Da sind sie alle, die Stars der klassischen Musik: Die Portraits von Bach, Brahms, Händel, Haydn, Beethoven, Mozart und dem grimmig dreinschauenden Franz Liszt. Einige hatten zu ihrer Zeit Kultstatus. Mozart reiste durch Europa, wurde gemanagt wie ein Popstar. Die Herzen flogen ihm zu wie Michael Jackson über zwei Jahrhunderte später. Andere nagten ihr Leben lang am Hungertuch oder schleppten sich von Auftrag zu Auftrag, abhängig von Fürsten, Königen oder von der Kirche.

Zwei Wände in Matthias Janz‘ Musikzimmer sind ihnen gewidmet, seinen Vorbildern, ganz vorne Johann Sebastian Bach, die Ikone der Kirchenmusik. Bach, das Idol vieler Musiker, nicht nur der klassischen, ein ‚Workoholic‘ seiner Zeit, vor allem jedoch ein Ausbund an Kreativität und Disziplin.











Matthias Janz holt einen Band mit Faksimiledrucken Bach‘scher Originalpartituren aus dem wohlgeordneten Fundus. Routiniert hingeworfene Noten, mit elegantem Schwung gezeichnet, fast ohne Korrekturen. Er hörte, was er schrieb und er schrieb, was er mit seinem inneren Ohr hörte. Der Entwurf schon ein Endprodukt, von der einfachsten „Invention“, die jeder Klavierschüler nachspielen kann, bis zum Monumentaloratorium für Chor und Orchester. Dazwischen ‚Präludien und Fugen‘, feingliedrig konstruierte Werke, oft nachgeahmt, selten erreicht. Im 20. Jahrhundert Vorbild, besser Vorklang für jazzige Interpretationen, etwa die von Jacques Loussier mit seinem Album ‚Play Bach‘.

Der 69-jährige Chorleiter, Dirigent und Musikprofessor Matthias Janz setzt sich, während er über seine Passion spricht, an sein zweimanualiges Cembalo und stimmt einige Takte an, natürlich von Bach. Dessen Partituren stehen auch auf dem Flügel auf der anderen Seite des Raumes, ein voll und weich klingendes Instrument eines Münchner Klavierbauers. Der Raum atmet Musik.

Fall und Aufstieg

Dass der Chor, den Matthias Janz seit 1975 leitet, den Namen des Genies der Barockzeit trägt, ist kein Zufall. Bach war und ist der Maßstab für nahezu alle folgenden sakralen Musikensembles. Als der studierte Musiker Janz die Leitung zusammen mit der Organistenstelle an St. Marien übernahm, blickte der Chor bereits auf eine fast hundertjährige wechselvolle Geschichte zurück. Gegründet 1906 von dem königlichen Musikdirektor und Organisten Emil Magnus, wirkte der Laienchor bis 1934. Aus politischen Gründen wurde er aufgelöst, bestand allerdings als Kirchenchor auch während der Nazidiktatur weiter, war auf kircheninterne Auftritte beschränkt. Das Ende des Krieges bedeutete für die Sängerinnen und Sänger eine Befreiung. 1947 ging der wiedergegründete Klangkörper an die Öffentlichkeit, begann mit ersten Konzertreisen unter seinem Leiter Dieter Weiss. Ulrich Bremsteller führte die Tradition bis 1975 weiter. Dann suchte St. Marien einen neuen Organisten und Chorleiter.

Zufall oder Schicksal

Matthias Janz ist zwar in Lübeck geboren, folgte aber seinen Eltern, „schrittweise“ wie er sagt, immer weiter nach Süden. Der Vater war evangelischer Pfarrer. Die Familie hatte vier Kinder, alle höchst musikalisch wie die Eltern, spielten, sangen auf hohem Niveau. Matthias lernte das Klavierspiel, das Beherrschen des Cellos und der Posaune. Sein Weg schien durch die Familientradition vorgezeichnet. Er studierte in Göttingen Theologie und Musik, vertiefte die Kenntnisse in Heidelberg und Frankfurt, belegte Meisterkurse in Freiburg und Stuttgart, wirkte in Heidelberg und Karlsruhe.

