spottete das DDR-Volk und deutete damit an, dass die Zukunft für den Osten Deutschlands düster aussah.

Luftaufnahme Bundeswehr Flensburg
Luftaufnahme Bundeswehr Flensburg

Wer heute über die großzügig ausgebauten Autobahnen in den neuen Bundesländern rollt oder die sorgsam sanierten Städte besucht, muss feststellen, dass die Verhältnisse sich zum Teil umgekehrt haben.







Während in Rostock Zigmillionen in den Ausbau des Marinekommandos investiert werden, wird die militärische Präsenz bei uns Schritt für Schritt heruntergefahren. In Flensburg muss man für Flottenkommando sowie die Fernmelder als Teil des „Kommando Strategische Aufklärung“ am Twedter Mark 11 den Titel dieses Berichtes wörtlich nehmen.

Während unseres Besuches beim Kommandeur des Fernmeldebereiches 91, Oberstleutnant Reiter, beleuchtet eine einzige fahle Neonleuchte den langen, düsteren Flur zu seinem Büro. Auch diese wird aller Voraussicht nach in einem Jahr erlöschen. Dann fahren Spezialtransporte vor, um neben verschlissenem Mobiliar streng geheimes Material dem 30er-Jahre-Bau zu entnehmen. Vor allem aber werden rund 240 Soldaten, Zivilbeamte und -angestellte einen neuen Arbeitsplatz finden müssen.

Den Termin für die Bekanntgabe des Abzuges kannte Oberstleutnant Reiter Stunden vor unserem Gespräch am Mittwoch, dem 6. Juni noch nicht. Demons­trativ hat der die Tageszeitung auf den Besprechungstisch seines Dienstzimmers gelegt. Dort steht in einem Nebensatz das für den Standort so wichtige Datum: 12. Juni. Dem kontrolliert und beherrscht auftretenden langgedienten Soldaten ist die Verärgerung darüber anzumerken, dass er die für seine Arbeit entscheidende Information aus der Zeitung erhält. Der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesministerium der Verteidigung, Thomas Kossendey, hatte den Termin während eines Besuches in Nordfriesland erwähnt.

Mittlerweile wurde bekannt, dass alle Dienststellenleiter diese Information auch unmittelbar auf dem Dienstweg erhalten werden.

Oberstleutnant Reiter ist seit Ende letzten Jahres in Mürwik eingesetzt. „Ich hätte mir eine leichtere Aufgabe gewünscht als die einen Verband aufzulösen.“

Als die Entscheidung des Bundesverteidigungsministeriums am 26. Oktober des letzten Jahres bekannt wurde, gab es „starke Reaktionen“ der Mitarbeiter. „Wir haben alle unterschrieben, dass wir als Bundeswehrangehörige flexibel sein müssen“, sagt Reiter. Doch für viele war die Entscheidung, den Verband in Flensburg in Gänze aufzulösen, ein harter Schlag.

Der Kommandeur hat nun die undankbare Aufgabe, die Personalentscheidungen sozialverträglich aber auch aufgabengerecht vorzubereiten.

Keiner der Soldaten, Beamten und Angestellten wird entlassen. Da greift die Fürsorgepflicht des Staats. Jedoch müssen alle mit einer Umsetzung an andere Standorte rechnen.

Hintergrund der Auflösung des Fernmeldebereiches 91 in Flensburg ist die seit Jahren andauernde Strukturreform der Bundeswehr. Schlanker sollen die Führungsebenen werden, die in Mürwik wird gänzlich gestrichen. Die Aufgaben werden quer durch Deutschland den anderen Dienststellen des Kommandos Strategische Aufklärung in Gelsdorf bei Bonn zugeordnet, wie den Eloka Batallionen (Elektronische Kampfführung) in Frankenberg (Eder), Stadum und Nienburg (Weser), der Auswertezentrale in Daun (Eifel) sowie der Zentralen Untersuchungsstelle für Technische Aufklärung der Bundeswehr in Hof (Bayern).

Damit sind auch Personalentscheidungen vorgezeichnet.

Alle Bediensteten, so Reiter, erhielten einen Personalfragebogen, in dem sie Prioritäten für die aufgabenorientierte oder räumliche Verwendung setzen konnten.

Oberstleutnant Reiter
Oberstleutnant Reiter

Die meisten der Soldaten und Beamten beim ‚FmBer91’ sind hochspezialisierte Techniker und Nachrichtenanalysten. Danach wird sich auch ihre Verwendungsmöglichkeit und damit ihr Einsatzort richten müssen. Oberstleutnant Reiter betont jedoch, dass soziale Belange bei den Umsetzungen so weit wie möglich berücksichtigt werden.

Eine Hoffnung für die Flensburger dürfte Stadum sein. Dorthin, so hofft der Kommandeur, dürften viele, möglicherweise die Hälfte der in Flensburg stationierten, vermittelt werden können. Der Lebensmittelpunkt Flensburg wäre damit gesichert. Andere müssen sich auf eine Verlegung nach Nienburg an der Weser oder gar Daun in der Eifel einrichten. Für Härtefälle, etwa Bedienstete, die kurz vor der Pensionierung stehen, könnten Übergangsverwendungen geregelt werden.

Wenn 2014 in der Twedter Mark 11 die Lichter gelöscht und die Türen abgeschlossen werden, geht eine 56-jährige Geschichte des Standortes zu Ende.

Im Dezember 1957 wurde die „Marineortungsgruppe Flensburg und Mürwik“ in Dienst gestellt. Funk- und Radaraufklärung gehörten zu ihren Aufgaben. Ein Jahr später begann die mobile Funkaufklärung. Zur Auswertung der gewonnenen Informationen wird der Komplex des ehemaligen Maschinenübungsgebäudes der Kriegsmarine und spätere AGFA-Gebäude gewählt. Es folgen zahlreiche Strukturreformen. Nach dem Ende der DDR und der Eingliederung der NVA in die Bundeswehr wurden die Verbände der Fernmelde- und elektronischen Aufklärung streitkräfteübergreifend organisiert.

Heute bestimmen das Feldgrau des Heeres, das Luftwaffenblau und das Marineblau das Bild auf dem Stützpunkt.

2002 erfolgte die noch heute gültige Benennung in ‚Fernmeldebereich 91’. Nach Auflösung des Flensburger Standortes verbleiben nur noch zwei Dienststellen der Bundeswehr in der Stadt: Die Marineschule und die Schule für Strategische Aufklärung.

Damit rückt auch die Verwendung des Areals ‚Twedter Mark’ in den Mittelpunkt des städtischen Interesses. Stadtrat John Witt spekuliert mit seiner Arbeitsgruppe schon über eine zivile Nachnutzung des attraktiv gelegenen Geländes. Kommandeur Reiter weiß aber auch, dass die benachbarte Marineschule ein Auge auf die Fläche geworfen hat, die nur durch einen Zaun von ihrem Areal getrennt ist.

Oberstleutnant Reiter hat in seinem Personalfragebogen eine Entscheidung getroffen. Er wünscht sich eine Verwendung in seiner Heimatregion bei Köln. Dort hat er ein Haus, dort arbeitet seine Frau, die er während seines Flensburger Dienstes außerhalb des Urlaubs nur am Wochenende treffen konnte.

„Ich habe mich trotz meiner familiären Situation in Flensburg sehr wohl gefühlt. Auch meiner Frau hat es hier gefallen, da die Landschaft so reizvoll und die Leute so nett sind“, sagt er und wird in Zukunft Flensburg vielleicht als Tourist besuchen.

Bericht und Foto: Dieter Wilhelmy 

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