Heier
Heier

„Schreiben Sie Heie“, korrigiert Peter-Heinrich Jacobsen meine Notizen als müsse er seine Identität schützen. „Und wenn schon, dann bitte P.H. der XII. Meine 11 direkten Vorfahren namens Peter-Heinrich sind in unserer Familienchronik so aufgeführt!“  Heie legt ein Foto von sich  mit Großvater und Vater  (drei Mal P.H.) vor. Erst mit der Geburt seines ersten Sohnes Peter Erich hat Heie diese Tradition aus der väterlichen Linie unterbrochen.

Den gebürtigen Harrisleer Heie Jacobsen kennt fast jeder. Egal, ob man mit ihm ein Stück des Weges als Schul- und Sportkamerad gegangen ist, ob man ihn als Bauer, Landwirtschaftsmeister, Hoferbe, Realschullehrer, CDU-Kommunalpolitiker, als Funktionär in Sportvereinen und -verbänden und nicht zuletzt viele Jahrzehnte als Handballtrainer der höchsten Frauenmannschaft erlebt hat. Als Privatier trifft man ihn nur selten an. Auf seine Familien- und Hofchronik, die er bereits als 15jähriger Schüler in Form einer Jahresarbeit verfasst hat, und auf die Geschichte des alten, damals noch aus fünf Ortsteilen bestehenden Harrislee angesprochen, sind seine persönlichen Erinnerungen mit viel Humor gespickt und schier unerschöpflich!







„Meine heutige Straße hatte viele Namen“, sagt Jacobsen.  „Ursprünglich hieß sie  Osterstraße, daraus wurde die Westerstraße, der Holmberg und heute Alter Holmweg. Auch meine Hausnummern haben sich mit jeder Umbenennung geändert.“

Heies Großvater Peter-Heinrich Asmus Jacobsen kam 1894 von Schleswig nach Harrislee. Er hatte von Tierarzt Weber dessen landwirtschaftlichen Betrieb für 36.000 Deutsche Reichsmark übernommen. Großvater aber  hätte bei der Übergabe einen Preisnachlass von  3.000 R-Mark bekommen können, wenn er mit dem Kaufvertrag auch die Tochter des Tierarztes  geheiratet hätte. Unser Chronist Heie Jacobsen dreht sich schmunzelnd im Kreis: „Gottlob hat er auf das Geld verzichtet und zwei Jahre später meine Großmutter, die Bauerstochter Ingeburg Christiansen Schmidt geheiratet. Gäbe es mich sonst?“

Heies Vater und Hofnachfolger Peter-Heinrich heiratete ebenfalls eine Bauerstochter, Jahrgang 1915. Sie stammte aus Renz in Nordschleswig und hieß mit ihrem Mädchennamen zufällig auch  Jacobsen! Seit 1920 gehörte ihre Familie der deutschen Minderheit in Dänemark an.

Heie am Rad mit seinen beiden Schwestern vor dem ADS-Kindergarten
Heie am Rad mit seinen beiden Schwestern vor dem ADS-Kindergarten

Ob Heie und seine beiden jüngeren Schwestern Inge und Elisabeth deutsch- und dänischsprachig aufgewachsen sind, sozusagen die dänische Sprache mit der Muttermilch eingesogen haben, verneint er. Als Heie 1944 geboren wurde tobte der Krieg. Die Minderheiten im Grenzland bekamen das Naziregime auf beiden Seiten heftig zu spüren. Als 1945 die Grenze zu Dänemark dichtgemacht wurde, wurden Heies Onkel und mehrere Bekannte direkt von zu Hause in Rends und Tondern abgeholt und ins Fröslee–

Lager (das ehemalige KZ-Außenlager von Hamburg) gesperrt. Einige von denen saßen über 18 Monate dort ein. Auch der spätere Pastor von Harrislee, Raun war in Fröslee interniert. Als Folge des vom Naziregime geschürten Hasses auf beiden Seiten sieht Heie die Erklärung für die Ignoranz der dänischen Sprache in seiner Familie.

