„Haus der Familie“. Das klingt ein wenig altbacken, nach Kittelschürze und Kinderkrippe, nach Sozialhilfe und Frauenhaus.

Der Blick hinter die helle Klinkerfassade des mächtigen, dreistöckigen Gebäudes in der Wrangelstraße, umgeben von Gründerzeitvillen und gut bürgerlichen Miethäusern, vermittelt ein anderes Familienbild. Die Dreieinigkeit von Vater, Mutter, Kinder ist aufgebrochen, nicht erst seit den 60er Jahren, in denen die „Kulturrevolution“ die traditionellen Familienwerte in Frage stellte. Das begann früher, spätestens zur Gründungszeit des „Hauses der Familie“ vor 62 Jahren. Der Krieg hatte Familien zerstört, gebrochen und neu definiert. Alleinstehende Mütter sind keine Erscheinung der 2. industriellen Revolution. Viele sind ein Ergebnis eben jener historischen Umwälzung, die der Krieg geboren hatte. Entwurzelte Familien, Flüchtlinge, Alleinstehende, Väter wie Mütter, neue Verbindungen, Trennungen. Arbeits- und Orientierungslosigkeit trafen tausende Menschen.











Doch wo Not ist, entsteht auch Hilfe, damals wie heute. Vor 62 Jahren manifestierte sich die Hilfe in der Gründung des „Hauses der Familie“ unter der Trägerschaft der ADS, heute in Einheit mit dem Grenzfriedensbund. Die ersten Angebote waren bodenständig, dem Bedarf der Nachkriegsgeneration geschuldet. „Wie werde ich eine gute Hausfrau?“ Kochkurse, Säuglingspflege, Mutter-Kind-Kurse. Das waren die Themen in der Gründungszeit. Im traditionellen Familienbild spielten die Männer in der öffentlichen Wahrnehmung eher eine Randrolle. Sie waren vordringlich für die „Alimentation“ der Familie zuständig, für die Geldbeschaffung. Erziehung, insbesondere der Kleinkinder, war in der Regel Mütter-, also Frauensache.

In den sechs Jahrzehnten seit Bestehen des „Hauses der Familie“ hat sich ein Wandel vollzogen. Mehr Frauen haben eine hochwertige Berufsausbildung, die in einer langfristigen Beschäftigung mündet. Das Streben nach Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung ist die Folge. Damit veränderte sich die Rolle der Männer, der Familienväter, wenn auch nicht in gleicher Intensität. Letztendlich stieg die Belastung der Frauen mit dem Wunsch und auch dem Zwang, Familie und Beruf in Einklang zu bringen. Nicht immer gelingt das, nicht immer gelingt das konfliktfrei. Spätestens dann, wenn aus Familienmüttern Alleinstehende werden. Dann ist Hilfe gefragt. Und Hilfe  wird gewährt, in unserem Sozialsystem auf vielfältige, damit auch verwirrende und oft schwer überschaubare Art. Viele Institutionen, staatliche, private und halböffentliche Träger „kümmern“ sich um die Hilfesuchenden. Inzwischen buhlen sie auch um sie, in der Sorge um öffentliche Kostenübernahme, Zuschüsse und Sonderzuwendungen. Der große Apparat, der bei vielen Trägern im Laufe der Jahrzehnte aufgebaut wurde, muss unterhalten werden.

Auch der ADS-Grenzfriedensbund e. V. kämpft ums Weiterbestehen. Ohne „Kunden“ keine Kostenübernahmen und Zuschüsse, die nicht nur das Angebot, sondern auch die Beschäftigungen und Investitionen der Institution sichern. Werbung und Öffentlichkeitsarbeit sind inzwischen wesentlicher Bestandteil des Sozialmanagements. Das „Haus der Familie“ ist in der komfortablen Situation, einen hohen Bekanntheitsgrad in der Stadt zu haben.

