„Der Mann für besondere Aufgaben“, so konnte man Dirk Nicolaisens Funktion innerhalb der Industrie- und Handelskammer (IHK) Flensburg beschreiben. Dass er neben Hauptgeschäftsführer Peter Michael Stein bis zu diesem Sommer stellvertretender Hauptgeschäftsführer war, sei am Rande erwähnt. Beide Funktionen sind neu besetzt. Dirk Nicolaisen ging nach 47 Berufsjahren – ja, so etwas gibt es noch – mit 63 Jahren in Pension. Er hatte seit 1978, als er von der ‚Fördereederei Seetouristik‘ in die Heinrichstraße wechselte, zahlreiche Spezialaufgaben inne. Vor allem war es der Tourismus in der Region, in den er sein berufliches Herzblut steckte.
Die vielen Berufsjahre verdankt er der Tatsache, dass er nach der Schule nicht studierte, sondern in Glücksburg eine Verwaltungsausbildung begann, danach zur Bundeswehr ging. Fast wäre er beim ‚Bund‘ geblieben, denn die Arbeit in Meyn, Hammelburg und bei der Raketeneinheit in Flensburg-Weiche faszinierte ihn schon. Heute darf er darüber reden, was damals kaum jemand wusste. Vor Flensburgs Haustür waren amerikanische Atomwaffen gelagert, die durch Bundeswehrsoldaten, auch Dirk Nicolaisen, bewacht wurden. Die politische Lage war in den siebziger Jahren äußerst angespannt. Es gab, so erinnert sich der Pensionär heute, ein Aufmarschszenario in Ost-Holstein. Der ‘Feind‘ war klar definiert, die DDR. Alarmübungen spielten mögliche Verteidigungsoptionen durch. Zum Ernstfall ist es nie gekommen, der ‚Eiserne Vorhang‘ zwischen den politischen Blöcken, so ist jedenfalls zu hoffen, Geschichte.
Dirk Nicolaisen traf seine heutige Frau, eine Begegnung, die nicht nur sein Privat-, sondern auch sein Berufsleben veränderte. Er zog die Uniform aus und wechselte in die Wirtschaft, zur Flensburger ‚Fördereederei-Seetouristik‘. Nach zwei Jahren verließ er das Unternehmen und wechselte zur IHK. Eine im Rückblick gute Entscheidung. Spätestens 1999 geriet das FRS-Schiff ins Schlingern. Der Wegfall der Butterfahrten traf die Fördeschifffahrt hart. Es kam zur einer tiefgreifenden Umstrukturierung, etwa der Fusion mit dem Linienbusunternehmen AFAG. Das Unternehmen wandte sich in der Folgezeit Zielen zu, die keinen Bezug mehr zur Ostseeschifffahrt hatten, etwa des Katamaran-Verkehrs in der Straße von Gibraltar zwischen Spanien und Marokko oder dem Betrieb zweier Hochgeschwindigkeitskatamarane für das Sultanat Oman.
Dirk Nicolaisen war zu jener Zeit längst bei der IHK, seit 1978 für den Bereich Seeschifffahrt zuständig, später für die Wirtschaftsförderung im Kammerbezirk. Als nördlichste deutsche Industrie- und Handelskammer betreut die IHK Flensburg mit rund 75 hauptamtlichen Mitarbeitern über 41.000 Mitgliedsunternehmen im Norden und Westen Schleswig-Holsteins.
Zusätzlich zum Flensburger Hauptsitz unterhält sie Geschäftsstellen in Heide, Husum und Schleswig. Die Bedeutung geht also weit über Flensburg hinaus, entsprechend weit gefasst auch die Aufgaben der Mitarbeiter.
