Hayriye Cetin
Hayriye Cetin

In dieser Reihe berichten wir über Flensburger Bürger mit Migrationshintergrund und bringen Beispiele gelungener Integration. Es kommen Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern und ethnischen Volksgruppen zu Wort. Wir erfahren mit welchen Ängsten und Hoffnungen sie oftmals gekommen sind, um schließlich in Flensburg Fuß zu fassen. Dabei geht es bei weitem nicht allein um wirtschaftliche Erfolge und große Karrieren. Erstaunlich genug ist, mit welchen Anstrengungen diese Menschen ihr Ziel angesteuert haben, um in ihrer Wahlheimat wirklich anzukommen

Hayriye Cetin











Die Erfolgsgeschichte von Integration der Hayriye Cetin geht zu Herzen. Sie beginnt im Jahre 1987, als die damals 16-jährige Türkin gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester ihren Eltern endlich nach Deutschland folgen durfte. Da lagen zehn schmerzliche Jahre der Trennung von den Eltern hinter ihnen. Zehn Jahre hatten die beiden Mädchen Vater und Mutter nicht gesehen! Die Eltern waren in den Jahren 1977/78 als Danfoss-Gastarbeiter nach Flensburg gekommen. Nur ihre beiden jüngsten Kinder im Alter von damals 3 und 1 ½ Jahren hatten sie mit nach Deutschland gebracht. Während die drei ältesten, Hayriye war damals knapp 6, Filic 5 und Necibe 4 in der Türkei bei den Großeltern auf dem Lande zurückbleiben mussten. Hayriye hat nie den wahren Grund dieser bitteren Entscheidung erfahren. Über die Grausamkeit, über zehn sehr entscheidende Jahre ihres Lebens ohne ihre Eltern aufgewachsen zu sein, ist sie bis heute nicht hinweggekommen. Fest steht allerdings, dass die Mutter mit sechs kleinen Töchtern im Gepäck einen Arbeitsvertrag bei Danfoss niemals hätte abschließen können. Es ging den Eltern schließlich darum, Geld zu verdienen, um später mit dem Ersparten in die Heimat zurückzugehen. Entsprechend waren die Arbeitsverträge und die Ungewissheit ihrer Verlängerung. Oftmals hangelten sich Hayriyes Eltern mit ihrer Aufenthaltsgenehmigung nur von einem Vierteljahr bis zum nächsten. In diesem Schwebezustand eine Urlaubsreise zu ihren Kindern und den Großeltern in die Türkei – mit Rückfahrkarte nach Deutschland – zu riskieren, wäre für die Eltern das sichere „Aus“ ihrer Gastarbeiterkarriere in Flensburg gewesen. Dafür setzten sie 10 Jahre der Trennung von ihren Kindern aufs Spiel.

Hayriyes Hochzeit in der Türkei. Links die Schwiegereltern mit den Schwestern
Hayriyes Hochzeit in der Türkei. Links die Schwiegereltern mit den Schwestern

Abschied von der Mutter

Hayriye kann ihre Geschichte nicht einfach so erzählen. Sie braucht Pausen, muss schlucken, um ihre Tränen zurückzuhalten. Erst war der Vater nach Deutschland abgereist und nicht wiedergekommen. Dann die Angst, nun auch noch von der Mutter verlassen zu werden, ließ die damals fast Sechsjährige nicht mehr los. Die Vorbereitungen für ihren Weggang sollten so heimlich wie möglich verlaufen. Es wurde geflüstert, geplant und gepackt. Die beiden jüngsten Schwestern Nürten, 3, und Ayten, 1 ½ durften mitreisen. Hayriye blieb nichts davon verborgen. Sie beobachtete mit Argwohn, was passieren würde. Als der Tag der Abreise kam, habe sie sich an der Mutter festgeklammert, gebettelt und gefleht, mitzudürfen. Als die Taxe ohne sie abgefahren war, habe sie nur noch geschrien. Wochenlang! Der Trennungsschmerz und die Angst, für immer alleingelassen zu werden, hätte ihre Seele zerrissen. Insgesamt blieben zwei der drei Mädchen über 10 Jahre in der Obhut der Großeltern zurück. Die mittlere, die damals fünfjährige Filic, hatte schließlich noch Glück im Unglück. Sie war mit einem in der Türkei nicht behandelten Hüftleiden auf die Welt gekommen. Die Sorge um die Gesundheit dieser zurückgelassenen Tochter belastete die Eltern so sehr, dass sie nicht anders konnten, als sich mit einem riskanten Trick dieser Verantwortung zu stellen. Indem sie bei den deutschen Behörden den Antrag auf Nachzug ihrer damals vierjährigen Tochter Necibe stellten, aber deren Identität (Name und Geburtsdatum) auf die fünfjährige Filic übertrugen, schafften sie es. Filic Hüftleiden wurde in Flensburg behandelt und zu fast 90 Prozent geheilt. So konnte sie bei ihren Eltern zu einem glücklichen Menschen heranwachsen.

Das mag ich
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