In dieser Serie berichten wir über Flensburger Bürger mit Migrationshintergrund und bringen Beispiele gelungener Integration. Es kommen Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern und ethnischen Volksgruppen zu Wort. Wir erfahren mit welchen Ängsten und Hoffnungen sie oftmals gekommen sind, um schließlich in Flensburg Fuß zu fassen. Dabei geht es bei weitem nicht allein um wirtschaftliche Erfolge und große Karrieren. Erstaunlich genug ist, mit welchen Anstrengungen diese Menschen ihr Ziel angesteuert haben, um in ihrer Wahlheimat wirklich anzukommen.
Marie-Hélène Brodersen migrierte schrittchenweise nach Deutschland

Von Lothringen ins Saarland ist es mit dem Wagen nur ein Katzensprung. Die Deutsche und die Französische Bahn werben länderübergreifend um Fahrgäste mit dem Saar-Lorraine-Tarif. Sie sorgen für schnelle Verbindungen zwischen Metz und Saarbrücken. So einfach war es nicht immer. Wir haben hier Marie-Hélènes EU-Binnenmigrationsgeschichte aufgeschrieben.
Als Marie-Hélène im Jahre 1949 im französischen Metz zur Welt kam, war das Reisen von Frankreich ins benachbarte Saarland wesentlich schwieriger und zeitaufwändiger als heute. Grenzen, Zölle und Pässe zählten zu den natürlichen Hindernissen. Damit ist längst Schluss!
Die Familie von Marie-Hélènes Großmutter mütterlicherseits, Jahrgang 1896, hatte ihre Wurzeln in Lothringen. Mal waren die dort ansässigen Menschen Franzosen, dann wieder Deutsche. Mal lag man als französischer, mal als deutscher Muttersprachler ganz vorn. Marie-Hélènes Großmutter hatte sich in der Mitte davon eingerichtet. Sie sprach mit ihrer Familie neben Französisch und Deutsch meistens einen Mix aus Lothringer- und deutschem Dialekt. Mit dieser „dritten“ Muttersprache, die sehr viele deutsche Elemente hat, ist Marie-Hélène als Einzelkind in liebevoller Obhut der Großmutter aufgewachsen. Als Lothringen im Jahre 1939 wieder deutsch wurde, schrieb man die Lehrpläne in den Schulen um. Damit war die Unterrichtssprache für Marie-Hélènes Mutter, Jahrgang 1928 Deutsch. Die Deutschlehrer für die Schulen in Metz wurden aus Würzburg geholt. Für das übrige Lothringen kamen Lehrkräfte aus ganz Deutschland. Damit war nach Kriegsende Schluss.
Marie-Hélène besuchte als Externe eine gut ausgestattete, katholische Internatsschule in Metz. Dass ihre erste Fremdsprache Deutsch war, kam der Französin sehr entgegen. Ihre zweite Fremdsprache war Englisch.
In Frankreich werden die Lehrinhalte für die Schulen über von Paris aus gesteuerte regionale Akademien festgemacht. Das bedeutet Flexibilität zum Beispiel für das Angebot der zweiten Fremdsprache, die mehrheitlich nach der geografischen Lage der Anrainerstaaten ausgerichtet sein kann. Deutsch und Spanisch zum Beispiel liegen ganz vorn.











Auf höheres Lehramt
in Metz Deutsch studiert

Bereits als Kind, dann als Schülerin und später in ihrem Deutschstudium (auf höheres Lehramt) in Metz entwickelte Marie-Hélène große Affinität zur deutschen Sprache. Der Deutschunterricht auf ihrem Gymnasium aber sei umgangssprachlich kaum anwendbar gewesen. Es sei eigentlich nur um die Lektüre deutscher Klassiker, Sagen und Legenden gegangen. Auf diesem Niveau, ohne Lektionen in der deutschen Umgangssprache, sei jede Unterhaltung mit deutschen Jugendlichen zum Scheitern verurteilt gewesen. Das hatte Marie-Hélène schmerzhaft erfahren. Um dem gegenzusteuern, pflegte sie engen Kontakt zu einer Brieffreundin in der Pfalz. Besuche und Gegenbesuche ließen nicht lange auf sich warten. In der Pfalz wurde nur Deutsch gesprochen. Das hat Marie-Hélène zur Teilnahme an einem deutschen Ferienlager ermutigt. In Hessen war sie als Au-Pair-Mädchen auf einem Bauernhof. Selbst bei der Kartoffelernte konnte sie sich in der deutschen Umgangssprache üben. Aus vielen dieser Begegnungen pflegt Marie-Hélène bis heute sehr freundschaftliche Beziehungen.
Marie-Hélènes Eltern waren sehr arme Leute. Um ihrem einzigen Kind so viel Bildung wie möglich zukommen zu lassen, haben sie viel getan. Weil sie um Marie-Hélènes Leidenschaft für die deutsche Sprache wussten, haben sie all ihre Deutschlandkontakte so gut wie möglich unterstützt.
Scheibchenweise in die
Migration nach Deutschland

Marie-Hélène machte 1968 ihr Abitur. Nach dem dritten Jahr ihres Deutschstudiums an der Universität in Metz nahm sie sich ein Freisemester, um im Schuljahr 1971/72 zunächst als Assistentin, dann als Lehrerin für Französisch an einem Gymnasium in Ahrensburg zu unterrichten. Diese Zeit habe ihr Lob eingebracht und außerdem viel Freude gemacht.
Als Marie-Hélène in Ahrensburg ihren späteren Ehemann, Jochen Brodersen aus Itzehoe kennenlernte, konnte sie noch nicht ahnen, dass sie nur noch wenige Schritte von ihrer Migration nach Deutschland entfernt war.
Brodersen war gerade dabei, seinen Studienabschluss in Maschinenbau im nahe gelegenen Saarbrücken zu machen. Marie-Hélènes Elternhaus war inzwischen von Metz nach Schönbeck verlagert. Ihr Zuhause lag nur noch 5 Kilometer vom französisch-deutschen Grenzübergang entfernt.
Grenzüberschreitende
Liebe mit Stress

