Warmherzig, verbindlich, den Menschen zugewandt – so erlebten die Flensburger Swetlana Krätzschmar bei öffentlichen Auftritten. Von Juni 2013 bis Mai 2018 war die Mathematikerin aus der Ukraine Stadtpräsidentin der Fördestadt. Und ob sie 5.000 Plastik-Enten in das Flensburger Entenrennen schickte, 450 Schüler zum Vorlesen eigener Geschichten in die Bürgerhalle des Rathauses einlud, Wladimir Klitschko begrüßte, der sich ins Goldene Buch der Stadt eintrug, oder eine Ehrenamtsmesse eröffnete – immer war sie perfekt vorbereitet. Allein im Jahr 2017 habe sie 460 offizielle Termine wahrgenommen und 42 Grußworte gehalten, erzählt sie. Dabei habe sie stets versucht, sich in das Thema einzuarbeiten und ihren Worten eine persönliche Note zu geben. „Man muss glaubwürdig bleiben. Und wer nichts zu sagen hat, sollte schweigen“, so die 64-Jährige, die sich bei manchen deutschen Politikern wünschen würde, „dass die Reden mehr Substanz haben“.
Das Amt der obersten Repräsentantin der Stadt verlangte Swetlana Krätzschmar einiges ab. Doch sich zu schonen und es sich bequem zu machen, das war ihr ebenso fremd wie der pompöse Auftritt. Die angebotene Limousine beispielsweise lehnte sie entschieden ab. „Ich kam mir vor wie in einem Raumschiff!“ Stattdessen entschied sie sich in den ersten beiden Jahren für ein Elektro-Auto, fuhr aber am liebsten selbst mit ihrem privaten Smart.

Der lange Weg nach Westen







Geboren wurde Swetlana Krätzschmar 1954 in der Stadt Nikolajew in der UdSSR (heute Ukraine). Der Vater war Lehrer für Geschichte und Philosophie, die Mutter Lehrerin für Russisch und Literatur. Gemeinsam mit ihrer Schwester wuchs sie in einem Elternhaus auf, in dem Bildung eine wichtige Rolle spielte. Ihr Vater, ein großes Vorbild für Swetlana, war im Zweiten Weltkrieg im Kaukasus verwundet worden und starb später an den Folgen der Verletzung. Seiner Tochter gab er die Worte des Philosophen Immanuel Kant mit auf den Weg, die noch heute ihre Lebensmaxime sind: „Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen …,dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein.“
Mündig zu sein, sich für Freiheit und Demokratie einzusetzen – das war Swetlana Krätzschmar schon früh sehr wichtig. Nach dem Schulabschluss mit „Goldener Medaille“, der bestmöglichen Auszeichnung für Abiturienten, studierte Swetlana Angewandte Mathematik an der Gorki-Universität in Charkow. Hier lernte sie den Studenten Michael Krätzschmar aus der DDR kennen und lieben. 1977 heiratete das Paar und die beiden Mathematiker siedelten in die DDR über. Weil Sprache für Swetlana Krätzschmar der Schlüssel zur Integration ist, schloss sie ein Jahr später das Studium der deutschen Sprache am Herder-Institut in Leipzig ab. Im gleichen Jahr wurde Tochter Elenore geboren – und die Sowjetunion marschierte in Afghanistan ein. „Für mich war das ein Schock“, so Swetlana Krätzschmar. „Ein Land, das einen schlimmen Krieg hinter sich hatte, begann nun selbst einen Krieg. Das konnte ich nicht gutheißen.“ Gemeinsam mit ihrem Mann entschied sie: „Die sozialistische Idee ist nicht mehr unsere.“ Beim sowjetischen Konsulat in Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz, bat sie um Ausbürgerung aus ihrem Geburtsland. Sie studierte die Gesetze und war sich sicher, über ihren Mann Anspruch auf die (west)deutsche Staatsangehörigkeit zu haben.
Das Paar stellte gemeinsam einen Ausreiseantrag; Swetlana, die in der DDR staatenlos war, stellte einen Antrag auf die deutsche Staatszugehörigkeit. Die folgenden Jahre in der DDR waren geprägt von Repressalien, Drohungen und Angst: „Michael bekam die Einberufung in die NVA. Ich packte eine Tasche mit 500 Vitamintabletten, Socken, warmer Unterwäsche und Zahnbürsten, weil wir jeden Tag damit rechneten, dass man ihn ins Gefängnis bringen würde. Zudem drohte man, uns unsere in der DDR geborene Tochter wegzunehmen.“

