Julia Sztuk Russland a (45)
Julia Sztuk Russland (45)

In dieser Serie berichten wir über Flensburger Bürger mit Migrationshintergrund und bringen Beispiele gelungener Integration. Es kommen Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern und ethnischen Volksgruppen zu Wort. Wir erfahren mit welchen Ängsten und Hoffnungen sie oftmals gekommen sind, um schließlich in Flensburg Fuß zu fassen. Dabei geht es bei weitem nicht allein um wirtschaftliche Erfolge und große Karrieren. Erstaunlich genug ist, mit welchen Anstrengungen diese Menschen ihr Ziel angesteuert haben, um in ihrer Wahlheimat wirklich anzukommen.

Julia Sztuk: „Ich bin eine Donkosakin!“











Julia Filatova hat weder Flucht noch Vertreibung hinter sich. Die Liebe zu ihrem späteren deutschen Ehemann führte sie in die Migration nach Flensburg. Julia und Volker Sztuk wurden ein Paar!
Sztuk ist schon ein ungewöhnlicher Familienname für einen gebürtigen Flensburger, dessen Vater und Großvater ebenfalls aus dieser Gegend stammen. Doch deren Vor-Vorfahren waren in der Provinz Posen beheimatet. Die Provinz Posen war ehemals eine von vielen Provinzen des preußischen Königreichs. Der Name Sztuk bedeutet im Polnischen so viel wie schwarzer Wald oder Schwarzwald.
Julia kam 1963 als Yuliya Filatova in Knjaschinskij-II (in der damaligen UdSSR) in der Nähe von Wolgograd zur Welt. Dort wuchs sie in einer idyllisch- ländlichen Umgebung auf, mit Garten und Tieren am Elternhaus. Ihre Mutter Filatova Anastasia Kirillovna arbeitete in der damaligen Sowjetunion als Traktoristin in einer landwirtschaftlichen Kolchose. Ihr Vater Filatov Pavel Ivanovich hatte im damaligen Stalingrad – dem heutigen Wolgograd Naturwissenschaften studiert. Er unterrichtete über 30 Jahre an einer achtklassigen Schule. Auch Julia und ihre beiden Brüder haben zunächst diese Schule besucht. Die weiterführende besuchten sie in Staniza Archdinskaja am Medwediza-Fluss. Diese Gegend ist Hochburg der Don Kosaken! In allen Ortschaften des weiten Umkreises, deren Flüsse in die Wolga und in den Don münden, gibt es die historisch gewachsenen Siedlungen der Kosaken. Die Menschen dort sind über Generationen von dieser Kultur geprägt. Rückblickend gerät Julia ins Schwärmen über die einmalig schöne Landschaft ihrer Heimat mit all den vielen kleinen Flüssen und Teichen in den Niederungen. Dieses Landschaftsbild ist bis heute fast unverändert geblieben. Als Julia noch ein Kind war, pflegten die Menschen in ihren Familien und Dorfgemeinschaften ihr kosakisches Brauchtum. Auch in den Schulen, besonders im Musik­unterricht wurden die traditionellen Volkslieder gesungen. Nichts von den alten Bräuchen sollte in Vergessenheit geraten. –
Julia wuchs in der Sowjetunion auf. Die Landwirtschaft wurde in Kolchosen geführt. Monokulturen mit riesigen Weizen- und Sonnenblumenfeldern
beherrschten die weite Landschaft. Die Ernte wurde nicht vor Ort sondern in Nachbardörfern verarbeitet. Als gegen Ende der 1980er Jahre unter Gorbatschow das System zusammenbrach, wanderten insbesondere die jungen Leute in die Städte ab. Denen folgten auch der Apotheker und der Arzt im Ort. In den Dörfern gab es kaum noch Arbeit. Die Geschäfte machten zu. Die Infrastruktur war zusammengebrochen. Selbst Busse fuhren nicht mehr.
Nur die älteren Menschen sind geblieben. Auch Julias Mutter lebt heute noch in ihrem Haus. In ihrer Nachbarschaft aber stehen die Häuser reihenweise leer und sind dem Verfall preisgegeben. Das macht Julia traurig: Zu ihrer Zeit hat damals noch alles funktioniert!
Nach ihrem Schulabschluss 1980 hat Julia an der Universität in Wolgograd vier Jahre Pädagogik und Psychologie auf Lehramt studiert. Als sie mit dem Studium anfing, hatte sich ein Jahr zuvor eine ganz neue Fakultät aufgetan. In den Pädagogik-Studiengängen vorher dauerte die Lehrerausbildung nur zwei oder höchstens drei Jahre. Julias Studiengang war auf vier Jahre ausgelegt. „Am Ende mussten wir die Befähigung für alle Unterrichtsfächer nachweisen. Das fing bei Mathematik, Russisch, Sport und Musik an!“ Julia unterrichtete zunächst ein Jahr lang an einer Schule in Chapaevsk, die mitten in einem Industriegebiet zur Herstellung von Waffen liegt. Wegen der katastrophalen Luftverschmutzung leben und arbeiten die Menschen dort unter schlimmsten gesundheitlichen Risiken, die in der Hauptsache durch unterirdische Munitionssprengungen verursacht werden. Insbesondere die Kinder haben dort nicht nur große Atemwegsprobleme. Julia war mit Leib und Seele Lehrerin. Wenn das auch nicht immer einfach war. In einer Klasse saßen nie weniger als 36 Kinder. Nach einem Jahr Chapaevsk konnte sie sich schließlich nach Wolgograd versetzen lassen, wo sie mehr als drei Jahre unterrichtet hat.

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