1952: Der erste Trecker von P.H. Jacobsen mit Knecht Helmut Hansen und Heie
1952: Der erste Trecker von P.H. Jacobsen mit Knecht Helmut Hansen und Heie

Bauer Jacobsen besaß direkt neben dem etwa 10 Kilometer von Harrislee entfernten KZ sieben ha Land. Dieses Land wurde gleich 1945 von den Dänen beschlagnahmt und erst sechs Jahre später zurückgegeben. Jacobsens deutscher Rechtsanwalt und der gute Leumund, den der dänische Bürgermeister dem Harrisleer P.H. Jacobsen bescheinigen konnte, hatten zur Rückgabe  geführt. Für die entgangene Pacht bekam Jacobsen insgesamt 200 D-Mark. Noch bis 1957 bewirtschaftete er sein Land. Beim Einfahren des Getreides sorgte der deutsche Zoll an der Grenze oftmals für reichlich Stress: Auf der Suche nach Schmuggelware (Butter, Zucker, Kaffee) durchforsteten die Beamten mit langen Eisenstangen die Erntewagen.

Heies Vater liebte das Wiener Brot aus der Bäckerei in Fröslee. Eines Tages konfrontierte ihn die erstaunte Bäckersfrau mit der Frage: „Vil de spise vores kage“? (Wollen Sie unseren Kuchen essen?)

1954: Das erste Auto auf dem Hof, ein Opel Olympia
1954: Das erste Auto auf dem Hof, ein Opel Olympia

Im Jahre 1957 nutzte Heies Vater die Gelegenheit das Stück Land in Dänemark gegen ein sieben ha großes Grundstück am Grenzübergang Kupfermühle zu tauschen. Das gefiel dem damaligen Hotelier Erich Toffer (Hotel an der Grenze), der sich auf diesem Stückchen Erde einen Traum erfüllen wollte. Er kaufte das Grundstück und plante darauf einen See mit Bootsbetrieb. Eine Gondel sollte die Verbindung zwischen seinem Hotel und dem See zur Attraktion machen. Toffer, eine schillernde Persönlichkeit, der es sogar geschafft hatte,  seinen persönlichen Freund Richard Nixon 1981 (samt Delegation) in seinem Hotel zu beherbergen,  verstarb  bevor er sein Projekt verwirklichen konnte!

 

Die Gemeindeschwester war die wichtigste Frau im Dorf

Seit Anfang der 1930er Jahre lebte die Gemeindeschwester in der Abnahme auf dem Hof von Bauer Jacobsen. Sie war Hebamme, Arztersatz und sie stand den Familien für soziale Dienste zur Verfügung. Durch ihre ständige Präsenz  war sie die wichtigste Frau im Dorf. Ihre Erreichbarkeit war über ein Telefon, das bei Bauer P.  H. Jacobsen stand, garantiert. Heie erinnert sich an die Liste neben dem Telefon. Jeder Anruf wurde notiert und an die Gemeindeschwester so schnell wie möglich weitergegeben. Allgemein bediente sich die Bevölkerung des öffentlichen Telefons. Noch in  den 1950er Jahren war unter dem  Namen Jacobsen nur dieser  einzige Eintrag im Flensburger Telefonbuch zu finden!

Heies Mutter, Marianne Jacobsen hatte  gemeinsam mit 20 Frauen im Dorf die Versorgung der Wöchnerinnen und deren Familien übernommen. Das bedeutete für die Ehrenamtlichen, ein komplettes Mittagessen zu kochen und es bei den jeweiligen Familien abzugeben.  Bestenfalls wurde das Essen auch abgeholt. Aus dieser Selbsthilfegruppe entstand Anfang der 1950er Jahre in Harrislee der Landfrauenverein, der heute über 200 Mitglieder zählt. Bei seiner Gründung war Frau Nikolaisen die erste Vorsitzende.