Die Rückkehr in den Norden, 1976 nach Flensburg, beruhte auf einem Zufall, berichtet Matthias Janz. „Ich spielte Orgel bei einem Konzert des Würzburger Bach-Chores. Wir saßen nach dem Konzert zusammen. Ein Kollege sagte: ‚Da ist eine interessante Stellenausschreibung. Die Leitung des Flensburger Bach-Chores ist frei geworden‘. Ich machte noch Witze und sagte ‚Um Gottes Willen, wo ist das denn?‘ Am selben Tisch saß die Frau des Chef-
arztes der Flensburger DIAKO-Klinik und sagte ‚Was erzählen Sie denn da? Im Flensburger Bach-Chor habe ich selbst gesungen. Das ist ein ganz toller Chor‘. Ich fuhr dann abends nach Hause und erzählte das meiner Frau, die dann sagte ‚Du kannst Dich ja mal bewerben‘.“ Matthias Janz war damals 28, bewarb sich in Flensburg und wurde gewählt. Die Tätigkeit an sich war für ihn kein Neuland. Als Kantor und Organist hatte er bereits in Karlsruhe gearbeitet. Doch nun Flensburg?

Es war für ihn eine Berufung im doppelten Sinne. Er lernte den Norden als Lebensmittelpunkt kennen und lieben. Und er begann die musikalische Kultur der Region schätzen zu lernen. Der noch junge Musiker nutzte die Chancen, die sich ihm boten. Neben der Organisten- und Chorleitertätigkeit in Flensburg gab er in den folgenden Jahrzehnten als Organist und Cembalist Konzerte in Europa, Südafrika und den USA und erhielt eine Professur in Lübeck, die er bis heute innehat. Als Gastdirigent leitete er die Hamburger Symphoniker, das Schleswig-Holsteinische Sinfonieorchester, das im dänischen Odense und das Sønderjyllands Symfoniorkester.

Fünf Jahre nach seiner Berufung an die Förde hatte seine Karriere einen ersten Höhepunkt. 1981 erhielt er den Kulturpreis der Stadt Flensburg und den Titel ‚Kirchenmusikdirektor‘. Dies ist in der evangelischen Kirche ein Dienst- und Ehrentitel zugleich, der für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Kirchenmusik verliehen wird.

Die Erben Johann Sebastian Bachs

Bach-Chöre gibt es rund 50 in Deutschland, über 200 in der ganzen Welt. Die Bedeutung seiner Musik für das Kirchenleben ist unumstritten. Bach hatte an den vier Leipziger Kirchen die gleichen Funktionen inne wie Matthias Janz in Flensburg an der Marienkirche. Er war Organist und Kantor, also für den Chorgesang der Gemeinde zuständig. Die Kirche war sein Arbeitgeber, aber auch das Fundament des Großteils seines musikalischen Werkes. Sein Schaffen basierte auf religiösen Grundlagen. Er unterzeichnete seine Partituren gerne mit dem Kürzel S.D.G. oder „Soli Deo Gloria“ (frei übersetzt: „Gott allein sei Ehre“). Zuweilen wurde Bach, leicht überzeichnend als der „Fünfte Evangelist“ bezeichnet. Das sollte seine Bedeutung für die Verkündung der Glaubensbotschaft unterstreichen. Tatsächlich war das „musikalische Evangelium“ für viele Menschen der damaligen Zeit, die oft nicht lesen und schreiben konnten, das Medium, das „die Herzen direkt ansprach“.

Auch Bach kam durch einen Zufall, besser Glücksfall, 1723 zu seiner Anstellung. Ein Bewerber, der ebenfalls bedeutende Kirchenmusiker Georg Philipp Telemann, zog seine Bewerbung zurück, zwei weitere bekamen keine Freistellung von ihren früheren höfischen Arbeitgebern. Ein Glücksfall nicht nur für den Musiker Bach, sondern auch für die Stadt Leipzig. Denn neben der Kirche existierte eine herausragende Bildungsanstalt, die Thomasschule mit dem Thomanerchor. Auch für deren musikalische Bildung war Bach verantwortlich. Dieses ‚Elite‘-Gymnasium brachte unter anderen berühmte Musiker hervor, etwa den Komponisten Richard Wagner. Der Thomanerchor ist der wohl weltweit bekannteste Knabenchor mit einer 800-jährigen Tradition.

