In unserer Serie „Flensburger Straßen und Stadtteile“  bitten wir Zeitzeugen, uns von ihren ganz persönlichen Erinnerungen zu berichten.
In dieser Ausgabe hält Ingeburg Feddersen, Jahrgang 1924, Rückblick.

Bevor sich Ingeburg Feddersen, 94, zur Anschaffung einer elektrischen Schreibmaschine durchringen konnte, tippte sie ihre Tagebuchaufzeichnungen auf einer alten Olympia. Als sie mit sechzehn ihrer ersten Liebe begegnete, vertraute sie ihre Gefühle einem Oktavheft an. Das war 1940! Jetzt haben es ihre Enkelkinder fast geschafft, ihre schreibende Oma an den Computer zu setzen! Das wird höchste Zeit. Denn ihr Buch „Meine manipulierte Jugend“ – Eine Erzählung vom Aufwachsen im Nationalsozialismus – ist in erster Auflage 2017 erschienen, herausgegeben vom Landesbeauftragten für politische Bildung des Landes Schleswig-Holstein, Karolinenweg 1, 24105 Kiel (Ipb@landtag.Itsh.de). Das Buch ist versandkostenfrei für 5,00 EUR zu beziehen.











Ursprünglich hatte Ingeburg Feddersen ihre Kindheits- und Jugenderinnerungen an die NS-Zeit für ihre Enkelkinder aufgeschrieben. Jetzt liegt ihr Buch, das auch im Schulunterricht Beachtung findet, einer ganzen Enkelgeneration vor! Die gelernte Erzieherin und ehemals leidenschaftliche Sportlerin, Ehefrau, Mutter und Großmutter hatte nach dem Krieg viele Jahre bis zur Rente eine Führungsposition im Bekleidungsbereich der Firma Holtex in der Husumer Straße inne.

Ingeburgs Eltern Jess und Christine Feddersen hatten sich an einem Briefkasten in Tondern kennengelernt. Jess, Jahrgang 1891, der aus Leck stammte und auf dem Lehrerseminar in Tondern studierte, hatte nicht nur seinen Brief, sondern versehentlich auch seine Brieftasche in den Briefkasten gesteckt. Während er ungeduldig auf die nächste Leerung wartete, begegnete er seiner zukünftigen Frau. Es war die um ein Jahr jüngere Christine, in die er sich auf der Stelle verliebte. Christine war Reichsdänin. Ihr Vater, in Tondern als „Der Pottenmoker“ bekannt, betrieb eine gut gehende Töpferei. Das endgültige Aus für dieses schöne, alte Handwerk war durch die Herstellung von emaillierten Haushaltsgegenständen wie Kochtöpfen und Tafelgeschirr nicht aufzuhalten. Christines Vater musste schließlich die Töpferei aufgeben!

Nach Abschluss seiner Lehrerausbildung und Antritt seiner ersten Lehrerstelle in der Marsch, mit Dienstwohnung im Schulgebäude, haben Jess und Christine geheiratet! Ihr erster Sohn wurde 1916 geboren. Danach kamen zwei weitere Kinder zur Welt, die im Kleinkindalter an Lungenentzündung gestorben sind. Die feuchten Wohnräume und das Marsch-Klima sollen die Ursache für den Tod der Kinder gewesen sein. Nach diesem schmerzlichen Verlust hatte der Vater seine Versetzung nach Sterup bewirken können. Hier kam Ingeburg im Jahre 1924 zur Welt! Im Schuljahr 1929/30 trat Lehrer Jess Feddersen die freigewordene Stelle an der Adelbyer Schule an. Diese Versetzung war der Familie wegen der Nähe zu Flensburg wichtig – allein schon wegen der höheren Schulen. Ingeburgs Bruder besuchte bereits die Goethe-Schule – im Dritten Reich zur Adolf-Hitler-Schule umbenannt!