 

Bau der Heimkehrersiedlung

Die Gemeindeschwester war die wichtigste Frau im Dorf. Unser Foto zeigt die Diakonisse Margarethe Jacobsen
Die Gemeindeschwester war die wichtigste Frau im Dorf. Unser Foto zeigt die Diakonisse Margarethe Jacobsen

Mit dem Bau der „Heimkehrersiedlung“ wurden erste Maßnahmen gegen die Wohnungsnot in Harrislee ergriffen. So entstanden in Selbsthilfe „Achter de Möhl“ 13 Doppelhäuser mit einem großen Grundstück für Flüchtlingsfamilien. Keiner der Anwärter wusste vor Fertigstellung, in welches Haus er schließlich einziehen würde. Darüber entschied das Los. Um dieses Projekt verwirklichen zu können, hatte Bauer Jacobsen die Grundstücke für 1,50 D-Mark pro Quadratmeter verkauft.

Weitere Bauprojekte für sogenannte Nebenerwerbssiedlungen entstanden in der Bahnhof- und in der Westerstraße. Dabei handelte es sich um Einzelhäuser mit Anbau für Schweine- und Hühnerstallungen.

 

Vollgestopfte Kindergärten  und Klassenräume

Harrislee bestand aus den fünf Ortsteilen Harrislee, Harrislee-Feld, Niehuus, Kupfermühle und Wassersleben. Es gab mehr Kinder als Muscheln am Strand. In den Kindergärten und Klassenräumen  herrschte drangvolle Enge. Während die dänische Minderheit schon zwei Kindergärten in Harrislee vorhielt, konnte die Arbeitsgemeinschaft Deutsches Schleswig (ADS) erst 1948 ihren ersten Kindergarten eröffnen.

Auch auf dem Hof von Bauer P.  H. Jacobsen waren ab 1945 Wohnhaus und Abnahmehaus überbelegt. Wo vorher die eigene Familie, die Gemeindeschwester und die wenigen Arbeitskräfte mit insgesamt neun Personen gewohnt hatten, mussten sich 32 Menschen den Platz zum Leben teilen. Heie schwärmt noch heute von dieser Zeit, die er als Kind bis Mitte der 1950er Jahre in „Großfamilie“ auf dem elterlichen Hof erlebt hat. „Als Jüngster und einziger Junge unter 12 Mädchen lief ich beim Spielen immer hinterher!“ Heute fragt er sich allen Ernstes warum sich nie eines dieser netten Mädchen um ihn gekümmert hat! Erst Anfang 1950 zog die erste Flüchtlingsfamilie fort. Der Vater hatte im Bergbau Arbeit gefunden.

1958: Heies Klasse auf der Hebbelschule (4. von rechts Heie)
1958: Heies Klasse auf der Hebbelschule (4. von rechts Heie)

Heies Schule, mit nur einer ersten und zweiten Klasse ausgestattet,  lag gegenüber vom elterlichen Hof. Die Kinder besuchten den Unterricht in drei Schichten, wobei ein Klassenzug (1-9) Dänisch war. Bis 1950 hatte das Flüchtlingslager Harrislee-Hof eine eigene Lagerschule. Als Heie 1950 eingeschult wurde kamen diese Kinder mit in seine Klasse. Nun  quetschten sich bis zu 40 Kinder in die Bänke. Selbst in der Hebbelschule in Flensburg befand sich Heie 1955 noch unter 42 Klassenkameraden. Deshalb aber ging es nicht weniger stilvoll im Klassenzimmer zu. Dora Bruhn, von ihren Schülern nur „Mother“ genannt, unterrichtete nicht nur Deutsch und Religion. Sie vermittelte und überwachte  auch primitivste Hygiene-Regeln wie zum Beispiel sauber geputzte Fingernägel. Außerdem forderte sie von den Jungs ein, immer ein Taschentuch, einen Bindfaden und ein Taschenmesser  bei sich zu haben.

