Fahrradfahrende Politiker und Verwaltungsbeamte haben in der Stadt Tradition. Dr. Schroeders tut es, Bürgermeister Brüggemann tut es auch. Buckeln für die Gesundheit und ein grünes Image der Stadt. Dabei ist das Velo in Flensburgs Straßenverkehr nicht das sicherste Transportmittel. Fehlende oder unterbrochene Radwege, steiles Gelände und die Abgase des nahen Autoverkehrs könnten zumindest den Gesundheitsaspekt der motorlosen Fortbewegung infrage stellen. Doch manchmal ist das Prinzip wichtiger als die rationale Begründung. Und wenn es dann doch mal auf vier Rädern weitergehen soll oder muss, gibt es Carsharing. Bürgermeister Brüggemann hat zumindest die Autobesitzlosigkeit konsequent zu Ende geführt. Kein privates Auto, kein Dienstwagen. Zwei eigene oder vier gemietete Räder bringen den Stadtkämmerer durch die Windungen der Stadtpolitik und des notorisch klammen Stadtsäckels. Den zu verwalten ist seine vornehmste Aufgabe als Kämmerer.
Dem „Kassenwart“ der Stadt sind enge Grenzen gesetzt. Nahezu 9 von 10 Euro, die durch seine Bücher gehen, sind fremdbestimmt. Sozialleistungen, durch Gesetze des Bundes und des Landes definiert, greifen mit 60% am tiefsten in die Stadtkasse. Unter dem Strich leuchtete jahrelang ein tiefrotes Minus. Erstmalig im vergangenen Jahr sah man eine schwarze Zahl unter dem Bilanzstrich, knapp 6 Millionen. Doch die Freude währte nur kurz. Die Volkszählung, der Zensus, hat die Zahl der Einwohner um 7000 heruntergerechnet. Dafür gibt es weniger Geld von Bund und Land. Damit ist das 6-Millionen-Plus schon wieder Vergangenheit. Schlimmer noch: In diesem Jahr ist wieder mit einem Defizit von 23 Millionen zu rechnen. Da taucht unwillkürlich die Frage an den Verwalter der Stadtkasse auf: Wie hält man dieses Wechselbad aus?
Der Marsch durch die
Finanzinstitutionen

Ein Blick in die Vita von Henning Brüggemann hilft dabei. Geboren ist er in Lemgo, der Handballstadt, 25 Kilometer östlich von Bielefeld, Kreis Lippe, Westfalen. Rechnen konnten die Lemgoer wohl schon immer, gehörte die Stadt doch zur mittelalterlichen Handelsmacht, der Hanse, wie Lübeck, Bremen oder Hamburg. Seine Jugend allerdings verbrachte Henning in Bösingfeld, einem 4000-Einwohnerstädtchen im gleichen Kreis. Nach Schule und Abitur machte er eine Ausbildung zum Industriekaufmann, studierte in Göttingen Volkswirtschaft. Dann verschlug es Henning Brüggemann in die neuen Bundesländer. In Weimar leistete er seinen Zivildienst in der Altenpflege und begann in Jena ein Praktikum bei der damals vom ehemaligen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Lothar Späth, geleiteten Jenoptik, vormalig Carl Zeiss Jena. Dort konnte er erstmals einen Blick in die Leitung eines Betriebes bekommen. Seine betriebs- und volkswirtschaftlichen Kenntnisse setzte er anschließend in Leipzig, bei der dortigen Kämmerei der Stadt, ein.
„Dort habe ich kommunale Finanzen von der Pike auf gelernt“, fasst er heute die Zeit zusammen. Schließlich übernahm er in der sächsischen Stadt die Amtsleitung.
Im Jahre 2006 erreichte ihn eine Ausschreibung der Stadt Flensburg. Nach einigen Überlegungen und familiären Absprachen griff er zu.
Das richtige Klima











