Hygge – das ist eine Mischung aus Geisteszustand und Einrichtungsstil, bedeutet frei aus dem Dänischen übersetzt „Gemütlichkeit“ und ist gerade ziemlich angesagt. Ob ein paar Kerzen und ein Sofakissen im nordischen Design schon für eine hyggelige Atmosphäre sorgen, hält Dieter Lenz allerdings für fragwürdig. Der 74-Jährige muss es wissen. Schließlich gehört er zur dänischen Minderheit in Flensburg und kennt sich mit Importen aus dem Nachbarland bestens aus.
Rund 50.000 Angehörige der dänischen Minderheit gibt es in Schleswig-Holstein. In unterschiedlichsten Organisationen leben sie ihre Werte und Traditionen, bauen Brücken zwischen Deutschland und Dänemark. In der kulturellen Hauptorganisation, dem Sydslevigsk Forening (SSF) war Dieter Lenz ebenso engagiert wie in dem Südschleswigschen Wählerverband (SSW) und dem Dansk Gymnastikforening Flensborg (DGF).
Doch der Reihe nach …
Dieter Lenz wächst als jüngstes von vier Kindern als Sohn eines Werftarbeiters und einer Buchhalterin in Flensburg auf. Es sei eine weitgehend glückliche Kindheit gewesen, erzählt er. Dank des Nebenjobs seines Vaters als Hausmeister bewohnte die sechsköpfige Familie eine schöne Wohnung am Burgfried. Autos gab es damals kaum – und so spielte sich das Leben der Kinder weitgehend auf der Straße ab. Man spielte Fußball oder Völkerball – und ebenso gerne mit Murmeln. Wer Exemplare aus Glas besaß, genoss besonderes Ansehen unter den Burgfried-Kindern. Die kamen dann wahrscheinlich aus der Murmelfabrik in Flensburgs Neustadt. Mit dem Fußball wurde gekickt, wann immer sich die Gelegenheit bot. Berühmt-berüchtigt sei die Mannschaft der kleinen Straße Schwarzental gewesen, erinnert sich Dieter Lenz. Mangels Turnschuhen kickte er mit Straßenschuhen – und handelte sich damit zuhause regelmäßig Ärger ein.

Ein bisschen „kartoffelig“











Einmal im Jahr wurden Dieter und seine Geschwister Loni, Arthur und Grete nach Dänemark verschickt. Das Nachbarland nahm in der Nachkriegszeit jeden Sommer Kinder der dänischen Minderheit auf. Dieter Lenz erinnert sich: „Uns sollte die dänische Sprache und Kultur vermittelt werden. Wir lernten, dass Dänen gerne zusammensitzen, dass viel gesungen wird, es rund um den Dannebrog eine Menge Regeln gibt und dass man gerne Hurra, Hurra, Hurra ruft, wenn jemand Geburtstag hat. Vor allem aber wurden wir aufgepäppelt mit Leckereien wie Käse, Schweinefleisch und Leverpostej, dieser schmackhaften dänischen Leberpastete.“ Als Vierjähriger trat Dieter mit viel Heimweh im Gepäck das erste Mal die Reise an. Das dänische Ehepaar, das ihn aufnehmen sollte, hatte sich eine Spielgefährtin für Tochter Solveig gewünscht. Weil die Dänen, so Dieter Lenz, ein bisschen „kartoffelig“ sprechen, wurde in dem Organisationsbüro aus Dieter der weiblich klingende Name „Diede“. Das Ehepaar staunte bei seiner Ankunft nicht schlecht – doch der Junge durfte bleiben und verlebte zehn Jahre lang jeden Sommer bei dem Schmied und seiner Familie in einem Dorf bei Ribe.
Wenn Dieter zurückkehrte, musste er sich an die deutsche Sprache erst wieder gewöhnen. Die war bei ihm zuhause ohnehin durchsetzt von verschiedenen Einflüssen. „Mein Vater war einfacher Werftarbeiter. Plattdeutsch, hochdeutsch, dänisch – das mischte sich bei uns und mit „mir und mich“ kamen wir schon mal durcheinander.“ Die Hänseleien der Nachbarskinder hätten ihn nicht besonders gestört, so Dieter Lenz. „Im Großen und Ganzen waren wir Kinder tolerant und gut zueinander.“ Trotzdem erinnert er sich an Anfeindungen, wenn er beispielsweise mit seiner Pfadfinderuniform durch die Straßen Flensburgs ging. Von dem Gefühl, nicht zu genügen und sich nicht richtig ausdrücken zu können, bleibt ein Leben lang etwas hängen. Zumal er als Schüler in den meisten Fächern „keine Leuchte“ und das Abitur „keine Glanzleistung“ gewesen sei. Geblieben ist viele Jahrzehnte die Angst vor jedem Vortrag und öffentlichen Auftritt.
Umso bemerkenswerter, dass der Flensburger schon als Schüler anfing, sich ehrenamtlich zu engagieren.
An der Duborg-Skolen war Dieter Lenz erster Vorsitzender des neu gegründeten Schülerrates und Mitarbeiter der Schülerzeitung Vulkanen: „Echte Mitbestimmung gab es für uns Schüler damals noch nicht, aber wir durften immerhin die Schulfeten organisieren.“ Je länger er sich engagierte, desto mehr konnte Dieter Lenz gestalten und mitreden. 1973 wurde er Vorsitzender im SSF-Distrikt „Friesischer Berg“, ab 1974 SSW-Kandidat bei den Kommunalwahlen in Flensburg und bei den Landtagswahlen im Landkreis Ost, von 1975 bis 1977 war er stellvertretender Vorsitzender des SSW in Flensburg und bis heute ist er Vorsitzender des Flensburger Sportvereins DGF. Außerdem war er Flensburger Ratsmitglied und bürgerliches Mitglied in verschiedenen Ausschüssen der Stadt.
Nicht zuletzt das Studium der Sozialwissenschaften in Göttingen von 1966 bis 1971, inmitten der heißen Phase der Studentenbewegung, motivierte ihn, sich gesellschaftlich zu engagieren. Zu den Lehrinhalten seines Studienfaches sagt er: „Wir konnten überall mitreden, hatten aber von nichts eine Ahnung.“ Spannender waren da schon die politischen Aktionen, die Demonstra-
tionen und Sit-ins. Doch Eier oder Tomaten auf ungeliebte Politiker werfen – das war nicht seine Sache. „Ich saß eher in der zweiten Reihe. Und wenn es brenzlig wurde, bin ich abgehauen.“