Als Heie 1959, frisch konfirmiert in der Mission des  Klassensprechers bei der Direktorin der AVS die Anfrage wagte, ob sich deren Mädchenklasse gemeinsam mit den Hebbelschülern zur Tanzstunde bei „Jule o-ei-ei“ anmelden könnte, wurde er barsch zurückgewiesen. „Nein, meine Mädchen sind für euch nicht vorgesehen!“ Heie nahm es zur Kenntnis und jeder seiner Klassenkameraden meldete sich einzeln in der Tanzschule an.

Als 1957 ein Sonderzug von Hamburg nach Sylt mit kurzem Stopp auf dem Flensburger Bahnhof gemeldet wurde, kam Heies Jungsklasse als Fähnchenschwenker zum Einsatz. Es galt, Haile Selassie, den letzten Kaiser von Äthiopien zu begrüßen. (Er war von 1930 bis 1974 an der Macht). Heie kann sich noch genau daran erinnern, den Kaiser huldvoll winkend am  Zugfenster gesehen zu haben.

 

Drei Generationen auf einem Bild,  Heie Jacobsen in der Mitte
Drei Generationen auf einem Bild,
Heie Jacobsen in der Mitte

Wer sich über prügelnde Lehrer zu Hause beschwerte, bekam von den Eltern als Zugabe die doppelte Tracht 

Heie Jacobsen will sich nicht beschweren. Schließlich hat er in der Schule nur einmal im Leben – aber dafür gleich von zwei Lehrern heftige Prügel bezogen. Es ging um seine Handschrift, die nach links abkippte. Das war für die Schule  unannehmbar.  Und weil alle  Schönschreibeübungen bislang erfolglos verlaufen waren, sollte dem 15Jährigen diese „Unart“ nun endgültig ausgeprügelt werden. „Letzten Ermahnungen  von Klassenlehrer Röschmann folgten heftige Schläge ins Gesicht. Danach wurde ich wortlos und mit heftig blutender Lippe zu Rektor Bruhn geführt. Dort hatte ich ohne jede Erklärung meine Hände auf dessen Schreibpult zu legen. Dann folgten harte Schläge mit dem Weidenstock auf mein Hinterteil. Zuhause angekommen ging auch meine Mutter sofort mit dem großen Kochlöffel auf mich los. Ohne jede Erklärung. Ich weiß bis heute nicht, ob mein zerschlagenes Gesicht der Anlass für ihr Eingreifen gewesen ist oder ob sie von der Schule Nachricht bekommen hatte. Um ihren Schlägen zu entkommen, jagten wir uns beide um den großen Küchentisch. Keiner ihrer Schläge traf. Aber als dann mein Vater am Abend von der Feldarbeit zurückgekehrt war, setzte er die Schlacht per Hand auf meinem nackten Hintern kommentarlos fort.“  Heie sagt heute: „Egal was damals in der Schule passiert ist, ich habe meinen Klassenlehrer immer sehr verehrt.“

Vier Generationen Jacobsen: Urgroßmutter, Großmutter, Mutter und Heie
Vier Generationen Jacobsen: Urgroßmutter, Großmutter, Mutter und Heie

Auch Pastor Gloyer konnte sehr unangenehm werden wenn jemand seinen Konfirmandenunterricht schwänzte. Da erinnert sich Heie an das Hockeyspiel auf dem 1.000 Quadratmeter großen  Teich auf dem elterlichen Hof. Heie war der einzige Junge, der mit uralten vom Onkel geerbten Holländern auftrat. Seine Kameraden rutschten  auf Gummistiefeln über das Eis. Mit selbst gebauten Hockeyschlägern ging es hinter  einer verbeulten Dose von Bärenmarke her. Ein himmlisches Vergnügen, das sich dummerweise während der Konfirmandenstunde abspielte. So war plötzlich der Pastor aufgetaucht, um seine verlorenen Schäflein zusammenzutreiben. Aber er erwischte nur Siggi Lunk, während sich die anderen Jungs unsichtbar machen konnten. Siggi bekam eine Ohrfeige und einen heftigen Tritt in den Hintern. Außerdem wurde er von der bevorstehenden Konfirmation ausgeschlossen. Mutter Lunk aber stand zu ihrem Sohn und meldete ihn in der Petri-Kirche zur Einsegnung an. Diese Feier fand sogar schon eine Woche vor dem Harrisleer Termin statt!

