Der Blick vom Konferenzraum und der Dachterrasse des SBV-Gebäudes in Mürwik ist atemberaubend. Raimund Dankowski liegt die Stadt zu Füßen. Kein Gebäude der Stadt, außer dem nahe gelegenen Wasserturm, überragt diesen Platz. Von hier regiert das Vorstandsmitglied der größten Flensburger Baugenossenschaft gemeinsam mit Jürgen Möller ein Imperium von 7000 Wohnungen und 9000 Genossenschaftsmitgliedern. Diese Machtfülle könnte zur Hybris, zur Überheblichkeit verführen. Doch genau dagegen hat sich Raimund Dankowski vor rund 15 Jahren entschieden. Einige Jahre war der studierte Betriebswirt Prokurist bei der Kieler kommunalen Wohnungsbaugesellschaft, bis diese an einen privaten Investor verkauft wurde.

„Das war ein Schlüsselerlebnis für mich“, sagt der heute 63-jährige. „Mitzuerleben, wie das Profitinteresse gegenüber der sozialen Verantwortung die Oberhand gewann.“ Für Raimund Dankowski ist Wohnen ein Grundrecht und der Grundbesitz verbunden mit sozialer Verantwortung gegenüber den Mietern. Ein Privatinvestor, so seine Erkenntnis, kann mit Wohnraum nur profitabel wirtschaften, wenn er entweder die Mieten steigert, Personal einspart und/oder bei der Instandhaltung der Wohnungen spart.











Das entspricht nicht seinen Wertvorstellungen. Und so kam es ihm sehr gelegen, als er vom damaligen Vorsitzenden des SBV, Helmut Schumann, angesprochen wurde. Die Flensburger Baugenossenschaft entsprach deutlich mehr seiner Vorstellung von sozial verantwortlicher Wohnungswirtschaft. In Kontakt mit der Baugenossenschaft war Raimund Dankowski schon früher gekommen. Während seiner Tätigkeit bei einem Hamburger EDV-Berater lernte er das Flensburger Unternehmen kennen. Helmut Schumann, der langjährige Direktor, hatte schon früh die Bedeutung der EDV für die Verwaltung der Genossenschaft erkannt und den EDV- und Unternehmensberater Dankowski kennen- und schätzen gelernt. Schumann hatte Dankowski dann längere Zeit „auf dem Radar“ und schlug ihn schließlich zu seinem Nachfolger vor. Kennt man Schumanns Engagement für die Stadt, insbesondere den SBV und den Stadtteil Fruerlund, kann man die Begeisterung Dankowskis verstehen, für die Baugenossenschaft in verantwortlicher Stellung tätig zu werden.

Dem Vorbild verpflichtet

Schumann war ein Kind der Nachkriegszeit, mit den Eltern aus Hinterpommern geflüchtet, in einem Flüchtlingslager in Flensburg aufgewachsen. Er engagierte sich politisch, wurde Ratsherr, förderte den Sport und lebte für seinen Stadtteil Fruerlund. Die Idee zur Fernwärmeversorgung, heute Standard in Flensburg und Vorbild für andere Städte, kam von ihm. Vor allem aber lebte ihn ihm der Gründungsgedanke des SBV, bezahlbaren Wohnraum für jedermann zu schaffen, weiter. Er führte Elemente in das Leistungspaket des SBV an, die weit über die Wohnraumbeschaffung und –verwaltung hinausgingen. Eine Schuldnerberatung etwa, die Einstellung von Sozialarbeitern und den Nachbarschaftstreff.

Wohnraumverwaltung als soziale Verantwortung ist auch Dankowskis Credo. So nahm er das Angebot, von Kiel nach Flensburg zum SBV, dem „Selbsthilfe-Bauverein“ zu wechseln, begeistert an. Die Genossenschaft hatte zwischenzeitlich darüber nachgedacht, den in die Jahre gekommenen Titel „Selbsthilfe Bauverein“ zu wechseln. Doch schließlich wurde er beibehalten, in der Erkenntnis, dass „Selbsthilfe“ weiterhin ein wesentliches Element des Genossenschaftsgedankens ist. Und der wird gelebt. Raimund Dankowski schildert anschaulich, dass ein aktives Miteinander von den Mietern nicht nur praktiziert, sondern auch von der SBV-Verwaltung gefördert wird. Nachbarschaftstreffs, gemeinsame Ausflüge, Vorträge und Hilfsaktionen sind über Generationen weitergeführtes Gemeinschaftsleben, entstanden aus der Not und der Selbsthilfe der Nachkriegszeit. Diese Erfahrungen gaben die ersten Mieter, die sich noch selbst organisieren und die Aufbauarbeit leisten mussten, an ihre Kinder und Enkel weiter.