Der Name Adelby stand für Kirche, Friedhofsgärtnerei und die Schule

Vor der Eingemeindung nach Flensburg gehörte Adelby zum Kreis Schleswig. Die Kinder der umliegenden Ortschaften Tarup und Sünderup besuchten die Adelbyer Schule – ein großes, gelbes Gebäude mit einem roten Dach. Im unteren Bereich befanden sich die Klassenräume, im ersten Stock lagen die Lehrerwohnungen. Der riesige Schulhof mit angrenzender Wiese bot den Schülern beste Möglichkeiten für Spiel und Sport. Die Schule war zwei- und dreiklassig. Zwei Lehrer und eine Lehrerin gestalteten den Unterricht. Sie wurden von Zeit zu Zeit von einem jungen Praktikanten unterstützt. Der dörfliche Charakter der Adelbyer Schule war durch das lustige Geklapper der Holzschuhe an den vielen Kinderfüßen unüberhörbar. Je nach schulischer Leistung durften die älteren Schüler die schwere Pausenglocke, die an einem hölzernen Stiel befestigt war, schwingen. Ingeburg erinnert sich noch heute an das bunte Treiben auf dem Schulhof mit unendlich vielen Spielen. Tauspringen, Ball- und Kreiselspiele gehörten immer dazu. Während im Unterricht nur Hochdeutsch gesprochen wurde, ging es in den Pausen auf Plattdeutsch hoch her! Über allem hing am Eingang der fromme Vers „Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang!“

Fräulein Emilie Heismann war Ingeburgs Klassenlehrerin. Sie war korpulent und wirkte nach dem Unterricht oftmals sehr erschöpft. Wenn es ihr mal wieder schlecht ging, ließ sie sich von Taxifahrer Petersen nach Hause bringen. Ingeburg und zwei Freundinnen hatten es tatsächlich geschafft, auch mal eine Tour mitfahren zu dürfen – aber nur bis zum Stadtrand. Fräulein Heismann wohnte in der Angelburger Straße über dem Lokal „Schwarzer Walfisch“!

Nach vier Jahren Volksschule wechselte Ingeburg nach Flensburg auf die Mädchenmittelschule. Ihre Fachhochschulreife und Ausbildung zur Erzieherin machte sie an der Auguste-Viktoria-Schule (AVS). Das waren lange Schulwege. Als Lehrerstochter hatte Ingeburg bislang im Schulgebäude gewohnt. Jetzt war es für sie und ihre Klassenkameradinnen selbstverständlich, den weiten Weg von Adelby bis hoch zum Südergraben zu Fuß zu laufen. Hin und zurück! Ingeburg erinnert sich an die langen, kalten Winter. Die verschneiten Wege waren oft so hart gefroren, dass die Kinder für den Schulweg ihre Schlittschuhe unterschnallen konnten. Natürlich gab es dreimal am Tag eine Busverbindung über die Dörfer und zwischen Adelby und Flensburg, aber Ingeburgs Eltern spendierten der Tochter pro Jahr nur eine Bus-Monatskarte. Den für sie günstigsten Monat durfte sie selbst wählen! Busfahren war für die Schulkinder immer ein besonderes Erlebnis!

Ingeburg Feddersen beschreibt in ihrer gleichnamigen Erzählung, wie sich mit der Machtergreifung der Nazis 1933 das beschauliche Leben in der bis dahin intakten Dorfgemeinschaft zunächst schleichend und dann in immer größeren Schritten veränderte. Schule, Sport und Freizeit waren so blendend durchorganisiert, dass freiwillige Ausgrenzung Einzelner den Verzicht auf gemeinsame Unternehmungen mit Gleichaltrigen wie Heimabende, große Sportveranstaltungen, Zeltlager und Reisen bedeutet hätte. Die Aufsicht darüber, dass im Dorf möglichst alle im Gleichschritt marschierten, war von ganz unten bis nach ganz oben, angefangen bei den Jungmädeln (JM), dem Bund Deutscher Mädel (BDM), Hitler-Jugend (HJ) und Ortsgruppenleiter lückenlos eingefädelt. Einfacher ging es nicht. Schließlich kannte jeder jeden im Dorf!
Auch Ingeburg wollte unbedingt dabei sein. Ihr großer Bruder war schon in der HJ, aber ihre Eltern waren immer noch strikt dagegen. Als ihre Mutter, die bis zum Schluss eine Mitgliedschaft in der NS-Frauenschaft verweigert hatte, schließlich zustimmte, bekam sie zu ihrem zehnten Geburtstag die heiß ersehnte, schicke, braune Uniformjacke. Nach eingehender Überprüfung ihrer äußeren Erscheinung, Hände und Fingernägel mussten vorgezeigt werden, wurde Ingeburg bei den „Jungmädeln“ aufgenommen. Und sie war glücklich! Die JM-Mitglieder waren im Alter zwischen 10 und 14. Sie trafen sich zweimal in der Woche in der Zeit von 15 bis 18 Uhr.