Es gab Themen in der Stadt, die ihn lockten, vor allem die Entwicklung des Klimapaktes, die Aufgabe, Klimaschutz in der Gesellschaft zu verankern, nicht einigen wenigen politischen Vordenkern und Spezialisten zu überlassen. Flensburg war und ist keine Stadt, in der die Menschen massenhaft auf ÖPNV und das Fahrrad umgestiegen sind. Andere Kommunen, etwa Kiel, sind dort weiter.
„In Flensburg herrscht immer noch eine autozentrierte Sichtweise“, sagt Brüggemann. „Auch die Fachverwaltungen im Rathaus“, ergänzt er selbstkritisch, „sind mehr auf den Kfz-Verkehr eingestellt.“
Es gibt jedoch einen Pakt der Willigen, die sich das Ziel gesetzt haben, bis 2050 eine CO2-neutrale Stadt zu schaffen. Keine Minderheit von Umweltaktivisten oder Utopisten, sondern bedeutende Akteure in der Stadt, Unternehmen, die Stadtwerke, Universitäten, öffentliche und private Institutionen – und eben die Stadtverwaltung unterstützen die Vorgabe.
Henning Brüggemann hat sich ganz diesem Ziel verschrieben und lebt schon jetzt die Zielvorgaben vor, kein privates Auto, kein Dienstwagen, stattdessen Fahrrad und Carsharing. Nicht nur er, auch andere Bedienstete der Stadt nutzen den neuen Service, der, so sagt Brüggemann, für Flensburg eigentlich nicht rentabel zu organisieren ist. So hat diese Form des Kollektivverkehrs (noch) Symbolcharakter. Zumindest haben die Initiatoren erreicht, dass das Thema aus den Elfenbeintürmen der Wissenschaft herabgestiegen und bei den Bürgern angekommen ist.
Für Henning Brüggemann ist ein Einstellungswandel in der Bevölkerung die Voraussetzung, um die hochgesteckten Klimaziele zu erreichen. Ein Bewusstseinswandel, der bei den Gewohnheiten des Alltags ansetzt, beim Brötchenholen (Auto oder Fahrrad), dem Weg zur Arbeit (Auto oder Bus), dem Nutzen der Heizung und der Anschaffung von Elektrogeräten (Kaffeemühle oder Vollautomat). Der Bewusstseinswandel muss sich jedoch vor allem im industriellen Bereich fortsetzen, bei der Energiegewinnung (Kohle oder Solar- und Windkraft), in der Produktion (Intelligente Energienutzung und energiearme Anwendungen). Einiges ist angeschoben. Die städtische Busgesellschaft experimentiert nicht nur mit elektrisch angetriebenen Fahrzeugen, sondern nutzt intelligente Steuerung und Fernüberwachung für die Lenkung des Verkehrs und hat in ihren Bussen Anzeigegeräte, die dem Fahrer eine möglichst Treibstoff sparende Fahrweise ermöglichen.

Gehen oder Bleiben

Trotz des Engagements für die Stadt hat Henning Brüggemann sich zwei Male von Flensburg wegbeworben, nach Siegen und Ulm. Damals war er sich sicher: „Nach acht Jahren in Flensburg suche ich eine neue berufliche Herausforderung in einem neuen Umfeld.“ In Siegen sprang er schließlich selber ab, in Ulm unterlag er dem Gegenkandidaten aus dem Allgäu. Obwohl er jetzt betont, er wolle seine Amtszeit in Flensburg beenden, werfen ihm einige in der Stadt mangelnde Standfestigkeit vor.
Er hingegen verteidigt diesen Schritt. „Ein Wahlamt ist immer mit Risiko verbunden“, sagt er. Richtig ist, dass eine Wiederwahl nach fünf Jahren für den Wahlbeamten nicht gesichert ist, insbesondere für einen Mann, der nicht die Rückendeckung einer Partei hat.
„Offenheit ist in jedem angelegt“, begründet er seine Jobsuche außerhalb der Stadt. Damit wirft er die Frage nach dem Sinn des Wahlbeamtentums für Bürgermeister auf. Die Alternative wäre ein Laufbahnbeamter auf Lebenszeit. Der Vorteil wäre Kontinuität in der Verwaltung unabhängig von den Wahlperioden des Stadtparlamentes. Nachteil, beim Versagen des Amtsinhabers müsste er in anderen Bereichen der städtischen Verwaltung „untergebracht“ werden, kostenintensiv und mit fraglichem Nutzen. Nachteil des Wahlbeamtentums ist die persönliche Unsicherheit und die Gefahr des vorzeitigen Abspringens aus der Position. Vorteil, der Wahlbeamte muss sich ständig politisch verantworten und sich die Zustimmung des Stadtparlamentes erarbeiten. Ein Baustein des Leistungsprinzips, das immer wieder auch für die Verwaltung gefordert wird.