In moderner Form ist die Gemeinschaft aktiv. Einzellebende werden zu Kennenlernabenden eingeladen. 2012 wurde das Veranstaltungszentrum „360°“ gleich neben dem Verwaltungshaus eröffnet. „Dazu stellen wir zweimal im Jahr ein Veranstaltungsprogramm mit jeweils rund 50 Angeboten auf die Beine – vom Strickclub über die Obstwiesenwoche für Schulklassen, vom Tanztreff zum Kabarettabend.“

Darüber hinaus können Genossenschaftsmitglieder die flexibel geschnittenen Räume des Gemeinschaftshauses mit voll ausgestatteter Küche auch für private Anlässe mieten, zum Beispiel für Konfirmationen oder Taufen. Auch ernste Themen stehen auf dem Programm. Ganze Gebäudekomplexe etwa mussten in der Vergangenheit weichen, um Platz für neue zu schaffen. Für alteingesessene Mieter ein herber Einschnitt in ihren Alltag. Sanierungsmaßnahmen, so betont Raimund Dankowski, werden so früh wie möglich den Mietern mitgeteilt und mögliche Folgen mit ihnen besprochen. Natürlich erhalten sie Ersatz für ihre Wohnungen.„Wenn man offen und ehrlich den Menschen gegenübertritt, findet man auch Verständnis für notwendige Maßnahmen“, sagt der SBV-Vorsitzende. Neues geschaffen hat die Baugenossenschaft in den letzten Jahren. In Sichtweite des Verwaltungsgebäudes entsteht zurzeit ein umfangreiches Wohnungsbaugebiet „Am Wasserturm“. Private und genossenschaftliche Unternehmen schaffen gemeinsam Wohnraum, 50 Einheiten der SBV.

Hemmschuh Verwaltung

Von der Dachterrasse des SBV-Gebäudes kann Raimund Dankowski den Baufortschritt beobachten. Doch Planung und Durchführung werden immer schwieriger und zeitaufwendiger. Die Bauherren stöhnen unter der Last der Vorschriften und Verwaltungsprozeduren. Auch Raimund Dankowski klagt. „Die Verwaltung ist oft gefangen in der Angst, etwas falsch zu machen. Das zunehmende Geflecht von Vorschriften lähmt den Verwaltungsapparat. Dazu kommen zu wenige Mitarbeiter. Und zuweilen fehlt auch das Können.“ Das führt nach Meinung des SBV-Chefs dazu, dass in der Verwaltung die Übernahme von Verantwortung vermieden wird. Man traut sich nicht, den vorhandenen Ermessensspielraum auszuschöpfen.

Außerdem, so sagt er, müssen immer wir jede einzelne Verwaltungsstelle ansprechen. „Notwendig wäre für jedes Bauvorhaben ein Projektmanager, der die einzelnen Verwaltungsschritte koordiniert.“ Anlässlich des Richtfestes des Neubaus an der Exe fordert er Wohnen und Bauen im Rathaus endlich zur Chefsache zu machen. Ein deutlicher Appell an den amtierenden und demnächst zu wählenden Oberbürgermeister als Verwaltungschef.

