Der erste Titel in Deutschland: Der Super Cup

Tags zuvor entschwand Drasko Nenadic mit einem „Bis morgen!“ in die Katakomben der Flens-Arena. Nun sitzen wir bei Fanta und Tee im Restaurant „Macedonia“, plaudern über Handball und die Welt. „Hier bin ich sehr oft“, setzt der serbische Neuzugang der SG Flensburg-Handewitt ein Lausbubenlächeln auf. Er scheint die Speisekarte schon auswendig zu kennen. An den Wänden hängen Trikots von SG-Veteranen wie Johnny Jensen, Lars Christiansen, Alen Muratovic und Ljubomir Vranjes. Es ist gelebte Tradition, dass einige Spieler zu den Stammgästen zählen und Freundschaft mit den Brüdern Ramadanoski schließen.

Die Gedanken des 2,02 Meter großen Drasko Nenadic entfernen sich an diesem Vormittag allerdings um einige hundert Meter von der Lokalität. 60 Handball-Minuten in der „Hölle Nord“ lassen sich nicht so schnell abschütteln. „Nach einem Sieg schläft es sich immer gut“, sagt der 23-Jährige. Was nicht ganz der Wahrheit entspricht. Kurz darauf räumt er ein: „Man denkt natürlich immer darüber nach, was man hätte besser machen können.“ Gegen Hannover hatte der Halblinke einen fantastischen Auftakt, hämmerte den Ball schon nach 65 Sekunden zum ersten Tor des Tages in die Maschen. Doch dann begleitete ein wenig das Pech die Aktionen am Wurfkreis. „Man merkt, dass er sich noch an die Härte der Bundesliga gewöhnen muss“, zeigte SG-Geschäftsführer Dierk Schmäschke Verständnis. In der Defensive hatte Drasko Nenadic mehr Glück. Letztendlich gab es sogar ein Lob von seinem Trainer. „Ich sehe bei ihm in Angriff und Abwehr viel Potenzial“, meinte Ljubomir Vranjes. „Er macht einen sehr guten Eindruck, wenn man bedenkt, wie kurz er erst bei uns ist.“











Zur Erinnerung: Kurz vor Beginn der Vorbereitung mussten die SG-Verantwortlichen reagieren, da sich abzeichnete, dass Lars Kaufmann nicht so schnell wie erhofft in den Trainings- und Spielbetrieb zurückkehren würde. Ljubomir Vranjes telefonierte und erreichte einen Handballer, der gerade die Mittelmeerspiele im türkischen Mersin absolviert hatte, aber nach drei Jahren in Spanien vereinslos war, da ihn Angebote aus Frankreich und dem ungarischen Szeged nicht gänzlich überzeugt hatten. „Da musste ich gar nicht überlegen“, erinnert sich Drasko Nenadic an das entscheidende Handy-Gespräch. „Ich habe nur gedacht: Perfekt! Die SG ist ein großer Verein mit einer großen Tradition.“

Um im Sommer angesichts der langen Unklarheit nicht ganz aus dem Rhythmus zu kommen, hatte er eine Trainings-Gruppe mit seinem Bruder und seinem Vater gebildet. Eine Selbstverständlichkeit in einer Sportler-Familie, deren Herz dem Belgrader Verein Roter Stern gehört. Die Mutter erreichte einst im Basketball die Champions League. Von Vater Velibor stammt das Handball-Gen. Er spielte in den 80er Jahren sogar eine Saison für den damaligen deutschen Zweitligisten GWD Minden und dann viele Jahre in Frankreich, ehe er nach Belgrad zurückkehrte und über einen längeren Zeitraum als Manager bei Roter Stern fungierte.

