Manfred „Manni“ Werner wurde kürzlich 80. „Achtzig – und kein bisschen leise“. Das könnte der „Flensburger Kopf“ über sich selbst sagen. Und so erzählt er uns in einem kleinen Raum im Vereinsheim des ETSV Weiche an einem Februarnachmittag seine Geschichte, eine Geschichte, die überquillt von Ereignissen, Erlebnissen und Erkenntnissen. Manfred Werner wurde nicht, wie die Generation nach ihm, in eine gesättigte Gesellschaft geboren, weit entfernt von Krieg, Not und Entbehrung. Seine Geschichte beginnt genau an der Nahtstelle zwischen zwei historischen Epochen.

„Am 21. März 1945 waren die Russen kurz vor Elbing (bei Danzig/Westpreußen). Mein Vater glaubte, da kämen sie nicht vorbei. Elbing war eine große Festung, eine Festung aus Kriegen vor 100 Jahren, doch kein Schutz gegen diesen modernen Panzerkrieg. In den letzten Jahren in Danzig war schon kein normaler Schulunterricht mehr. Schule war manchmal nur einmal in der Woche. Wollte man zur Schule gehen, gab es Bombenalarm und wir liefen in die Keller und nicht in die Schule.











„Ich bin kein Flüchtling – Ich bin ein Heimatvertriebener“

Wir sind dann auf ein Schiff gekommen. Dieses Schiff wurde, bevor es ablegen konnte, versenkt. Dabei starben 4000 Menschen. Die Geretteten wurden auf drei kleine Schiffe verteilt. Von diesen drei Schiffen ist nur eines in Rostock angekommen. Ich war mit meinen neun Jahren auf diesem Schiff. Damals sagten alle: Richtung Westen, bis Kiel kommen die Russen nicht. Wir kamen dann nach Flensburg. Die ersten 14 Tage dort habe ich in einem offenen Eisenbahnwagon gelebt. Schule hatte ich in Elbing kaum besucht, von vier Jahren nur zwei Jahre Grundschule. In Flensburg gab es zunächst auch keinen Schulunterricht. In der Stadt habe ich allerdings nur bis August/September 45 gelebt. Dann sind wir nach Weiche in eine Baracke gezogen. Daher bin ich dann auch in Weiche zur Schule gegangen. Das Verhältnis zwischen Einheimischen und Flüchtlingen war damals extrem schlecht. Ein Grund waren die sogenannten Zwangszuweisungen. Die Leute hatten vielleicht eine kleine Wohnung für Vater, Mutter, Kind, als jemand vom Amt kam und sagte: ‚Da zieht jetzt die Familie Werner ein. Die Küche müsst ihr euch teilen. ‘

Die Trennung zwischen Einheimischen und Flüchtlingen bzw. Heimatvertriebenen war extrem. Die Flüchtlinge lebten vielfach in Lagern mit eigenen Lagerschulen, eigenem Kaufmann und einmal die Woche Kino. Man lebte wie in einem Ghetto. Wir mussten mehrere Stunden laufen, um auf dem Land Kartoffeln ‚zu stoppeln‘. Meine Mutter ist mit der damaligen Kleinbahn nach Kappeln gefahren und kam nach 12 Stunden mit 8 Heringen zurück.

Schule und Ausbildung

Auf der Hebbelschule, einer Mittelschule, habe ich dann – ganz im Gegensatz zu meinen drei Töchtern – ein relatives schwaches Abschlusszeugnis bekommen. Ich bereue nichts in meinem Leben, außer dass ich nicht mehr Sprachen gelernt habe. Ich betreue internationale Schiedsrichter. Die müssen alle Englisch können. Okay, nach dem ersten Wein spreche auch ich perfekt Englisch. Die fachlichen Dinge jedoch nicht so, wie ich das möchte.

Nach der Schule hatte ich eine kaufmännische Lehre in einem Getreidehandel begonnen und auch abgeschlossen. Damals hießen wir ‚Lehrlinge‘ und haben weniger im Büro gesessen, mehr im Lager Getreide abgefüllt.