Wenn ein Lehrer bei den Jungs erst einmal gepunktet hatte, standen die geschlossen hinter ihm.  Als der neue Sport- und Physiklehrer Herbert Georgi 1955 dringend ein Fahrrad brauchte, gingen die Schüler und die Jungs vom TSV-Nord buchstäblich betteln, um die benötigten 200 D-Mark zusammenzubringen.

 

Unblutige Kriege unter den Jungs im Dorf

Heie radelt entlang der Heimkehrersiedlung mit 13 Doppelhäusern Achter de Möhl, errichtet auf ehemaligem Land von Bauer P. H. Jacobsen
Heie radelt entlang der Heimkehrersiedlung mit 13 Doppelhäusern Achter de Möhl, errichtet auf ehemaligem Land von Bauer P. H. Jacobsen

Eine Pause ohne Prügelei auf dem Schulhof war fast undenkbar. Das regelten die Jungs aber meistens unter sich, während der Aufsicht führende Lehrer wohl einfach weggesehen hat. Diesen Eindruck hatte Heie jedenfalls. Am Schluss reichten sich die Anführer die Hand und alles war gut und vergessen. Ernster wurde  die Lage zwischen den Jungs vom Ober- und Unterdorf zwischen Musbeker Weg und Kirche.  Die älteren Schüler führten ihre jeweilige Gruppe mit etwa 10 bis 15 Jungs im Alter ab 10 Jahren an. Die beiden Anführer forderten sich heraus. Und wir Jüngeren waren die Zuschauer. Es ging um Nichtigkeiten, Gehabe und dummes Getue. Wer nach Ostseebad wollte war gut beraten, in der Gruppe durch das Herrschaftsgebiet der Gegner zu laufen. Einzeln kam man nicht unbeschadet durch. Unten am Strand aber passierte einem nichts!

Nochmal drei Generationen auf einem Bild
Nochmal drei Generationen auf einem Bild

Im Sport waren sich die Krieger wieder gut. Heie: „Wir gingen durch alle Sportarten wie Fußball, Handball, Leichtathlethik und Tischtennis. Schließlich fand jeder seine Sportart.  Vereinsmitglied zu sein gehörte einfach dazu!“ Die Turnhalle hatte die Größe von etwa zwei Tischtennisfeldern. Wenn Wandersportlehrer Juhl  seine fünf bis sechs Jungs zu den alljährlichen Sechskämpfen zum Scheersberg führte, ging es 30 Kilometer im Fußmarsch (im Rucksack für drei Tage das Gepäck) von Harrislee über die Alte Kappelner Landstraße. Ein Marsch dauerte 5 bis 6 Stunden. Wobei Juhl sein Motorrad dazu einsetzte,  die Jungs, immer einen nach dem anderen,  ein Stück des Weges vorwärts zu befördern. So ist die Truppe auch wieder zurückgekommen – natürlich mit einem Eichenblatt, das Muttern sofort an das Sporthemd genäht hat.

 

Mit 24 Jahren der jüngste Landwirtschaftsmeister von Schleswig-Holstein

Peter-Heinrich Jacobsens Hof
Peter-Heinrich Jacobsens Hof

Heie absolvierte eine dreijährige Landwirtschaftslehre und bewirtschaftete anschließend über acht Jahre den Familienbetrieb. Er hatte inzwischen eine Familie gegründet und war mit  24 Jahren der jüngste Landwirtschaftsmeister von Schleswig-Holstein. Als Harrisleer Bürger lebte er aber nicht nur in seinem bäuerlichen Umfeld, er befasste sich mit Selbstverwaltungen im Heimatdorf wie zum Beispiel Bauernverband, Feuerwehr, Gesangverein, DLRG, und Sportverein – um nur einige zu nennen.

