Von links nach rechts: Frau Striecker, Frau Thomsen, Frau Massmann
Von links nach rechts: Frau Striecker, Frau Thomsen, Frau Massmann

Ein Stichwort genügt, und sie sind wieder da, die Gespenster der Vergangenheit. Wann immer sie vom Schicksal der vielen Kriegs- und Bürgerkriegsflüchtlinge erfahren, die gegenwärtig in Deutschland Schutz suchen, flammt die Erinnerung an die eigene Flucht wieder auf. Etwas über 70 Jahre ist es her, seit die drei Schwestern Herta (damals 18 Jahre alt), Gerda – seinerzeit knapp 16 – und die 14jährige Elsa Wolf mit ihrer Mutter Frieda 1945 in der Nacht zu deren 39. Geburtstag Hals über Kopf und mit ganz wenig Habseligkeiten vor der heranrückenden Roten Armee aus ihrer Heimat Warschkeiten bei Preußisch Eylau (Ostpreußen) flohen. Dass das ferne Flensburg einmal ihre neue Heimat werden könnte, dass sie alle in der ihnen damals gänzlich unbekannten Stadt an der Grenze zu Dänemark ihr Glück finden würden, hätten sie sich nie träumen lassen. Herta, verwitwete Massmann, ist mittlerweile 88 Jahre alt, Gerda, verheiratete Striecker, wurde kürzlich 86, und Elsa, verwitwete Thomsen, hat bereits den 84. Geburtstag hinter sich. Vor sieben Jahrzehnten kämpften sie unter schier unvorstellbaren Bedingungen wochenlang ums nackte Überleben, seit sie buchstäblich in letzter Minute ihr Siedlungshaus im kleinen Dorf Warschkeiten verlassen mussten. Erst hatte es geheißen, dass alle bleiben würden; so hätten sie es jedenfalls vom Bürgermeister erfahren, berichtet die älteste der drei Schwestern, Herta: „Aber auf einmal waren fast alle weg.“ Die russische Front sei schon gefährlich nah gewesen, sagt ihre Schwester Gerda Striecker, und die Jüngste, Elsa, weiß noch, dass ihre Mutter in Windes­eile nur das Allernötigste einpacken konnte. Herta Massmann ist dabei ein Weckglas voller Gänseschmalz gegen den Hunger besonders in Erinnerung geblieben. Sie weiß auch noch, dass sie und ihre Schwestern mehrere Lagen Kleidung übereinander trugen, als sie in jener kalten Nacht vom 8. auf den 9. Februar 1945 mit unbekanntem Ziel Richtung Westen aufbrachen. Hinter sich ließen sie alles, was ihnen vertraut war: Die Geborgenheit des eigenen Zuhauses, Freunde, Familie. Hinter sich ließen sie auch eine unbeschwerte Kindheit und Jugendzeit, die nun mit einem Schlag beendet war. Die Jüngste, Elsa, hätte wenige Wochen später konfirmiert werden sollen. Für dieses festliche Ereignis hatte sie bereits neue Schuhe erhalten, was damals alles andere als ein alltäglicher Einkauf war: „Aber die musste ich zurücklassen.“ Denn Mutter Frieda und ihre drei Töchter konnten nur mitnehmen, was in einen sogenannten „Affen“, einen Rucksack, passte. Dazu habe auch ein dunkler Anzug von Karl Wolf gehört, dem Vater der Mädchen, der als Soldat und Dolmetscher in Norwegen eingesetzt war. So musste Frieda Wolf allein die Verantwortung für die kleine Familie tragen, musste ganz allein und schweren Herzens die Entscheidung zum Verlassen des geliebten Siedlungshauses treffen, das die Wolfs erst rund zehn Jahre zuvor bezogen hatten. Frieda Wolf ließ den Schlüssel stecken, damit sie die Tür nicht aufgebrochen vorfänden, wenn sie zurückkämen. „Das Haus war der ganze Stolz unserer Eltern“, erzählt Herta Massmann, und ihre Schwestern bestätigen, wie wohl sie sich dort gefühlt hätten. Unterdessen waren bereits alle Bahnstrecken durch den Angriff russischer Truppen unterbrochen. Eine Flucht war nur noch über die Ostsee möglich. Alle Details der Geschehnisse vor sieben Jahrzehnten können sich die drei Wolf-Geschwister heute nicht mehr vergegenwärtigen. Aber sie wissen noch, dass sie im abgelegenen Warschkeiten lange von den Folgen des Krieges verschont blieben – „bis auf einmal immer mehr Flüchtlinge unter anderem aus Königsberg in unser Dorf kamen“, ergänzt Herta Massmann. Gerda Striecker weiß noch, dass die Russen schon in Preußisch Eylau waren: „Das war nur rund drei Kilometer entfernt. Wir liefen mit deutschen Soldaten mit, die sich auf dem Rückzug befanden.“ Sie erinnert sich zudem an eine Nachbarin und an eine Freundin von Herta, mit denen sie den langen Fußmarsch zeitweilig gemeinsam bewältigten. Elsa ist sich sicher, dass sie anfangs noch ein Fahrrad dabei gehabt hatten – oder einen Schlitten, wie Gerda meint. Auch eine hölzerne Truhe hätten sie zunächst noch mitgeführt, heißt es rückblickend. Diese Habseligkeiten gingen unterwegs verloren. Denn alles um sie herum schien damals in Auflösung begriffen zu sein.











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