Die grüne Wiese auf dem Schulhof war Mittel- und Ausgangspunkt von Veranstaltungen wie Sonnenwendfeiern und SA-Aufmärschen, die, angeführt von Fahnenträgern, durch das Dorf bis nach Tarup zogen. Ziel war die ehemalige Bahnhofgaststätte mit Vorplatz. Ingeburg schmunzelt: „Neuigkeiten erfuhren wir nicht bei diesen Großveranstaltungen. Wer informiert werden oder einfach nur reden wollte, traf sich in Tarup vor der Schmiede von Schmiedemeister Braak! Er sagte nicht viel, aber seine Gesellen waren umso gesprächiger!“ Ab 1933 lag an allen Kiosken im Großdeutschen Reich die nationalsozialistische Zeitschrift „Das deutsche Mädel“ für 30 Pfennige aus. Die Erlebnisberichte, Liedtexte und großflächigen Fotografien waren auf eine weibliche Zielgruppe im Alter von 10 bis 18 Jahren ausgerichtet.

Wenn einmal im Jahr der Kornfrank-Onkel in Adelby auftauchte, liefen die Kinder auf die Straße um ihm die leeren Kaffeetüten aus Mutters Küche vorzuzeigen. Wenn sie dann noch den vierzeiligen Vers, der für Kaffeewerbung stand, aufgesagt hatten, gab es einen Bleistift oder ein Löschblatt zur Belohnung. Kaufmann Westphal schrieb einmal in der Woche die Wünsche der Hausfrauen in sein Auftragsbüchlein. Bereits am Nachmittag lieferte er die bestellte Ware mit seinem kleinen hellblauen Dixi aus. Die Kinder bestaunten das motorisierte Wunderwerk mit den dicken Speichen an den Rädern und der röhrenden Hupe, die nur von links außen bedient werden konnte. Wenn die Mutter bei ihrer Bestellung etwas vergessen hatte, durfte Ingeburg einsteigen und mitfahren und dann wieder zu Fuß nach Hause laufen. Westphal betrieb einen kleinen Kolonialwarenladen. Kurz bevor der Krieg ausbrach, hatte er Ingeburgs Mutter geraten, sich mit den wichtigsten, haltbaren Vorräten wie Seife und Wasch-
pulver einzudecken.

Besuch der Mädchenmittelschule

Im Jahre 1934 war Ingeburg 10 Jahre alt. Sie besuchte die Mädchenmittelschule in Flensburg und war Mitglied beim BDM. Ihren Schulweg bis hoch zum Südergraben legte sie anfangs zu Fuß zurück. Erst viel später fuhr sie mit dem Fahrrad. Auf dem Holm und in der Großen Straße lagen die inhabergeführten Einzelhandelsfachgeschäfte dicht beieinander. Die Schreibwarengeschäfte öffneten bereits um 7:00 Uhr morgens, damit sich die Schülerinnen und Schüler noch vor dem Unterricht mit Heften und anderem Arbeitsmaterial versorgen konnten. Ingeburg denkt heute noch an die schönen Taschen im Schaufenster des Lederwarengeschäfts Völker, Ecke Rathausstraße, wo sie sich mit 14 Jahren eine Aktentasche für 12 Mark vom ersparten Geld gekauft hat. Sie war die Letzte unter ihren Klassenkameradinnen, die noch ihren Schulranzen auf dem Rücken tragen musste. Das hatten ihre Eltern so gewünscht.

Hitler auf Stippvisite in der Marineschule

Obwohl die Propaganda der Nazis auf Hochtouren lief, war der für den 28. Mai 1936 angesagte Flensburg-Besuch von Adolf Hitler streng geheim gehalten worden. Trotzdem hatten Ingeburg und zwei ihrer Klassenkameradinnen mitbekommen, dass der Führer mit seiner Staatsyacht, der Aviso „Grille II“ im Hafen vor der Marineschule von Bord gehen würde. Ingeburg schildert die Aufregung der drei Mädchen. Sie waren direkt von der Schule am Ufer der Innenförde bis zur Absperrung des Marineschulgeländes entlang gelaufen. Unterwegs hatten sie frische Feldblumen für den Führer gepflückt. Umso größer war ihre Enttäuschung, als sie an dem hohen mit Stacheldraht gespickten Maschendraht nicht weiter kamen. Aufgeben aber wollten sie so schnell nicht. In der Ferne hätte sich vielleicht doch noch etwas bewegen können. Aber nichts war vor ihren Augen passiert! Kontakt zwischen Hitler und der Bevölkerung war an diesem Tag nicht vorgesehen!