Seine Erfahrungen konnte Dirk Nicolaisen auch nach dem Mauerfall einbringen. Er verlegte vorübergehend seinen Arbeitsplatz nach Mecklenburg-Vorpommern. Die in der DDR vorhandenen oder neu zu gründenden Unternehmen brauchten Beratung. Unternehmerisches Denken war, so musste der Flensburger feststellen, kaum vorhanden. Es herrschte eine Versorgungsmentalität. Das ‚1×1 der Wirtschaft‘ sollte durch westdeutsche Berater vermittelt werden. Dirk Nicolaisen musste in jener Zeit jedoch auch feststellen, dass die Hilflosigkeit der Menschen dort von westdeutschen Unternehmern zuweilen schamlos ausgenutzt wurde. „Sie wurden regelrecht über den Tisch gezogen.“ „Andererseits“, so sagt er ebenso kritisch, „haben viele dort sehr schnell gelernt, die möglichen Förderungen zu ihren Gunsten einzufordern.“
Wie man heute weiß, sind die Gelder im West-Ost-Transfer nicht immer sinnvoll und nachhaltig angelegt worden, und nicht immer zu Gunsten eines gerechten Wettbewerbes. Der schnelle Aufbau der Infrastruktur dort hat für Schleswig-Holstein nicht nur Vorteile gebracht. Es gab gerade im Tourismus eine neue Konkurrenzsituation. Schicke, perfekt renovierte Städte, neue Straßen, schafften insbesondere Mecklenburg-Vorpommern einen Wettbewerbsvorteil. Schleswig-Holstein musste seine ‚Komfortzone‘ verlassen und nachrüsten, ein Prozess, der bis heute nicht abgeschlossen ist.
Zurück in Flensburg, ging die IHK mit Dirk Nicolaisen diese Mammutaufgaben an.
Bereits seit 1980 hatte sich der „Mann für besondere Aufgaben“ auf die Tourismusförderung in der Region spezialisiert, ein, wie er bedauert, von vielen Bürgern unterschätzter Wirtschaftsfaktor. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Fast die Hälfte aller Unternehmen in der Region sind direkt oder indirekt vom Tourismus abhängig. Das betrifft 140.000 Beschäftigte, die einen Umsatz von 7,7 Milliarden Euro erwirtschaften. Diese Unternehmen brauchen Betreuung, Beratung und Finanzierungshilfen. Das reicht, so der Tourismusfachmann, von der Beratung bei der Buchführung und der Qualitätssicherung bis zur Designberatung durch ein eigenes ‚Designkontor‘ der IHK. Das Designkontor ist aus der Erkenntnis entstanden, dass viele Tourismusangebote, insbesondere Unterkünfte einer dringenden Modernisierung bedürfen. Senfgläser als Trinkgefäße in den Urlaubsappartements oder Möbel aus Großmutters Nachlass sind dem Anspruch heutiger Urlauber nicht mehr angemessen. Der Begriff „Fremdenzimmer“ ist ein Unwort im Tourismusgewerbe. Im Umkehrschluss heißt das, so Dirk Nicolaisen: „Ein Urlauber, der sich wohlfühlt, gibt mehr Geld aus.“ 100 Euro sind das statistisch, pro Tag und Besucher. Nicht nur die Urlaubsquartiere müssen aufgehübscht werden, auch die Rahmenbedingungen in der der Stadt und in der Region müssen stimmen, etwa die Abstimmung der Öffnungszeiten der Geschäfte, seit vielen Jahren ein Dauerstreitthema.

