Jensen

Großvaters Nachfolger in der Gärtnerei war sein Sohn Walter. Er war erst 1944 heimatnah nach Leck in den Krieg eingezogen worden, damit er, wenn er dienstfrei hatte, der Gärtnerei unverzüglich zur Verfügung stehen konnte. Gärtnereien waren während des Krieges mit ihren Obst- und Gemüseprodukten lebensnotwendige Nahrungsmittelerzeuger. In diesem Sinne hieß es 1943 in einer Gartenbau-Fachzeitschrift: „Steigerung der gartenbaulichen Erzeugung als Hauptaufgabe. Ernährungskrieg – totaler Krieg!“ So hatte Onkel Walter bis 1944 in der Erzeugungsschlacht gekämpft. Jetzt wurde er in den richtigen Krieg eingezogen als Küchenhelfer in der Kasernenküche in Leck. Als im Mai 1945 die Alliierten immer näherrückten wurde es plötzlich sehr lebendig in der Gärtnerei. Deutsche Armeelastwagen rollten im Schutze der Dunkelheit an. Es wurden Mehl- und Zuckersäcke, Kisten mit Furnierholz und Glas und riesige Ballen Uniformstoff in die Scheune geschafft. Nicht Onkel Walter hatte sich diese Kostbarkeiten unter den Nagel reißen wollen. Es waren seine Vorgesetzten, die Herren Offiziere.

Bauernhof Ebsen, Wasserloos 2 mit Scheune
Bauernhof Ebsen, Wasserloos 2 mit Scheune

Als dann endgültig Schluss war mit dem Krieg, da zogen plötzlich vier Zivilisten in die Gärtnerkammer ein und arbeiteten einige Wochen in der Gärtnerei. Eines Tages waren sie ebenso sang- und klanglos verschwunden, wie sie aufgetaucht waren. Mit ihnen war auch das gesamte Diebesgut verschwunden! In die verlassene Gärtnerkammer wurde sofort eine neue Flüchtlingsfamilie eingewiesen. Die blieb nur für kurze Zeit. Danach wurde Baumeister Seidel mit seiner Frau und seiner Tochter in der Gärtnerkammer einquartiert. Ihre Tochter Margare­tha Seidel war Kunstgewerbelehrerin. Sie wurde später eine bedeutende Malerin, die ihre Ausbildung 1950 bei Oskar Kokoschka in England vervollständigte.
Durch die Flüchtlinge, die in Wasserloos für kurze oder auch für längere Zeit Unterkunft gefunden hatten, war das Dorf mit den fünf Häusern gar nicht mehr so klein und ländlich wie alle dachten.
Renate Kleffel 

Unser Chronist Landwirtschaftsdirektor Dipl. Ing. Günter Evers lebt in Glücksburg. Er hat die Romane („Weg der Verzweifelten – das elende Schicksal der Heide“ und Moorkolonisten“) und („Eddelene, das Mädchen aus dem Moor“) veröffentlicht. Außerdem arbeitet Evers an einer umfangreichen Chronik über Gärtnereien und Gartenbau. Kl.

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