Beratungszentrum

Die Hausleiterin Gesa Görrissen erzählt, wie Menschen ihr Haus als erste Anlauf- oder Ansprechstelle bei der Hilfesuche nutzen, oft, ohne das vielfältige Angebot in der Wrangelstraße zu kennen. „Nehmen wir ein Beispiel“, sagt sie. „Ein junger Vater ist am Telefon. Er ist alleinerziehend mit einem 3-jährigen Sohn. Die Scheidung von seiner Frau hat ihn sehr mitgenommen. Oft fühlt er sich überfordert mit der Erziehung des Kindes. Er arbeitet halbtags, um Zeit für seinen Sohn zu haben. Trotzdem häufen sich die Probleme. Durch frühere Anschaffungen ist er überschuldet. In dem Telefonat deutet er die Probleme an. Wir bieten ihm ein Gespräch bei uns im Haus der Familie an.“

Diesem Vater kann auf vielfältige Weise mit Rat und Tat beigestanden werden. Doch erst im persönlichen Kontakt kann der Bedarf festgestellt werden. Daraufhin werden dem Vater eine Reihe von Maßnahmen angeboten. Für ihn selber eine psychologische Beratung. Möglicherweise könnte eine Selbsthilfegruppe dazu beitragen, ihn zu stabilisieren, eine echte Depression verhindern helfen. Die Schuldnerberatung kann sich seiner desolaten Finanzsituation annehmen und Wege für eine Entschuldung finden. Vor allem aber müsste dem Kind geholfen werden, etwa durch die Teilnahme des 3-jährigen am Miniclub-Angebot.

Im Miniclub vereinen sich Eltern oder auch Großeltern zusammen mit den Kindern für jeweils eine Stunde zum gemeinsamen Spielen, Singen und kreativen Gestalten. Dabei finden die Kleinen Kontakt zu Gleichaltrigen, lernen den sozialen Umgang und bekommen Anregungen für ihre eigene Entwicklung. Am Rande erhalten die Erwachsenen von den Gruppenleitern Anregungen und Hilfen für die häusliche Erziehung. Im Falle des überforderten Vaters könnte das „Haus der Familie“ eine Patenschaft anbieten. Dabei kommt eine  ehrenamtliche Patin  oder ein Pate einmal die Woche zu ihm nach Hause. Mit dem Kind wird gespielt, gebacken, es wird vorgelesen. Der Vater wird entlastet, bekommt aber vor allem Anregungen zum förderlichen Umgang mit dem Kind.

Familienbildungsstätte

Die Angebote im „Haus der Familie“ erwecken beim ersten Durchblättern der Programmbroschüre den Eindruck eines Volkshochschulangebotes. Überschneidungen sind nicht ausgeschlossen, doch die Leiterin Gesa Görrissen und Julia Böttcher, verantwortlich für die Familienbildungsstätte, betonen, dass es sich nicht um ein Konkurrenz-„angebot“ handelt, sondern die Veranstaltungen, Kurse und Hilfsmaßnahmen sich immer an der Nachfrage ausrichten, dem Bedarf der Hilfesuchenden.

Die Fortbildungen zum engeren Thema „Familie“ dominieren weiterhin. Von der Geburtsvorbereitung, über Babymassage, Erziehungsberatung bis zur Mathenachhilfe für Schüler reichen die Themen. Familie und Gesundheit bilden einen weiteren Schwerpunkt, darunter gesundheitliche Hilfen für Eltern und Großeltern. Gymnastik und Bewegung, Ernährung und Kochen, kreatives Gestalten. Eine eindrucksvolle Bandbreite von Angeboten, die eine Familie physisch und psychisch unterstützen können. Das Angebot ist generationenübergreifend und international. So reichen die Themen der Kochkurse von der „Vielfalt der afrikanischen Küche“ bis zum japanischen Kochabend „Yokoso“, die Fitness- und Gesundheitskurse von „Gymnastik für Frauen 60 plus“ bis zur „Homöopathie für Kinder und Jugendliche“.

„Train the trainer“ könnte man die Angebote zur Fortbildung von pädagogischen Fachkräften nennen. Sie nehmen einen breiten Raum im Wirken des „Hauses der Familie“ ein. Nicht nur ausgebildete Pädagogen, Psychologen und Mediziner sind angesprochen, auch Ehrenamtler bekommen hier eine professionelle Fortbildung.

