Gerade erst ist Boy Meesenburg von der Beiratssitzung der SG Flensburg-Handewitt zurückgekehrt, beantwortet noch schnell eine E-Mail und nimmt sich dann Zeit für einen sportlich orientierten Presse-Termin. Und das alles nebenher zur Hauptaufgabe, der Führung eines Baustoffhandels mit 300 Beschäftigten an 18 Standorten. Das klingt nach Stress. Doch wenn man dem 56-Jährigen zuhört, bekommt man schnell einen anderen Eindruck. „Bei schönen Dingen des Lebens zählt Zeit nicht“, sagt er. „Es ehrt mich einfach, dass ich mitmachen darf und mitgestalten kann.“ Ein Leben ohne Handball ist für Boy Meesenburg gar nicht vorstellbar: Seit 50 Jahren ist er Handball-Fan, seit 25 Jahren Unterstützer der SG und seit zehn Jahren Vorsitzender des Beirats.
Als „Flensburger Jung“ der 60er Jahre war es üblich, am Samstag die Fußball-Partien von Flensburg 08 und am Sonntag die Handball-Knüller des Flensburger TB in der Idraetshalle zu besuchen. Dazu zählten auch die ersten Bundesliga-Ausflüge des FTB und des TSB Flensburg. Zum Lieblingsspieler avancierte Boy Boysen – wegen des Vornamens. Bei den Duellen der Lokalrivalen TSB und SG Weiche-Handewitt hatte Boy Meesenburg eine klare Vorliebe. „Ich war immer für den TSB, und zwar immer aus Sicht eines Fans“, stellt er klar.
In den 80er Jahren begann das zarte Handball-Sponsoring des Familienunternehmens „Jacob Sönnichsen“. TSB-Manager Sönke Voß wurde beim Senior vorstellig: Kurz darauf tauchte in der damaligen Spielstätte, der Sporthalle der KGS Adelby, eine erste Werbetafel auf. Boy Meesenburg selbst war zu jener Zeit beruflich in Lübeck beschäftigt und nahm vorerst mit dem VfL Bad Schwartau, der mit Stars wie Erhard Wunderlich und Vlado Stenzel aufhorchen ließ, vorlieb. 1992 übernahm der Junior den Betrieb. Da war bereits die SG Flensburg-Handewitt gegründet – und auch der „Club 100“, ein Sponsoren-Pool. „Ich erkannte, dass dort ein kameradschaftliches Verhältnis entstanden war, das den Handball unterstützte“, erinnert sich der Kaufmann. Er gehörte 1995 zu den Ur-Gesellschaftern, als der Bundesliga-Klub seine wirtschaftlichen Aktivitäten in einer GmbH & Co. KG bündelte.
In den Anfangszeiten flossen vierstellige, dann fünfstellige D-Mark-Beträge vom Sponsor an die SG. Das Unternehmen wuchs, längst umfasst das Werbe-Budget eine sechsstellige Euro-Summe. Das Logo von „Jacob Cement“ ziert den Trikotrücken, lange Banner schmücken die Banden an den Seitenrändern des Spielfeldes. Häufiger nutzte Boy Meesenburg seine Kontakte und vermittelte der SG weitere Sponsoren aus seiner Branche: RAK Ceramics, Rockwool oder Schönox. „Die SG ist Standortqualität, ja Lebensqualität“, sagt der Flensburger. „An 25 Tagen im Jahr gibt es Spiele höchster Qualität bei uns in Flensburg. Das findet auch außerhalb der Region Beachtung. Selbst in Florida führte ich schon Gespräche über unsere SG, weil bei uns mal ein Ägypter spielte.“
Die Handball-Leidenschaft des Chefs drückt sich auch an der Fassade des Hauptsitzes am Industriehafen aus. Schriftzüge erinnern an die Triumphe in der Champions League 2014 und im DHB-Pokal 2015. In einer Vitrine glänzt ein alter DHB-Pokal, daneben hängt das letzte Trikot von Torwart-Legende Jan Holpert. Einst, als der Handball noch auf dem Weg zum Vollprofitum war, absolvierten einige Spieler eine Ausbildung bei „Jacob Cement“: Michael Menzel, Aaron Ziercke und Torge Johannsen. Alle drei tummeln sich noch immer im Handball-Business – als Betreuer des THW Kiel, als Trainer des TuS N-Lübbecke und als Spieler der TSV Hannover-Burgdorf.
