Politik, Krankheiten und Religion – diese Themen sind als Smalltalk-Inhalte tabu. Das Wetter hingegen sei ein Top-Thema des Smalltalks, so sagen Knigge & Co. Das könnte sich bald ändern. Denn immer häufiger erhitzen sich beim Austausch über das Wetter die Gemüter. Klimawandel lautet das Reizwort und es wird zunehmend emotionaler und radikaler diskutiert. Einer, der trotz der unbestreitbaren Erderwärmung und ihrer Folgen einen kühlen Kopf behält, ist Prof. Olav Hohmeyer. Der 64-Jährige ist Klimaforscher – und als Wissenschaftler hält er sich weder an düstere Untergangsszenarien noch an Verharmlosungen, sondern an Fakten. Die besagen laut Hohmeyer allerdings eindeutig: „Der menschengemachte Klimawandel ist in vollem Gange. Wir müssen den Herausforderungen begegnen und Lösungen finden. Wenn wir es nicht schaffen, die Treibhausgasemissionen bis 2050 fast vollständig zu reduzieren, wird es sehr ungemütlich.“
Olav Hohmeyer, Professor für Energie- und Ressourcenwirtschaft an der Europa-Universität Flensburg, ist trotz der bedrohlichen Entwicklung Optimist. Nicht im Sinne von „Alles halb so wild“. Er ist sich sicher: „Wir können etwas ändern. Es gibt Lösungen für das Problem!“ Nach Lösungen suchen – das war schon in jungen Jahren sein Weg. Geboren 1953, wuchs er in einfachen Verhältnissen gemeinsam mit zwei Geschwistern in Minden auf. Sein Vater arbeitete als Telegrafenhilfsarbeiter bei der Post. Trotzdem machten alle drei Geschwister Abitur und studierten. „Zu unserem Glück gab es BAföG und unsere Eltern haben uns gefördert, so gut sie konnten“, so Olav Hohmeyer im Rückblick auf eine glückliche Kindheit und Jugend.
Als Gymnasiast wurde er geprägt von der Friedensbewegung jener Zeit. Er war Mitorganisator einer Friedensveranstaltung in Minden, entschied, den Wehrdienst zu verweigern und sich stattdessen für einen Auslandsfriedensdienst in den USA zu bewerben. Seine Idee: „Ich wollte nicht in den Krieg ziehen. Ich wollte etwas tun, damit die Gesellschaft gerechter wird.“ Schon in jungen Jahren habe er sich gefragt, wozu sein Leben gut sei, so Olav Hohmeyer. Er habe viel gelesen – über Mahatma Ghandi, Martin Luther King, das Civil Rights Movement in den Vereinigten Staaten gegen die Rassentrennung. Letztendlich wurde daraus seine Lebensmaxime: „Ich möchte aus dieser Welt eine bessere machen.“ Diesen Anspruch an sich selbst mag so mancher Teenager im Tagebuch verewigt haben. Olav Hohmeyer hat ihn in den vergangenen Jahrzehnten gelebt.