Abgründe und Anekdoten

Aus Göttingen brachte Dieter Lenz nicht nur ein geschärftes politisches Bewusstsein, sondern vor allem Ehefrau Petra mit. Tochter Sonja und Sohn Oliver wuchsen in Flensburg inmitten der großen Gemeinschaft der Familie und der dänischen Minderheit auf. Dieter Lenz wurde Sekretär im SSF, war von 1984 bis 1987 erster hauptberuflicher Mitarbeiter des SSW-Landtagsabgeordneten Karl Otto Meyer in Kiel und von 1987 bis 2008 Landesgeschäftsführer des SSW-Landesverbandes. Als Sekretär des SSF hatte er unter anderem den Auftrag, dänische Theatergruppen für Auftritte in Flensburg zu engagieren. Allen voran das königliche Ballett mit Sitz in Kopenhagen. „Ich hatte bis dahin keinerlei Erfahrung in diesem Bereich, saß der kulturell hoch gebildeten Leitung des Balletts gegenüber und fühlte mich in dem riesigen Ledersessel ziemlich klein“, gibt Dieter Lenz heute zu. Es gelang ihm, das Ballett für zwei Abende ins Flensburger Theater zu holen. Viele weitere Theatergruppen folgten. „Ich als einfacher Arbeiterjunge habe das Kulturprogramm der dänischen Minderheit mitgestaltet“, erzählt er – und ein bisschen Stolz klingt mit.
Zugute kam Dieter Lenz bei dieser und vielen weiteren Herausforderungen immer wieder seine Fähigkeit, Menschen für sich zu gewinnen. Verbindlich, zugewandt und freundlich wirkt er. Er ist keiner „von denen da oben“, sondern einer aus der Mitte der Gesellschaft. Angenehm unprätentiös und authentisch – so wie sein Vorbild Karl Otto Meyer. „Karl Otto hat mich sehr geprägt“, sagt Dieter Lenz. „Er war geradeheraus, hat sich klar und prägnant ausgedrückt. Außerdem hat er sich nie verstellt, war immer er selbst.“ Lange wurde Dieter Lenz als Kronprinz des charismatischen Politikers gehandelt. Letztendlich trat er nicht in seine Fußstapfen – und war froh darüber. Als Mitarbeiter Karl Otto Meyers und als Landesgeschäftsführer des SSW-Landesverbandes gewann er tiefe Einblicke in den Alltag der Landespolitik. So kann er mit Details zur Barschel-Affäre aufwarten, die bis heute nicht öffentlich geworden sind. Sein Fazit: „Das war ein Tiefpunkt unserer Landespolitik. Die Moral ging unter.“
Doch neben den Einblicken in die Abgründe hat Dieter Lenz auch Einsichten in die ganz harmlosen Attitüden und Schrulligkeiten namhafter Politiker gewonnen. Allen voran Karl Otto Meyer, der sich weigerte, den damals im Landtag gern genossenen Likör zu trinken. Statt dieses „Klostergebräus“ gönnte sich der Landtagsabgeordnete gerne einen Aquavit. Frei nach dem Motto „Wer sich morgens einen Jubi gönnt, tut es für die Gesundheit. Wer ihn abends trinkt, hat ein Problem.“ Bedauerlich sei gewesen, dass Karl Otto Meyer dann aus gesundheitlichen Gründen auf den Jubi verzichten und ihn durch einen trockenen Weißwein aus dem Elsass ersetzen musste. Ein hoher Politiker Dänemarks, den Dieter Lenz im roten Kadett durch Schleswig-Holstein fuhr, hatte seine Stärkung in Form eines geistigen Getränks gleich im Koffer dabei. Joschka Fischer hingegen gab sich gesundheitsbewusst und wünschte sich zu dem Brunch, zu dem der SSW ihn eingeladen hatte, nur Obst. „Der war wohl gerade wieder auf Diät.“