 

Heie erstickt fast in den Papieren zwischen Schule und TSV Nord Harrislee
Heie erstickt fast in den Papieren zwischen Schule und TSV Nord Harrislee

Persönliche Erinnerungen an die Feuerwehr

Heie wurde  als 18Jähriger Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr. Anfang 1960 hielten die fünf Wehren der fünf Ortsteile von Harrislee die erste grenz-übergreifende Gemeinschaftsübung mit den Wehren Pattburg und Bau. Die Übung galt der Gaststätte Krone.

Heie: „Wir Harrisleer hatten nur einen Anhänger, der von einem Trecker gezogen wurde. Unsere Spritze stand zur Reparatur in der Feuerwehrschule. Die Ersatzspritze war unbeleuchtet im Schuppen abgestellt worden. Erst am Einsatzort bei der Order „Wasser marsch“ bemerkten wir den Ausfall. Bei der Manöverkritik äußerte sich besonders der dänische Sprecher lobend mit den Worten: „ Die Deutschen sind so gut, dass sie auch ohne Wasser löschen können!“

Im Schneewinter Mitte der 1960er Jahre lagen im Altenheim Berghof, Ortsteil Niehuus, zwei Leichen, die von der Feuerwehr abgeholt werden sollten. Weil die Feuerwehr aber trotz Freischaufelns nicht durchkam, rückte ein Panzer von Flensburg-Weiche an. Der junge Panzerführer hatte das Kommando „Zur Seite treten zum Freischieben“ von der Luke aus übernommen. Der Panzer schaffte 10 Meter, dann lag er fest. Darauf erfolgte sein nächster Befehl: „Feuerwehrleute, Panzer freischaufeln!“ Worauf Feuerwehrhauptmeister Hans-Jürgen Petersen zurückbrüllte: „Ne Jungs, das macht man schön alleine!“ Heie: „Unter unseren Feuerwehrleuten waren zum Teil erfahrene Kriegsteilnehmer die den jungen Panzerführer rechtzeitig vor diesem Manöver gewarnt hatten!“

Heie erinnert sich, dass es zu der Zeit noch spürbare Rivalitäten zwischen den Freiwilligen und den Berufswehren gegeben hat. Wer erst als Zweiter an die Brandstelle kam konnte oftmals schon von weitem den Ruf „dat is min Füer“ hören. Wer zuerst an der Brandstelle war, hatte das Kommando. Dazu kamen die Ortskenntnisse. Heute gibt es Hydranten-Pläne! Als es in den Jahren 1963/64  in Harrislee einmal wieder um Mitglieder- und Nachwuchswerbung für die Freiwillige Feuerwehr ging, der oberste Dienstherr aller fünf Wehren war der damalige Bürgermeister Hans-Werner Iversen, verordnete er seinem Gemeindewehrführer Grotkopp einen Aufnahmestopp. Es ging ihm um das Einsparen der Kosten für die Anschaffung der Jacken, die dann angefallen wären. Dabei gab es sowieso nur ein einziges Jackett für jeden Feuerwehrmann. Das wurde bei den Löscharbeiten ebenso getragen wie bei allen anderen Anlässen.

