In unserer Serie „Flensburger Straßen und Stadtteile“ bitten wir Zeitzeugen, uns von ihren ganz persönlichen Erinnerungen zu berichten.
In dieser Ausgabe hält die gebürtige Flensburgerin Annemarie Danco Rückblick.

Annemarie Danco lebt seit vielen Jahren auf dem Land. Ihr Wagen trägt das Kennzeichen SL. Ihr Herz aber schlägt für ihre Heimatstadt Flensburg – obwohl sie hier nur zufällig auf der Durchreise zur Welt gekommen ist. Das war am 8. August 1937, während ihre Eltern mit dem Auto von Brekendorf/Owschlag nach Dänemark unterwegs waren. Annemarie wurde in der Diako geboren und nach elf Tagen, gleich noch vor ihrer Weiterreise, bei den Diakonissen getauft.











Als Annemarie 1942
Flensburgerin wurde

Urgroßtante Marie Hansen war Besitzerin eines großen Mehrfamilienhauses in der Friedrichstraße 6. Dort lebte sie in einer Sechszimmerwohnung in der dritten Etage, ohne Fahrstuhl und ohne jeden Komfort. Es gab kein Badezimmer. Zu den Toiletten ging es eine halbe Etage abwärts. Tante Marie war hoch in den Siebziger Lebensjahren und sehr pflegebedürftig. Deshalb hatte sie Annemaries Mutter, Catharina, angeboten, mit ihren vier Töchtern von Brekendorf zu ihr in die Friedrichstraße 6 zu ziehen und mit ihr in Wohngemeinschaft zu leben. Die beiden ältesten Töchter waren schon außer Haus in Stellung. Es war Krieg. So waren eigentlich nur die Mutter, unsere heutige Chronistin Annemarie und ihre um fünf Jahre ältere Schwester Ingeborg unter den vielen Kindern in der Friedrichstraße „die Neuen“ von Nummer 6! Annemarie war damals fünf Jahre alt. Während sie ihre Geschichte erzählt, sitzen mir die beiden Schwestern gegenüber. Draußen ist es grau in grau. In der Wohnstube bei Annemarie ist es gemütlich. Mollige Wärme strömt aus den Heizkörpern. Die Buten-Flensburgerin reibt ihre Hände aneinander, als müsse sie die Finger erst einmal aufwärmen, so wie damals in den eiskalten Räumen in der Friedrichstraße 6. Im gesamten Haus gab es nur Kachelöfen und den Küchenherd. Wenn es im Winter sehr kalt war und das Wasser in den Leitungen einzufrieren drohte, mussten Annemarie und ihre Schwester abends gemeinsam mit der Mutter in den Keller, um für alle fünf Mietparteien das Wasser abzustellen. Vorher wurden überall im Haus die Wasserhähne geöffnet und die Toilettenspülkästen geleert. Das Mauerwerk des Hauses war schlecht isoliert, die eisige Kälte drang durch Fenster, Türen und Wände!
Immer samstags war Badetag für die ganze Familie. Dafür wurde die lange Zinkbadewanne in der Stube oder in der Küche aufgestellt. Der große Wasserkessel stand brodelnd auf dem Küchenherd. Annemarie erinnert sich, dass sie immer als erste in die Wanne durfte! Das war eine besondere Auszeichnung.
Nur im Keller des Hauses war die Zeit nicht ganz stehengeblieben. Gleich Anfang des Krieges war der Keller für die Bewohner des Hauses mit Etagenbetten zum Luftschutzkeller umfunktioniert worden. „Wenn sich die Gelegenheit bot, in den Betten spielen zu dürfen, war das für uns Kinder höchstes Vergnügen“, sagt Annemarie.
Wenn die Bäume im Winter kein Laub mehr trugen, reichte der Blick weit über die Förde bis nach Kollund. Im Nahbereich unterhalb der Friedrichstraße konnte Annemarie direkt auf den Schulhof und auf die Rückseite der Mädchenmittelschule schauen.
In der Friedrichstraße bewegte sich damals kaum ein Auto. Für die Kinder drohte nirgends Gefahr. Sie spielten auf der Straße, radelten und sausten mit ihren Schlitten abwärts.

