Keine Frage! Handball ist die Sportart, die zu Flensburgs Lage passt, an der Spitze in Deutschland. Keine Frage jedoch ist auch, dass die SG Flensburg-Handewitt Hilfe aus anderen Regionen braucht. „Das regionale Angebot an jungen Spielern reicht nicht aus“, sagt Lewe T. Volquardsen, neben Herrmann G.
Dethleffsen Initiator der Kaderschmiede „Flensburg Akademie“. Die Skandinavier und die angelsächsischen Länder liefern das Vorbild für die Sportbildungseinrichtung. Seit einem Jahr ist aus dem Verein für Jugendarbeit „get in touch“ ein professionell organisiertes und wirtschaftlich geführtes Unternehmen geworden. „Get in touch“ war im Jahre 2000 als Jugendförderverein gegründet worden.

„Zweck war die langfristige Förderung des Handballnachwuchses im nördlichen Schleswig-Holstein mit dem Ziel, bei der Jugend Begeisterung für den aktiven Handballsport zu erreichen, die sportliche Ausbildung zu fördern, um damit auch Nachwuchs für die Bundesligamannschaft der SG Flensburg-Handewitt und gegebenenfalls weiterer Leistungsmannschaften der Region heranzuziehen.“ Den Initiatoren gelang dies in den Folgejahren durch zahlreiche Ko-
operationen mit Schulen, Kindergärten, dänischen und schwedischen Sport-
instituten, bekannten Trainern und Förderern.







Vorbild Skandinavien

Bei unseren nördlichen Nachbarn stehen „Sportgymnasien“ gleichberechtigt neben naturwissenschaftlich, sprachlich oder sozial ausgerichteten Bildungseinrichtungen. In Deutschland fällt Sportunterricht meist als Erstes aus, wenn Lehrermangel herrscht. Sport ist an deutschen Schulen in der Regel ein Nebenfach. Für eine zukünftige sportliche Elite muss Förderung so früh wie möglich einsetzen. Die jüngsten Teilnehmer an der Leistungsförderung der Flensburg Akademie sind 15, die Mehrheit ein oder zwei Jahre älter. Hunderte bewerben sich um einen der rund 16 Plätze im Jens-Due-Weg 1. Für  Diplomsportlehrer Michael Döring, der die Akademie leitet, steht mit der Auswahl der Bewerber einiges auf dem Spiel. Bis zu drei Jahre investieren Sporttrainer, Pädagogen, Mediziner und Verwaltungspersonal in die 15- bis 23-jährigen Hoffnungsträger. Fehlentscheidungen können für die jungen Männer wie für die SG teuer zu stehen kommen. Sollen doch aus den Bewerbern zukünftige Spitzensportler nachhaltig rekrutiert werden.

Hinter den Kulissen

An einem Tag im Februar schauen wir uns in Begleitung von Lewe T. Volquardsen, Michael Döring und Torwartlegende Jan Holpert die Akademieräume in Flensburgs Neustadt näher an. Der helle, moderne, 2014 errichtete Bau ist schlicht und funktional gehalten. Die Unterkünfte für die jungen Sportler entsprechen einem modernen 3-Sterne-Hotel. Jeder hat seinen eigenen kleinen Raum mit Fernseher. Zwei teilen sich Bad und Kochecke. Das Leben findet vor allem in der Gemeinschaft statt, in großzügigen Räumen, in denen gekocht, gegessen, diskutiert und auch gefeiert werden kann. In der Prioritätenliste der Akademie steht, zunächst überraschend, der Sport nicht an erster Stelle. Persönlichkeitsentwicklung führt die Liste an, gefolgt von der schulischen Förderung. Als Drittes dann der Sport.

Der Karrierestart

Für die jungen Heranwachsenden ist der Schritt in das Flensburger Internat ein erheblicher Lebenseinschnitt. Weg von der häuslichen Umgebung, fort von der gewohnten Schule, den Kameraden und Freunden, sind sie konfrontiert mit einer neuen Stadt, einer neuen Schule, neuen Bezugspersonen und einem Ausbildungsprogramm mit einer klaren Zielsetzung, Spitzenleistung in einer ausgewählten Sportart. Dem möglichen Verlust des Gewohnten steht das Abenteuer einer einmaligen Erfahrung entgegen. Neue Freunde, ideale Trainingsvoraussetzungen und die Aussicht auf einen Platz in der Riege der Spitzensportler Deutschlands. Die Ausbilder der Akademie wissen um diesen Spagat, der die Jugendlichen erwartet. Aber sie geben ihnen ein Versprechen. „In der Flensburg Akademie legen wir den Grundstein für Deine optimale ganzheitliche Entwicklung. Neben Deiner hervorragenden pädagogischen und sportlichen Ausbildung zählt auch Deine persönliche Entwicklung dazu. Daher stehen neben Schule, Trainings- und Coaching-Maßnahmen auch Beteiligungen an sozialen Projekten sowie gemeinsame Unternehmungen auf Deinem Programm.“

Ohne einen Erfolg in der Schule sind die hochgesteckten sportlichen Ziele nicht denkbar. Die Jungen werden an die umliegenden Oberschulen, Altes Gymnasium Flensburg, Käte-Lassen-Schule Flensburg und Berufsbildende Schulen, vermittelt, aber dort nicht alleingelassen. Die schulische Laufbahn wird intensiv begleitet, wenn notwendig auch mit individueller Hilfe. Dazu hat die Akademie einen Flensburger Partner, der Nachhilfe für Schüler anbietet.