Der Stadt müsste an schnelleren und reibungsfreieren Entscheidungen gelegen sein. Denn nicht nur Dankowskis SBV, auch andere Wohnungsbaugesellschaften sind bereit zu investieren und neuen, dringend benötigten Wohnraum zu schaffen. „Studentenwohnungen haben wir jetzt ausreichend“, sagt der SBV-Chef. „Jetzt wollen wir bezahlbare Wohnungen vorwiegend für Senioren mit niedrigem Einkommen schaffen.“ Das ist machbar, sagt er, wenn man smarte Lösungen findet. Zum einen über eine begrenzte Wohnungsgröße, aber auch über entsprechende Baumaßnahmen.  „Eines der teuersten Gebäudeteile ist der Keller“, sagt er. „Wenn man den Kellerraum durch Außenanlagen ersetzt, spart man viel Geld. Auch der Balkon wird von vielen nicht sinngemäß genutzt. So bauen wir Häuser ohne Balkon, allerdings mit der Möglichkeit, ihn später ohne großen Aufwand anzusetzen.“ Eine weitere Einsparung ist der Verzicht auf einen Aufzug bei Häusern bis zu vier Etagen. Für Senioren werden dann die Erdgeschosswohnungen reserviert. Und schließlich kann man, wenn die Statik das zulässt, bestehende Geschossbauten aufstocken. An der Finanzierung sollten zukünftige Bauprojekte nicht scheitern. Die staatliche Förderung wurde aufgestockt, nicht zuletzt in Anbetracht der steigenden Flüchtlingszahlen. Dass ein bezahlbarer Wohnraum zunehmend an Bedeutung gewinnen muss, hat Raimund Dankowski in einem Vortrag schon 2011 deutlich gemacht. „Die Statistiken zeigen, dass Haushalte mit niedrigen Einkommen prozentual mehr fürs Wohnen ausgeben müssen. Und die Zahl dieser Haushalte hat sich in den letzten Jahren ungeachtet statistischer Einkommenszuwächse weiter erhöht.“ Und weiter: „Mehr Kommunen sehen wieder einen Bedarf an Sozialwohnungen. Jedoch geht die Zahl ausgestellter Wohnberechtigungsscheine zurück.“

Nicht weil der Bedarf sinkt, sondern „… Wohnberechtigungsscheine  werden nicht mehr beantragt, weil es ohnehin keine Wohnungen gibt, in die man damit einziehen könnte.“

Der „Erfinder“ des Flensburger Klimapaktes

Dass sich Dankowski nicht nur auf die Politik verlässt, hat er an anderer Stelle bewiesen, dem Klimapakt für Flensburg. „Wir haben es im ersten Schritt bewusst ohne die Politik gemacht – mit den Handelnden am Markt, die etwas bewirken können.“ Der Klimapakt ist inzwischen ein Vorzeigemodell und wird in ganz Deutschland kopiert. Erderwärmung, schmelzendes Grönlandeis, Meeresspiegelanstieg. Damit befasst sich der Nobel-Preisträger Prof. Hohmeyer an der Flensburger Fachhochschule. Dankowski hörte dessen Appell und reagierte: „Man muss vor Ort anfangen.“

Das tat er, trommelte Interessierte zusammen, allen voran die Stadtwerke, aber auch die Busgesellschaften und seine eigene Wohnungsbaugesellschaft, Banken, Handwerks-, Industriebetriebe und die Krankenhäuser. Seine Initiative zündete, der „Flensburger Klimapakt“ war geboren. Es blieb nicht bei der Absprache. Heute werden Handwerker in energiesparendem Bauen und energetischer Sanierung geschult. Die städtische Aktiv-Bus erprobt elektrisch und hybrid angetriebene Fahrzeuge. Die Stadtwerke arbeiten ständig an der Optimierung ihrer Anlagen und der Verminderung des Schadstoffausstoßes.

Auch bei diesem Engagement wird offenbar, worüber sich Raimund Dankowski erregt, das „… Unvermögen der großen Politik, das Thema aktiv anzugehen und sich durch nichts abhalten zu lassen.“ Raimund Dankowski wird nicht nur als Vorstandsmitglied des SBV in die Geschichte der Stadt eingehen. Dafür sorgt auch sein Engagement für den Handball. 2012 eskalierte der Streit um die Nutzung der Campushalle für die SG. Der Verein sollte erheblich höhere Gebühren für die Nutzung der Halle zahlen. Als Schlichter zwischen Stadt, dem Hallenbetreiber und der SG wurde Dankowski ernannt. In zähen Verhandlungen gelang ihm schließlich die Einigung, ein Kompromiss, der die Nutzung auf Jahre sicherstellt.

Und dann?

Noch hat Raimund Dankowski zwei Jahre bis zur Pensionierung, um seine Visionen umzusetzen. Hochgesteckte Ziele bleiben auch für die Zeit danach. Der sportlich ambitionierte Mann hat Großes vor. „Ich möchte mit dem Boot einmal den Atlantik überqueren.“ Doch damit nicht genug. „Einmal mit dem Fahrrad Schleswig-Holstein umrunden.“ War`s das? Nein. „Das gleich zu Fuß. Einmal Mallorca rund.“ Er hat das Glück, dass seine Frau gleichfalls sportlich aktiv ist. Sie ist passionierte Seglerin und teilt die Interessen ihres Mannes. Insgesamt gute Voraussetzungen für ein erfülltes Leben „danach“.

Bericht: Dieter Wilhelmy, Fotos: Benjamin Nolte

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