Spaziergänger denken häufig zunächst an eine wie auch immer geartete Baumaßnahme, wenn auf dem früheren Maisacker nebenan plötzlich ein Bagger wütet. Was auf den ersten Blick nicht danach aussieht, dient aber in vielen Fällen der naturschutzrelevanten Aufwertung einer Fläche, die zum Beispiel im Zuge einer Ausgleichsmaßnahme fortan aus der regulären Nutzung herausgenommen werden soll. Problematisch ist jedoch häufig die genaue Standortsuche für ein neues Kleingewässer. Denn strenggenommen bedeutet auch der eigentlich gut gemeinte Baggereinsatz einen erneuten künstlichen Eingriff in die Umwelt. So können schützenswerte Böden und wertvolle Kohlenstoffsenken in Form von Niedermooren beschädigt oder gar zerstört werden. Damit dies in Zukunft ausgeschlossen werden kann, kam es während der vergangenen beiden Jahre zu einer engen Kooperation zwischen der Abteilung Natur- und Umweltschutz der Stadt Flensburg und der Universität Flensburg.

Im Fach Physische Geographie beschäftigen sich die zukünftigen Erdkundelehrer an der Europa-Uni bei Privatdozent Dr. Christian Stolz mit unterschiedlichen Problemstellungen des Umweltwandels. Ein Aspekt dabei sind die Kleingewässer, die noch bis ins 20. Jahrhundert in Angeln zu Tausenden vorhanden waren. Die meisten der wassergefüllten Senken, die häufig auf liegengebliebene Eisblöcke aus der Eiszeit zurückzuführenden sind, fielen der Flurneuordnung, wie etwa während des Programms Nord, zum Opfer, weiß Oliver Fritzsche von der Unteren Naturschutzbehörde, der die Arbeiten der Studenten fachlich begleitete. In der Regel hat die Neuanlage solcher Gewässer daher den Schutz bestehender Amphibien-, Reptilien- oder Vogelvorkommen zum Ziel oder dient deren Wiederansiedelung.







Das Konzept zum nachhaltigen Naturschutz erarbeiteten sich die Studenten selbständig im Seminar. Bereits im vergangenen Jahr erfolgte dann die Erkundung des Untergrunds der Fläche, die nahe des Martinstifts südlich der Osttangente liegt. Dazu wurden unzählige Bohrungen niedergebracht und beispielhafte Bodenprofile ausgegraben. Ausgewählte Bodenproben landeten im physisch-geographischen Labor der Flensburger Uni. Dort wo, später Kleingewässer angelegt wurden, stieß Stolz mit seinen Studenten auf gleich mehrere erhaltenswürdige Bodenprofile und auf mehrere Tonnen Kohlenstoff in Form von Torf, der während der letzten rund 10.000 Jahre im Boden gespeichert wurde. „Diese Standorte galt es beim späteren Ausbaggern gezielt zu umgehen“, erklärt der Geograph, der sich mit dem Landschaftswandel in Europa und Asien beschäftigt. Die Krux dabei war der Grundwasserspiegel. Denn der liegt naturgemäß in vermoorten Senken recht oberflächennah. Grundwasser ist wichtig, damit das zukünftige Gewässer auch über eine möglichst dauerhafte Wasserfläche verfügt und beispielsweise Froschlaich nicht frühzeitig austrocknet. So galt es einen Kompromiss zu finden. Die beiden neuen Kleingewässer entstanden schlussendlich am Rande der Senken. Dafür musste nur ganz gewöhnliches Moränenmaterial aus der letzten Eiszeit ausgebaggert werden, wie es im Osten des Stadtgebiets beinahe überall anzutreffen ist.

Aus dem Aushubmaterial entstanden neue Knickwälle, die nach Bodensetzung mit heimischen Gehölzen bepflanzt wurden.
Für das nun beginnende Frühjahr erwarten Fritzsche und Stolz die ersten Organismen. Zunächst zögerlich, später in rasantem Tempo werden Pflanzen und Tiere die neuen Biotope in Besitz nehmen. Die Fläche ist damit ein Paradebeispiel. Denn gerade Maisäcker sind in Bezug auf die Biodiversität nahezu wertlos. Bleibt zu hoffen, dass der Frühling bald vor der Tür steht und es rund um die neuen Kleingewässer schnell beginnt zu quaken, zu summen und zu zwitschern.

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