1938: Konfirmation oder  Jugendweihe?

Bei den Nazis wurde der Religionsunterricht nicht sonderlich angepriesen. Er war auf die letzte Schulstunde gelegt. Und weil die Teilnahme freiwillig war, nutzten einige Schülerinnen das Angebot, früher nach Hause zu gehen. Die Jugendweihe wurde propagiert. Ingeburg aber ließ sich in ihrer Kirche unter Glockengeläut feierlich konfirmieren. Es wurde ein schönes Familienfest, zu dem Mutters Geschwister aus Dänemark gekommen waren. Als die Gäste am Abend wieder abgereist waren, äußerte sich der Vater verwundert darüber wie gradlinig „deutsch gesinnt“ sich die dänische Verwandtschaft gezeigt hatte. Er hatte sich mit seinen Argumenten gegen die Nazis nicht zurückhalten können. Ingeburg: „Wir konnten offen miteinander reden. Unsere Familie war wie eine feste Burg, aus der nichts nach außen dringen konnte!“

November-Pogrom auf dem Holm

Was Ingeburg und ihre Freundin Hanna am Morgen des 9. November 1938 auf ihrem Schulweg vor dem Kaufhaus Woolworth erlebt haben, soll hier auszugsweise aus ihrem Buch abgedruckt werden: < — Als wir zur Hauptstraße kamen, sahen wir viele gestikulierende Menschen. Natürlich waren wir neugierig. Wir wollten wissen, was da passierte. Dann sahen wir es: Glasscheiben lagen auf der Straße. Zwei große Schaufensterscheiben waren eingeschlagen. Davor standen SA-Männer, breitbeinig mit einem Gummiknüppel in der Hand. „Ist hier eingebrochen worden?“, fragten Hanna und ich. Statt einer Antwort schwang der Mann drohend den Gummiknüppel und rief: „Macht ihr Gören, dass ihr weiter kommt!“ —> Die beiden Mädchen hatten sich aber nicht so schnell abwimmeln lassen. Erst als einer der SA-Männer richtig wütend wurde und mit einem Schritt vorwärts in ihre Richtung den Knüppel schwingend „verschwindet“ rief, merkten sie, dass die Situation bedrohlich war. Zu Hause angekommen, war sich Ingeburg sicher, von ihren Eltern eine Erklärung für dieses öffentliche Vorgehen der Nazis zu bekommen. Ja, und sie sprachen mit aller Vorsicht aber in Offenheit mit ihrer damals 14jährigen Tochter über die unerklärbaren Hetzkampagnen und zerstörerischen Übergriffe der Nazis auf unsere jüdischen Mitbürger.

Winterhilfswerk, Pfundspende und Erbsensuppe

Noch war der Krieg nicht ausgebrochen. Banges Ahnen aber lag in der Luft! Die Nazis hatten das Winterhilfswerk zum Wohle der Bedürftigen gegründet. Und sie hatten eine „Pfundspende“ angeordnet. Einmal im Monat – und zwar an einem Sonntag – hatte in jedem Haushalt ein Eintopfgericht auf dem Tisch zu stehen. Das Geld für den somit eingesparten Sonntagsbraten im Werte zwischen R-Mark 1,80 und 2,50 sollte gespendet werden. Weil Ingeburgs Vater aber nicht auf seinen Sonntagsbraten verzichten wollte, verriegelte die Mutter Küchenfenster und Küchentür. So konnte der leckere Bratengeruch nicht nach außen dringen. Wenn dann gegen Mittag zwei SA-Männer klingelten, um das Geld zu kassieren, gab es unten an der Haustür nichts zu riechen. Auf die Frage, was es bei Feddersens am Sonntag zu Mittag gegeben habe, wusste Ingeburg nur eine Antwort: „Erbsensuppe!“

