Brigitte Handler.

„Vereinbarkeit von Familie und Beruf“. Viele Politiker nehmen den Satz in den Mund. Wenn es jedoch um die Umsetzung der Ansprüche von Familien und Arbeitgebern geht, herrscht Hilflosigkeit oder Geldmangel, meist beides zugleich.

Die öffentlichen, auch die Kindergärten sozialer Träger, quälen sich mit der Erfüllung der gesetzlichen Forderung ab, für unter 3-Jährige einen Betreuungsplatz bereitzuhalten.











Ab August gar können Eltern die Einlösung des Versprechens einklagen. Doch das wird ihnen wenig nützen. Selbst wenn formal die gesetzliche Forderung erfüllt würde, bleiben die Älteren außen vor und über Qualitätsstandards sagt das Gesetz wenig. Schon heute deckt das Angebot nicht die Nachfrage. Noch hat die Mehrheit der Kitas feste Öffnungs- und Kernbetreuungszeiten, vorgegebene Ferien- und Schließtage und sie sind nicht auf beruflich bedingte Betreuungsengpässe eingerichtet.

Für Eltern wie für die Unternehmen, in denen sie arbeiten, stehen keine oder zu wenige Angebote bereit, die den modernen Arbeitsverhältnissen angepasst sind.

Häufig sind beide Elternteile berufstätig, viele arbeiten Schicht, oft mit wechselnden Zeiten. Arbeitsplatz und Wohnort liegen nicht selten weit auseinander. Schulungen der Mitarbeiter an entfernten Orten nehmen zu, Qualifizierungsmaßnahmen finden auch abends statt.

Die Liste lässt sich fortsetzen und offenbart, dass für dieses „Patchwork“ die traditionelle Kita keine Lösungen bietet.

Was für viele Eltern bleibt, ist der Verzicht auf berufliche Qualifikation und Karriere. Und wieder trifft es vor allem die Frauen. Die Diskussion um Frauenquoten dürfte man in den meisten Fällen vergessen, könnten Kita- und Schulträger, aber auch die Unternehmen Familien mit Kindern praxisnahe Lösungen anbieten.

 

Innovativer Ansatz der Kinderbetreuung

KITA-Hochfeld
KITA-Hochfeld

Die neue Kita im Wohngebiet Hochfeld, einen Steinwurf von der Osttangente entfernt, wird Januar 2014 ihre Pforten öffnen. Sie wird über das traditionelle Kita-Angebot hinaus die Erwartungen und Ansprüche erfüllen, die ein modernes Arbeitsumfeld stellt. Wenn alles nach den Planungen von Brigitte Handler und ihrem fünfköpfigen Team erfolgt, ist die Alleinstellung der Kita nördlich Hamburgs gesichert.

Monate der Planung liegen hinter dem Unternehmen Adelby1, dem Träger der neuen Einrichtung. Gemeinsam mit der Universität Flensburg haben die „Macher“ in ihren Räumen in der Schiffbrücke 66 ein Konzept entwickelt, das beispielhaft sein dürfte.

In den neuen Kita-Räumen am Hochfeld werden die zukünftigen Mitarbeiter jeden Tag solange zur Verfügung stehen, bis das letzte Kind von seinen Eltern abgeholt sein wird. Der zeitliche Angebotsrahmen wird vom Bedarf der Eltern bestimmt sein, nicht von festen Arbeitszeiten der Mitarbeiter. Es gibt keine Schließtage, nicht an Feier-, nicht an Ferientagen. Wenn andere schulfrei haben und die Kitas üblicherweise geschlossen sind, bietet die neue Kita ein Ferienprogramm auch für Geschwisterkinder an. Für außergewöhnliche Situationen, etwa, wenn Eltern aus beruflichen Gründen ihre Kids nicht zu den verabredeten Zeiten abholen können, gibt es ein „Back-up“-Angebot.

