Der Museumsdirektor steht nicht gern still. Eigentlich soll er in den Räumen des Heinrich-Sauermann-Hauses auf dem Flensburger Museumsberg für Fotos posieren. Viel lieber erklärt er das Farbkonzept der Räume, streicht liebevoll über die mit Schellack polierte Oberfläche eines Jugendstil-Tischchens, zieht alte zerfledderte Rechnungen aus der Schublade eines Biedermeiersekretärs. Keine Frage: Hier ist Dr. Michael Fuhr in seinem Element. „Der Museumsberg hat so viel zu bieten“, schwärmt er. „Und Sie glauben gar nicht, welche Schätze noch im Depot gelagert werden.“ Seine Begeisterung umfasst nicht zuletzt den Museumskomplex, dem er seit 2009 als Direktor vorsteht. Im oberen Stockwerk des Sauermann-Hauses können Besucher in dänischen Designermöbeln aus den 50er Jahren entspannen oder einen einzigartigen Blick auf die Stadt genießen. Den versperrte jahrzehntelang ein Barockschrank. Es war der in Frankfurt geborene Michael Fuhr, der den Flensburgern im Rahmen der Neugestaltung des Sauermann-Hauses diesen wunderschönen Blick auf ihre Stadt ermöglichte. „Flensburg hat so viel Potenzial, nicht nur als Kulturstandort, sondern als Stadt im Gesamtbild“, betont er. Dieses Potenzial gelte es, gut zu vermarkten. Er selbst trägt seit fast zehn Jahren mit seinem Engagement auf dem Museumsberg dazu bei.

Von römischen Sandalen und expressionistischen Kamelen







Dass er als Museumsdirektor hoch im Norden seinen Platz finden würde, war nicht geplant. Der Werdegang des Kunsthistorikers ist ebenso verschlungen wie spannend. Geboren 1968 in Frankfurt am Main, verbrachte Michael Fuhr seine Kindheit gemeinsam mit dem jüngeren Bruder im Frankfurter Umland, das damals noch ländlich geprägt war. Die Eltern waren sehr kulturinteressiert: „Wenn wir im Urlaub waren, musste jede Kirche, jede Burg und jedes Schloss besichtigt werden“, erinnert sich der Kunsthistoriker. „Manchmal war es lästig, meistens aber interessant. Geschadet hat das sicher nicht. Mit meinen eigenen Kindern mache ich es jetzt genauso!“ An frühe Berufswünsche erinnert er sich nicht, wohl aber an die starke Faszination, die eine archäologische Ausgrabung auf ihn ausübte: „Bei uns in der Gegend wurden in den 70er Jahren Reste eines römischen Kastells ausgegraben. Die Archäologen entdeckten Scherben, Münzen und Reste einer Ledersandale. Meine Mutter konnte als Kartografin gut zeichnen und hat Zeichnungen von den Fundstücken angefertigt. Das alles fand ich als Kind sehr spannend.“ Einen Zugang zur Kunstgeschichte vermittelte auch die katholische Klosterschule, die er bis zu seinem Abitur besuchte. In der mündlichen Abiturprüfung habe er das Bild „Kamel in rhythmischer Baumlandschaft“ von Paul Klee analysieren müssen, erzählt er schmunzelnd. Diese Aufgabe fiel dem Abiturienten nicht schwer. Nach 20 Monaten Zivildienst in einem Altenheim konnte er sich für seine Wunschfächer Publizistik, Kunstgeschichte und Archäologie an der Universität in Mainz einschreiben. Er startete das Studium mit dem Berufswunsch Journalist. Schon als Schüler hatte Michael Fuhr für die Jugendseite des gemeindeeigenen Kirchenblattes geschrieben, später finanzierte er Teile seines Studiums nicht nur als Alten- und Krankenpfleger, sondern auch mit dem Verfassen von Artikeln. Doch immer mehr rückte die Kunstgeschichte in den Fokus seines Interesses.

Nicht nur tote Künstler sind gute Künstler!

