Bruder-Duell
Bruder-Duell

Ein Derby schreibt auch Familiengeschichten. Wie zuletzt Anfang September. Ein Spieler der SG Flensburg-Handewitt und einer vom THW Kiel stehen eine halbe Stunde nach dem Abpfiff auf dem Spielfeld – inmitten einer Menschengruppe. Es sind die Brüder Henrik und Rene Toft Hansen, die sich mit ihren Familienangehörigen treffen. Der Vater hat es nicht geschafft, aus der nordjütländischen Provinz zu kommen. Aber die Mutter ist da. Und die beiden Schwestern, der Bruder und die Lebensgefährtinnen. „Diesmal ist es etwas witziger für mich, da ich endlich mal wieder gewonnen habe“, strahlt Henrik Toft Hansen. Der Neu-Flensburger hat etwas länger warten müssen: Zuletzt glückte 2010 mit Aalborg ein Sieg gegen den zwei Jahre älteren Bruder Rene, der damals in der dänischen Liga für den FC Kopenhagen spielte. Früher waren die Bruder-Duelle sehr aufregend für die Familie. Kein Wunder, stoßen doch beide Kreisläufer auf dem Feld stets mit viel Körperkontakt aufeinander. „In den 60 Minuten darf man nicht denken, dass man gegen seinen Bruder spielt“, weiß Henrik Toft Hansen. „Man muss voll auf das Spiel konzentriert sein, um 100 Prozent zu geben. Erst nach dem Schlusspfiff ist Rene wieder mein Bruder.“ Da kommt es auch vor, dass man erst in der Spielunterbrechung bemerkt, dass ein Familienmitglied am Boden liegt. Inzwischen hat sich auch bei den Angehörigen eine gewisse Routine eingeschlichen, zumal sich bisher niemand ernsthaft verletzt hat. Überhaupt stammt der neue SG-Kreisläufer aus einer begeisterten Handball-Familie. Der Vater hat zwar nur „gedaddelt“ und die Mutter nur tieferklassig das Tor gehütet, „unsere Eltern“, lächelt Henrik Toft Hansen, „müssen uns aber viel Talent mitgegeben haben.“ Neben den beiden dänischen Nationalspielern gibt es drei weitere Geschwister. Der kleinere Bruder Allan war jüngst zur U19-Weltmeisterschaft in Russland und Ende Juli mit seinem Klub aus Mors-Thy zum Jacob Cement Cup in der Flens-Arena erschienen. Erstmals hatten die „Tofts“ ein anderes Bruder-Duell. Die ältere Schwester Maybritt spielt beim Erstligisten SK Aarhus. Alle sind sie Kreisläufer. Nur die Kleinste, die 15-jährige Jeanette, ist Linkshänderin und dürfte damit auf einer anderen Position landen. Natürlich hat Henrik Toft Hansen in seiner Jugend auch andere Sportarten ausprobiert. Fußball, Tennis und sogar Schwimmen. „Im Wasser liegen – das war nicht mein Ding“, sagt er. Früh setzte sich der Handball durch. Die Vorstellung, wie die heutigen Profis schon auf dem elterlichen Bauernhof im nordwestjütländischen Roslev um den Ball kämpften, hat Bilderbuch-Charakter. Angesichts des Altersunterschieds von zwei Jahren mag man erahnen, wer meistens die Nase vorne hatte. Überhaupt beeinflusste die Laufbahn des Älteren die des Jüngeren. Als Henrik Toft Hansen mit 14 Jahren den Heimatklub verließ, um im Jugendbereich des Erstligisten Mors HF sein Talent zu fördern, war Bruder Rene gerade in die nächsthöhere Altersklasse aufgestiegen. Die Position am Kreis war frei geworden. „Ich hatte nun denselben Trainer, und der scherte sich nicht darum, dass ich vorher im Rückraum gespielt hatte“, erzählt der SG-Neuzugang. „Er dachte: Ein Toft Hansen muss am Kreis stehen.“ Beide Brüder haben trotz der identischen Position individuelle Komponenten bewahrt. „Rene ist fünf Kilo schwerer und etwas kräftiger“, erklärt Henrik Toft Hansen. „Ich bin dafür etwas schneller. Wir sind zwei unterschiedliche Kreisläufer-Typen, was sinnvoll ist für die Nationalmannschaft.“
Im Danebrog-Trikot gibt es gemeinsame Erlebnisse. 2012 wurden die Brüder in Serbien Europameister, ein Jahr später folgte Silber bei der Weltmeisterschaft in Spanien, und auch bei der diesjährigen WM in Katar standen beide bisweilen gemeinsam auf dem Parkett. Dann hauptsächlich im Mittelblock der 6:0-Abwehr. Im Vereinshandball gab es nur 2011/12 eine gemeinsame Schnittstelle, als der AG Kopenhagen bis zum Konkurs als gemeinsamer Arbeitgeber fungierte. Henrik Toft Hansen wechselte mit einem „Zwischenstopp“ in Bjerringbro-Silkeborg 2013 zum HSV Hamburg.