Zum Einkaufen führten die Wege von der Friedrichstraße immer abwärts

In der unteren Friedrichstraße am Lutherplatz war der Tante Emma-Laden von Frau Ralfs. Am Südermarkt kaufte Annemaries Mutter in der Klosterbäckerei und bei Schlachter Egtved ein. Dort befanden sich auch die Drogerie Traulsen und die Eisdiele Nöbbe. Bei Bäcker Jepsen gab es die leckersten Honigkuchen, auf denen jeweils ein bunter Weihnachtsmann klebte. Eine Art „Liebesmarken“, die Annemarie sorgfältig in einem dicken „Album mit Wünschen“ eingeklebt und bis heute aufbewahrt hat.

1942: Über ihr erstes
Weihnachtsfest in der
Friedrichstraße 6 hatte
sich tiefe Trauer gelegt

Die Dancos hatten sich bei Großtante Marie in der Friedrichstraße gut eingelebt. Das erste gemeinsame Weihnachtsfest aber bescherte der Familie Krankheit und Tod! Annemaries damals 16jährige Schwester Hildegard, sie war die älteste der vier Töchter, erkrankte an der hoch ansteckenden Diphtherie. Niemand konnte ihr mehr helfen. Sie verstarb Weihnachten und wurde im neuen Jahr auf dem Mühlenfriedhof begraben!

1943/1944: Lazarett in der Mädchen-Mittelschule,
Südergraben 12

Annemarie hatte schon als Sechsjährige täglich das ganze Leid von verwundeten deutschen Soldaten direkt vor Augen. Wenn sie aus dem Fenster Friedrichstraße 6 in Richtung Südergraben schaute, fiel ihr Blick stets auf den Schulhof und auf die Rückseite der Mädchen-Mittelschule. Hier wurde nicht mehr unterrichtet – hier wurden schwer kriegsverletzte Soldaten versorgt. Den Anblick hat sie bis heute vor Augen: Soldaten in abgewetzten Uniformen auf Krücken, Männer jeden Alters mit Kopfverbänden, andere ohne Arme oder ohne Beine! Annemarie und ihre Mutter sind oft runtergegangen, um mit den Verwundeten zu reden und zu trösten. Manchmal ist Annemarie auch mit einem Töpfchen Suppe allein gegangen. „Die Soldaten haben sich über unseren Besuch so gefreut. Einer der Verwundeten knüpfte wunderschöne Taschen aus Bindfaden. Annemarie hat ihm bei der Arbeit oft zugesehen – wobei sie nicht ahnen konnte, dass der Soldat zwei dieser Taschen – eine große für ihre Mutter und eine kleine für sie selbst in Arbeit hatte. Das ist 75 Jahre her. Annemarie hat diese Tasche wie ein Kleinod bewahrt. Sie ist fester Bestandteil ihrer Erinnerungen! Aber schauen Sie selbst, liebe Leserinnen und Leser: Die Tasche ist hier abgebildet!

1944: Als die neue Freundin aus Straßburg kam

In der Villa Friedrichstraße 23 wohnte die Familie Heesch. Im Adressbuch von 1921 war deren Geschäftshaus unter der Adresse Südermarkt 12 unter „Herren-Konfektion – Manufaktur und Schuhwaren“ verzeichnet. Heute befindet sich in diesem historischen Eckgebäude die Nikolai-Apotheke.
Annemaries neue Freundin hieß Liselotte Heinz. Die beiden Mädchen waren ungefähr gleichaltrig und sind bis heute beste Freundinnen! Liselotte war eine Heesch-Enkelin, die sich mit ihren Eltern im September 1944 in den Kriegswirren von Straßburg nach Flensburg gerettet hatte. Straßburg war im Juni 1940 von deutschen Truppen besetzt worden. Zur Befreiung vom Naziregime hatten die Alliierten am 11. August und 25. September große Teile von Straßburg durch Bombardements zerstört. Worauf die Deutschen bis Kriegsende mit Gegenangriffen die Zerstörung fortsetzten.

