Der Blick aus dem ansonsten großzügig und geschmackvoll eingerichteten Büro der Stadtpräsidentin ist begrenzt und wenig attraktiv, verglichen mit dem Weitblick anderer Büros, nicht zuletzt dem des Oberbürgermeisters. Mit ihm gemeinsam repräsentiert Swetlana Krätzschmar die Stadt Flensburg. Die Bürolage erscheint in doppelter Hinsicht bezeichnend für die Frau mit dem russischen Vornamen, dem nicht unterdrückten Akzent und dem scharfen Intellekt der Mathematikerin.
Ihr Arbeitsplatz liegt in Nachbarschaft der Fraktionsbüros der im Stadtparlament vertretenden Parteien. Nahe am politischen Geschehen, ihrer Aufgabe entsprechend. Ist sie doch Vorsitzende der Ratsversammlung, der Volksvertretung der Stadt. Viel mehr noch sind es von dort nur wenige Schritte in die Stadt mit ihren Bürgern. Diese Nähe zu den Menschen, deren Institutionen, den Bildungseinrichtungen und Wirtschaftsunternehmen ist ihr wichtig. Wichtig, wie die Darstellung regionaler Werte in der Welt.
Ihre „Welterfahrung“ kommt ihr dabei zugute, hart erkauft und erlitten in mehreren Jahrzehnten des Suchens und Findens, der Verluste und Gewinne. Verluste und Gewinne, in dieser Reihenfolge. Sie betont, kein Flüchtling zu sein, obwohl ihre Biografie das vermuten lässt.

Empfang Kongress des FUEV 2014 in Flensburg, Vorsitzende der deutschen Minderheiten in Tirol
Empfang Kongress des FUEV 2014 in Flensburg, Vorsitzende der deutschen Minderheiten in Tirol

Ukraine – DDR – Bundesrepublik







Geboren ist Swetlana Krätzschmar in einer Stadt in der Ukraine, damals Teil der Sowjetunion. Ihre Mutter war Lehrerin für Russisch und Literatur und der Vater Lehrer für Philosophie und Geschichte. Weltoffenheit prägte schon ihre Kindheit. In ihrer Heimatstadt lebten Menschen unterschiedlicher Herkunft, mit verschiedenen Religionszugehörigkeiten, Christen, Muslime, Juden. Ihre Mutter hatte den 2. Weltkrieg als junges Mädchen erlebt. Sie war zehn, als deutsche Soldaten in das Land einmarschierten. Ihre Großmutter wurde zum Tode verurteilt, dann aber begnadigt, ihr Vater im Krieg schwer verwundet.
Die Sowjetarmee marschierte ein. Swetlana wuchs in einer Baracke auf, die deutsche Kriegsgefangene gebaut hatten. Trotz der prekären Lebensumstände schloss sie die Schule mit großem Erfolg ab und studierte an der Universität in Charkiw (Ostukraine) Mathematik. Dort lernte sie einen Studenten aus der DDR kennen, Michael Krätzschmar. Er hoffte, sich mit dem Auslandsstudium der Verpflichtung zum Militärdienst zu entziehen. Die Kriegserlebnisse seines Vaters hatten ihn zum Pazifisten gemacht.
Am Ende des Studiums heiraten die beiden, eine Entscheidung mit nicht nur familiären Folgen. Als bekannt wurde, dass Swetlana ihrem Mann in die DDR folgen wollte, drohte die Universität in Charkiw mit der Verhinderung ihres Studienabschlusses. Auch ihre Eltern machten ihr ob ihrer Entscheidung Vorwürfe. Die junge Frau Krätzschmar ließ sich nicht einschüchtern, sondern zog gemeinsam mit ihrem Mann nach Dresden. Ihre russische Staatsbürgerschaft behielt sie. 1978 wurde die erste Tochter geboren.

Rathaus: Olga Martens, FUEV-Vize-Präsidentin und eine Delegation der deutschen Minderheit aus Russland
Rathaus: Olga Martens, FUEV-Vize-Präsidentin und eine Delegation der deutschen Minderheit aus Russland

Im gleichen Jahr, als die UdSSR in Afghanistan einmarschierte, kam der Bruch mit dem sozialistischen System. Swetlana Krätzschmar beantragte die deutsche Staatsbürgerschaft, aber nicht die der DDR. Die Reaktionen der UdSSR wie die der DDR waren heftig. Zwei Jahre danach wurde sie aus der Sowjetunion ausgebürgert, verbunden mit dem Verbot, jemals ihr Heimatland wieder zu betreten. In der DDR galt sie nun als staatenlos. Ihr Mann Michael, der mit seinem Studium in der Ukraine gehofft hatte, den Militärdienst zu umgehen, wurde zur Armee der DDR (NVA) einberufen. Er verweigerte. Swetlana Krätzschmar erinnert sich, dass er bereits eine Tasche mit dem Notwendigsten gepackt hatte, damit rechnend, verhaftet zu werden.
1986 durften die beiden in die Bundesrepublik ausreisen, die dritte Station ihrer Odyssee.

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