Anfang der 90er Jahre wechselte Michael Fuhr von Mainz an die Universität in Amsterdam, lernte vorher so perfekt Niederländisch, dass er dort das Staatsexamen in niederländischer Sprache bestand. Später unterrichtete er die Sprache nicht nur an Volkshochschulen, sondern schulte unter anderem hochrangige Banker, die sich auf Begegnungen mit dem niederländischen Politiker und ersten Präsidenten der Europäischen Zentralbank Wim Duisenberg vorbereiten wollten. Die Sprache sei vergleichsweise einfach, winkt er ab. „Gott und die Königin werden groß geschrieben, alles andere schreibt man klein. Ein Komma setzt man da, wo der Satz eine Pause gebrauchen könnte.“
In Amsterdam faszinierte den Studenten vor allem die zeitgenössische Kunst. „In Mainz war damals nur ein toter Künstler ein guter Künstler, während die zeitgenössische Kunst in Amsterdam einen hohen Stellenwert besaß.“ Unter anderem musste er im Rahmen des Studiums Künstler interviewen und die Texte zu Papier bringen: „Mit einem Kassettenrekorder saß ich auf Hausbooten, kämpfte mit den Dialekten der teilweise wirklich speziellen Künstler.“ Mit Hilfe einer niederländischen Kommilitonin bewältigte er auch diese Aufgabe.
Michael Fuhr promovierte über konservativ-nationalistische Tendenzen eines Kunstverlags. 900 Seiten umfasst die Doktorarbeit inklusive unzähliger Fußnoten. „Ganz schön mühsam, wenn man nichts abschreibt, sondern alles selbst recherchiert“, erinnert er sich. Dass das Machwerk eine große Leserschaft erreicht hat, glaubt er eher nicht. Schon der Doktorvater habe lange gebraucht, um sich durchzuarbeiten. Immer noch aktuell ist hingegen der von ihm verfasste Führer „40 Burgen und Schlösser am Mittelrhein“. Das Schreiben „ganz ohne Fußnoten“ sei wie eine Befreiung gewesen. Der junge Kunsthistoriker sammelte als Volontär beim Landesmuseum in Mainz Erfahrungen in der Museumsarbeit, erarbeitete museumspädagogische Konzepte, machte Führungen und entwickelte gemeinsam mit Kollegen eine Ausstellung, bevor er 2004 eine Stelle als Museologischer Assistent am Leopold-Museum in Wien antrat.

Schaurige Seherlebnisse
in Wien

„Die Stelle in Wien war natürlich begehrt. Dass die Wahl auf mich fiel, hat mich sehr gefreut“, so Michael Fuhr. Das Leopold-Museum, das im vergangenen Jahr mehr als eine halbe Million Besucher zählte, besitzt eine der renommiertesten Egon-Schiele-Sammlungen Österreichs und präsentiert viel beachtete Sonderausstellungen. Michael Fuhr kuratierte unter anderem eine Schau deutscher Expressionisten und eine über Christian Schad, einen deutschen Maler der Neuen Sachlichkeit. Für eine weitere Ausstellung flog er nach Peru, um in einer zerfallenen Kapelle Bilder des Österreichers Adolfo Winternitz zu sichten. „Edvard Munch und das Unheimliche“ lautete der Titel der letzten Ausstellung, die Fuhr gemeinsam mit Rudolf Leopold kuratierte. Von „schaurigen Seherlebnissen“ schrieben die Medien. Die Ausstellung wurde einmal mehr ein großer Erfolg: „Das Thema passte perfekt in die Stadt Wien“, so Fuhr.
Nebenbei erhielt der Museumsmann spannende Einblicke in die Wiener Gesellschaft – angefangen beim Dress-code bis hin zu der Tatsache, dass viele Parkanlagen privat sind und nur mit einem Schlüssel betreten werden können, den man bestenfalls erbt. Man müsse schon über mehrere Generationen in der Stadt leben, bestimmte Schulen besucht haben und einen ganz bestimmten Dialekt sprechen, um dazuzugehören: „In Wien ticken die Uhren ein wenig anders.“ Schon die Wohnungssuche gestaltete sich für Michael Fuhr, der mit seiner Frau und der inzwischen geborenen Tochter von Mainz nach Wien umzog, äußerst schwierig. „Die Wohnung, die wir durch einen großen Zufall fanden, war ganz in Ordnung, aber wir wohnten im hässlichsten Haus von ganz Wien. Und von Natur war weit und breit nichts zu sehen.“
Es war sicher vor allem die Aussicht auf die berufliche Weiterentwicklung, aber vielleicht auch die auf ein bisschen mehr Grün, die Michael Fuhr im Jahr 2009 dazu bewog, sich auf die Position des Museumsdirektors in Flensburg zu bewerben. Er setzte sich unter 40 Bewerbern durch und landete schon mit der ersten Ausstellung eine Punktlandung. Im Sommer 2010 eröffnete er mit seinem Team die Ausstellung „Punkte in Flensburg“, eingerahmt von einem bunten Programm, das zum Mitmachen motivierte. Mit diesem Einstieg bewies er Mut für unkonventionelle Ideen. Sich einem breiten Publikum zu öffnen, ohne sich anzubiedern, ein buntes Programm für alle Bildungsschichten zu bieten, ohne flach zu werden, das ist seither seine Intention. Dazu gehört auch, dass er gerade einen Museumsführer in einfacher Sprache für den Museumsberg entwickelt hat.