Das dritte Leben

1986 konnte das Paar dank der Unterstützung der Deutschen Botschaft in Prag endlich in die Bundesrepublik ausreisen. Für Swetlana Krätzschmar begann das, was sie heute „ihr drittes Leben“ nennt. „Wir konnten nur wenig mitnehmen und fingen in einem Aufnahmelager in Gießen bei Null an.“ In Darmstadt fand das Ehepaar Arbeit in einer Computerfirma, 1989 erhielt Michael eine Professur für Mathematik an der Fachhochschule in Flensburg. 1991 wurde in der Fördestadt die zweite Tochter Elisabeth geboren. „In keiner Stadt habe ich so lange gelebt, wie in Flensburg“, so Swetlana Krätzschmar heute. „Ich liebe Flensburg. Die Stadt ist meine Heimat geworden.“
Seit 1991 ist Swetlana Krätzschmar Lehrbeauftragte für Russisch an der Hochschule Flensburg, seit 1995 vereidigte Übersetzerin für Russisch und Ukrainisch am Landgericht Flensburg. Gleichzeitig startete sie ihre politische Karriere – immer angetrieben von dem Willen, sich in ihrer neuen Heimat einzubringen, etwas zu bewegen und mitzugestalten. 1997 trat sie in die CDU ein, war von 2001 bis 2018 Mitglied der Ratsversammlung, unter anderem von 2004 bis 2008 Vorsitzende des Bildungsausschusses der Stadt, stellvertretende Stadtpräsidentin, stellvertretende Vorsitzende der CDU-Ratsfraktion und von 2013 bis 2018 Stadtpräsidentin. Zudem engagierte sie sich in zahlreichen Gremien und Organisationen wie der Flensburger Kunstkommission und dem Kommunalen Präventivrat Flensburg. Sie war Koordinatorin des Landesverbandes Schleswig-Holstein für das Migrantinnen-Netzwerk der Frauenunion und Ehrenvorsitzende des Vereins der Städtefreundschaft Pensa-Flensburg.
Während ihrer aktiven politischen Zeit hat sie nicht nur repräsentiert, sondern viel bewegt. Besonders stolz sei sie darauf, dass sie die Abschaffung des Bücherbusses verhindern konnte. Bücher seien das Fundament der Bildung: „Ich habe meinen Eltern und den Büchern, die ich gelesen habe, alles zu verdanken.“ Sie stieß auf eine unbekannte Kurzgeschichte von Siegfried Lenz über Flensburg und bat den Schriftsteller, ihr die Erzählung für einen Nachdruck zu überlassen. Eine Flensburger Druckerei produzierte 15 Leinwände. Der Verkauf der handsignierten Geschichten brachte 23.000 Euro ein und die erste Leasingrate für den Bücherbus konnte bezahlt werden. Noch immer freut sie sich über diesen Coup und sagt: „Ich wusste gar nicht, dass ich das kann!“
Die Pflege der Städtepartnerschaften hat sie ebenso gern übernommen wie die Kooperation mit Flensburger Unternehmen, den Hochschulen und die Zusammenarbeit mit den europäischen Minderheiten in Flensburg. Gern erinnert sie sich an die Frühlingsfeste der kleinen griechischen Gemeinde in Flensburg und an die zahlreichen Berührungspunkte mit der dänischen Minderheit. Das Thema Minderheiten lag und liegt ihr besonders am Herzen. Sie hat begonnen, die dänische Sprache zu erlernen und wünscht sich für Flensburg eine Partnerstadt in Dänemark. Finanzielle Gründe, die gegen eine weitere Partnerstadt sprechen, hält sie für vorgeschoben und findet deutliche Worte. „Vielleicht hätte ich bei meinem Verzicht auf einen Dienstwagen mit Fahrer, womit ich in Schleswig-Holstein ein Alleinstellungsmerkmal gehabt haben dürfte, darauf bestehen sollen, dass die hierfür eingesparten Mittel in den Ausbau unserer Städtepartnerschaften fließen.“

Mein Leben ist keine Flucht

Für ihr ehrenamtliches kommunalpolitisches Engagement wurde die Stadtpräsidentin 2016 mit der Freiherr-vom-Stein-Verdienstnadel, der höchsten vom Land Schleswig-Holstein vergebenen Auszeichnung, geehrt. Und auch die jüngste Auszeichnung freut sie: Die Moskauer Deutsche Zeitung, eine Zeitung für die deutsche Minderheit in Russland, wählte sie zu einer der 20 interessantesten Deutschen. In einem Interview mit dieser Zeitung spricht die gebürtige Russin von Ungerechtigkeiten, die Russlanddeutsche in der neuen Heimat erleben. „Die meisten arbeiten unterhalb ihres Bildungsniveaus, etwa als Pflegerinnen, Haushaltshilfen oder in der Gebäudereinigung, weil ihre Lehrer- oder Ingenieurs-Diplome nicht anerkannt werden. Dennoch haben sie sich durch harte Arbeit und Verzicht auf die eigene persönliche Entwicklung zugunsten ihrer Kinder gut integriert.“
Ganz sicher hat auch Swetlana Krätzschmar sich viel abverlangt, um in der neuen Heimat nicht nur anzukommen, sondern sogar politisch Karriere zu machen. Doch als Opfer will sie sich nicht sehen. Sie sei als Migrantin nie diskriminiert worden, betont sie mehrmals. Und auch, wenn sie gleich zweimal vom Osten Richtung Westen eingewandert, in der DDR von der Stasi bespitzelt und vom Staat bedroht wurde – als Flucht möchte sie diesen Lebensweg nicht bezeichnen: „Mein Leben ist keine Flucht, sondern ein individueller Lebensweg.“ Allerdings einer, der viel Kraft und Disziplin erfordert habe. Freiheit, so sagt sie, sei wie ein Handwerk. „Und nur durch das Erlernen dieses Handwerks kann ein Mensch sich zum Gestalter seines eigenen Lebens machen.“

