Mitte August hatten die Handballer der SG Flensburg-Handewitt ein komplettes Wochenende frei: So bot sich noch einmal die Chance, für Johannes Golla mit seiner Freundin Elena die neue Wahlheimat Flensburg unter die Lupe zu nehmen. Mehr zu sehen, als Flens-Arena und Duburghalle. Von der schönen Wohnung auf Duburg war das junge Paar schnell bergab in der Altstadt und am Wasser. Am Museumshafen lockten die leckeren Fischbrötchen, die die Mannschaftskollegen angepriesen hatten. Die Cafés luden zum Verweilen ein, und auch ein Abstecher bis nach Holnis bot einen erholsamen Ausflug vom Alltag. „Wir hatten ja in diesem Sommer wirklich schöne Tage“, strahlt der 20-jährige Handballer. „Bei der Hitze konnte man sich auch an den stets herrschenden Wind gewöhnen. Mal schauen, wie es im Winter wird?“
Johannes Golla hat Neuland betreten, er stammt aus einer ganz anderen Region dieser Republik. Geboren wurde er im hessischen Eltville, rund 15 Kilometer westlich von Wiesbaden. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er am Rhein. Ihm war der Rhein, dessen Flussbett sich durch eine herrliche Kulturlandschaft mit vielen Burgen, Städtchen und Hügeln schlängelt, ein vertrauter Begleiter. Johannes Golla wuchs in einer Weinbaugegend auf. Bei seiner Getränke-Priorität tanzt er nicht aus der Reihe. „Wein ist mir lieber als Bier“, erzählt er, um dann aber zu revidieren: „Als Sportler hält man sich allerdings zurück.“ Und der war ihm schon als Dreikäsehoch wichtig.
Im Heimatstädtchen spielte er zunächst auch Fußball, der Handball war ihm allerdings in die Wiege gelegt. Vater Peter hatte es einst bis in die Zweitliga-Mannschaft von Eintracht Wiesbaden gebracht, einem Klub der vor vier Dekaden sogar mal in der Bundesliga mitlief und mit Manfred Freisler einen Weltmeister von 1978 hervorbrachte. In diesen großen Dimensionen dachte Johannes Golla zunächst natürlich nicht. Er profitierte vielmehr davon, dass sein Senior mit etlichen Übungsleitern des Rheingaus bekannt war. „Immer wenn ich mal wieder nach Hause komme, treffe ich viele, die dem Handball stets treu geblieben sind“, erzählt der Junior. „Das liegt daran, dass es in den Vereinen gute Trainer gab, die auch den Spaß am Sport vermittelt haben.“
Über die JSG Eltville, den TuS Dotzheim und die SG Wallau führte der Weg in die Jugend-Bundesliga. Bei der HSG VfR/Eintracht Wiesbaden schulte Johannes Golla vom Rückraumakteur zum Kreisläufer um. Relativ rasch wurde die MT Melsungen auf das Talent aufmerksam. Der Bundesliga-Coach Michael Roth hatte den Plan, einige verheißungsvolle Nachwuchskräfte nach oben zu führen. Im Februar 2015 wagte Johannes Golla den 220 Kilometer weiten Sprung. Er besuchte nun die Schule in Melsungen und zog nach dem Abitur in die nordhessische Metropole Kassel. „Bei der MT ist es wie bei der SG“, erzählt der Neuzugang. „Diejenigen Spieler, die Kinder haben, wohnen außerhalb der Stadt, die anderen innerhalb.“
Im Sommer 2015 bestritt Johannes Golla seine erste Vorbereitung mit einem Bundesligisten. Damit geriet er auf den Radar des DHB und erhielt bald eine Einladung in die Junioren-Nationalmannschaft. Im nächsten Sommer reichte es für Silber bei der Junioren-EM. Das Finale von Kolding ging gegen Spanien verloren. Johannes Golla erinnert sich noch gut, wie er und seine Mannschaftskollegen während der Testphase in der Flensburger Duburghalle trainierten und sich im Hotel „Alte Post“ einquartierten. Ein Jahr später wurde es exotischer. Die Junioren-WM fand in Algerien statt. „Das Turnier war gut organisiert und die Spielstätten hatten einen guten Zustand“, erzählt der junge Handballer. „Die Trainingshallen waren aber schon etwas abenteuerlich: Da flogen auch mal Vögel umher, und man musste aufpassen, dass man nicht von ihrem Schiss getroffen wurde.“
Es dauerte nicht mehr lange, dass der 1,95 Meter große Kreisläufer auf der Kandidatenliste von SG-Trainer Maik Machulla landete. „Das Ganze zog sich etwas länger hin, beide Seiten wollten alles geklärt haben“, verrät Johannes Golla. Vor einem Wechsel war es ihm wichtig, die neue Zusammensetzung des Kaders zu wissen. „Jetzt soll sich diese Mannschaft einspielen, denn die Perspektiven für die Zukunft sind in jedem Fall vorhanden“, findet der 20-Jährige. „Wenn alles gut läuft, kann auch diese Saison schon sehr erfolgreich werden.“
Als der Vertrag mit Beginn der Rückrunde bei der SG unterschrieben war, drehte man in Hessen die Einsatzzeiten des Youngsters zunächst zurück. Dann eine unerwartete Trainer-Rotation: Michael Roth musste Platz machen für seinen Assistenten Heiko Grimm, der mit zwei glatten Niederlagen startete. Dann fing sich die MT Melsungen, die noch zu einem guten Abschluss kam. Erstmals glückte sogar ein Sieg bei den Rhein-Neckar Löwen, was der SG zur Meisterschaft verhalf. Mittendrin Johannes Golla: Kurz vor dem Abpfiff hatte er mit einem spektakulären Block einen wohl sicheren Gegentreffer vereitelt – und die Titelfeier der SG wäre wohl ausgefallen.
Nun lebt der junge Kreisläufer erstmals außerhalb von Hessen und fokussiert sich auf seine Profi-Karriere. Mit einer Körpermasse von 110 Kilogramm ist er physisch in einer sehr guten Verfassung. „Auf dem Spielfeld kann ich aber noch in allen Bereichen zulegen“, weiß er. „Vor allem brauche ich mehr Erfahrung, denn sehr gute Handballer wissen irgendwann automatisch, was in bestimmten Situationen zu tun ist. Letztendlich sind die körperlichen Anlagen nur Voraussetzung, aber nicht entscheidend für eine Laufbahn.“
In seiner knappen Freizeit verfolgt Johannes Golla die NBA. Seit März absolviert er ein Fernstudium. Ursprünglich hatte er an BWL gedacht und überlegte, sich in Kassel einzuschreiben. Wegen der unklaren sportlichen Perspektiven wartete er aber erst einmal ab und entschied sich dann für den Studiengang „Sportmanagement“. Für den Bachelor bedarf es keinerlei Präsenz an einem Studienort. Stattdessen kann der Profi-Handballer nun morgens vor dem Training oder in der Mittagspause ein paar Lektionen pauken. Auch während der Busfahrten zu den Auswärtsspielen bieten sich viele Gelegenheiten. Flensburg liegt zwar hübsch am Wasser, aber auch weit entfernt von den anderen Standorten der Bundesliga.
Text und Fotos: Jan Kirschner











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