Ohne Kraft-Training kein Meister
Ohne Kraft-Training kein Meister

Die einst stolzen Perspektiven des Metropolen-Klubs schrumpften zusammen, dazu bewegten private Neuigkeiten die familiäre Gedankenwelt. Lebensgefährtin Ulrika Agren, zuletzt Kreisläuferin beim Frauen-Erstligisten Buxtehuder SV wurde schwanger. Das Paar erwartet im November sein erstes Kind. Der Blick ging nach Skandinavien. Den bis 2016 gültigen HSV-Vertrag konnte Henrik Toft Hansen auflösen. „Ursprünglich wollten wir nach Dänemark gehen, doch dann kam die SG mit ihrem Angebot auf mich zu“, erzählt der Profi. Die Unterschrift landete unter einem Drei-Jahres-Kontrakt, was HSV-Manager Christian Fitzek auf den Plan rief: Er war verärgert, dass der Kreisläufer überraschend zur Bundesliga-Konkurrenz gewechselt war. Doch die Wogen dürften inzwischen geglättet sein: Beim jüngsten Gastspiel an der Elbe spürte Henrik Toft Hansen keine Animositäten. „Einige Fans haben mich sogar nett begrüßt.“
Den Umzug an die deutsch-dänische Grenze hat der Zwei-Meter-Mann bislang keine Minute bereut. In Handewitt geht er gerne spazieren, hat registriert, dass es einen dänischen Kindergarten und auch eine Schule gibt. Da klingt der Familienmensch durch. Auch die Aussichten für seine Ulrika, in der dänischen Liga ihre Laufbahn fortzusetzen, stimmen ihn zufrieden. „Freunde können wir schnell besuchen“, erzählt der Handballer. „Und wenn ich mal Lust auf dänisches Essen habe, braucht es nur fünf Minuten.“ Die ersten SG-Tage begannen mit einem Rückzieher. Wie in Hamburg wollte der Neuzugang die Rückennummer 15. „Als ich dann aber hörte, dass es sich dabei um die Nummer von Lars Christiansen handeln würde, wollte ich lieber die 23“, berichtet Henrik Toft Hansen. „Die trage ich auch in der Nationalmannschaft. Mit ihr habe ich ein gutes Gefühl.“ Das hatte er auch, als er erstmals die SG-Kabine betrat. „Da war sofort eine gewisse Vertrautheit. Und dann habe ich auch noch zwei Kumpels aus Hamburg mitgenommen.“ Jetzt fehlt nur noch der sportliche Erfolg.











Text und Fotos: Jan Kirschner

Das mag ich
Das mag ich Ich liebe es Ich muss lachen Einfach WOW! Das macht mich traurig Das macht mich wütend
Weitere Artikel anzeigen
Lade mehr SG

Jetzt gleich kommentieren:

avatar
  
smilegrinwinkmrgreenneutraltwistedarrowshockunamusedcooleviloopsrazzrollcryeeklolmadsadexclamationquestionideahmmbegwhewchucklesillyenvyshutmouth
  Abonnieren  
Benachrichtige mich bei

Auch interessant

Kurzes Vergnügen: HSV reist nach einem Tag aus Trainingslager in Glücksburg ab

Groß war die Freude bei allen HSV-Fans. Am Sonntagnachmittag war die Mannschaft des HSV zu…