1945: Als die Engländer kamen

Der Krieg war vorbei. Die Engländer beschlagnahmten die unteren Räume des Hauses Friedrichstraße 8. Es dauerte nicht lange, bis sie auch das Museum übernahmen und die Räume für ihre Zwecke nutzten. Für Annemarie und die anderen Kinder war das Gelände um das Museum ideal zum Spielen. Die Versorgung für die englischen Soldaten kam aus der großen Küche im Souterrain. Es wurde gekocht, gebrutzelt und gebacken. Das frisch gebackene, schneeweiße Brot lag öfter mal zum Abkühlen auf der Fensterbank. Dieser Duft lockte die Kinder an. Annemarie beschreibt, wie sie sich immer mal wieder einzeln unter dem Fenster vorbeigeschlichen haben, um Brot zu klauen. Gefasst worden sind sie nie. Die Blicke der Kinder gingen auch hoch zu den geöffneten Fenstern, aus denen die Soldaten auch mal Kaugummi und Schokolade hinabwarfen. Annemarie: „Eines Tages hatten sie uns mit ihren guten Gaben eindeutig angelockt. Als wir dann wie Trauben unter den Fenstern standen und erwartungsvoll nach oben schauten, ergossen sich plötzlich heftige Schwalle aus Pipieimern auf uns nieder. Dabei hatte es tatsächlich jeden von uns erwischt, noch bevor wir schreiend davonlaufen konnten. Dann hörten wir nur noch schallendes Lachen aus englischen Männerkehlen!“
Annemarie erinnert sich an die riesengroßen Bäume, die am Museum standen. Es waren Ulmen, deren Samen die Kinder „Hamburger Käse“ nannten und mit Begeisterung aßen. Die Ulmen sind gefällt und auch die uralten Buchen sind längst verschwunden. Das sind schmerzliche Erinnerungen!

1948: Von der Nikolaischule zur dänischen Schule

Die Kinder von der Friedrichstraße waren der Nikolaischule zugeordnet. Da die Vorfahren von Annemaries Mutter ursprünglich aus Genner bei Apenrade stammten (Apenrade gehörte vor 1871 zu Preußen und bis 1920 zum Deutschen Reich), meldete sie ihre jüngste Tochter Ostern 1948 in der dänischen Schule am Pferdewasser an. Annemaries Geschwister hatten die deutsche Schule bereits abgeschlossen. Die damals elfjährige Annemarie sprach zu der Zeit noch kein Wort Dänisch! Das sollte sich aber sehr schnell ändern, denn sie durfte gleich ihre ersten Sommerferien als deutsche Gastschülerin in Dänemark bei einer dänischen Familie verbringen. Sie erinnert sich noch ganz genau an den Tag ihrer Abreise nach Dänemark. Eltern hatten Hunderte Kinder zum Bahnsteig gebracht. Jede Schülerin, jeder Schüler trug ein Schild mit seinem Reiseziel auf der Brust. An den Abteilen des endlos langen Sonderzugs waren ebenfalls die Zielorte auf Plakaten sichtbar gemacht. Annemarie wurde in Randers von ihren Gasteltern, sehr lieben Menschen, in Empfang genommen. Einen ganzen Sommer lang war nun ein Bauernhof ihr neues Zuhause! Annemarie tauchte in eine für sie unbekannte Welt mit Landwirtschaft, Trecker, Auto und Schokolade ein. Keiner sprach mit ihr ein einziges Wort Deutsch, nicht in der Gastfamilie, nicht in der Schule und nicht beim Spielen mit den dänischen Kindern. Annemarie: „Als ich wieder zuhause in Flensburg war, sprach und dachte ich Dänisch. Das ging wunderbar. Besonders auch der Handarbeitsunterricht in der Schule hat mir viel Spaß gemacht!“ So erlernte Annemarie die dänische Sprache wie im Fluge, wobei sie erst zuhause bemerkte, dass ihre deutsche Muttersprache fast in Vergessenheit geraten war. Die aber kam schnell wieder zurück, und Annemarie wuchs problemlos zweisprachig auf. Bis heute hält sie zu ihrer damaligen dänischen Pflegeschwester Karen-Birgit sehr herzlichen Kontakt. Da wird schnell mal telefoniert, eine Nachricht über WhatsApp abgesetzt oder ein Treffen in Kopenhagen arrangiert.