Ein Lied geht immer

Seinen Lebenslauf beschreibt Dieter Lenz als eine Folge glücklicher Fügungen. Auch wenn er die Bundeswehrzeit „ganz schnell vergessen“ hat. Unerlaubtes Fahren mit einem Panzer, das Abschießen eines Leuchtsignals aus Freude über den bestandenen Gewaltmarsch – das sah man in der Truppe nicht so gern. Auch die Aufstellung zum Oberbürgermeisterkandidat für die Stadt Flensburg betrachtet Dieter Lenz bis heute mit gemischten Gefühlen. „Ich bin da irgendwie so reingerutscht.“ Als Ratsmitglied hatte er sich immer wieder für die Belange der dänischen Minderheit engagiert. Dann stand im September 1999 die erste freie Wahl eines Oberbürgermeisters für die Stadt Flensburg an und Dieter Lenz wurde – für ihn selbst überraschend – als Kandidat aufgestellt. Er kämpfte gegen seine Ängste vor öffentlichen Auftritten und stellte sich den Fragen der Wähler, hielt Ansprachen und bestritt Podiumsdiskussionen. Hermann Stell gewann seinerzeit die Wahl. Doch Dieter Lenz erzielte mit seinem Slogan „Ein Flensburger für Flensburg“, vor allem aber mit seiner überzeugend-sympathischen Art ein beachtliches Ergebnis. Bis heute hat er Kugelschreiber aus der Wahlkampfzeit im Keller aufbewahrt. „Das war eine spannende Zeit. Ich habe viel gelernt“, sagt er. Seine Unsicherheiten in Bezug auf Ansprachen und Reden habe er nach und nach immer besser in den Griff bekommen. „Bei den vielen Vorträgen, die ich im Laufe meines Lebens meistern musste, wurde es irgendwann besser“, erzählt er. Schließlich sei es ihm möglich gewesen, sich nur noch an Stichpunkten zu orientieren. „Und wenn ich dann sah, dass einige ältere Herrschaften bei meinen Vorträgen in Dänemark vor Langeweile einnickten, dann ließ ich alle gemeinsam singen. Das ist so schön in Dänemark: Ein Lied geht immer!“ Dieter Lenz kennt sie alle – die Liederbücher stehen zuhause in Tarup im Regal. Vieles ist sehr dänisch im häuslichen Leben der Familie Lenz. Doch auch wenn es ihn nachhaltig prägte, ein Mitglied der dänischen Minderheit zu sein, geht es ihm vor allem darum, ein freies Leben zu führen. „Rituale sind schön, Regeln können auch einengen. Ich stelle mich nicht jeden Morgen vor den Spiegel und sage: Heute muss ich ein guter Däne sein!“ Er habe sich immer für Freiheit und Gerechtigkeit eingesetzt, sagt er und wird dann wieder bescheiden: „Das klingt vielleicht doch ein bisschen groß. Schreiben Sie lieber: Ich habe es versucht.“

Das ist hygge

Als Rentner lässt Dieter Lenz es inzwischen ruhiger angehen, obwohl er noch immer erster Vorsitzender des DGF ist. In diesem Sportverein an der Marienhölzung ist er zuhause, hier hat er sich viele Jahre in unterschiedlichen Sparten als Trainer engagiert. Den Posten als erster Vorsitzender würde er auf absehbare Zeit gerne abgeben. „Dann kann ich endlich mal vom Spielfeldrand aus zusehen und schlaue Kommentare abgeben“, unkt er. Aber solange kein Nachfolger da ist, kann man mit ihm rechnen. Nicht nur, wenn es um wichtige organisatorische oder personelle Entscheidungen geht. Es ist typisch für Dieter Lenz, dass er bei einigen Spielen persönlich den Eintritt kassiert. „Da kann man so viele Leute kennenlernen und kommt ins Gespräch“, freut er sich. Dass es auch Themen gibt, die ihn ärgern, verhehlt er nicht. Was in Dänemark rund um das Flüchtlingsthema diskutiert und entschieden wird, ist für Dieter Lenz „schwer erträglich“. „Wir alle, die wir uns für die dänische Minderheit engagieren, wollen Verständnis für die dänische Kultur wecken. Wir wollen Brücken bauen und keine Zäune errichten.“ Man müsse aber auch differenzieren: „Das sind keine Rechtsradikalen, sondern Rechtspopulisten.“ Im Grunde gehe es in Dänemark eben recht hyggelig zu. „Das persönliche Du, egal was jemand macht oder darstellt, das lockere Zusammensitzen, das Singen, das freundschaftliche Miteinander – das alles ist hygge.“

Bericht: Petra Südmeyer
Fotos: Benjamin Nolte, privat

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