Mit zehn Jahren bin ich in den damaligen Sportverein ESV eingetreten und wollte Handball spielen auf dem großen Feld. 1949 wurde dann der Verein ‚Weiche West‘ gegründet, ein Fußballverein. Eine geraume Zeit spielte ich beides, Fuß- und Handball. Schließlich war ich mehr bei den Fußballern, weil da angeblich die schöneren Mädchen zuschauten.

Schon während der Ausbildung entdeckte ich mein rhetorisches Talent und wurde Schulsprecher. Offensichtlich muss ich wohl schon damals die Schnauze aufgemacht haben, denn die Abschlussrede nach der Lehre sollte ich halten.

Beruf und Karriere

Die deutsche Wirtschaft kam damals, 1956, schon gut in Gang. Anwerber aus dem Ruhrgebiet suchten hier in der Region junge Leute. Der damalige Vereinsvorsitzende war Mitglied der BHE-Partei (Block der Entrechteten und Heimatvertriebenen). Der kannte den damaligen Direktor der Norddeutschen Papierwerke, ein Ableger der ‚Feldmühle‘. Dort fing ich an zu arbeiten. Der Direktor war ein Mann wie Ivan Rebroff, zwei Meter groß, trug nur taubenblaue Anzüge. Im Krieg hatte er einen Arm verloren. Zur ‚Feldmühle‘ kam man damals nur auf Empfehlung. ‚Was können Sie oder sind Sie nur hier, weil Sie Fußball spielen können?‘, polterte er. Kurz darauf war ich angestellt.

Dort kam ich gleich in die Personalabteilung. Das, was jetzt geschah, war nur in jener Zeit möglich. Mit 23 war ich Personalchef in Flensburg. Andere sagen, dass es auch Folge meines Ehrgeizes war. Wer war in diesem Betrieb? Die ganz Alten, die nicht im Krieg oder nicht gefallen waren und ganz junge. Die Firmen mussten sich entscheiden, ob sie auf die alten, erfahrenen Mitarbeiter setzten oder – wie die ‚Feldmühle‘ – auf die jungen. Schnell wurde ich Betriebsratsvorsitzender, später auch in der Konzernleitung. Viele fragen, wie das ginge, da ich in diesen Funktionen manchmal mit mir selber verhandeln musste. Damals ging das. Durch meine Tätigkeiten war ich ständig unterwegs, mindestens einmal in der Woche in Düsseldorf in der Hauptverwaltung.“

Manfred Werner gibt uns eine Liste mit seinen beruflichen Fahrten für das Jahr 1989. In jenen zwölf Monaten fuhr er mit dem Auto über 26.000 Kilometer. Wohlgemerkt, das waren meist nur die Anfahrten zum Flughafen.

„Später in meinem Leben habe ich oft die Feststellung getroffen: Ich habe ganz viel Erfahrung aus dem Leben als Sportler mitgenommen für meinen Beruf, habe aber auch ganz viele meiner beruflichen Erfahrungen für den Sport nutzen können. Ich war nie nur Manager der Spieler, sondern auch ‚Vater‘ für die Sportler. Die meisten stammten aus der Arbeiterschaft.

Einem Intellektuellen kannst du immer etwas erzählen, was nicht wahr ist. Wenn du geschickt bist, bekommst du das wieder hin, dass er dir glaubt, dass es nicht so gemeint war. Wenn ein Arbeiter das Gefühl hat, dass du ihn belogen hast, dann hast du keine Chance mehr.

Damals gab es jede Woche Lohn als Abschlag und am Monatsende die Endabrechnung. Das Geld gab es aufgefächert in durchsichtigen Tüten, damit man es zählen konnte. Jeder zweite kam zu mir und sagte: ‚Kann ich nicht noch mal `ne leere Tüte kriegen mit einem anderen Betrag?‘ Die Frau zuhause sollte nicht sehen, wieviel der Mann wirklich bekommen hatte. Dann führte ich die monatliche Lohnzahlung ein, später die bargeldlose Überweisung. Da wollten sie mich … Als ich dann sagte: ‚Ihr könnt Anträge beim Finanzamt stellen, um eine Steuerrückzahlung zu bekommen‘, war ich wieder ihr bester Freund.