Es ist nun leicht nachzuvollziehen, dass sich auch der Bach-Chor in Flensburg auf diese Tradition beruft. Und, obwohl ein Laienchor, haben die Flensburger ein anerkannt und europaweit geschätztes professionelles Niveau. Dies allerdings muss hart erarbeitet werden. Zwei Proben in jeder Woche sind die Norm. Dazu kommen verlängerte Wochenenden für Auftritte und Konzertreisen. Trotz dieser hohen Belastung sind viele Sängerinnen und Sänger über Jahrzehnte aktiv, immer wieder ergänzt durch jugendlichen Zuwachs. Dies ganz in der Bach’schen Tradition der Leipziger Thomaner. Nur mit dem Unterschied, dass die Mädchen und Jungen nicht Schüler eines Institutes sind, sondern wie alle anderen ihrer Kameraden auf die Flensburger Schulen gehen. Ganze Familien verbringen einen wesentlichen Teil ihrer beruflichen und schulischen Freizeit in der Chorgemeinschaft. Matthias Janz ist der Motor, der seit fast 40 Jahren das Engagement der Sängerinnen und Sänger fördert und fordert. Nicht nur in Flensburg. Er leitet seit 1993 auch den Landesjugendchor Schleswig-Holstein und dirigiert den Symphonischen Chor Hamburg.

Lob und Tadel

Lob erhielt der Musikschaffende von zahlreichen Laudatoren und bei zahlreichen Anlässen. Für die Verdienste bei der Nachwuchsförderung wurde ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen. 2004 bekam er den dänisch-deutschen Kulturpreis der Region Sønderjylland-Schleswig, 2009 den ‚Fördefuchs‘. Für die Förderung der deutsch-dänischen Zusammenarbeit verlieh Königin Margrethe II. von Dänemark Matthias Janz das Ritterkreuz des Dannebrogordens und schließlich wurde ihm und dem Flensburger Bach-Chor 2013 der Brahms-Preis der gleichnamigen Gesellschaft in Schleswig-Holstein zuerkannt.

Ein Jahr vorher jedoch ging Kirchenmusikdirektor Janz mit einem Paukenschlag in den Ruhestand. Ein Paukenschlag, der ihn eigentlich nicht mehr berühren sollte, aber bis heute nachhallt.

Mit seinem Abgang wurde auch die Organisten- und Kantorenstelle von St. Marien ersatzlos gestrichen. Begründung waren rückläufige Kirchensteuereinnahmen. Der Kirchenmusikdirektor von St. Nikolai sollte von da an auch für die Kirchenmusik der Schwesterkirche zuständig sein. Matthias Janz kritisiert bis heute diese Entscheidung als sachfremd und kontraproduktiv. „Wann sind die Kirchen denn mal voll?“, wird er zitiert. „Bei den Konzerten!“ Er fürchtet um den Fortbestand der Kirchenmusik, wenn auf diese Weise gespart würde.

Dass schon zu Bachs Zeiten die Finanzen die Kultur in der Kirche mitbestimmten, zeigen historische Dokumente.

Am 23.08.1730 bemühte sich Bach in einer Eingabe an den Rat der Stadt ergebnislos um die Verbesserung der Kirchenmusik in Leipzig.

Glück im Unglück hatte Flensburg. Der Flensburger Bach-Chor wurde 2007 als Verein neu gegründet. Damit schaffte er sich die Unabhängigkeit von den Entscheidungen der Kirchenleitung und kann aus eigener Kraft weiterhin wirken. Ganz verzichten will die Kirche dennoch nicht auf die Leistungen des Chores. In einem Vertrag wurde eine bestimmte Zahl von Auftritten und Konzerten in der Kirche festgelegt. Im Gegenzug überlässt die Kirchengemeinde dem Chor Räume für seine Proben. Matthias Janz bleibt ihr Leiter, auf Lebenszeit.

Bericht: Dieter Wilhelmy, Fotos: Benjamin Nolte und Archiv Matthias Janz 

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