Persönlichkeit – Schule – Sport

Der Sport steht auf der Prioritätenliste an dritter Stelle, ist aber letztlich das primäre Ziel der Ausbildung in Flensburg. Die sportlichen Fähigkeiten der jungen Handballer sollen so weit wie irgend möglich entfaltet werden. Das Training geht über die gewohnten Möglichkeiten eines Vereines weit hinaus. Kreative Spielideen sollen entwickelt werden. Nicht nur der Handball, auch andere Sportdisziplinen sind Vorbilder. Trainingsmethoden anderer Nationen, vor allem aus Skandinavien, werden studiert und, wenn es Sinn macht, übernommen. Teamfähigkeit und persönliche Entwicklung stehen gleichwertig nebeneinander. Die Teilnehmer spielen in den leistungsentsprechenden Jugendmannschaften der SG Flensburg-Handewitt. Hier haben sie drei bis vier Mal in der Woche Mannschaftstraining. Für jeden der jungen Sportler wird darüber hinaus ein individueller Trainingsplan entwickelt. Team- und Einzelcoaching sollen die Spielerpersönlichkeit entwickeln. Die Ausbilder sagen dazu dem Jugendlichen:

„Das alles hilft Dir dabei, erwachsen und unabhängiger zu werden – aber auch, um Dich für die Herausforderungen im Leben eines Profi-Sportlers zu wappnen.“ Das ist den etwa 16 Internatsschülern der Akademie wohl bewusst. Entsprechend hoch ist, sagen Lewe T. Volquardsen und Jan Holpert übereinstimmend, ihre Motivation. „Sie sind heiß auf den Sport.“ Das erwartet auch die Akademie, die mit großem personellem Einsatz, nicht zuletzt mit viel Geld, in die jungen Sportler investiert. „Talente, die in den Internatsbetrieb in Flensburg integriert werden, müssen sportlich die Anforderungen der Jugendmannschaften der SG erfüllen und zwischen 15 und 18 Jahren alt sein. Durch diese Spieler sollen gezielt Positionen verstärkt, die Leistungstiefe und -breite erhöht und so das Spielvermögen aller Mannschaften verbessert werden.“

Mangel an Bewerbern gibt es nicht. Rund 200 Initiativbewerbungen von Jugendlichen und ihren Eltern erreicht die Leitung der Akademie jährlich. Vor allem aber gehen Michael Döring und sein Team selbst auf die Suche nach jungen Talenten. Sie können auf ein dichtes internationales Netzwerk von Trainern zurückgreifen, die alle ein Auge auf zukünftige Spitzenhandballer haben. Der Diplomsportlehrer hat bereits das in der Friesischen Straße angesiedelte Handball-Internat „get in touch“ geleitet. Er hat internationale Handballerfahrung. Im dänischen Viborg war er Chef eines Handball-Colleges und beim SC DHfK Leipzig in der Talentförderung aktiv. Auch Dörings Lebensgefährtin, mit der er in Glücksburg lebt, ist im Sport aktiv. Beide haben einen exzellenten Draht nach Dänemark. Zum einen aufgrund Michael Dörings Tätigkeit dort, zum anderen durch Grit Jurack, die sich in ihren acht Jahren bei Viborg HK große Popularität im Nachbarland erworben hat. Sie engagiert sich ebenfalls für die Jugend. Bei den Trainern kann die Akademie auf herausragende Kräfte zurückgreifen, etwa auf Jan Holpert. Der heute 47-jährige hat als Torhüter 618 Bundesligaspiele absolviert, damit die meisten Spiele der Bundesligageschichte, was ihm den Namen „Rekordmann“ einbrachte. Mit 476 parierten Siebenmetern hält er einen weiteren Bundesliga-Rekord.

Mit seiner Agentur für Kommunikation „Strandhütte“ unterstützte Holpert die Marketingabteilung der SG Flensburg-Handewitt vom Saisonanfang 2006/07 bis zum Saisonende 2013/14. Jetzt unterstützt er das Training in der Flensburg Akademie. Kooperation spielt in der Flensburg Akademie eine entscheidende Rolle. Die jungen Talente sollen so umfassend wie möglich gefördert und betreut werden. Die Leitung konnte dank ihrer guten Vernetzung in der Stadt den Sportmediziner und Chef-arzt der Diako-Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie, Dr. Thorsten Lange, als medizinischen Partner gewinnen. In einem Zeitungsinterview sagte Lange vor einiger Zeit: „Neben der Akutversorgung, also der Versorgung von Verletzungen, bieten wir sportmedizinische Vorsorge-Untersuchungen. Hierzu zählen Anamnese, körperliche Untersuchungen, Laboruntersuchungen, Röntgen, Ultraschall, Magnetresonanz-Tomographie, EKG und Echokardiographie.“

Investition in die Zukunft

Der 2,2 Millionen Euro teure Neubau war ein organisatorischer und finanzieller Kraftakt. Ohne die Initiative der Unternehmer Herrmann G. Dethleffsen und Lewe T. Volquardsen hätte die Akademie nicht realisiert werden können. Sie gingen in Vorleistung und vermieten nun das Objekt an eine eigens gegründete Akademie GmbH. Zur Refinanzierung stellen sie die Räume auch Interessenten aus der Wirtschaft zur Verfügung. Firmenseminare und Fortbildungsveranstaltungen können in der ruhigen Umgebung der Akademie organisiert werden. Die im Vergleich zu anderen Seminarorten zentrale Lage reizt viele, ihre Schulungen im Jens-Due-Weg abzuhalten.  Die erste Anfahrt allerdings hat ihre Tücken. Nicht jedes Navi hat die Sackgasse „auf dem Radar“. Verwirrend die vorgelagerte Jens-Due-Straße. Wer allerdings „Sie haben ihr Ziel erreicht“, vernimmt, wird von der Lokalität begeistert sein, etwas außen vor und doch mittendrin.

Bericht: Dieter Wilhelmy, Fotos: Benjamin Nolte

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