 

Heie Jacobsen mit Jochen Warr vor dem von ihm gesponserten Kleinbus auf dem Harrisleer Marktplatz
Heie Jacobsen mit Jochen Warr vor dem von ihm gesponserten Kleinbus auf dem Harrisleer Marktplatz

Die Ländereien verkauft – den Hof aufgeben und neu orientiert

Heie Jacobsen hatte bereits mit 18 Jahren pachtweise vom Vater den Hof übernommen bis zum Verkauf 1969. Als Landwirtschaftsmeister, verheiratet und Vater von zwei Kindern musste er sein Berufsleben neu ordnen. Ein Studium ohne Abitur kam für ihn vorläufig nicht infrage. „Ich wollte eigentlich nie Lehrer werden obgleich ich mich immer in der Jugendarbeit engagiert habe.“ Er besuchte den Vorbereitungskurs für die Sonderbegabtenprüfung an der Volkshochschule in Leck (6 Monate) und legte anschließend an der PH Flensburg  die Aufnahmeprüfung ab. Er studierte die Fächer Politik, Erdkunde, Geschichte für Grund- und Hauptschule sowie Sport für Realschule. Heie unterrichtete bis 1986 an der Realschule in Kappeln, anschließend in Satrup.

 

Ab 1969 als Handballtrainer ganz nach oben 

Als Tischtennis-Leistungsspieler in der höchsten Spielklasse hatte Heie viel erreicht. Jetzt nahm er parallel zu seinem Studium die Arbeit beim TSV-Nord als Trainer für die Handball-Knaben auf. Konrektor Harry Henningsen, und Jonny Kling und andere Funktionäre hatten ihn dazu ermuntert. Zu der Zeit gab es drei Handballmannschaften. Heie: „Als ich im Jahre 2002 aufhörte, hatten wir 42 Handballgruppen mit über 600 Mitgliedern im TSV-Nord.  Mannschaftsarzt war Dr. Dünnweber, die Pressearbeit machte Dr. Uwe Heldt. Es gab einen Helfer- und Übungsleiterstand von über 72 Männern und Frauen.

Wir waren mit Abstand die größte Handballabteilung im Deutschen Handballbund.“

 

Frauenmannschaft von 1969, die Nationalspielerinnen von rechts: Gunda Grümm und Heike Fleth, Melanie Warr und Christina Kirste, Trainer Heie Jacobsen und Jugendwart Peter Schröder
Frauenmannschaft von 1969, die Nationalspielerinnen von rechts: Gunda Grümm und Heike Fleth, Melanie Warr und Christina Kirste, Trainer Heie Jacobsen und Jugendwart Peter Schröder

32 Jahre die 1. Frauenmannschaft trainiert

Heie blickt nicht ohne Stolz zurück: Er hat 32 Jahre die 1. Frauenmannschaft trainiert. „Wir sind von der Kreisklasse bis zur 1. Bundesliga aufgestiegen und konnten insgesamt 16 Nationalspielerinnen benennen – von der Jugend- bis zur Frauennationalspielerin. Wir waren 10 Jahre in Folge die Nummer ,Eins’ in Schleswig-Holstein und Hamburg!“

Heie berichtet von enorm vielen Begegnungen im Frauenhandball. In den 1980er/90er Jahren habe er seine Frauen gegen die weltbesten Vereinsmannschaften (Spartak Kiew) antreten lassen und viele Nationalmannschaften nach Harrislee geholt. Er ist mit seinen 12 Spielerinnen und Nachwuchsspielerinnen und dem Trainerstab in die USA, nach Kenia, Teneriffa, zweimal nach Taiwan und in alle nordeuropäischen Hauptstädte gereist.

Heie Jacobsen war während dieser Zeit im TSV-Nord Trainer und Funktionär in einer Person und darüber hinaus im Kreishandballverband Flensburg sowie im Ligaausschuss vom Deutsche Handballbund. Sich selbst sieht Heie
Jacobsen als Motivationskünstler. „Mein Hobby lag immer in der Organisation – gleich auf welchem Gebiet ob in der Schule, als Trainer und Funktionär und Macher in weiteren Ehren-
ämtern.“ Am 8. September 1986 erhielt er die „Verdienstmedaille des Verdienstordens der BRD“!

 

Das Gespräch mit Heie Jacobsen führte Renate Kleffel

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