In unserer Serie „Flensburger Straßen und Stadtteile“ bitten wir Zeitzeugen, uns von ihren ganz persönlichen Erinnerungen zu berichten. In dieser Ausgabe kommt Thomas Fürstenberg, 57, zu Wort.

Thomas Fürstenberg: „ Obst- und Gemüsehändler wachsen heute nicht mehr nach!“











Schon als Fünfjähriger konnte sich Thomas nichts anderes vorstellen, als einmal Marktbeschicker zu werden. Seine Zukunftsträume waren von gleichmäßigen Motorgeräuschen auf holprigen Landstraßen in Richtung Hamburger Großmarkt begleitet. Die Fahrten gingen durch die Nacht. So oft es der Vater zulassen konnte, lag der kleine Junge zusammengerollt und warm verpackt auf der Fußmatte unter dem Beifahrersitz des großen Lastwagens – im Sommer und im Winter – und auch bei Eis und Schnee! Der Kofferraum des Lkw war trotz Plane und Spriegelunterbau kaum isoliert. Im Winter musste die Ware vor Frost geschützt und mit Kokosmatten abgedeckt werden. Trotz aller Bemühungen gab es Schwund! Eine einfache Fahrt dauerte mindestens 3½ Stunden, die Zeit für den Einkauf der Ware hinzugerechnet! Spätestens um 7:00 Uhr morgens musste am Südermarkt abgeladen und der Obst- und Gemüsestand mit der frischen Ware bestückt sein. In den 1960er Jahren gab es die heutige Autobahnverbindung über die A7 noch nicht. Die Fahrten zum Großmarkt Nähe Hauptbahnhof verliefen auf Nebenstraßen von Langballig über Tarp, Schleswig, Rendsburg und Neumünster. Die für Vaters Großhandel gemietete große Lagerhalle mit dem alten Blechdach befand sich am Niedermai in Flensburg.

Wie alles begann

Thomas Vater, Kurt Winkler, Jahrgang 1929, war als gelernter Gärtner von Berlin nach Nordfriesland gekommen. Er heiratete Christine, eine um zehn Jahre ältere Frau aus Leck. Christine Winkler legte ihr langes, weit über die Hüften reichendes schwarzes Haar über drei Ringe, um daraus einen kunstvollen Dutt zu formen. Durch diese Frisur war sie über viele Jahrzehnte, bis zu ihrem Tod, zu einem Original auf dem Südermarkt geworden. Christine verstarb mit 92 Jahren. Generationen von Flensburgern werden sich heute noch an diese Frau erinnern! Viele Marktbesucher aber werden sich auch noch an Christines langjährigen Arbeitskollegen und späteren Lebensgefährten, Werner Burow, erinnern. Er wurde auf dem Südermarkt ‚Der Kräutermann’ genannt! Werner war klein und rund und 25 Jahre jünger als Christine. Beide hatten am selben Tag Geburtstag und, so unglaublich es klingt: Christine und Werner sind am selben Tag hier in Flensburg gestorben!

Frisches Obst und Gemüse wurde auf dem Wochenmarkt und im Gemüseladen gekauft

Die Ehe von Kurt und Christine Winkler war kinderlos geblieben. Aus seiner parallel mit Irmgard Fürstenberg, Jahrgang 1934, geschlossenen Verbindung gingen vier Kinder, zwei Söhne und zwei Töchter, hervor. Unser Chronist Thomas Fürstenberg kam im Juli 1961 als zweites Kind zur Welt. Die junge Familie hatte ihren Wohnsitz in der Burgstraße. Der Vater, Kurt Winkler, betrieb unter dem Namen „Bilka Fruchthaus“, (was so viel heißt wie „Billig kaufen“), an der Marientreppe in der Norderstraße einen Obst- und Gemüseladen. Er hatte das moderne, großstädtische Leben seiner Heimatstadt Berlin im Blut und den Mut zum kaufmännischen Risiko, neue Geschäftsideen zu erschließen. So hatte er zeitweise auch einen Obst- und Gemüseladen auf dem Holm – schräg gegenüber von Beate Uhse. Das Kaufhaus Kepa war nebenan. Mitte der 1960er Jahre blühte der Obst- und Gemüsehandel in der Innenstadt. Die Bevölkerung konnte sich noch nicht bei ALDI und Lidl mit Frischware eindecken. Besonders in der Weihnachtszeit lieferten große Lkw Mengen von Zitrusfrüchten, Äpfeln, Nüssen, Datteln, Feigen und Marzipan an. Um allein schon das vielversprechende Weihnachtsgeschäft mitzunehmen, mieteten clevere Obst- und Gemüsehändler in Zeitverträgen kleine Ladengeschäfte in der Innenstadt an.
Die Dänen kamen in Scharen! Die Lkw fuhren auch über Land, um ihre frische Ware gleich kistenweise an die Bewohner abzugeben.