Finanzierung

In der Familienbildungsstätte werden durchschnittlich 20.000 Kursstunden jährlich angeboten. 18.000 Menschen werden damit erreicht. Ein immenses Angebot, das eine personelle Basis braucht. 18 Festangestellte und rund 50 Ehrenamtler arbeiten für das Haus, dazu kommen ca. 200 Honorarkräfte. All dies muss finanziert werden. Das kann nicht nur durch die moderaten Kursgebühren geschehen. Gesa Görrissen schildert die komplexe Finanzierung des Hauses. Zum einen gibt es für bestimmte Maßnahmen gesetzlich festgelegte staatliche Zuschüsse, darüber hinaus auch freiwillige Leistungen des Landes und der Stadt. Kranken- und Rentenversicherung sind an der Finanzierung beteiligt. Der Träger ADS-Grenzfriedensbund e. V. muss für das Haus Mittel bereitstellen und letztlich tragen Spenden zur Sicherung des Angebotes bei.

Noch Luft nach oben

Das Haus in der Wrangelstraße stößt räumlich an seine Grenzen und ist, mit Ausnahme des Souterrains, nicht behindertengerecht gestaltet. Die steilen Treppen sind nicht nur für Kinder, sondern auch für Ältere und Behinderte ein Makel, passen nicht mehr zur zeitgemäßen Barrierefreiheit. Die Mitarbeiter wünschen sich sehnlichst eine neue Heimstatt für ihr „Haus der Familie“, so attraktiv die jetzige Lage auch sein mag. Eine Ausweitung des Angebotes ist an diesem Standort nicht mehr möglich. Und die ist durchaus angedacht. Es werden „Talente“ gesucht, Honorarkräfte, die mit neuen Ideen das Portfolio des Hauses erweitern können. Gesundheit, Eltern-Kinder-Konzepte oder auch Angebote im Kreativbereich sind willkommen. Dazu natürlich Ehrenamtler für die vielfältigen Betreuungsaufgaben. Einmal im Jahr wird mit allen gefeiert, das hat inzwischen Tradition. Das Solitüdefest des ADS-Grenzfriedensbundes steht regelmäßig unter dem Motto „Fest der Minderheiten.“ Ein guter Ort, die Aktiven auch des „Hauses der Familie“ einmal privat und zwanglos kennen zu lernen. In diesem Jahr am 2. Juli. Ansonsten stehen vor allem zwei Wege für eine erste Kontaktaufnahme zur Verfügung. Das Telefon 0461-503 26-0 und die Homepage www.hausderfamilie-flensburg.de.

Bericht: Dieter Wilhelmy, Fotos: Nona Arabuli

 

Haus der Familie: Zahlen – Daten – Fakten

Familienbildungsstätte

Es werden durchschnittlich 20.000 Kursstunden jährlich angeboten. Mit den Angeboten werden jährlich ca. 18.000 Menschen erreicht. Die FBS arbeitet mit ca. 100 Honorarkräften zusammen.

Beratungszentrum

Psychologische Beratung

Das Beratungszentrum bearbeitet pro Jahr ca. 480 Fälle. Durchschnittlich werden 584 Personen beraten. 1.400 Beratungen werden nach dem KJHG durchgeführt. Das entspricht einem Durchschnitt von 2,9 Beratungen pro Fall. Außerdem finden ca. 540 telefonische Beratungen von über 10 Minuten Dauer statt.

Schuldnerberatung

Es werden pro Jahr ca. 500 Fälle bearbeitet. Jährlich kommen durchschnittlich 250 neue Fälle dazu. Die persönlichen Beratungen innerhalb der Sprechzeiten liegen in einem Jahr bei ca. 1.000. Die telefonischen Kontakte liegen bei 1500 pro Jahr.

438 Kinder unter 18 Jahren sind von der Verschuldung/Überschuldung betroffen.

KIBIS (Selbsthilfekontaktstelle)

Es finden durchschnittlich 3.447 Kontakte jährlich über KIBIS statt. Davon sind 2.184 Kontakte mit Bürgerinnen und Bürgern, 627 Kontakte mit Professionellen und 141 Kontakte mit den Selbsthilfegruppen. KIBIS betreut 135 Gruppen.

Solitüdefest

ca. 5.000 BesucherInnen pro Fest

Ehrenamtsmesse

ca. 2.000 BesucherInnen pro Messe

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