Lösungen suchen











Der Abiturient absolvierte seinen Auslandsfriedensdienst in Jackson/Mississippi und engagierte sich dort für die Rechte der Schwarzen. Schon im zweiten Jahr begann er, inmitten schwarzer Kommilitonen, sein Studium der Volkswirtschaftslehre am Tougaloo College, einem Zentrum der Bürgerrechtsbewegung. Zurück in Deutschland studierte er von 1975 bis 1980 Wirtschaftswissenschaften an der Universität Bremen. Seine Promotion mit dem Thema „Soziale Kosten des Energieverbrauchs“ wurde 1991 mit dem Fraunhofer Sonderpreis der Fraunhofer-Gesellschaft ausgezeichnet. Und sie öffnete ihm die Türen für einen beeindruckenden beruflichen Werdegang. Er arbeitete nach der Promotion am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung in Karlsruhe und von 1994 bis 1998 am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim. Doch in Baden-Württemberg fehlte dem jungen Wissenschaftler, der in seiner Jugend gerne auf dem Steinhuder Meer gesegelt war, das Wasser. Da kam die Berufung an die Universität Flensburg gerade recht. Gemeinsam mit seiner Ehefrau zog Hohmeyer in den Norden. Hier erwarteten ihn nicht nur spannende berufliche Herausforderungen, sondern auch ein erstklassiges Segelrevier.
Seit 1998 ist Olav Hohmeyer Inhaber der Professur für Energie- und Ressourcenwirtschaft an der Europa-Universität Flensburg. Hier hat er den Wirtschaftsingenieurstudiengang „Energie- und Umweltmanagement“ aufgebaut, für den er nach wie vor die Studienleitung innehat. Seine Studentinnen und Studenten sind eine bunt gemischte Truppe aus unterschiedlichsten Nationen; sie kommen aus Äthiopien, Barbados, Botswana, China, Ghana, Indonesien, Nepal, Peru, Pakistan, Südafrika, Tansania, Venezuela, USA und Vietnam. Insbesondere seine Studien auf dem Gebiet der sozialen Kosten des Energieverbrauchs machten Olav Hohmeyer auch international zu einem gefragten Fachmann. So war er von 1996 bis 2011 als Leitautor des UN-Klimarates (IPCC) tätig und an der Erstellung mehrerer Sachstandsberichte beteiligt. Im Jahr 2007 ging der Friedensnobelpreis für die Arbeit im Bereich der Klimawandelforschung an den UN-Klimarat. Olav Hohmeyer hätte die Chance gehabt, den Preis gemeinsam mit Al Gore und seinen Kollegen entgegenzunehmen. Doch er verzichtete. „Unsere Studien waren ja kein Grund zur Freude, dafür musste ich mich nicht feiern lassen. Ich habe ihn als Aufforderung verstanden, weiter an dem Problem zu arbeiten.“ Zudem habe er auf den zusätzlichen CO2-Ausstoß, den seine Anreise verursacht hätte, lieber verzichtet. Gleichwohl sei er im Anschluss an die Preisverleihung „als Nobelpreisträger herumgereicht worden“. Hohmeyer stellt klar, dass den Preis viele andere mit ihm erarbeitet haben. Aber er nutzt die Popularität. In Flensburg hält er Vorträge über das Thema Klimawandel – und schiebt damit die Gründung des Vereins Klimapakt an. Ziel ist es, dass die Fördestadt bis zum Jahre 2050 die Kohlendioxid-Neutralität erreicht und den Energieverbrauch um die Hälfte der Menge senkt, die 1990 verbraucht wurde. „Der Verein leistet wirklich gute Arbeit. Flensburg spart CO2 und Energie schneller ein, als der Rest der Welt und ist für viele Städte inzwischen ein großes Vorbild.“

„Hohmeyer, Sie spinnen!“

Auch in der Politik ist sein Wissen gefragt. Im Sommer 2008 wurde Olav Hohmeyer vom damaligen Bundesumweltminister Sigmar Gabriel für vier Jahre in den Sachverständigenrat für Umweltfragen berufen. Im September 2009 trat er zudem in das Zukunftsteam des SPD-Spitzenkandidaten Ralf Stegner zur Landtagswahl 2009 ein. Er plädiert dafür, am Atomkonsens festzuhalten und spricht sich gegen die Laufzeitverlängerung der deutschen Kernkraftwerke aus. Die Laufzeitverlängerung wird im Herbst 2010 dennoch von der Bundesregierung beschlossen – und im Frühjahr 2011 anlässlich der Atomkatastrophe im Kernkraftwerk Fukushima wieder revidiert. Ob es ihn frustriert habe, dass erst eine Katastrophe die Politik und große Teile der Bevölkerung zum Umdenken gebracht habe? Die Antwort ist eindeutig: „Nö! Viele Dinge brauchen Zeit. Als guter Wissenschaftler muss man schon Lösungen haben, bevor die Politik überhaupt erkannt hat, dass es ein Problem gibt.“ Zudem gebe es in Deutschland Lobbyisten, die einen starken Einfluss auf die Politik haben. „Da ist Veränderung ein langer Weg.“ Ein Beispiel sei die Elektromobilität: „Eine einfache Wechselbatterie kann die Reichweite der Elektroautos deutlich verlängern. Doch die deutsche Autoindustrie hält dagegen, bislang mit Erfolg.“
Um den Klimakiller Güterverkehr umweltfreundlicher zu gestalten, schlug Hohmeyer schon vor Jahren das Trolley-Truck-Konzept vor. Dafür müsse die rechte Spur der Autobahnen mit Oberleitungen elektrifiziert werden. Die Idee brachte ihm seinerzeit unter anderem den Kommentar ein: „Hohmeyer, Sie spinnen!“ „Die Kritik hielt sich“, so Hohmeyer, „bis Siemens in Brandenburg eine Teststrecke aufbaute. Plötzlich wurde es salonfähig, über eine solche Möglichkeit nachzudenken.“
Aktiven Klimaschutz betreibt das 2013 gegründete Unternehmen SCS Hohmeyer|Partner. Als Gesellschafter unterstützt Olav Hohmeyer mit seinem Know-how und seinen weltweiten Kontakten ein junges Team von Wirtschaftsingenieuren mit dem Schwerpunkt Energie- und Umweltmanagement. Das Team erstellt Analysen und entwickelt nachhaltige Konzepte und Lösungen für Klima- und Energiefragen. Er habe damit als Gesellschafter noch nichts verdient. So gesehen sei er ein miserabler Unternehmer, lacht Olav Hohmeyer. Ihm sei es vor allem darum gegangen, die aus aller Welt eingehenden Aufträge nach Flensburg zu holen und den hoch qualifizierten Kräften in der Fördestadt eine Perspektive zu bieten.

