Zum ersten Mal in meinem über 50-jährigen Berufsleben betrete ich ein „Arbeitsamt“. Damit der Testbesuch ein wenig realistischer wird, senke ich mein Alter um gut zwanzig Jahre. Jetzt bin ich also Mitte 40, werde im Juni meine Arbeit als Elektromonteur verlieren. „Meiner“ Firma geht es nicht so gut. Sie muss die Hälfte ihrer Mitarbeiter freisetzen, wie es so schön im Arbeitgeberjargon heißt. Ich werde entlassen und weiß, dass ich in diesem Alter nur geringe Chancen habe, schnell einen neuen Brötchengeber zu finden. Auch ist mein Wissen nicht auf dem allerneuesten Stand. Mit dem Computer konnte ich mich noch nicht so richtig anfreunden. Für meine Arbeit war dies auch nicht so zwingend erforderlich.
Auf dem Weg zur „Agentur für Arbeit“ in die Waldstraße überkommt mich jetzt doch ein mulmiges Gefühl. Mein Bild von der Arbeitsvermittlung ist von Berichten und Fernsehbildern der 90er Jahre geprägt. Düstere Flure, in denen auf knarrenden Holzbänken in sich gekehrte, düster blickende Arbeitslose hocken mit einem Nummernzettel in der Hand, und auf ihren Aufruf warten.

Der erste Eindruck











In der großzügigen Halle des Flensburger „Amtes“ dagegen eine Reihe von Tresen, früher hätte man Schalter gesagt, aber keine Menschenschlangen. Es ähnelt eher einer Bankfiliale (als man dort noch bedient wurde). Statt finster und bedrohlich wirkender „Beamter“, freundliches, entspanntes Personal. Die Lockerheit überträgt sich und baut die Spannung, mit der man hier eingetreten ist, ab.
Der erste Blick der Dame am Empfang geht, nach kurzem Informationsaustausch, auf den Computerbildschirm. Ist man bereits im Datensystem erfasst? Nein, ich bin zum ersten Male hier. Sie reicht mir ein Formblatt und bittet mich, im benachbarten Wartebereich Platz zu nehmen und die Personalien in das Blatt einzutragen. Neben Adresse und Rentenversicherungsnummer, ein paar Angaben zur vorhandenen oder zu erwartenden Arbeitslosigkeit, dem Schulbesuch, der Ausbildung und dem beruflichen Werdegang, Fragen zur momentanen Beschäftigung, dem Vorhandensein eines Führerscheins und letztlich dem zukünftigen Beschäftigungswunsch. All dies in Stichworten. Zum Schluss die Frage, ob man mit der Veröffentlichung der beruflichen Daten für Arbeitgeber einverstanden ist.
Als ich gerade beim letzten Punkt des Fragebogens angelangt bin, bittet mich eine Mitarbeiterin, Frau Kaltenbach, zu sich in ihre Bürokabine. Sie geht mit mir die Daten noch einmal durch, stellt einige zusätzliche Fragen zum Arbeitswunsch und übergibt mir die Antragsunterlagen für die spätere Erteilung von Arbeitslosengeld. Diese Unterlagen kann ich auch online bearbeiten. Von zu Hause aus werde ich den Antrag in aller Ruhe ausfüllen. Die Unterlagen werden, wenn gewünscht, auch möglichen Arbeitgebern zugänglich gemacht.
Frau Kaltenbach macht in dieser Viertelstunde unseres Gespräches bereits einen Termin mit einem auf mein Arbeitsfeld spezialisierten Arbeitsvermittler.

Von Mensch zu Mensch

Jetzt überspringen wir ein paar Tage. Pünktlich erreiche ich das Büro von Monika Andresen. Auch hier sind die Flure leer, denn schon nach wenigen Minuten auf einem der wenigen Warteplätze bittet sie mich in ihr Büro. Ungestört sprechen wir über meine Situation. Es beginnt die Suche nach möglichen Angeboten, aber auch nach Qualifizierungs- und Umschulungsmaßnahmen. In „meinem“ Fall bietet sich zunächst eine Fortbildung zur Computerbedienung an. Das könnte meine Chancen auf eine qualifizierte Arbeit verbessern. Diese Fortbildung würde von der Agentur für Arbeit finanziert.

Vom Amt zur Agentur

Hier brechen wir unsere Simulation ab, um die Arbeit der Agentur näher kennenzulernen.
Hans-Martin Rump ist seit gut einem Jahr neuer Leiter der Flensburger Niederlassung.
Er und Christian Groborsch, Pressesprecher, haben uns durch das Haus geführt, ein Haus, in dem auch er sich in seinen ersten Tagen fast verlaufen hätte.
„Wir erfüllen einen gesetzlichen Auftrag und sind in diesem Sinne auch eine Behörde“, genauer gesagt eine Körperschaft des Öffentlichen Rechts mit Selbstverwaltung. Sie unterliegt der Rechtsaufsicht durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales.
Hans-Martin Rump betont, dass sich die Ausrichtung gerade im letzten Jahrzehnt deutlich in Richtung Dienstleistung verändert hat.
Vom „Arbeitsamt“ zum „Jobcenter“. Der neue Begriff wurde anfänglich belächelt, gar als Etikettenschwindel kritisiert. Tatsächlich ist mit der Begriffsänderung auch eine Neuausrichtung verbunden.
Vom Bittsteller zum Kunden, so könnte man es definieren. Die Leistungen der Agentur für Arbeit sind weder eine freiwillige Gabe noch gar ein Almosen, sondern ein gesetzlicher Anspruch. Die Kasse der Agentur wird durch die Pflichtabgaben von Arbeitnehmern und Arbeitgebern mit einem 3% Anteil an jeder Lohnzahlung finanziert. Dazu kommen staatliche Zuschüsse. Dass im Einzelfall nicht unbedingt diejenigen in den Genuss der Leistungen der Arbeitsagentur kommen, die in gleichem Maße zu deren Finanzierung beigetragen haben, ist dem Solidaritätsprinzip geschuldet, dass letztendlich jeder Versicherung zugrunde liegt.
Der Besucher in der Waldstraße 2 muss demnach nicht in Demutshaltung an den Tresen in der Empfangshalle treten, sondern kann selbstbewusst sein Anliegen vortragen.
Die Leistungen, die von den rund 200 Mitarbeitern in Flensburg und darüber hinaus in den Filialen des Nordens, in Husum, Niebüll, Tönning, Kappeln, Schuby und Westerland erbracht werden, sind so umfangreich, dass es einer 100-seitigen Broschüre bedarf, um sie auch nur ansatzweise aufzulisten und zu skizzieren.
Der Kern sind Leistungen im Zusammenhang mit der Arbeitslosigkeit, dicht gefolgt von der Vermittlung von Arbeit und der Berufsinformation.