Ursprünglich war es schwierig, auf dem Südermarkt einen festen Standplatz zu bekommen

Arbeitsteilung war in der Familie Winkler–Fürstenberg angesagt. Während Irmgard Fürstenberg das Bilka Fruchthaus an der Marientreppe führte, hatte Christine, die Frau mit dem dreifachen Dutt auf dem Kopf, ihren festen Stand auf dem Südermarkt. Sie war inzwischen für die Fürstenberg-Kinder zur liebevollen Tante geworden! Thomas fühlte sich zu Christine und ihrem Verkaufsstand hingezogen. Er schildert das damalige Treiben auf dem Hamburger Großmarkt im Vergleich zu heute. Damals wurde alles per Hand über Sackkarren aufgeladen. Die Männer schleppten 50-kg-Säcke mit Kartoffeln und Grobgemüse. Heute geht es maximal um 25-Kilogramm-Säcke. Die Norm liegt bei 12,5 kg. Auf dem Hamburger Großmarkt waren auch die Bauern aus den Vierlanden und die Obstbauern aus dem Alten Land vertreten. Die transportierten ihre Ware auf Schiffen über die Kanäle.

Christine blieb ihr Leben lang dem Wochenmarkt treu

Der Wochenmarkt war Christines Existenz und gleichzeitig ihr Lebenselixier. Sie kannte ihre Kunden mit Namen. Die Menschen kauften ihre Lebensmittel auf dem Wochenmarkt. Der Schlachter stand neben dem Bäcker und dem Fischmann. Viele Anbieter standen als Konkurrenten nebeneinander. In den 1980er Jahren boten allein elf Obst- und Gemüsehändler ihre Ware auf dem Südermarkt an. Bis Mitte der 1970er Jahre wurden auch Haus- und Nutztiere, lebende Hühner, Kaninchen und Tauben in Käfigen zum Kauf angeboten. Der Flensburger Wochenmarkt war so attraktiv, dass einige Marktbeschicker eine Anfahrt bis zu 150 Kilometer Entfernung auf sich genommen haben. Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre gab es noch Blumenfrauen auf dem Südermarkt. Sie boten Blumen aus Haus- und Schrebergärten und Wildblumen vom Waldesrand an. Thomas erinnert sich an zwei Frauen, die ihren Stand an der Telefonzelle hatten. Sie waren ärgste Konkurrentinnen und auch Feindinnen, denn jede wollte mit Pfennigbeträgen ihre Rente etwas aufbessern. Einig waren sich die beiden nur beim Aufbau ihrer Tische, die sie erst heranschleppten, wenn der städtische Marktmeister seine Standkontrollen mit Zollstock und Inkasso abgeschlossen hatte. So schafften sie es oft genug, sich um das Standgeld herumzudrücken.Christine war mittwochs und samstags auf dem Südermarkt. Als Anfang der 1970er Jahre der Freitagsmarkt am Nordertor eröffnet wurde, war sie auch mit ihrem Stand dabei. Thomas Fürstenberg erinnert sich: Es war die Zeit der Gastarbeiter, die nach Feierabend am Freitagnachmittag zunächst ein Wannenbad im Volksbad nahmen, um dann wohlriechend und frisch rasiert auf dem Wochenmarkt einzukaufen. Die Marktbeschicker hatten sich schnell mit ihrem Sortiment auf die nachgefragten Obst- und Gemüsesorten der südländischen Kundschaft eingestellt. Die Spezialitätenläden in der Neustadt gab es zu der Zeit noch nicht! Erst als sie nach und nach eröffnet und an Attraktivität gewonnen hatten, konnte der Freitagsmarkt nicht mehr existieren!

Das Organisationstalent von Kurt Winkler war nicht zu bremsen. Winkler hatte Ende der 1950er Jahre den Resthof Henningsen in Langballig gekauft und dort das „Obstlager Langballig“ eröffnet. Gleichzeitig machte er die Gebäude des Resthofes zum Hauptwohnsitz seiner Familie. Thomas Fürstenberg berichtet, dass sein Vater als Obst- und Gemüsegroßhändler die Kantine der Marineschule, und andere Flensburger Firmen, wie zum Beispiel Danfoss, beliefert hat. Diese Arbeit sei nur mit Angestellten, in der Mehrzahl mit Familienangehörigen, zu schaffen gewesen. Schließlich hatte Winkler Ende der 1960er Jahre den Großhandel aufgegeben. Er kaufte das „Alte Strandhotel Langballigau“ – mit direktem Blick auf die Flensburger Förde! Am Wochenende betrieb er dort auch einen kleinen Obst- und Gemüsestand. Seine Hotel- und Restaurantgäste kamen aus der gesamten Umgebung. Sie reisten sogar mit Bussen zum Kaffeetrinken an. Die Dänen kamen zum Feiern mit dem Schiff über die Förde. Die Diskothek war beliebtes Ziel. Alles war im Fluss. Die Menschen waren erlebnishungrig und deshalb auch viel unterwegs. Doch das Ende dieser Existenz kam für Winkler durch Enteignung. Der Straßenbau in Richtung Westerholz war vorrangig: Das beliebte Alte Strandhotel Langballigau wurde abgerissen!