Weltweit im Einsatz

An der Wand seines Uni-Büros hängt eine Weltkarte, gespickt mit Wimpeln in unterschiedlichen Farben. Sie zeigen an, in welchen Ländern das Team um Olav Hohmeyer schon aktiv war. Wie können wir für ein Land eine hundertprozentige regenerative Energieversorgung erreichen? Was kostet das? Welche Fördermöglichkeiten gibt es? Diese Fragen beantworten er und seine Studentinnen und Studenten. Rund 90 Länder waren bislang Inhalt der Forschungen. Manchmal ist es nur das Thema einer Seminararbeit, doch immer häufiger werden konkrete Projekte daraus. Seit 2013 fliegt Olav Hohmeyer regelmäßig in die Karibik auf die Insel Barbados. Nicht etwa, um dort in der Sonne zu liegen, sondern um an der University of the West Indies im Bereich Energiewirtschaft und nachhaltige Energiesysteme zu lehren und die Regierung zu beraten. Auch hier geht es um die Chancen einer 100prozentigen regenerativen Energieversorgung und um internationale Fördermöglichkeiten. Seit 2015 berät er zudem die Regierung der Seychellen im Indischen Ozean. „Ob Wind- oder Solarenergie, Wasserkraft oder Biomasse – wir zeigen den Verantwortlichen neue Wege auf! Sowohl Barbados, als auch die Seychellen könnten es schaffen, in zehn bis zwölf Jahren zu hundert Prozent auf regenerative Energien zu setzen.“
In ein Flugzeug setzt sich der Forscher übrigens nur, wenn seine Arbeit vor Ort den durch den Flug verursachten CO2-Ausstoß mehr als relativiert. Ein reiner Urlaubsflug kommt für ihn nicht in Frage. Ohnehin sei ein Segeltörn mit seiner Frau auf der Ostsee die perfekte Auszeit. „Und das Boot liegt ja direkt vor der Tür.“ Ansonsten setzt er privat auf ein möglichst nachhaltiges Verbraucherverhalten. Sein Auto ist 14 Jahre alt. „Nicht ständig neu kaufen, sondern die Dinge möglichst lange nutzen“, lautet sein Konzept. „Wenn man einen Kühlschrank kauft, sollte man einen Blick auf die Energieklasse werfen. Und Standby-Verluste zu minimieren, sollte eigentlich normaler Alltag sein.“ Insgesamt wünscht sich Hohmeyer einen noch stärkeren Austausch der Bürger untereinander. „Wenn ich in meinem Stadtteil, in meinem Dorf, mit den Menschen in meiner Straße überlege, was man für den Klimaschutz tun könnte, ist das Thema angekommen.“ Vor allem aber sieht er die Politik in der Pflicht. „Wir müssen unsere CO2-Emissionen bis 2050 bis auf einen sehr kleinen Rest reduziert haben. Wenn wir das nicht schaffen, wird die Erde sich trotzdem weiterdrehen. Aber für uns Menschen und sehr viele Tierarten ist unser Planet dann kein Ort mehr zum Leben.“ Doch mit diesem Szenario lässt er das Gespräch nicht enden. „Angst“, davon ist der Flensburger Klimaforscher überzeugt, „ist ein schlechter Ratgeber.“ Es gibt Lösungen. Und Olav Hohmeyer wird weiter danach suchen.

Bericht: Petra Südmeyer,
Fotos: B. Nolte, Archiv Hohmeyer

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