„Glaube und Schönheit“ –  Ingeburgs einmaliger Auftritt

Ingeburg erinnert sich bis heute daran, wie sie sich einmal in ihrem Leben als der „glücklichste Mensch auf dieser Welt“ gefühlt hat! Das war der Tag, als sich ein Mädchen aus der Volkstanz- und Sportgruppe „Glaube und Schönheit“ den Fuß gebrochen hatte. Ingeburg durfte einspringen. Die Mädchen trugen weit schwingende Röcke und bunte Westen. Sie lieh sich die Kleidung und tanzte barfuß. Ihr einmaliger Auftritt fand vor Publikum im Stadion statt. Sonst aber spielten Schwimmen und Sport jeder Art in Ingeburgs Leben eine große Rolle.
1939: Krieg, Lebensmittelkarten und Fliegeralarm

Ingeburg erinnert sich, dass der Holm eine Art Flirtportal gewesen ist. In ihrer Freizeit flanierten die jungen Kadetten und Fähnriche in schicken Uniformen durch die Innenstadt. Selbst flüchtige Bekanntschaften endeten meistens im Café Delfs. Das war ein Tanzcafé mit einer flotten Tanzkapelle. Man traf sich auch bei Café Maaß in der Angelburger Straße. „Diese unbeschwerte Zeit nahm bei Kriegsausbruch ein schnelles Ende. Der Krieg veränderte unser Leben“, sagt Ingeburg. „Pubertäre Befindlichkeiten gab es nicht. Wir waren keine Teenager. Wir waren gleich erwachsen! In wen hätten wir uns schon verlieben können? Es waren keine Männer da!“ Die ersten Lebensmittelkarten wurden ausgegeben. Mit einer Zuteilung von täglich 1.500 Kalorien musste das Leben – oft mit hungrigem Magen – gestemmt werden.

Ingeburg heiratet im  April 1945

Der Kommandant der Adelbyer Flakbatterie, Offizier Kurt Hampel, war im Elternhaus von Ingeburgs Freundin einquartiert. Er war 29 Jahre alt, Ingeburg 20, als sich die beiden während ihres Urlaubs kennengelernt hatten. Ingeburg war weit außerhalb von Flensburg in Kinderheimen tätig. Auf die Frage, ob es für beide die große Liebe gewesen ist, kommt Ingeburgs Antwort angesichts der damaligen Zeit zurückhaltend. Natürlich sei es Liebe gewesen. Aber die total unsichere Lage – der Krieg war bereits verloren, die Deutschen aber kämpften immer noch – sei für das Tiefgründige keine Zeit gewesen. Kurt habe kurz vor seiner letzten Abkommandierung an die Ostfront Hochzeitsurlaub beantragt und auch sofort genehmigt bekommen. Für die Flitterwochen standen dem Paar 14 Tage zur Verfügung. Weil Ingeburg noch nicht volljährig war, brauchte sie die Heiratserlaubnis ihres Vaters. Trauzeugen waren nicht erforderlich. Es genügte, dass sie ihren Arier-Nachweis – er datierte vom 28.12.1944 – vorlegen konnte. Die Trauung fand in der Adelbyer Kirche statt. Es war bitterkalt. Auf dem Heimweg von der Kirche zu Ingeburgs elterlicher Wohnung in der Adelbyer Schule heulten die Luftschutzsirenen. Es war Fliegeralarm!

Nach Beendigung seines Hochzeitsurlaubs fuhr Kurt befehlsgemäß zurück an die Ostfront unter General Paulus. Er geriet in russische Gefangenschaft und kehrte im November 1946 schwerkrank aus Sibirien in die Heimat seiner Frau nach Adelby zurück! Als gelernter Drogist machte er sich 1956 mit der Eröffnung der Drogerie Hampel auf der Rude selbständig. Ehefrau Ingeburg arbeitete als seine Angestellte mit. Vorher aber musste sie beim Gesundheitsamt die für Drogisten erforderliche Giftprüfung ablegen. Mit dem Entstehen von Supermärkten und Discountern in Flensburg verloren viele Drogerien ihre Kundschaft. Auch Kurt und Ingeburg konnten von den Einkünften ihrer Drogerie nicht mehr leben und mussten schließen. Daraufhin übernahm Ingeburg eine Führungsposition bei der Firma Holtex.

Das Gespräch mit Ingeburg Feddersen
führte Renate Kleffel

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