In der Funktion sowohl als Sport- wie auch als Firmenmanager war ich nicht selten gespalten. Bei den Spielen hoffte ich, dass sich nur zwei verletzen und nicht drei oder mehr. Denn viele Spieler haben bei mir gearbeitet. Das war auch später bei den Handballern so.“

 

Begegnungen

Manfred Werners Aufstieg war unaufhaltsam. Schließlich wurde er Vorsitzender des Gesamtbetriebsrates des Konzerns und war letztendlich 35 Jahre im Aufsichtsrat. Er begegnete durch seine Arbeit Persönlichkeiten, die Geschichte schrieben. Friedrich Karl Flick, Unternehmer, Milliardär, Anteilseigner von Firmen der Papier- und Chemieindustrie und von Daimler-Benz, dann auch Eberhard von Brauchitsch, Flicks Generalbevollmächtigter, bekannt geworden durch die „Parteispendenaffäre“ in den siebziger Jahren. Beeindruckt war er von Alfred Herrhausen, Vorstandssprecher der Deutschen Bank. Herrhausen starb 1989 bei einem gegen ihn gerichteten Bombenattentat. Und eine Begegnung prägte ihn nachhaltig, die mit Egon Bahr. Bahr (SPD) war u. a. enger Berater von Willy Brandt, damals Regierender Bürgermeister von Berlin und mehrfach Minister in der Bundesregierung. Bahr war einer der bedeutendsten Politiker der 70er Jahre und zog 1976 und 1980 als direkt gewählter Abgeordneter des Wahlkreises Flensburg-Schleswig in den Deutschen Bundestag ein. Für Flensburg und Werners Betrieb, die „Feldmühle“, hatte Bahr besondere Bedeutung. Er setzte sich damals vehement gegen die Schließung des Flensburger Werkes ein, mit Erfolg. Die „Feldmühle“ ging in der Folgezeit durch mehrere Hände. Das schwedische Unternehmen „STORA“ übernahm zunächst die Flensburger Produktion, heute ist es in japanischer Hand, dem Multikonzern „Mitsubishi“. Manfred Werner war damals gegen den Verkauf durch den Feldmühle-Besitzer Friedrich Karl Flick. Flick, so erinnert sich Werner, konnte dem politischen Druck, den Drohungen durch die „Rote Armee Fraktion“, die vor allem Flick als Symbol des verhassten kapitalistischen Systems sah, nicht mehr standhalten. Manfred Werner schildert die teils abstrusen Sicherheitsmaßnahmen für die damaligen Spitzenmanager, ihn eingeschlossen. Nicht nur bewaffnete Leibwächter waren bei allen Treffen zugegen. In den Gebäuden, in denen sie sich trafen, sollten verschiebbare Wände und mobile Räume mögliche Attentäter verwirren.

Nach 45 Jahren bei „Feldmühle/STORA“ ging Manfred Werner ehrenvoll verabschiedet 2011 in den Ruhestand. Nicht so beim Sport.

Sport und Gesellschaft

„Ich habe hunderte von Lehrlingen eingestellt. Es war immer ein Riesenunterschied zwischen Bewerbern, die keinen oder Individualsport betrieben und solchen, die Mannschaftssport gemacht haben. Die Mannschaftssportler hatten den anderen viel voraus. Uns bringen häufig Mütter ihre Achtjährigen. Was geschieht mit denen? Training am Donnerstag um 18 Uhr. Kommt der Junge zu spät, bekommt er vom Trainer und den anderen Jungs „eins auf die Nuss“. Er bekommt Disziplin vermittelt, ohne dass es ihm aufgezwungen wird. Er lernt soziale Strukturen, weil er erkennt, dass er alleine nichts erreichen kann.

Die Vereine leisten einen sozialen Dienst für die Gemeinschaft, der nicht hoch genug bewertet werden kann. Und sie bekommen nichts dafür. Alles leisten Ehrenamtler, meist ältere. Der Nachwuchs fehlt. Ich sehe für die Zukunft eine große Einschränkung des Vereinslebens. Ein Grund ist das fehlende Dorfleben. Früher waren nach einem Handballspiel die Kneipen voll. Das ist vorbei. Heute wird teilweise den Spielern verboten, nach dem Spiel mit den Fans Kontakt aufzunehmen. Nach meiner Meinung wird es irgendwann nicht mehr Vereine im klassischen Sinne geben, sondern Sportgemeinschaften. Die werden Sport anbieten wie eine Tanzschule oder ein Fitnesscenter. Es wird bezahlte Trainer geben. Die Sportler bezahlen einen Beitrag, das war’s.