Regional denken und handeln











Über Jahrzehnte bestimmte Einzelkämpfertum von Städten und Gemeinden das Tourismusmarketing. Jeder gegen jeden und oft einer gegen alle. Jedes Dorf ein Gastgeberverzeichnis, Prospekte, Internet-
auftritte. Aus Sicht der Besucher ein Flickenteppich, der sie verwirrte und abschreckte. Heute weiß man aus Analysen, dass der Tourist ein Gesamt-
erlebnis in der Region sucht, durchaus mit Schwerpunkten in einzelnen, besonders attraktiven Orten mit einem speziellen Angebot. Um dieses Gesamterlebnis deutlich zu machen, mussten und müssen die Aktivitäten lokal übergreifend dargestellt und angeboten werden. Viele Anbieter waren dabei gezwungen über ihren eigenen Schatten zu springen, Flensburg nicht ausgenommen. Die seit Jahren diskutierte LTO (Lokale Tourismus Organisation) zwischen Flensburg, Glücksburg, Langballig und Harrislee ist jetzt, auch dank der Moderierung durch die IHK mit Dirk Nicolaisen, Wirklichkeit geworden unter dem Namen ‚Tourismusagentur Flensburger Förde (TAF)‘. Von der Roten Straße in Flensburg aus werden die Angebote der Mitgliedsgemeinden, mit Geschäftsführer Gorm Casper an der Spitze, koordiniert. Noch, so Dirk Nicolaisen kritisch, ist die langfristige Finanzierung nicht gesichert. Eine bestehende ‚Bettensteuer‘ als Zwischenlösung soll in Flensburg durch eine neue ‚Tourismus-
abgabe‘ abgelöst werden.
Mehr Gerechtigkeit soll das neue Modell bringen. Nicht nur die Beherbergungsbetriebe, sondern alle direkten und indirekten Profiteure des Tourismus sollen zur Finanzierung beitragen. Ein Streitpunkt in der Stadt ist die Verwendung der dann eingeworbenen Gelder. Die Stadtverwaltung möchte damit die durch ihre Tourismusförderung entstandenen Haushaltslöcher stopfen. Dirk Nicolaisen spricht sich für eine andere Verwendung aus. Neue Initiativen sollen ebenso in den Genuss der Mittel kommen, anstelle des Erhalts bestehender, für den Tourismus wenig bedeutender, Aktivitäten, etwa ‚freier Kulturprojekte‘ oder der Pilkentafel. Das letzte Wort ist hier noch nicht gesprochen.
Positiv sieht Dirk Nicolaisen die Entwicklung der Hotellerie in Flensburg. Die bisherige gute Auslastung der wenigen Hotels von 65-68% hat die Betreiber „träge werden lassen“, bemängelt er. Ohne große Investitionen wurde ausreichend Geld verdient. Folge war, dass der Bedarf nach weiteren, gerade hochwertigen, Hotelplätzen nicht gedeckt wurde. Das hat sich jetzt grundlegend verändert. ‚Die Alte Post‘ und, gerade aktuell, das demnächst zur Eröffnung anstehende ‚Hotel Hafen Flensburg‘, geben dem Tourismus einen kräftigen Schub. Nicolaisen ist besonders stolz darauf, dass es gelungen ist, lokale Investoren für die Projekte zu gewinnen. Weitere Hotelbauten sind in der Planung.
„Stärkerer Wettbewerb fördert den Qualitätsdruck“, sagt der Tourismus-
experte und bezieht das nicht nur auf die Hotels, sondern auch das Gros der Privatquartiere.
„Wir brauchen ein Qualitätsversprechen“, sagt er und weist auf Onlinedarstellungen der Angebote und Bewertungsportale hin.
Die IHK hat sich auf Landesebene eingemischt und sich etwa mit dem ‚Nordeuropäischen Institut für Tourismusforschung (NIT)‘ gemeinsam an Studien beteiligt. Welche Trends werden den Tourismus in den nächsten Jahren bestimmen, wie entwickeln sich Mobilität und Ansprüche der Urlauber?
Einige Trends und damit Chancen für die Region zeichnen sich ab. Ein nicht ausgeschöpftes Potential stellen die Alpenländer dar. „Urlaub von den Bergen“ ist für Schweizer und Österreicher durchaus eine Option. Die Möglichkeiten, skandinavische Besucher für die Region zu begeistern, ist noch lange nicht ausgeschöpft. Wenn auch die Hälfte aller ausländischen Besucher aus Dänemark stammt, sind Norweger und Schweden vorerst vor allem in den Einkaufszentren zu finden, in Flensburgs Innenstadt und in der Region noch die Ausnahme.
Mit der Analyse will sich die IHK jedoch nicht begnügen.
„Es geht um die konkrete Umsetzung dessen, was die Analysen ergeben haben.“
Mit dem Wirtschaftsministerium wurden für den Tourismus klare Ziele formuliert, etwa Steigerung der Übernachtungen von derzeit 26 auf 30 Millionen pro Jahr.
Mit einer Roadshow für kleine und mittelgroße Unternehmen (KMU) will die Kammer den Betrieben auf die Sprünge helfen, ihnen Chancen für ihre Entwicklung aufzeigen. Das betrifft nicht nur den Tourismus, sondern den gesamten Mittelstand in der Region. Vor allem sollen die Veranstaltungen Licht in den undurchdringlichen Dschungel der Fördermaßnahmen bringen.
Dirk Nicolaisen zählt auf, welche Branchen für die Zukunft des Landes bestimmend sein werden. Es sind der Tourismus, die Gesundheitsbranche, die maritime Wirtschaft und die Erneuerbaren Energien.
Eine Baustelle ist die Suche nach Nachfolgern für bestehende Betriebe. Ein Drittel der Inhaber von Beherbergungs- und Gastronomieunternehmen ist älter als 55. Einfach einen Nachfolger einzusetzen, löst das Problem nicht. Die Konzessionen sind personengebunden. Ein neuer Inhaber muss sie also neu erwerben und die Anforderungen sind stetig gestiegen.
Die IHK hat unter dem Stichwort ‚Stabwechsel‘ eine Initiative gestartet, die im Stile einer Familienberatung die Unternehmer betreut und die Übernahme der Verantwortung auf die Folgegeneration begleitet.

Die Zeit danach

Dirk Nicolaisen kann sich zurücklehnen und die Früchte seiner Arbeit genießen, er könnte. Er wird jedoch weiter aktiv sein, etwa in einer Organisation zur deutsch-dänischen Zusammenarbeit. Es bleibt jedoch auch Zeit, die „schönste Förde der Welt“ mit dem Motorrad zu erkunden.
Schlusswort und Resümee seiner Arbeit: „Wenn man sieht, es klappt das, was man begonnen hat, fühlt man sich belohnt.“

Bericht: Dieter Wilhelmy
Fotos: Benjamin Nolte

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