2002 entstand ein Wirtschaftsbeirat, der später als Beirat fest in die Strukturen der SG verankert wurde. Heute gehören dem Gremium Gerd Bendixen (Queisser Pharma), Norbert Erichsen (FFG), Frerich Eilts (TSB Flensburg), Anja Lassen (Nordschrott), Martin Dölling (M & M Gartenbau), Wolfram Mannherz (Erima) und Boy Meesenburg an. Letzterer übernahm 2007 den Vorsitz. „Alle sprechen gleichermaßen mit“, sagt er. „Aber einer muss zumindest offiziell den Hut aufhaben.“
Der Beirat berät in strategischen Fragen die SG-Geschäftsführung, prüft die ökonomischen Auswirkungen der Kaderplanung und horcht am Nabel der Wirtschaft – stets mit dem Ziel, die Einnahmen zu erhöhen. Der Draht zwischen Boy Meesenburg und Geschäftsführer Dierk Schmäschke ruht kaum einen Tag. Sieben Stunden pro Woche, so taxiert der Beiratsvorsitzende den Aufwand für die SG. In turbulenten Zeiten wird es deutlich mehr. Als der Abgang von Ex-Trainer Ljubomir Vranjes zu Telekom Veszprém klare Konturen annahm, beschäftigten Ablösesumme und Nachfolge-Regelung auch den SG-Beirat über das normale Maß hinaus.
Einfach ist es nie, bisweilen war es sogar richtig schwierig. 2008 und 2009 belasteten Umstrukturierungen bei der Sparkasse, hohe Gehaltskosten und wegbrechende Großsponsoren den Handball-Betrieb. „Im Rückblick gab es Jahre, in der die SG am Abgrund stand, die haben wir gemeistert“, sagt Boy Meesenburg. „Aber auch der Blick nach vorne fällt nie leicht aus. Über allem steht die Frage: Wie viel Geld brauchen wir, um auch zukünftig den Spitzenhandball in Flensburg zu sichern?“
Im Moment steckt im Ausbau der Flens-Arena eine spannende Perspektive. Stadt und Kreis haben einen Antrag an das Land gestellt, um Förder-Millionen abzugreifen. Technische Verbesserungen und einige hundert weitere Sitzplätze sollen die Infrastruktur für Konzerte und vor allem für den Handball verbessern. „Wenn dieses Vorhaben nicht gelingt, ist nicht gleich der Absturz programmiert“, erklärt Boy Meesenburg. „Eine erhebliche Einnahmequelle resultiert aber nun einmal aus den Hallenkapazitäten.“ Und in dieser Hinsicht sind einige Mitbewerber besser gestellt als die SG.
Für Boy Meesenburg ist das persönliche Engagement eine Ehre. Er steckt als Sponsor Geld in die SG, ist zahlender Dauerkarten-Besitzer und stellt als Beiratsvorsitzender an den strategischen Schrauben. Nach Möglichkeit verfolgt er die Spiele von seinem Platz auf der Westtribüne aus. Bisweilen kombiniert er Geschäftsreisen mit den Auswärtsbegegnungen. Und manchmal reist Boy Meesenburg auch mit der Mannschaft: Zwei Mal war er in Skopje, jeweils zum Viertelfinale in der Champions League. „Einmal haben wir dank eines Siebenmeters von Anders Eggert gefeiert“, erzählt der SG-Enthusiast. „In der letzten Saison haben wir uns blamiert.“
Niederlagen, besonders die gegen den THW Kiel, sind ihm tags darauf deutlich anzumerken, wissen seine Mitarbeiter. Andererseits trägt der Chef auch die gute Laune ins Unternehmen, wenn es sportlich rund läuft. Und vom Königsklassen-Triumph 2014 schwärmt Boy Meesenburg noch immer. „Wir waren das erste Mal in Köln und keiner hat mit uns gerechnet“, redet er ohne Punkt und Komma. „Aber dann folgte das unglaublichste Sporterlebnis in meinem Leben – wenn man heute Bilder davon sieht, berühren sie mich immer noch emotional.“
Andere Vorlieben musste der Handball-Funktionär in den letzten Jahren etwas zurückschrauben. Nach etlichen Marathon-Läufen sattelte er verstärkt auf die halbe Distanz um. Zwei bis drei Mal die Woche schnappt er sich aber weiterhin die Laufschuhe und dreht seine Runde an der Flensburger Förde. Gerade jetzt, im Winter, nähert sich der 56-Jährige auf den eigenen Beinen häufiger der Flens-Arena. Mit seinen Gedanken ist Boy Meesenburg fast immer bei der SG – sie ist nun einmal ein fester Bestandteil seines Lebens.

Text und Fotos: Jan Kirschner











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