„Wir schnüren ein Rundum-Sorglos-Paket“, sagen die Betreiber und richten sich damit nicht nur an Eltern, sondern auch an die Betriebe, in denen diese arbeiten.

 

Gute Erziehung kostet Geld – bringt Gewinn

Brigitte Handler und Lars Helge Rüter begutachten die Baupläne.

Und damit wären wir auch bei der Finanzierung des Projektes. Wie jede andere Kita-Einrichtung finanziert sich Hochfeld aus drei Quellen; der kommunalen Finanzierung, den Elternbeiträgen und dem Eigenanteil des Trägers. Die vierte Finanzierungssäule wird durch Beiträge der Unternehmen gebildet. Diese Mittel werden auch den Mehraufwand für die zeitliche Flexibilisierung des Angebotes sichern. Mit staatlichen und Elternbeiträgen wäre ein solches Angebot nicht machbar.

Gerade jetzt verhandelt Adelby 1 mit Industrie- und Handwerkbetrieben, um sie für das Projekt zu begeistern.Die erste Frage, die den Unternehmen gestellt wird, lautet: „Spüren Sie bereits den Fachkräftemangel?“

„Ja“, werden viele sagen. Gut gebildete, geschulte und lernbereite Mitarbeiter werden rar. Sie sind bereits rar, weil viele mögliche Arbeiter und Angestellte in Wartestellung verharren, wegen ihrer Kinder den Schritt ins Berufsleben hinauszuzögern. Fatal, weil einmal erworbene Fähigkeiten wieder verlernt werden, das einmal erworbene Wissen veraltet. Das erschwert den Wiedereinstieg nach einer oftmals über Jahre verlängerten Babypause.

Die Wirtschaft jedoch braucht frische Arbeitskräfte mit aktuellen Fähigkeiten und Fertigkeiten. Da kann die Kita-Hochfeld mit ihrem dem Arbeitsleben angepassten Angebot punkten.

Für viele Unternehmen dürfte es eine positive Kosten-Nutzen-Entscheidung sein, einen Teil der Kinderbetreuung ihrer Mitarbeiter zu finanzieren. „Die Firmenvertreter waren überrascht, wie moderat ihr Anteil ausfallen würde“, freut sich Brigitte Handler, die Geschäftsführerin des Trägers Adelby 1 und Lars Helge Rüter, verantwortlich für Kommunikation und IT. Ein Blick auf das Betreuungspaket, das den Unternehmen angeboten wird, macht das verständlich.

Bei einer täglichen Betreuungszeit von bis zu 8 Stunden würde der Arbeitgeber mit 190,- Euro pro Monat beteiligt werden. Für außergewöhnliche Betreuung, etwa bei unvorhergesehenen Überstunden, Sitzungen oder Schulungen, greift das „Back-up“ Angebot. Unabhängig von der Betreuungszeit wird eine Fallpauschale von 150,- Euro fällig, ein nicht geringer Betrag, der aber nachvollziehbar wird, wenn man bedenkt, dass adhoc Personal, möglicherweise für ein einziges Kind, geordert werden muss. Geld spielt auch bei Planung und Errichtung der neuen Kita eine Rolle. Insgesamt werden 2,4 Millionen Euro verbaut, davon 1,6 Millionen für den eigentlichen Kitatrakt. Bund, Land und Kommune steuern 680.000 Euro bei. Die Stadt ließ sich im Gegenzug das Grundstück mit 160.000 Euro gut bezahlen. Nebenbei bemerkt ein Kuriosum, ist doch die Stadt in der Pflicht, Kitaplätze bereitzustellen – auf eigene Kosten.

 

Noch Wünsche offen

Das Projekt Kita-Hochfeld wirkt professionell und erfüllt die Wünsche von berufstätigen Eltern, die ihrer Arbeitgeber und letztlich den gesetzlichen Anspruch.

 

Bericht und Fotos: Dieter Wilhelmy 

 

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