Mangelverwaltung

Die damalige Bewerbung nach der 130.000-Einwohnerstadt Ulm im „Speckgürtel“ Deutschlands war auch deshalb verlockend, weil Bürgermeister und Kämmerer dort noch etwas zu verteilen haben, während hier vorwiegend der Mangel verwaltet wird. Unverschuldet, wie auch Brüggemann immer wieder betont. Flensburg steht mit einer Belastung des Haushaltes durch Sozialleistungen von 60% einsam an der Spitze deutscher Städte. Die vergleichsweise hohe Arbeitslosigkeit, der hohe Anteil an Sozialbedürftigen und nicht zuletzt hohe Ausgaben für die Jugendhilfe mindern den Handlungsspielraum der Stadt. Diese Ausgaben sind nicht beeinflussbar. Sie sind das Ergebnis von Gesetzesentscheidungen in Berlin. Der Stadtkämmerer hat daher immer wieder mit Blick nach der Hauptstadt gefordert, Städte und Gemeinden durch zusätzliche Kostenübernahmen des Bundes zu entlasten. Bundesfinanzminister Schäubles Reaktionen auf die wiederkehrenden Anläufe sind bekannt. Erst einmal ein Nein, dann mögliche zögerliche Zugeständnisse. Die Ausstattung der Kommunen mit Finanzmitteln zeigt ein deutliches Nord-Süd-Gefälle. Das dürfte sich auch in absehbarer Zeit kaum wesentlich verändern. Auch innerhalb des Landes gibt es Streitpunkte. „Das Land erkennt nicht die besondere Belastung der kreisfreien Städte“, moniert der Flensburger Bürgermeister. Viele Dienstleistungen müssen von der Stadt für Bewohner der umliegenden Kreise erbracht werden, ohne dafür entschädigt zu werden. Umgekehrt buhlt Flensburg beispielsweise um Schüler für ihre Oberschulen. Denn jeder Schülerplatz wird vom Land finanziert. Mit harten Bandagen kämpfte insbesondere die CDU Flensburgs gegen eine Erweiterung der Gemeinschaftsschule Handewitt um eine gymnasiale Oberstufe. Auch hier ging es nicht nur um die Qualität Flensburger Gymnasien, sondern um Geld für die Stadt.

Noch Wünsche offen?

Brüggemann wird die Verteilungskämpfe noch gut zwei Jahre begleiten dürfen. In der verbleibenden Zeit kann er auch seine Vorstellungen von einer umweltfreundlichen Stadt weiter verfolgen. Das viele Blech im Hafenbereich ist für ihn eines der größten Ärgernisse. Mobilität ja, aber am liebsten autofrei.
Auf seinem Wunschzettel steht auch die Verbesserung der Familienbetreuung.
Als junger Vater, zweimal in der Elternzeit freigestellt, weiß er um die Sorgen der Familien. Eine bessere Vereinbarung von Familie und Beruf unterstreicht er dick auf seiner Liste, ebenso eine bessere Interessenvertretung der kreisfreien Städte beim Land.
Im Januar 2019 kann er Bilanz seiner zwei Wahlperioden ziehen und das Erreichte mit den Zielvorstellungen vergleichen.

Bericht: Dieter Wilhelmy
Fotos: Benjamin Nolte

Vita
geboren am 11.07.1970 in Lemgo
parteilos

Ausbildung/Studium
1986 Fachoberschule
1989 Abitur
1989-1992 Ausbildung zum Industriekaufmann
1992-1996 Studium der VWL, Abschluss als Diplom-Volkswirt, Universität Göttingen

Beruflicher Werdegang
1995-1996 Wissenschaftl. Hilfskraft Universität Göttingen
1997-1998 Zivildienst, AWO Weimar
1998-2001 Stabsstelle „Strategische Finanzplanung“, Leipzig
2002-2006 Abteilungsleiter Stadtkämmerei Leipzig
2004-2007 amtierender Leiter Stadtkämmerei Leipzig
seit 02/2007 Bürgermeister in Flensburg

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