Egal ob sich das Studentenpärchen auf französischer oder auf deutscher Seite getroffen hat, an der Grenze gab es oft genug Stress. Das hatte wohl auch etwas mit dem 1970er Outfit des Studenten Brodersen zu tun: Lange Haare, grüner Parker, alter VW mit Itzehoer Nummernschild. Bei so einem Erscheinungsbild reichte oftmals Ausweis- und Führerscheinkontrolle nicht. Brodersen wurde gründlich gefilzt. Marie-Hélène erging es ähnlich, wenn sie mit ihrer „Ente“ von Deutschland zurück über die Grenze nach Hause wollte. Der französische Zoll stocherte mit dem Messkontrollstab im Benzintank der Ente herum, ob Marie-Hélène wohlmöglich in Deutschland aufgetankt hatte. Auch auf der Heimreise mit dem Zug von Saarbrücken rüber auf die französische Seite nach Forbach gab es strenge Zollkontrollen. Die Frauen wurden meistens von Kopf bis Fuß auf Kleidung gefilzt. Marie-Hélène berichtet davon, dass sie und natürlich auch andere Frauen ihre textilen Neuanschaffungen komplett am Körper übereinander über die Grenze geschmuggelt hätten. Ungeliebte, alte Klamotten wurden gleich im Tausch gegen die neuen in Deutschland zurückgelassen. Sie sei bei den Kontrollen immer gut davongekommen. Nur einmal wäre es fast Ernst geworden, als sie einen alten Teewagen aus deutschem Sperrmüll in ihrer Ente über die Grenze gebracht hat. Da habe sie viel erklären müssen, um dieses rotte Teil zollfrei mit nach Hause zu bekommen.

1974 heiraten Jochen und Marie-Hélène

Das junge Ehepaar konnte seine erste gemeinsame Wohnung in Saarbrücken beziehen. Ihre erste Anstellung als Lehrerin am Gymnasium bekam Marie-Hélène in Briey. Die Zuweisung dieser Stelle war ein großes Entgegenkommen an das junge Ehepaar der von Paris aus gelenkten Vergabestelle. Üblich war, ungeachtet seines Wohnsitzes der Willkür der Stellenzuweisung quer durch Frankreich Folge zu leisten. Zwei Jahre später gelang es Marie-Hélène, sich noch einmal näher an die Grenze versetzen zu lassen. Ihren endgültigen Schritt zur Migration nach Deutschland tat sie, indem sie ihrem deutschen Ehemann zunächst für zwei Jahre nach Meppen folgte. Seit 1983 leben die Brodersens in Harrislee. Ihre beiden Töchter wurden in Saarbrücken und Meppen geboren, ihre beiden Söhne in Flensburg.

Die spannende Frage:
Wie halten es die Brodersens mit dem Französisch?

Als Expertin der deutschen Sprache hat Marie-Hélène bei ihrem ersten Kind den Versuch der zweisprachigen Erziehung gestartet und die Familienurlaube nach Frankreich verlegt. Als später die Kinderzahl auf vier angewachsen war, merkte die Mutter, dass sie das gesteckte Ziel der zweisprachigen Erziehung nicht ihren Ansprüchen gerecht durchziehen konnte. Ihr Mann spricht kein Französisch. Selbst als Französisch-Muttersprachlerin konnte sie allein nicht gegen die deutschsprachigen Einflüsse von außen ankommen. Deshalb verlegte sie den Schwerpunkt auf perfektes Deutsch. Ihre beiden Söhne haben Französisch als Leistungsfach in der Schule gehabt.
Marie-Hélène hat über sieben Jahre als Französischlehrerin an der Waldorfschule und neun Monate an der Goetheschule in Flensburg unterrichtet. Sie bedauert, dass die französische Sprache im Norden Deutschlands ihrem Empfinden nach vernachlässigt wird. Schon die Tatsache, dass es an der Europa-Universität Flensburg (EUF) keinen Lehrstuhl für Französisch (auf Lehramt) gibt, sei sehr bedauerlich.

Heimweh nach Frankreich – oder französische Lebensart in Flensburg?

Nein, Heimweh verspürt Marie-Hélène nicht. Bis heute hat sie ihre französische Staatsbürgerschaft behalten. Anfangs, um auf der sicheren Seite zu sein, und nicht unwiderruflich und für alle Zeiten aus dem französischen Schuldienst zu sein. Als Deutsche in Frankreich Formalitäten zu erledigen, sei äußerst schwierig. Gegen so viel zählebige Bürokratie komme man nur schwer an. In Deutschland sei der Kunde König. Inzwischen auch bei den Behörden. Das sei in Frankreich nicht der Fall! An Stelle von Heimweh rücken kleine Begehrlichkeiten näher. Im Augenblick hat Marie-Hélène Lust auf Baguette. Sie liebt den französischen Käse und serviert ihrer Familie öfter mal eine leckere Quiche Lorraine. Die Franzosen sind begeisterte Salatesser. Dieser Tradition folgen die Brodersens mit Vergnügen. Und nachdem die Eheleute Brodersen ins Rentenalter gekommen sind, kommt das warme Essen schon mittags auf den Tisch! Marie-Hélène hat grad die fünfte Etappe über die Via Scandinavica von Hannover nach Göttingen hinter sich.

Das Gespräch mit Hélène Brodersen führte Renate Kleffel

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