Von Anfang an

So kommen auch schon Schüler und junge Erwachsene mit der Agentur für Arbeit in Berührung, im BIZ, dem Berufsinformationszentrum.
Auch dies schauen wir uns an. Wie in anderen Bereichen, spielen hier Computerterminals eine wichtige Rolle. Interessierte können sich Informationen zu den unterschiedlichsten Berufsfeldern nicht nur ansehen, sondern herunterladen oder ausdrucken lassen. Selbsttätigkeit ist gefragt. Jedoch wird man nicht alleine gelassen. Mitarbeiter sind jederzeit bereit, unterstützend einzugreifen. Jugendliche holen sich hier Anregungen, um zuhause oder in der Schule online zu gehen und die Informationen zu ergänzen. Arbeitssuchende schauen hier vor oder nach ihrem Gespräch mit dem Berater nach, welche Angebote oder Weiterbildungsmöglichkeiten es gibt.
Diese Informationssuche auf mehreren Kanälen kommt dem Trend entgegen, je nach Persönlichkeit den direkten menschlichen Kontakt oder die Anonymität des Netzes zu bevorzugen. Es geht also nicht vorrangig um Personaleinsparung durch moderne Techniken.
Die Agentur für Arbeit, das vermitteln Rump und Groborsch, bietet Dienstleistungen für Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Zum einen bringt sie Anbieter und Arbeitsuchende zusammen, zum anderen motiviert sie Unternehmer, sich über die Anstellung von Menschen Gedanken zu machen, die bisher schwer zu vermitteln waren. So ist der Katalog der finanziellen Hilfen wie auch der praktischen Unterstützung bei Integration und Weiterbildung groß.
Hans-Martin Rump nennt das Beispiel eines Monteurs, der bei einem großen Autohersteller entlassen wurde und nun in der Metallindustrie bei uns einen neuen Arbeitsplatz sucht. Eins-zu-eins passen die bisherigen und neuen Anforderungen des Arbeitsplatzes nicht zusammen.
Die Agentur kann jetzt beiden Partnern unter die Arme greifen. Der Betrieb erhält einen Eingliederungszuschuss, der die reduzierte Produktivität des Arbeiters vorübergehend ausgleicht. Den Arbeitnehmer unterstützt sie durch Angebote der Weiterqualifizierung und deren Finanzierung. Alternativ könnte ein bis zu einem Jahr dauerndes Praktikum gefördert werden. Praktika sind für Arbeitgeber wie Arbeitnehmer oft das Instrument, um zu klären, ob Angebot und Nachfrage übereinstimmen. Bei Berufsanfängern ist es oft das Mittel der Wahl und wird von vielen Betrieben als Voraussetzung für die Vergabe eines Ausbildungsplatzes erwartet.
Um Erwartung und Realität zusammenzubringen, werden Mitarbeiter der Agentur für Arbeit regelmäßig an den Schulen aktiv. Berufsorientierungsmaßnahmen gehören inzwischen zum Standardrepertoire von Schule und Agentur.
Ist der Jugendliche erst einmal im Betrieb, stellen sich nicht selten Defizite bei Grundfertigkeiten im Rechnen oder beim Schreiben heraus. Selbst dabei kann die Agentur einspringen und Nachhilfestunden fördern bis hin zum Nachholen etwa des Hauptschulabschlusses. Und schließlich wird die Eingliederung von Schwerbehinderten intensiv gefördert.

Der erste Schritt

Diese fast endlos erscheinende Liste von Maßnahmen schafft möglicherweise für viele Menschen, die darauf Anspruch haben, ein Problem. Informationsüberflutung könnte dazu führen, dass man den Weg in die Waldstraße nicht wagt, obwohl gerade dort das Knäuel entwirrt werden könnte.
„Wer wagt, gewinnt“ wäre ein passender Slogan, der deutlich macht, dass es oft nur eines kleinen Schrittes bedarf, um aus der Schwäche eine Stärke, aus dem Risiko eine Chance zu machen.
Mein „Alter Ego“ zumindest ist bei der Suche nach einer Anstellung im Elektrobereich fündig geworden. 70 Angebote spuckt das System aus.
Eines haben wir in der Waldstraße 2 erfahren: Trotz vieler Zahlen und Daten: „Ein Mensch ist keine Nummer“ bei der Agentur für Arbeit.

Bericht: Dieter Wilhelmy
Fotos: Benjamin Nolte

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