Für mehr Demokratie

Dafür, dass sie jetzt mit ihrer Familie in einer Demokratie leben kann, hat sie viel riskiert. Das Recht, die eigene Meinung zu äußern, lässt Swetlana Krätzschmar sich deshalb nicht mehr nehmen. Auch wenn sie manchmal schlaflose Nächte hat, weil sie überlegt, wie man etwas „politisch korrekt“ formulieren kann. Als Anfang des Jahres bekannt wurde, dass sie nicht für eine zweite Amtsperiode als Stadtpräsidentin zur Verfügung stehen und den Rat ganz verlassen würde, war das Bedauern parteiübergreifend und innerhalb der Bevölkerung groß. Doch Swetlana Krätzschmar findet deutliche Worte: Sie könne eine Mitverantwortung für viele Bereiche der derzeitigen CDU-Politik nicht mehr mittragen. Es geht ihr um Themen wie Euro-Rettung, Europa-Rettung, Medien- und Flüchtlingspolitik. Sie kritisiert die Arbeit von Angela Merkel und verlangt die Rückbesinnung der CDU auf ihren Markenkern – auf soziale Marktwirtschaft, Rechtsstaatlichkeit, Sicherheit, Familie und Bildung. Auch in den eigenen Reihen in Flensburg habe sie sich unverstanden gefühlt. So hätten sich zwei Parteikollegen auf eine Kandidatin zur Oberbürgermeisterwahl 2016 „unter Umgehung einer Findungskomission“ geeinigt. Ihre damalige Partei, der sie seit Kurzem nicht mehr angehört, habe so die Auswahlmöglichkeiten der CDU-Mitglieder eingeschränkt. „Das entspricht nicht meinem Demokratieverständnis.“ In der Kommunalpolitik wie in der Bundespolitik beobachtet sie einen Trend, der ihr Sorge bereitet: „Viele Bürger sagen mir unter vier Augen, dass sie bestimmte Entwicklungen in unserer Gesellschaft eher kritisch sehen, aber aus Angst vor beruflichen und sozialen Nachteilen ziehen sie es vor, zu schweigen. Das kannte ich bisher nur aus der DDR und der Sowjetunion.“ Und sie kritisiert: „Vor lauter Gender, Vielfalt, Inklusion und Flüchtlingen kommen die Interessen der ganz normalen Bürger immer mehr unter die Räder.“ Swetlana Krätzschmar wünscht sich mehr Volksabstimmungen über zentrale politische Fragen und nimmt die Schweiz als Vorbild. Gleichzeitig fordert sie mehr politische Bildung schon in der Grundschule, damit aufgeklärte Menschen vernünftige und durchdachte Entscheidungen treffen können.
Mit Standing Ovations wurde Swetlana Krätzschmar im Juni 2018 als Stadtpräsidentin verabschiedet. 18 Jahre im Stadtrat, die letzten fünf davon als Stadtpräsidentin, seien ein wichtiger Abschnitt in ihrem Leben gewesen: „Das Amt hat viel Zeit und Kraft gekostet, für die ich durch zahlreiche Begegnungen und interessante Gespräche jedoch reichlich entschädigt wurde.“ Nun genießt sie es, mehr Zeit für die Familie, insbesondere ihre beiden Enkelkinder, für das Reisen und Lesen, Klavier spielen, das Haus und den Garten zu haben. Doch auch wenn jetzt mehr Muße für Spaziergänge an der Förde bleibt – Einladungen zu Vorträgen liegen schon auf dem Tisch und Swetlana Krätzschmar wird sich weiterhin engagieren. „Seit ich nicht mehr Stadtpräsidentin bin, fühle ich mich frei, wieder ohne Rücksicht auf mein damaliges Amt meine Meinung äußern zu können.“ Ihrer Einstellung zu unterschiedlichsten Themen mag man zustimmen oder nicht. Mit Widerspruch kann sie leben. Aber sie wünscht sich den sachlichen demokratischen Streit, die faire Diskussion unter mündigen Bürgern – auch wenn es manchmal unbequem ist.

Bericht: Petra Südmeyer, Fotos: Benjamin Nolte

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Sie muss doch schon ab mindestens 1995 in der CDU gewesen sein und ihre Tochter in der JU.

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