Es ist ein Wetter zum Verkriechen. Draußen dominiert der Regen. In der Duburghalle endet das Training der SG Flensburg-Handewitt. Die Tür zum Kabinengang öffnet sich: Zwei Augen blicken einen an. Man wähnt sich auf Augenhöhe, doch Simon Hald hat sich etwas gebückt, um unfallfrei durch die Tür zu kommen. Jetzt überragt er seinen Gesprächspartner um einen halben Kopf. Der dänische Handballer misst 2,03 Meter. In seiner Höhe ist die Wahrnehmung der Witterung aber keine andere: Sie empfiehlt keinen beliebten Spaziergang am Hafen. „Wir hatten doch einen guten Sommer“, gibt sich der 24-Jährige gelassen.
Der neben Johannes Golla zweite neue Kreisläufer der SG mag es „hyggelig“. Gemütlich, wie die Dänen sagen. Simon Hald wohnt auf Duburg. Von dort geht es schnell die Toosbüystraße runter, und man ist am Nordermarkt oder am Hafen. Oft ist er mit Freundin Mille unterwegs, die wegen ihres Studiums ab und an nach Aalborg muss. Aber es sind nur gut drei Stunden nach Nordjütland. Beim engen Zeitplan, der fast jeden Tag Spiele oder eine Übungseinheit vorschreibt, sind Heimfahrten dennoch selten. „Es ist häufiger, dass uns Familie oder Freunde in Flensburg besuchen“, bestätigt Simon Hald.
Abseits der Emotionalität und Athletik des Spielfeldes entspannt er sich hauptsächlich. Er daddelt gerne mal am Computer oder schaut Serien und Filme. In seinem Steckbrief auf der SG-Homepage sind „Herr der Ringe“ und „Der Hobbit“ als Favoriten aufgelistet. Er steht aber nicht nur auf Fantasy, sondern auch auf Komödien, Horror oder andere Genres. „Das hängt von meiner Stimmung ab“, verrät er. „Vor allem aber, mit wem ich einen Film schaue.“ Im Moment investiert er viel Freizeit in das Erlernen der deutschen Sprache. Er hatte während der Schulzeit vier Jahre lang Deutsch, nun geht der Profi-Handballer einmal die Woche zur Sprachschule. Ein erster Test hat stattgefunden, um das Level zu ermitteln. Jetzt bildet der dänische Kreisläufer eine Lerngruppe mit dem norwegischen Linksaußen Magnus Jöndal. „Es ist einfacher, Deutsch zu verstehen, als es selbst zu sprechen“, meint Simon Hald.
Er hält sich mit großen Worten zurück. Er hat erstmals seine nordjütländische Heimat verlassen und begegnet seiner neuen Wirkungsstätte mit Respekt. „Ich spiele nun bei einem europäischen Top-Team, das ich oft im Fernsehen gesehen habe“, erzählt er. „Die SG ist ein Verein, der aufgrund seiner dänischen und skandinavischen Ausrichtung auch viele Interessenten in meinem Heimatland hat.“ Simon Hald fühlt sich gut gerüstet, kann inzwischen immerhin auf fünf Jahre dänische Erstliga-Erfahrung verweisen. „Sportlich und menschlich war es der richtige Zeitpunkt, um das Zuhause und die Freunde zu verlassen“, sagt er. Nun fungiert er im Team als Getränkewart, beschriftet die Wasserflaschen mit den Nummern der Spieler und bringt die volle Kiste vom Lager in der Umkleidekabine in die Duburghalle.

Einen Größenvorteil kennt er seit der Kindheit. Am Anfang der Grundschule war ein Kumpel mit ihm noch auf Augenhöhe, dann überragte er alle. Mit neun Jahren spielte er in Növling, einem Vorort von Aalborg, Fußball und Volleyball. Dann fingen einige Freunde mit dem Handball an, nach einigen Monaten schloss sich ihnen Simon Hald an. Mit 15 Jahren wechselte er zum großen Klub Aalborg Handbold – noch als Rückraumspieler. Erst der dänische Jugend-Nationaltrainer Claus Hansen stellte den Hünen an den Kreis. „Wäre ich Linkshänder, wäre ich sicherlich nicht dort gelandet“, schmunzelt Simon Hald. „Aber bei meiner Größe war diese Maßnahme wohl naheliegend.“
Auch auf Vereinsebene wechselte er die Position – und für ein halbes Jahr auch den Klub. Der junge Mann sammelte im 50 Kilometer entfernten Vesthimmerland Spielpraxis. Nun hat Simon Hald längst größere Träume: Unter anderem den dauerhaften Sprung in die A-Nationalmannschaft. Bislang bestritt er 13 Länderspiele und absolvierte die Olympia-Vorbereitung 2016, reiste aber nicht mit nach Rio. Sein Problem: Dänemark hat traditionell viele gute Kreisläufer. „Die Weltmeisterschaft im Januar werde ich wohl verpassen“, sagt der 115 Kilogramm schwere Koloss. „Aber wenn ich mich in der starken Bundesliga weiterentwickeln werde, könnte es für eines der nächsten Großturniere reichen.“







Er war bis zum Start der neuen Saison in der Champions League der einzige der sechs Neuzugänge, der schon im höchsten europäischen Wettbewerb wertvolle Erfahrungen gesammelt hatte. Mit Aalborg war Simon Hald dreimal dabei. Allerdings unter ganz anderen Voraussetzungen als jetzt. „In Aalborg waren wir fast jedes Mal der Underdog, mit der SG ist man zu 90 Prozent zumindest ebenbürtig, oft sogar der Favorit“, erläutert der junge Handballer. „Das Weiterkommen ist nun Pflicht, während es vorher ein sehr schwieriges Unterfangen war.“ Zweimal reichte es für das Achtelfinale, beide Mal hieß die Endstation Barcelona. Einmal setzte es ein 11:31-Desaster. Simon Hald: „Dieses Spiel habe ich aus meinem Gedächtnis gestrichen.“
In der letzten Serie traf Simon Hald zweimal auf seinen neuen Klub: In der Champions League. Gerade das Hinspiel in Flensburg war für ihn pikant: Zum einen schnupperten die Aalborger lange Zeit an einer Überraschung und mussten sich erst in der Schlussphase mit 27:30 geschlagen geben, zum anderen hatte die SG bereits mit dem potenziellen Neuzugang Kontakt aufgenommen. „Unterschrieben war da noch nichts“, betont Simon Hald. „Aber es hatte schon einen speziellen Charakter bei meinem womöglich zukünftigen Klub zu spielen.“ Nun hat er bereits sein erstes Landesderby gegen den THW Kiel erlebt. „Die Atmosphäre war unglaublich, 300 Prozent mehr als in Dänemark“, staunt er. „Es geht schon in die Richtung eines Fußball-Stadions – mit Gesängen und Trommeln. Die Stimmung in den Hallen gehörte zu den Punkten, auf die ich vor meinem Bundesliga-Abenteuer am meisten gespannt war.“
Text und Fotos: Jan Kirschner

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