Neue Existenz im Pferdehandel

Kurt Winkler hatte rechtzeitig das Gespür für den Pferdeboom, der sich in den 1970er Jahren entwickelt hatte. Er spezialisierte sich auf Freizeitpferde aus Jugoslawien. Das waren Arbeitsponys mit 1,40 Meter Stockmaß. Der Preis lag zwischen 800 und 2.000 D-Mark. Besonders auf dem Land war es schick, für die Kinder ein Pferdchen zu halten. Weiden und Stallungen waren kein Problem. Thomas berichtet von seinem liebevollen Vater, der am Geburtstag seiner Kinder morgens mit einem Pony im Kinderzimmer stand, um sein wieherndes, vierbeiniges Geschenk zu überbringen.
Schließlich eröffnete Winkler auch einen Versandhandel für Reitzubehör wie Sättel, Geschirr, Trensen und Reitbekleidung. Um mit seinem Geschäft näher an Hamburg zu sein – Langballig lag für den Versandhandel am Ende der Welt, erwarb er einen Zweithof in Neumünster. Mit der ersten und folgenschwersten Ölpreiskrise im Herbst 1973 brach der Pferdehandel massiv ein. Winkler zog sich aus dem Pferdehandel zurück!

Berufswunsch: Wochenmarktbeschicker

Thomas Fürstenberg hat sich seinen Berufswunsch erfüllt! Wochenmarktbeschicker, das war sein Ding von klein auf. Schon als Schüler stand er mit Christine auf dem Freitagsmarkt am Nordertor. Dafür hat sie ihn immer reich belohnt. Thomas machte von 1978–1981 eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann bei Kaiser’s Kaffee in der Neustadt. Das war ein Job im weißen Kittel. Nach seiner Lehre musste er 18 Monate zum Bund. Im Anschluss konnte er die Ausbildereignungsprüfung ablegen. Das passte! Im August 1984 machte er sich mit der Übernahme von Christines Marktstand selbständig. Christine aber blieb die Chefin und machte sich als 1. Kraft bis zu ihrem 91sten Geburtstag unentbehrlich!

Obst- und Gemüsehändler wachsen heute nicht mehr nach

Ob seine Leidenschaft für den Wochenmarkt bis heute ungebrochen ist, beurteilt Thomas Fürstenberg realistisch. Sein Job geht fast rund um die Uhr und ist unglaublich anstrengend. Beruf und Familie in Einklang zu bringen verlangt den Eheleuten Thomas und Sabine und ihren fast schon erwachsenen drei Söhnen sehr viel ab. Thomas sagt von sich, dass er auf der Strecke zum Großmarkt nach Hamburg und wieder zurück alles kennt. Aber nie konnte er sich die Zeit nehmen, auch nur seine nähere oder weitere Umgebung zu erkunden.
Thomas: „Was die Umsätze auf dem Wochenmarkt betrifft, gilt sprichwörtlich „Geiz ist geil“!

Wenn die Menschen früher ihre Vorräte für die ganze Woche auf dem Wochenmarkt eingekauft haben, konkurrieren heute die Discounter mit billigem Obst und Gemüse. Deren Preise sind zum Teil günstiger als die Einkaufspreise auf dem Großmarkt in Hamburg!“ Natürlich gäbe es auch heute noch viele treue Marktbesucher, die sich, allein schon wegen der Atmosphäre, neugierig durch die Gänge schieben. Thomas erwähnt auch die Mautgebühr, die auf einen Lkw ab 7,5 Tonnen auf Autobahnen und Bundesstraßen fällig wird. Er fährt mit seinem 12-Tonner zweimal pro Woche nach Hamburg. Seine Mautgebühr beträgt etwas über 400 Euro. Über die Personalnot auf dem Wochenmarkt mag Thomas kaum noch reden. Ein weiteres Ärgernis sind die Ladenöffnungszeiten in der Innenstadt. Die Verkaufsstände auf dem Wochenmarkt sind von 7:00 Uhr bis 14:00 Uhr geöffnet. Weil die Läden in der Innenstadt aber erst ab 10:00 Uhr geöffnet haben, kommen die Marktbesucher ebenfalls später.
Und zum Schluss sagt Thomas: „Alle Jahre wieder ist für die Stadt Flensburg der Weihnachtsmarkt wichtiger als der Wochenmarkt!“ – Schauen wir mal, wo das Christkind in diesem Jahr die Marktstände verstecken wird!

Das Gespräch mit Thomas Fürstenberg führte Renate Kleffel

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