Mit dem Sammeln und
Bewahren kleiner Schätze schon früh angefangen

Was Annemarie in ihrem Leben wichtig war hat sie bis heute aufbewahrt. Die von dem verwundeten Soldaten in der Mädchen-Mittelschule geknüpfte Tasche ist ein Indiz dafür, dass sie ihre Sammelleidenschaft schon als Kind entwickelt hat. Später kam intensive Ahnenforschung hinzu! Die Mappe mit den sorgfältig geordneten Filmprogrammen aus den Jahren 1951 – 1954 platzt aus allen Nähten. In Flensburg gab es viele Filmtheater. Wenn irgendwo ein neuer Film gezeigt wurde, stand Annemarie an der Kinokasse. Auch wenn sie in den meisten Fällen den neuen Film gar nicht sehen konnte, entweder war er nicht jugendfrei oder der Teenager hatte kein Geld, kaufte sie trotzdem das Filmprogramm für 10 Pfennige. Hardy Krüger war ihr ganz großes Idol! Als er im April 2002 im Borgerforeningen eine Autorenlesung aus „Szenen eines Clowns“ hielt, bat sie ihn um eine Signatur auf einem seiner Portraits, das auf einem alten Kino-Bon klebt. Hardy war verwundert, lächelte und signierte!

Das Ende des Hauses
Friedrichstraße 6 kam
mit der Abbruchbirne

Annemaries Mutter hatte Urgroßtante Marie gepflegt und am Ende eines langen Lebens – Marie verstarb im November 2004 mit 98 Jahren – beerbt. Sie hat aber noch erleben müssen, dass die Mädchenmittelschule und die Häuser Friedrichstraße 4 und 6 dem Erweiterungsbau des Landgerichts durch Abriss im Jahre 1982 weichen mussten. Das war sehr bitter. Entschädigt wurde sie mit dem Kauf eines sehr schönen Hauses in der Hebbelstraße.
Nach dem Umzug gab sich Tante Marie resignierend eine Überlebenschance von nur einem Jahr! Schließlich aber erreichte sie ein gesegnetes Alter. Wenn Urgroßtante Marie mit dem Bus in die Stadt gefahren war, bejammerte sie hinterher, nur mit alten Leuten unterwegs gewesen zu sein!

Ahnenforschung zurück
bis 1752

Als Annemaries Mutter verstorben war, widmete sie sich der Ahnenforschung väterlicherseits.
Auf der Suche im Internet stieß sie achtmal auf ihren Familiennamen Danco. Deshalb wollte sie sich behutsam bis in die direkte Linie vortasten. Aber gleich ihr erster Anruf war ein Volltreffer mit einer bereits fast kompletten Ahnentafel. Annemarie kann ihr Glück kaum fassen, und liest uns gleich einige Sätze über einen Prominenten aus der Reihe ihrer Vorfahren vor:
„Zur Christlichen Erinnerung an den wohlachtbaren Herrn Carl Danco Königlicher Eisenbahn-Directions-Präsident a. D. welcher 1886 zu Poppendorf verstorben ist.“
Aus dessen Nachlass stammen ein mit schweren Schnitzereien ausgestatteter Stubenschrank, ein großer Tisch und Stühle. Sein Grabstein wird in Ehren gehalten.
In seinem notariell beurkundeten Ehevertrag vom 21. Januar 1894 ist die gesamte Mitgift der sehr wohlhabenden Gattin aufgeführt.

Konfirmiert und geheiratet

Annemarie wurde im Jahre 1953 in einem weißen Kleid in der dänischen Kirche konfirmiert. Sie heiratete 1958, hat 2 Töchter, 7 Enkelkinder und einen Urenkel!

Das Gespräch mit Annemarie Danco
führte Renate Kleffel

Das mag ich
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