Dr. Dieter Pust
Dr. Dieter Pust
Man stelle sich einen 75-jährigen vor, gebeugt, mit schleppendem Gang, mit vom Leben gezeichnetem Gesicht, der Vergangenheit verhaftet.

Stopp! Reden wir von Dr. Dieter Pust? Der Vergangenheit zugewandt? Ja, darüber reden wir noch. Doch die ersten drei Kriterien treffen auf den Historiker in keiner Weise zu. Pfingsten ist gerade vorbei. Am Tag vor unserem Gespräch ist er mit seiner Frau 30 km von Flensburg-Weiche nach Süderschmedeby geradelt – und zurück. Jetzt sitzt der schlanke Ex-Lehrer entspannt und redegewandt auf der Terrasse seines kleinen Hauses in der Kirchenallee in Flensburg-Weiche. Man ist versucht zu fragen: Sind Sie schon im Ruhestand?
 







Die Frage ist durchaus berechtigt. Formal ist der Lehrer an der Hannah-Arendt-Schule termingerecht mit 65 verabschiedet worden, doch untätig ist er seitdem in keiner Weise. Hat er doch seit 10 Jahren mehr Freiräume, seiner Leidenschaft zu frönen, der Erforschung der Vergangenheit unserer Stadt, der politisch-sozialen Rahmenbedingungen, seiner Gebäude, seiner Straßen und vor allem seiner Familien.
 

Dr. Dieter Pust
Dr. Dieter Pust
Warum haben viele von uns Geschichtsunterricht in der Schule nicht gemocht? Zahlen-Fakten-Daten, lebensfern, Knochen ohne Fleisch. Im Gespräch mit Dieter Pust wird auch der vermeintlich Geschichtsferne begeistert, etwa wenn er von der Kaufmannsfamilie Tersmeden berichtet.
 

Diese Erzählung beginnt in der Gegenwart, wenn man das Jahr 2008 noch dazurechnen darf. Da konnte der Historiker Pust ein Familientreffen des schwedischen Tersmeden-Clans mit organisieren, ein historisches Ereignis, wie sich herausstellen wird. Der Gnomenkeller war nicht zufällig für ein Essen im Rahmen des Festprogrammes gewählt. Denn dieses Gewölbe mitsamt den umliegenden Stadtvierteln war im Besitz der ehemals Flensburger Kaufmannsfamilie. Man machte Geschäfte u. a. mit dem dänischen Hof, stellte Repräsentanten im Rat der Stadt. Der Bedeutung der Familie angemessen, kam der dänische König Friedrich III., zur Hochzeit einer der Töchter der Familie nach Flensburg. In der Nikolaikirche findet sich ein Bücherregal mit von der Familie in jener Zeit gespendeten Folianten.
 

Der Aufstieg kam vor dem Fall. 1602 ging das Handelshaus in Konkurs. Die Nachkommen des damaligen Familienoberhauptes verließen die Stadt in Richtung Dänemark. Zwei der 20 Kinder von Thomas tor Smeden, so die alte Schreibweise, wanderten nach Schweden aus und sind die Urväter und -mütter des Clans, der 2008 nach Flensburg, der Stadt ihrer Urväter, zurückkehrte. Die Familie hatte es inzwischen zu Reichtum und Ehren gebracht und gehörte zum schwedischen Adel mit umfangreichen Besitztümern, Ländereien und Schlössern.
 

Dr. Dieter Pust
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Dr. Pust begegnete demnach keinen Mittellosen in Flensburg. Entsprechend war das Programm, erinnert er sich. So wurde in der Nikolaikirche ein Gottesdienst mit einem von den Schweden mitgebrachten Pastor ausgerichtet. „Im Gepäck“ auch ein Historiker, der gemeinsam mit Dieter Pust die Familiengeschichte aufarbeitete. Schließlich erhielt die Familie Tersmeden einen Ehrenplatz im Rathaus und durfte ihr Wappen in die Galerie nahe dem Ratssaal einfügen.
 

Für die Pusts hatte das Folgen: Sie wurden einige Jahre danach von Karl-Frederik Tersmeden auf das 150 ha große Gut südlich Stockholms eingeladen und fürstlich bewirtet.
 

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