Die Zeiten, in denen ein Mitglied 70 Jahre in einem Verein ist, dürften gezählt sein.“

Manfred Werner ist in den ESV Weiche 1946 als Zehnjähriger eingetreten. Drei Jahre später wurde der Fußballverein TSV Weiche-West gegründet. Werner wurde 1956 in den Vorstand gewählt, 1970 zum Vorsitzenden. Zwei Jahre später führte er die Vereine „ESV Weiche“ und „TSV Weiche-West“ zum jetzigen Verein „ETSV Weiche“ zusammen, deren 1. Vorsitzender er wurde.

1974 kam es zur Gründung der SG Weiche-Handewitt, die zunächst in der 4. Liga spielte, zwei Jahre später in die Regionalliga 3, 1979 in die 2. Bundesliga und schließlich 1984 in die
1. Bundesliga aufstieg. 1990 dann wurde die jetzige SG Flensburg-Handewitt gegründet.

Manfred Werner war immer dabei, von 1974 bis 1995 Mannschaftsverantwortlicher und ehrenamtlicher Manager des Vereins. 1995 wurde die Bundesligamannschaft der SG in eine eigene Gesellschaft ausgegliedert. Manfred Werner wurde ihr Geschäftsführer. Er durfte den Aufstieg und die Erfolgsserie der Mannschaft bis heute, ab 2011 als Ehrenmitglied begleiten. Seinem ETSV Weiche blieb er ungeachtet seiner Arbeit für die SG bis heute treu. Belohnt wurde sein Engagement mit einer Ehrung, die nur wenigen zu Lebzeiten zuteil wird. Das Stadion des ETSV wurde 2002 in „Manfred-Werner-Stadion“ umbenannt. Damit ging für das Vereinsmitglied ein Traum in Erfüllung, den er einst so beschrieben hatte: „Mit 70 möchte ich auf einer Terrasse vor dem Klubheim sitzen, auf das Spielfeld schauen und kritische Anmerkungen machen dürfen.“

Nicht genug damit, war Manfred Werner auch international für den Sport tätig, unter anderem als Aufsichtsratsvorsitzender der TOYOTA Handball-Bundesliga, in vielen Komitees und bei der Weltmeisterschaft in Hamburg.

Als er vor fünf Jahren den 75. Geburtstag feierte, wurde er mit Ehrungen überhäuft. Die Mitglieder des HBL (Handball-Bundesliga) e. V. ernannten ihn im Rahmen ihrer Mitgliederversammlung im Hilton Düsseldorf zum ersten Ehrenmitglied in der Geschichte der Handball-Bundesliga.

Jetzt, im Februar 2016, sitzt Manfred „Manni“ Werner in einem kleinen Büro des ETSV-Clubhauses, seiner sportlichen Heimat und kann zurückblicken auf eine beispiellose Karriere. „Ja, ich bin mit mir im Reinen“, sagt er nach kurzem Nachdenken. Wer kann das schon mit 80 von sich sagen? Eine Mitarbeiterin bringt ihm ein Glas Rotwein, das er sichtlich genießt.

Bericht: Dieter Wilhelmy
Fotos: Benjamin Nolte 

Das mag ich
Das mag ich Ich liebe es Ich muss lachen Einfach WOW! Das macht mich traurig Das macht mich wütend

Weitere Artikel anzeigen
Lade mehr Aktuelles

Jetzt gleich kommentieren:

avatar
  
smilegrinwinkmrgreenneutraltwistedarrowshockunamusedcooleviloopsrazzrollcryeeklolmadsadexclamationquestionideahmmbegwhewchucklesillyenvyshutmouth
  Abonnieren  
Benachrichtige mich bei

Auch interessant

Klimaschutz geht uns alle an

Der Sommer 2018 – Endgültige Bestätigung für den „Klimawandel“? Im Jahr 2018 erleben wir i…