Vor Kurzem war der Senior auf Europa-Reise – um der nächsten Generation beim Handball zuzuschauen. Nicht nur Drasko, sondern auch Petar Nenadic hat sich als Profi etabliert. Und ehrlich gesagt: Er ist der bekanntere von den beiden. Petar ist zwar vier Zentimeter kleiner, aber auch vier Jahre älter. Seit 2007 verdient er seine Brötchen im Ausland, war schon in Barcelona, Szeged und im dänischen Holstebro. Jetzt spielt er beim polnischen Vize-Meister Wisla Plock. Wenn dieser Ende November in Kiel gastiert, wollen sich die serbischen Brüder treffen. Das haben sie sich via Skype bereits versprochen. Sie pflegen einen Traum: Gemeinsam auf dem Spielfeld in der selben Mannschaft. „Als er sein letztes Jahr für Roter Stern absolvierte, durfte ich trainieren und etwas hineinschnuppern“, erzählt Drasko Nenadic. Ein gemeinsamer Einsatz ergab sich aber erst im Juni in der serbischen Nationalmannschaft. Für einige Minuten gegen Bosnien-Herzegowina. Der Ältere in der Rückraum-Mitte, der Jüngere links daneben. „Nachher meinten viele“, schmunzelt Drasko Nenadic, „dass zwei Brüder auf dem Feld so viel wert seien wie drei Spieler.“ Jetzt wollen beide gemeinsam zur Europameisterschaft, die im Januar in Dänemark stattfindet.

Manchmal muss man auch dahingehen, wo es wehtut

Dieses Ziel hat auch Bogdan Radivojevic, der zweite Serbe im SG-Trikot, der mit dem Landsmann eine Wohngemeinschaft bildet. Deren Lage spricht für eine professionelle Standortwahl. „Wir haben einen kurzen Weg zum Training in der Duburghalle“, lächelt Drasko Nenadic. Die beiden jungen Männer vom Balkan verbringen viel Zeit gemeinsam. Sie besuchen Sprachkurse, machen eine Radtour an der Förde und gehen ins „Macedonia“. Als Mannschaftskollegen haben sie naturgemäß ähnliche Interessen, die durch die gleiche Herkunft und die gemeinsamen Erfahrungen im Nationalteam betont werden. Da stört auch die Rivalität der Belgrader Stammvereine nicht. Ein Vorteil: Es ging nie gegeneinander. Als Bogdan Radivojevic in den Männerbereich des RK Partizan aufrückte, war Drasko Nenadic schon nach Spanien gewechselt. Wie so viele talentierte Handballer des Landes. Serbien hat ehrgeizige Talente und viele Sportschulen, doch für ein solides Handball-Profitum fehlt das ökonomische Fundament.

Drasko Nenadic lebte zwei Jahre vor den Toren Barcelonas, beim Traditionsklub BM Granollers. Die spanische Wirtschaftskrise spürte der Rechtshänder hautnah. Er musste den Klub wechseln und kam vom Regen in die Traufe. Der BM Guadalajara in der Nähe von Madrid ist ein kleiner, nicht so potenter Klub. Überhaupt hatte ihm Katalonien besser gefallen. „Barcelona gefiel mir besser, ich mag das Meer“, erzählt der serbische Profi. Das Heimweh dämpfte überdies Danijel Saric, der Torwart des FC Barcelona, der seine internationale Karriere einst bei Roter Stern Belgrad begonnen hatte. Angenehm auch die Abstecher zu den Balearen – nach Ibiza und Mallorca. „Da braucht man eigentlich kein Spanisch, da würde man auch mit Deutsch zurechtkommen“, witzelt Drasko Nenadic.

Ein Vorgeschmack auf den frühen Nachmittag, denn einmal die Woche drückt er gemeinsam mit den anderen Neuzugängen 90 Minuten lang die Schulbank und büffelt die neue Sprache. Drei Jahre hatte er Deutsch in der Schule, doch ohne Praxis reift ein Idiom nun einmal nicht. So müssen im Alltag oft noch Englisch oder – mit Ljubomir Vranjes – Serbisch helfen. „Ich verstehe schon mehr, als ich sprechen kann“, sagt die neue Nummer fünf der SG. Dann verabschiedet sich der großgewachsene Handballer mit einem Händedruck – und einem fast akzentfreien „Tschüß“.

 

Bericht: Jan Kirschner

Fotos: Natalie und Jan Kirschner

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