Frischer Wind auf dem
Museumsberg

Eine seiner ersten Aufgaben war es, die Sanierung des Heinrich-Sauermann-Hauses zu begleiten und die Ausstellung komplett neu zu konzipieren. Ende 2009 war das Haus geschlossen worden, im Frühjahr 2012 konnte eine strahlende Neueröffnung gefeiert werden. Unter anderem überraschte Michael Fuhr mit einer kleinen aber feinen stadtgeschichtlichen Ausstellung. Aus der früheren Nikolai-Bibliothek wurde die Schatzkammer. Hier lagern jetzt in edlen Vitrinen die „Kronjuwelen“ des Museums. In der Kinder-Abteilung kann man auf alten Schulbänken Platz nehmen und den Schulalltag vor 100 Jahren nachempfinden. „Die Zeit des Umbaus war für das gesamte Team sehr anstrengend“, erinnert sich der Museumsdirektor. Die Neugestaltung sei jedoch eine einzigartige Chance gewesen. „Wann hat man schon einmal die Chance, dass man so ein Museum komplett neu und modern gestalten kann? Für einen Museumsmann ist das die wahre Freude.“
In seiner Arbeit setzt Fuhr auf die Balance zwischen Sonderausstellung und Bestand.
Ob er über die im Sommer geplante Ausstellung über die Färöer Inseln oder die Gegenüberstellung zeitgenössischer Kunst mit den Bildern alter Meister aus dem Bestand des Museumsberges spricht – Michael Fuhr ist voller Tatendrang. Musik zu den Ausstellungseröffnungen ist nur einer von vielen Programmpunkten, die fest eingeplant sind. Michael Fuhr sagt von sich: „Musik bedeutet mir selbst sehr viel.“ Er sammelt Schellackplatten und die Notenblätter von Schlagern aus den 20er Jahren. Er selbst spielt Klavier „für den Hausgebrauch“. Zudem habe er im Zuge einer Midlife-Crisis ein Saxofon erworben, wie er schmunzelnd erzählt. Die Kenntnisse reichen inzwischen immerhin so weit, dass er am Heiligabend ein paar Weihnachtslieder spielen kann. Ansonsten entspannt der 50-Jährige im Garten und genießt die Spaziergänge mit dem Hund.
Er lebt mit seiner Frau, ebenfalls Kunsthistorikerin, mit seiner Tochter und seinem Sohn in Mürwik. „Die Lebensqualität ist in Flensburg groß“, so Fuhr. „Wir haben einen großen Garten und bis zum Strand ist es nicht weit.“ Michael Fuhr ist in Flensburg angekommen. Er schätzt, wenn er in seinem Direktorenzimmer auf dem Museumsberg arbeitet, den spektakulären Blick über die Stadt. Noch lieber ist er jedoch in den Räumen des Heinrich-Sauermann-Hauses oder des Hans-Christiansen-Hauses unterwegs und lässt sich zu neuen Ideen inspirieren.
Bericht: P. Südmeyer
Fotos: Thomas Becker

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